Brom [] ( „Gestank“) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Br und der Ordnungszahl 35. Im Periodensystem steht es in der 7. Hauptgruppe, bzw. der 17. IUPAC-Gruppe und gehört damit zusammen mit Fluor, Chlor, Iod, Astat und Tenness zu den Halogenen. Elementares Brom liegt unter Normbedingungen (Temperatur = 0 °C und Druck = 1 atm) in Form des zweiatomigen Moleküls Br2 in flüssiger Form vor. Brom und Quecksilber sind die einzigen natürlichen Elemente, die unter Normbedingungen flüssig sind.
In der Natur kommt Brom nicht elementar, sondern nur in Verbindungen vor. Die wichtigsten Verbindungen sind die Bromide, in denen Brom in Form des Anions Br− auftritt. Die bekanntesten Bromide sind Natriumbromid und Kaliumbromid. Bromide sind ein Bestandteil des Meerwassers und besitzen einige biologische Funktionen.
Geschichte mini|links|Justus von Liebig isolierte als Erster elementares Brom Der Erste, der das spätere Brom entdeckte, war 1825 Justus von Liebig bei der Untersuchung von Solewasser aus Bad Kreuznach. Er erkannte jedoch nicht, dass er ein unbekanntes Element vor sich hatte und hielt es für Iodchlorid.Georg Lockemann: Verpaßte Entdeckungen. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 37, H. ¾, 1953, S. 295–299 ().
Das Element wurde 1826 durch den französischen Chemiker Antoine-Jérôme Balard aus Meeresalgen der Salzwiesen bei Montpellier gewonnen und von diesem als bisher unbekannter Stoff erkannt. Sein erster Namensvorschlag war muride, wurde dann aber entweder von Balard selbst auf Vorschlag seines Lehrers Joseph AngladaM. Balard: Sur une Substance particulière contenue dans l’eau de la mer. In: Annales de chimie et de physique. 1826, 32, S. 337–382 (). oder von einer Kommission der Académie des sciences, bestehend aus Joseph Louis Gay-Lussac, Louis-Nicolas Vauquelin und Louis Jacques Thénard in Brom geändert.Joseph Louis Gay-Lussac: Rapport sur le Mémoire de M. Balard relatif à une nouvelle Substance. In: Annales de chimie et de physique. 1826, 32, S. 382–384 ().Paweł Miśkowiec: Name game: the naming history of the chemical elements: part 2—turbulent nineteenth century. In: Foundations of Chemistry. 2022, Band 25, Nummer 2, S. 215–234, . Dieser leitet sich von „Gestank“ ab, da das Element einen stechenden Geruch besitzt.Brom. In: Duden – Deutsches Universalwörterbuch. 10. Auflage, 2023, ISBN 978-3-411-91437-1, S. 360.
Gleichzeitig mit Balard untersuchte auch Carl Löwig Bad Kreuznacher Solewasser und entdeckte darin Brom. Da er seine Ergebnisse erst 1827 nach Balard publizierte, gilt dieser als Entdecker des Broms.Carl Löwig: Ueber Brombereitung und eine auffallende Zersetzung des Aethers durch Chlor. In: Magazin für Pharmacie. Jahrgang 6, Band 21–22, 1827, S. 311-36 ().
Eine erste kommerzielle Fabrik zur Herstellung von Brom aus Salzsole wurde 1846 von David Alter in Freeport (Pennsylvania) errichtet.Jack F. Mills, Ron Frim, Shmuel D. Ukeles, David Yoffe: Bromine. In: Ullmann's Encyclopedia of Industrial Chemistry. 2015, S. 1–20, . Es wurde unter anderem für Daguerreotypien verwendet. 1853 zeigte er größere Mengen Brom auf der Exhibition of the Industry of All Nations in New York.Della Means: Dr. David Alter, a Local Scientist. In: Western Pennsylvania Historical Magazine. Band 1, Nummer 4, 1918 (online).
Vorkommen mini|links|Gelblichgrauer Bromargyrit auf Akanthit Brom ist auf der Erde ein seltenes Element, dessen größte Menge in Meerwasser enthalten ist. In Gesteinen und Mineralen der Erdkruste wie Amphibol, Biotit oder Serpentin kommt es dagegen nur in Spuren vor. Über die Geochemie des Broms im Erdmantel ist wenig bekannt, wahrscheinlich ist es ein inkompatibles Element, das sich in Lava löst. Brom wird bei Vulkanausbrüchen in größeren Mengen ausgestoßen. Als gut wasserlösliches Element reichert es sich im Porenwasser von Gesteinen an.Hélène Bureau: Bromine. In: William White (Hrsg.): Encyclopedia of Geochemistry. Springer, 2018, ISBN 978-3-319-39311-7, S. 167–170.
Bromid zählt neben Chlorid, Sulfat, Hydrogencarbonat und Borat zu den wichtigsten anionischen Nebenbestandteilen im Meerwasser. Der Gehalt von Bromid im Meerwasser der offenen Ozeane beträgt 67 ppm (Chlorid 19.353 ppm) mit einem sehr konstanten Verhältnis der beiden Ionen. Verdunstet Meerwasser in aridem Klima an geeigneten Stellen, bilden sich Evaporite. Diese sind stark bromidhaltig, jedoch bildet Brom bei der Kristallisation keine eigenen Minerale, stattdessen ist das Element in die Strukturen verschiedener Chlorid-Minerale eingebaut. Halit enthält dabei verhältnismäßig wenig Bromid, dagegen ist die Konzentration in den Kalium- und Magnesiumchloriden Sylvin, Carnallit und Kainit erhöht.Martin Okrusch · Hartwig E. Frimmel: Mineralogie. 10. Auflage, Springer, 2022, ISBN 978-3-662-64064-7, S. 530.Hans Eggenkamp: The Geochemistry of Stable Chlorine and Bromine Isotopes. 2. Auflage, Springer, 2025, ISBN 978-3-031-75633-7, S. 23–25. Eine besonders hohe Konzentration an Bromid findet sich im Toten Meer. Dieses enthält Bromidgehalte von 5200 ppm und ein ungewöhnlich niedriges Chlorid-Bromid-Verhältnis von 42 (Meerwasser etwa 300). Auch die Bromidkonzentration des Jordans und des Grundwassers in der Umgebung des Toten Meers sind deutlich erhöht. Verantwortlich hierfür sind wahrscheinlich bromidhaltige Ölschiefervorkommen in Jordanien.E. Salameh, A. Tarawneh, M. Al-Raggad: Origin of high bromide concentration in the water sources in Jordan and in the Dead Sea water. In: Arabian Journal of Geosciences. Band 9, 2016, Artikel 414, .
Es kommen nur wenige sehr seltene Bromminerale in der Natur vor. Einzige Ausnahme ist Bromargyrit, AgBr, das häufiger als Sekundärmineral in Silbervorkommen zu finden ist.Bromargyrite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 49 kB; abgerufen am 13. Oktober 2025]). Dies liegt daran, dass Silberbromid eines der wenigen schwerlöslichen Bromidsalze ist. Insgesamt sind 10 Bromminerale bekannt.The mineralogy of Bromine. mindat.org, Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 13. Oktober 2025.
In der Atmosphäre sind geringe Mengen Bromverbindungen enthalten, wobei Methylbromid die häufigste ist. Die wichtigste Quelle und Senke für Methylbromid sind die Ozeane.Lei Hu, Shari Yvon-Lewis, Yina Liu, Thomas S. Bianchi: The ocean in near equilibrium with atmospheric methyl bromide. In: Global Biogeochemical Cycles. Band 26, Nr. 3, 2012, GB3016, . Andere Quellen sind die Verbrennung von Biomasse und Biokraftstoffen sowie die Landwirtschaft. Es wurden auch größere Mengen Methylbromid durch die Verbrennung von verbleitem Benzin und die Begasung von Containern zur Schädlingsbekämpfung freigesetzt.X. Hu, X., B. Yao, J. Mühle et al.: Unexplained high and persistent methyl bromide emissions in China. In: Nature Communications. Band 15, 2024, Artikel 8901, .O. N. Singh, P. Fabian: Reactive Bromine Compounds. In: P. Fabian, Onkar N. Singh (Hrsg.): The Handbook of Environmental Chemistry Vol.4 Part E Reactive Halogen Compounds in the Atmosphere. Springer, 1999, ISBN 978-3-540-69690-2, S. 6–13. Auch in den Gasen von Vulkanausbrüchen sind größere Mengen Bromverbindungen wie Bromwasserstoff enthalten.Alexander Nies, Tjarda J. Roberts, Guillaume Dayma, Tobias P. Fischer, Jonas Kuhn: Reactive bromine in volcanic plumes confines the emission temperature and oxidation of magmatic gases at the atmospheric interface. In: Science Advances. Band 11, Nr. 18, 2025, Artikel eadt8607, . Aus den verschiedenen Bromverbindungen entstehen photolytisch Brom-Radikale. Diese sind in der Atmosphärenchemie relevant, da sie katalytisch Ozon abbauen.D. J. Lary: Gas phase atmospheric bromine photochemistry. In: Journal of Geophysical Research: Atmospheres. Band 101, D1, S. 1505–1516, . Dabei wirkt Brom beim Ozonabbau Berechnungen zufolge etwa 45 mal stärker als Chlor.J. S. Daniel, S. Solomon, R. W. Portmann, R. R. Garcia: Stratospheric ozone destruction: The importance of bromine relative to chlorine. In: Journal of Geophysical Research: Atmospheres. Bad 104, D19, S. 23871–23880, .
Der Ozonabbau durch Brom findet nicht nur in höheren Luftschichten, sondern auch am Boden statt. Frieren die arktischen und antarktischen Meere schnell zu, bildet sich stark bromhaltiges Meereis und insbesondere Meereisblumen. Sobald im Frühjahr Sonnenlicht auf diese fällt, entstehen große Mengen Bromradikale, die das bodennahe Ozon praktisch vollständig abbauen. Dieses Phänomen wird auch Brom-Explosion genannt.S. Falk, B.-M. Sinnhuber: Polar boundary layer bromine explosion and ozone depletion events in the chemistry–climate model EMAC v2.52: implementation and evaluation of AirSnow algorithm,. In: Geoscientific Model Development. Band 11, 2018, S. 1115–1131, .L. Kaleschke, A. Richter, J. Burrows, O. Afe, G. Heygster, J. Notholt, A. M. Rankin, H. K. Roscoe, J. Hollwedel, T. Wagner, H.-W. Jacobi: Frost flowers on sea ice as a source of sea salt and their influence on tropospheric halogen chemistry. In: Geophysical Research Letters. Band 31, 16, 2004, Artikel L16114, .
Gewinnung und Darstellung mini|Zeitliche Entwicklung der weltweiten Bromgewinnung Ausgangsstoffe für die Herstellung von Brom sind entweder Meerwasser oder stark bromidhaltige Solen, die entweder natürlich vorkommen oder als Abfallstoff bei anderen Prozessen abfallen. Je nach Konzentration des Bromids werden unterschiedliche Verfahren zur Herstellung von Brom eingesetzt.
Das industriell am meisten eingesetzte Verfahren ist das Air-blow-out-Verfahren (auch KaltentbromungMartin Bertau, Armin Müller, Peter Fröhlich, Michael Katzberg: Industrielle Anorganische Chemie. 4. Auflage, Wiley-VCH, 2013, ISBN 978-3-527-33019-5, S. 145.), der auch bei niedrigen Bromidkonzentrationen wie etwa im Meerwasser eingesetzt werden kann.Yeshi Choden et al.: Recovery of bromide for bromine extraction: a review of technologies and circular economy implications. In: Desalination. Band 613, 2025, Artikel 118968, . Dazu wird das Meerwasser mit Schwefelsäure auf einen pH-Wert von 3,5 angesäuert, damit eine Disproportionierung des Broms nicht mehr möglich ist und Chlor durchgeleitet. Dieses oxidiert das im Wasser enthaltene Bromid zu Brom.Jack F. Mills, Ron Frim, Shmuel D. Ukeles, David Yoffe: Bromine. In: Ullmann's Encyclopedia of Industrial Chemistry. Wiley-VCH, 2015, . 2 Br- + Cl2 -> Br2 + 2 Cl- Anschließend wird in sogenannten Ausblastürmen Luft durch die Lösung geblasen und das Brom sowie ebenfalls entstandenes Bromchlorid ausgetrieben. Brom und Bromchlorid werden in einer Natriumcarbonat-Lösung aufgefangen. Dabei erfolgt eine Disproportionierung zu Natriumbromat und Natriumbromid. 3 Na2CO3 + 2 Br2 + BrCl -> NaBrO3 + 4 NaBr + NaCl + 2 CO2 Durch Reaktion mit Schwefelsäure kann das Brom wiedergewonnen werden. NaBrO3 + 5 NaBr + 3 H2SO4 -> 3Br2 + 3 NaSO4 + 3H2O In einer Alternative kann anstatt Natriumcarbonat auch Schwefeldioxid verwendet werden, wobei Bromwasserstoff entsteht. Br2 + SO2 + 2 H2O -> 2HBr + H2SO4 Ein Nachteil dieses Verfahrens ist der notwendige hohe Energieeinsatz.
Bei stark bromidhaltigen Solen, die mindestens 2–5 g Bromid enthalten, wird das sehr effiziente Dampfdestillations-Verfahren (auch Heißentbromung) eingesetzt. Dazu wird das Ausgangsmaterial in einem Wärmetauscher erhitzt und ebenfalls Chlor durchgeleitet, das das Bromid zum elementaren Brom oxidiert. Nun wird Wasserdampf durch die Lösung geleitet, womit Brom und Chlor mit dem Dampf ausgetrieben werden. Beim Abkühlen kondensieren Wasser und Brom und trennen sich. Über eine Kolonne kann das Brom weiter gereinigt werden, während das in der wässrigen Phase verbliebene Brom und Chlor im Kreislauf gehalten wird. Auf diese Weise können über 95 % des ursprünglich enthaltenen Bromids zu Brom umgesetzt werden.