Sommernacht am StrandGerd Woll: Edvard Munch. Complete paintings. Catalogue raisonné, Band II, Nr. 536. (norwegisch Sommernatt ved stranden; englisch Summer Night by the Beach), gelegentlich auch Meereslandschaft mit Mond genannt, ist ein Gemälde, das der norwegische Maler Edvard Munch 1902/1903 schuf.Rowlands nennt als wahrscheinlichsten Entstehungszeitpunkt den Frühsommer des Jahres 1902. Siehe Rowlands: Edvard Munch’s Sommernacht am Strand. Its formation and history. S. 2. Es zeigt eine nächtliche Szene am Meer. Zentral sind der Mond und die säulenartige Reflexion seines Lichts auf der Wasseroberfläche.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gemälde Gegenstand eines Restitutionsstreits zwischen Alma Mahler-Werfel und dem Staat Österreich. Das Bild blieb im Besitz des Kunsthistorischen Museums Wien, dann der dortigen Österreichischen Galerie Belvedere. 2007 wurde es an die Enkelin und Erbin von Alma Mahler-Werfel herausgegeben.

Beschreibung Das Gemälde zeigt eine nächtliche Szene am Meer. Den Vordergrund bildet ein plan-konkaver, weitgehend horizontal angeordneter Streifen Land und Ufer. Vor allem in Grün und Schwarz sind vorn BüscheSo Dieter Buchhart: Landschaft. In: Klaus Albrecht Schröder, Antonia Hoerschelman (Hrsg.): Katalog zur Ausstellung Edvard Munch. Thema und Variation in der Albertina, Wien, 15. März – 22. Juni 2003. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, S. 271–281, hier S. 272. oder mit Algen überwucherte FelsbrockenSo Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 3. zu sehen, ebenso abgerundete, vereinzelt sehr helle Steinblöcke. Diese Objekte sind in teils pastosem Farbauftrag und starkem Kolorit in organische Formen überführt.Dieter Buchhart: Landschaft. In: Klaus Albrecht Schröder, Antonia Hoerschelman (Hrsg.): Katalog zur Ausstellung Edvard Munch. Thema und Variation in der Albertina, Wien, 15. März – 22. Juni 2003. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, S. 271–281, hier S. 272. Es schließt sich ein Saum aus Schaum oder Restwasser, das sich in hellen Blautönen um die Ufersteine schlängelt,Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 3. und schwarz dargestellten ufernahen Wellen an. Er geht in das lasierend gemalte ruhige Meer über, das ufernah eher in mittelblauen Farben gearbeitet und glasartig dargestellt ist, um dann blau-violette Töne anzunehmen.Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 2 f. Der tiefstehende Mond und die säulenartige Reflexion seines Lichts auf dem ufernäheren Wasser bilden die gelbe Vertikalachse. Parallel zum diesseitigen Ufer ist im oberen Viertel des Bildes, unterhalb des Mondes, als leicht gewellte dunkle Linie das dem norwegischen Küstenort Åsgårdstrand gegenüberliegende Ostufer des Oslofjords (damals Kristianiafjord) angedeutet.Peter Krieger: Edvard Munch. Der Lebensfries für Max Reinhardts Kammerspiele. (In Verbindung mit der Ausstellung in der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, vom 24.2. – 15.4.1978. Herausgegeben von der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz.) Gebrüder Mann Verlag, Berlin 1978, S. 56. Es bildet eine zweite Horizontalachse. Über dem jenseitigen Ufer steht der Nachthimmel. Munch hat ihn wie das Meer in nachtblauen Tönen gehalten. Der Künstler signierte unten links in rot mit „E. Munch“.Gerd Woll: Edvard Munch. Complete paintings. Catalogue raisonné, Band II, S. 568.Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 25.

Kontext und Einordnung Munch besuchte Åsgårdstrand von 1889 an regelmäßig, vor allem im Sommer. 1898 kaufte er dort ein Haus von einem Fischer.Zur Bedeutung von Åsgårdstrand im Leben Munchs siehe In Åsgårdstrand traf er befreundete Künstler wie Hans Heyerdahl, Christian und Oda Krohg oder Jappe Nilssen.Hans Dieter Huber: Edvard Munch. Tanz des Lebens – eine Biographie. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010937-3, S. 47 f. Viele Werke Munchs verweisen auf diesen Fischer- und Badeort, an dem Munch – so die Worte eines Freundes – „die Landschaft seiner Seele fand“.Zitiert nach Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 3. Zu diesen Werken zählen solche, die das Meer vom Ufer aus, die Uferlandschaft selbst oder Szenen am Meeresufer zeigen.

Das Ufer beziehungsweise Uferlinien gelten für den Zeitraum von den 1890er Jahren bis 1930 als Leitmotiv in seinem Œuvre. Das Ufer konnte dabei Kulisse sein für große menschliche Gefühle, beispielsweise Trennungsschmerz oder Melancholie. Es war zudem häufig ein Protagonist oder Mitakteur mit Eigenleben und stand bei Munch aufgrund seiner Veränderungsfähigkeit sowie seiner geschwungenen Konturen für menschliche Lebenslinien in ihren Wandlungen.Hierzu

Bereits rund zehn Jahre vor Sommernacht am Strand schuf Munch drei Werke, die von Menschen geschaffene Objekte, belebte und unbelebte Natur sowie Personen im Mondlicht inszenieren – jeweils in Åsgårdstrand. In diesen Gemälden zeigt sich eine Dynamisierung und Abrundung sowie das Organische von Büschen und Steinen. Das trägt ebenso zu den Bildeindrücken bei wie die Stimmung dieser Bilder: Sie wirken geheimnisvoll und unheimlich, unwirklich und unbestimmbar.Dieter Buchhart: Mondschein. In: Klaus Albrecht Schröder, Antonia Hoerschelman (Hrsg.): Katalog zur Ausstellung Edvard Munch. Thema und Variation in der Albertina, Wien, 15. März – 22. Juni 2003. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, S. 123 f.

Die in Munchs Werken durch die Darstellung des Mondes und der Reflexion seines Lichts auf der Wasseroberfläche entstehende Form ist mehrfach als Phallussymbol gedeutet wordenSiehe Siehe auch Siehe überdies beziehungsweise als Symbol für das Männliche. Es steht nicht für Freude, sondern eher für bedrohliche Konsequenzen. Munch erlebte keine geglückte Sexualität und keine erfüllte Liebe. Stattdessen quälten ihn gescheiterte Beziehungsversuche. 1902 endete zum Beispiel die lange und aufreibende Affäre mit Mathilde (genannt „Tulla“) Larsen, einer willensstarken, vermögenden, sechs Jahre jüngeren Frau, mit einem Revolverschuss, der Munch das oberste Glied seines linken Mittelfingers kostete. Auch psychisch litt er anschließend noch viele Jahre. Munch heiratete nie und blieb lebenslang allein.

Trotz seiner noch mindestens bis 1909 anhaltenden psychischen Instabilität, die seit 1902 durch Alkoholprobleme begleitet und verstärkt wurde, stellten sich nach der Jahrhundertwende schrittweise Verkaufserfolge ein. Munch nahm beispielsweise mit 20 Bildern, präsentiert in einem eigenen Raum (Saal II),Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 15 und S. 23, Endnote 62. an der 19. Wiener Secession teil, die vom 22. Jänner bis zum 6. März 1904 stattfand und von mehr als 15.000 Menschen besucht wurde.Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 16. Der Schweizer Maler Ferdinand Hodler war ihr Star, er traf den Geschmack der Wiener Avantgarde. Munch profitierte davon, denn er konnte das dort präsentierte Gemälde Sommernacht am Strand anschließend verkaufen. Dessen streng axiale Komposition war vergleichbar mit Hodlers Präferenz für einen symmetrischen BildaufbauSiehe hierzu und Hodlers Vorliebe für dekorative Formen, die sich um die Jahrhundertwende unter anderem in dessen parallelistischen Landschaftsbildern ausdrückten.Guido Magnaguagno: Bildkommentar zu Katalog Nr. 59 (Sommernacht am Strand). In: Edvard Munch. Museum Folkwang Essen, 18. September – 8. November 1987; Kunsthaus Zürich, 19. November 1987 – 14. Februar 1988. Museum Folkwang, Kunsthaus. Essen, Zürich 1988 (ohne Paginierung).

mini|Die Sonne, 1911, Öl auf Leinwand, 455 × 780 cm, Universität Oslo Der Kunsthistoriker und -experte Eliot W. Rowlands weicht von dieser Kontextualisierung ab. Er sieht in einer Spezialstudie, die die New Yorker Galerie Wildenstein & Co.Website dieses althergebrachten Kunsthandelshauses, abgerufen am 21. April 2025. druckte, im Himmelskörper über dem Fjord die Mitternachtssonne. Das Thema des Munch-Bildes sei eine Sommernacht in Norwegen, daher erscheine es ihm „logisch“, dass hier der Fixstern zu sehen sei; er, nicht der Erdtrabant, stehe über dem Ostufer des Fjords.Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 2 und S. 22, Endnote 8. Diese Deutung macht eine andere Interpretationslinie zugänglich: Insbesondere in Munchs Spätwerk ist die Natur zentral, weniger sind es die negativen Gefühle. Munch und seine Werke wirken optimistischer, dem Leben zugewandt.Zum Spätwerk und seinen Charakteristika siehe insbesondere die Ausstellung „Munch. Lebenslandschaft“. Clark Art Institute, Williamstown, 10. Juni bis 15. Oktober 2023; Museum Barberini, Potsdam 18. November 2023 bis 1. April 2024; Munch-Museum, Oslo 27. April bis 24. August 2024 samt Ausstellungskatalog. Siehe ebenfalls die Interviews mit den Kuratorinnen dieser Schau () Die heilende Kraft der Natur, insbesondere der Sonne, gewann für Munch an Bedeutung. Die Stärkung und Freude, die der Künstler beim Malen von Landschaften empfand, zudem die Ehrfurcht vor der Natur, die sich bereits in Sommernacht am Strand gezeigt habe, seien auch in seinem großen Wandgemälde der aufgehenden Sonne über dem Kragero-Fjord ausgedrückt, das er 1911 für die Universität Oslo schuf.Rowlands: Edvard Munch's Sommernacht am Strand. Its formation and history, S. 8 und S. 21.

Verbleib bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs mini|hochkant=0.5|Manon Gropius mit ihren Eltern (1918)|alt=Manon Gropius mit ihren Eltern Alma Mahler und Walter Gropius (1918) Kurz nach Ende der Wiener-Secessions-Ausstellung von 1904 verkaufte Munch Sommernacht am Strand gemeinsam mit einem weiteren Gemälde an den Privatsammler Carl Reininghaus. Walter Gropius, der zweite Ehemann von Alma Mahler, bat den Wiener Kunstsammler 1916, er möge ihm das Bild verkaufen, damit er es seiner Frau schenken könne. Anlass für diesen Wunsch war die Geburt von Manon, der gemeinsamen Tochter von Mahler und Gropius. Reininghaus überließ Gropius das Bild, der damit seine Frau beschenkte.Melissa Müller: Alma Mahler Werfel (1879–1964), Wien. In: Melissa Müller, Monika Tatzkow (Hrsg.): Verlorene Bilder – verlorene Leben. S. 185. In ihrer Autobiografie schrieb Alma Mahler-Werfel, kein Bild sei ihr „je so nah gegangen wie dieses“; sie habe sich tagelang in das Gemälde versenken können.Alma Mahler-Werfel: Mein Leben. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1960, S. 70.

Für eine Ausstellung, die 1937 in der Österreichischen Galerie (heute Belvedere) stattfand, übergab Alma Mahler-Werfel dem Museum Sommernacht am Strand. Diese Leihgabe, die auch vier weitere Gemälde umfasste – von ihrem Vater Emil Jakob Schindler Waldstraße bei St. Gilgen (heute Waldstraße bei Scharfling genanntMichael Wladika: „Ersuche ich daher, … in keiner Weise Frau Alma Mahler-Werfel entgegenzukommen.“ S. 89. Abbildung: ), Felsenküste von Ragusa, Waldweg in Goisern sowie von Oskar Kokoschka Bildnis der Frau Alma Mahler-Werfel – galt für zwei Jahre.Sonja Niederacher: Von Recht zu Moral. S. 284. Am 13. März 1938, unmittelbar nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, dem sogenannten Anschluss, floh Alma Mahler-Werfel aus Wien. Die Flucht führte sie und Franz Werfel, ihren dritten Ehemann, über Frankreich und Spanien nach Portugal. Von dort aus setzten sie in die Vereinigten Staaten über und erreichten New York im Oktober 1940.Sonja Niederacher: Von Recht zu Moral. S. 283.Ausführlich dazu Oliver Hilmes: Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel. Siedler Verlag, München 2004, ISBN 978-3-88680-797-0, S. 291–319.