mini|Willi-Larve, entstanden um 1925 mini|Maske im Rätischen Museum in Chur, 1920er Jahre Albert Anton Willi (genannt Natè; * 11. Juli 1872 in Domat/Ems; † 17. Oktober 1954 ebenda) war ein Schweizer Masken-Schnitzer. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Maskenschnitzer des Alpenraums. Sein Werk besteht aus etwa 400 überlieferten Masken, die sich in Privatbesitz oder in öffentlichen Sammlungen bzw. namhaften Museen befinden.

Leben Albert Anton Willi war das vierte Kind aus dritter Ehe von Leonhard Anton Willi, genannt Natètunè (1803–1889), vormals Offizier in königlich-neapolitanischen Diensten, Landwirt und Gemeindepräsident, und Anna Maria Canetg (Kanitsch) (1840–1935). Ein Halbbruder Willis war der 1844 geborene Ordensgeistliche und spätere Erzbischof von Limburg, Dominikus Willi. Bis zu seiner Heirat 1902 mit Paulina Caluori (1875–1947) half Albert Willi den Eltern auf dem Bauernhof und erlernte keinen Beruf. Im Sommer arbeitete der seit seiner Kindheit unter Schwerhörigkeit leidende Willi als Wegmacher und in den Wintermonaten als Waldarbeiter für die Emser Maiensässe. Daneben betrieb er eine kleine Landwirtschaft.Alemmanische Larvenfreunde: Willi, Albert Anton «Natè». In: larvenfreunde.de, abgerufen am 31. März 2025. Willi starb 82-jährig im alten „Bürgerheim“ von Domat.

Künstlerisches Schaffen Willi kam als Jugendlicher zum Schnitzen, das er sich als Autodidakt aneignete. Es heißt, er habe gerne Kinder erschreckt und beim Schnitzen seine eigenen Ängste und prekären Lebensverhältnisse verarbeitet.raetischesmuseum.gr.ch: Fasnachtsmaske, um 1925. Abgerufen am 31. März 2025. Seine erste Holzmaske schuf er vermutlich 1905. Willis rege Tätigkeit als Schnitzer setzte jedoch erst in den 1920er Jahren ein und bis 1928 schnitzte er etwa 30 Masken. Er verwendete Holz, das er als Waldarbeiter bekommen konnte, wie Linde, Ahorn oder Weißtanne. Später verwendete Willi fast ausschließlich Erlenholz, das er zunächst in etwa 30 cm lange Holzrollen zersägte und auf dem Scheitstock halbierte. Die flache Seite wurde zur Rückseite der Maske, die er mit einem Handbohrer grob aushöhlte. Auf der Vorderseite schnitzte er ohne Vorzeichnung das Gesicht ein, das im Profil schalenförmig und eher flach blieb.Dominik Wunderlin: Albert Anton Willi: Russgesichter und Schreckmasken eines Einzelgängers. Kunst in der Fastnacht − Von Maskentreiben und Holzmasken im Kanton Graubünden. In: Journal schwäbisch-alemannischer Fastnacht, Nr. 38, 2015, S. 62. Willi hielt mit den Knien den Holzklotz fest und schnitzte mit den einfachsten Werkzeugen auf dem Schoss. Abschließend grundierte er die Masken mit Leinöl und fasste sie mit Ölfarbe. Sein Lebenswerk umfasst schätzungsweise 400 Masken, von denen in einem ersten Werkkatalog 1973 die Lokalisierung von 148 Masken gelang; bis 2000 wurden von Armon Fontana insgesamt 254 Masken ermittelt, von denen sich 138 in privatem und 116 in öffentlichem Besitz befanden.Judith Rickenbach (Hrsg.): Alte Masken aus der Ostschweiz. Fastnachtsmasken aus der Sammlung des Rietbergmuseums. Masken aus dem Sarganserland / Albert Anton Willi (1872–1954). Der Maskenschnitzer aus Domat/Ems (Text von Armon Fontana). Museum Rietberg, Zürich 2000, S. 105.

Willi entwickelte einen eigenen charakteristischen und archaisch geprägten Maskenstil, der an keine lokale Maskentradition anknüpfen konnte. Holzmasken hatte es an der Domater Fastnacht schon seit langem keine mehr gegeben. Die teilweise expressionistisch anmutende Bildsprache wie auch die Ähnlichkeiten mit westafrikanischen Masken sind möglicherweise durch Berichte und Abbildungen in Zeitschriften und Missionsheftchen angeregt. Willi machte vor dem Spiegel Grimassen und entwickelte so nicht selten die Vorlagen für neue Masken. Neben vielen Schreck- und Groteskmasken schuf er auch einzelne Karikatur-Masken (so von Mussolini und mutmaßlich von Hitler) sowie Tiermasken, beispielsweise von Katzen, Hunden, Schweinen, Ziegen und Affen.

Typisch für Willis Masken sind die hervortretenden, weiss gefassten Augen. An seinem Werk ist die Entwicklung zu einem handwerklich versierten Schnitzer ablesbar. Seine Masken vor 1930 sind flach, haben kleine Nasen und die Augen befinden sich noch auf gleicher Höhe. Seine Werke ab 1930 zeigen eine sehr grosse Formenvielfalt mit plastisch modulierten, stark verzerrten und asymmetrischen Gesichtern. In den 1930er Jahren haben Antiquitätenhändler viele Willi-Masken nachträglich auf alt fassen lassen, um sie als historische Stücke im Kunsthandel und an Museen teuer zu verkaufen.

Willi-Masken zählen nicht zu den traditionellen „Fastnachtsmasken“, da sie in der Regel nicht der Gesichtsform angepasst und zum Tragen nur bedingt geeignet sind. Dennoch waren sie bis in die 1950er Jahre und darüber hinaus an der Domater Strassenfastnacht am Schmutzigen Donnerstag präsent: Willi selbst verlieh sie als Einzel- und Gruppenmasken für 30 Rappen am Tag an die Kinder und Jugendlichen des Dorfes.Judith Rickenbach (Hrsg.): Alte Masken aus der Ostschweiz. Fastnachtsmasken aus der Sammlung des Rietbergmuseums. Masken aus dem Sarganserland / Albert Anton Willi (1872–1954). Der Maskenschnitzer aus Domat/Ems (Text von Armon Fontana). Museum Rietberg, Zürich 2000, S. 103.

Die seinerzeit gehandelten, ausgestellten oder in den Museen gelagerten Willi-Larven waren zumeist nur mit einem unpersönlichen Herkunftsetikett „Graubünden“ versehen. Noch auf der Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich, bei der sechs Willi-Larven gezeigt wurden, blieb der Schnitzer ungenannt. Namentlich gewürdigt wurde Willis Schnitzkunst erst durch das Buch Schweizer Masken und Maskenbräuche von Karl Meuli (1943), das im Bildteil 15 Willi-Masken fotografisch abbildet und im Abbildungsverzeichnis beschreibt. Meuli war durch den Schweizer Romanisten Andrea Schorta auf Albert Willi hingewiesen worden, den er daraufhin zweimal in Domat besuchte. Die Begegnungen und Gespräche mit dem Maskenschnitzer werden in Meulis Buch eindrücklich geschildert.Karl Meuli: Schweizer Masken. Mit einer Einleitung über schweizerische Maskenbräuche und Maskenschnitzer. Atlantis, Zürich 1943; Abbildungen 14–28, Nr. 26 auch als Umschlagillustration; im Kapitel „Die Maskenschnitzer“ zu Willi: S. 151 ff. Im Film Das Gespensterhaus (1942) des Regisseurs Franz Schnyder gehörten zwei Masken Willis zu den Requisiten.Screenshot mit einer der beiden Masken unter: www.imdb.com. Einige Bekanntheit erlangte Willi seinerzeit auch durch einen Beitrag in der Schweizer Filmwochenschau vom 5. März 1943.

Ausstellungen in Domat/Ems würdigten Willis Schaffen 1972, 1997 und 2022.Ausstellung: 150. Geburtstag von Albert Anton Willi in Domat/Ems. In: larvenfreunde.de, abgerufen am 31. März 2025. Die Ausstellung «Maskiert. Magie der Masken» im Forum Schweizer Geschichte Schwyz zeigte 2014 seine Masken mit mehr als hundert anderen Masken.Masken einmal ohne Kostüme. In: schwyzkultur.ch, abgerufen am 31. März 2025.

Masken in öffentlichen Sammlungen Eine erste Maske Willis kam 1922 durch eine Schenkung ins Rätische Museum in Chur, das 1928 vier weitere ankaufte, für die Willi je 19 Franken erhielt. Auch das Völkerkundemuseum Zürich hatte damals schon mindestens eine Willi-Maske in seinem Bestand.Max Bucherer: Schweizer Masken. 12 signierte Original-Lithographien. Beilage: Werner Manz: Die Maske in Brauch und Glauben. Eine kultur-psychologische Skizze. Art. Inst. Orell Füssli, Zürich 1923; darin: Lithographie Nr. 1: [Albert Anton Willi]: Holzmaske aus Ems (Graubünden) mit Ochsenblut bemalt; Provenienzangabe: „Museum für Völkerkunde in Zürich“. Eine wichtige Rolle beim frühen Handel mit Willi-Masken hatte der Zürcher Kunst- und Antiquitätenhändler Max Wydler, der nach eigenen Angaben in den 1930er und 1940er Jahren bei Willi 40 bis 50 Masken kaufte. Pro Maske zahlte er ihm in der Regel 30 Franken bei einem Verkaufspreis von seinerzeit rund 150 Franken. Zu seinen weiteren Kunden zählte ab 1930 der umstrittene deutsch-schweizerische Kunstsammler Eduard von der Heydt, der insgesamt 35 Willi-Masken für seine bedeutende Maskensammlung ankaufte, die schließlich vollständig an das Museum Rietberg in Zürich kam.Abbildungen (Farb- und Schwarzweiß-Fotografien) und Beschreibungen in: Judith Rickenbach (Hrsg.): Alte Masken aus der Ostschweiz. Fastnachtsmasken aus der Sammlung des Rietbergmuseums. Masken aus dem Sarganserland / Albert Anton Willi (1872–1954). Der Maskenschnitzer aus Domat/Ems (Text von Armon Fontana). Museum Rietberg, Zürich 2000, hier: Judith Rickenbach: Katalog, S. 109–149. Zwei Willi-Larven verkaufte Wydler 1937 auch an das Germanische Nationalmuseum Nürnberg. Der Schweizer Grafiker Max Bucherer verkaufte 1941 aus seiner bedeutenden Privatsammlung neben zwei afrikanischen Masken vier Willi-Masken an das Staatliche Museum für Völkerkunde, Berlin. Bereits 1937 hatte dieses Museum drei „für eine ethnographische Vergleichung besonders lehrreiche“ „Bündnermasken“ aus der Schausammlung des Völkerkundemuseums Zürich über den Berliner Sammler und Händler Arthur Speyer erworben; zwei davon u. a. im Tausch gegen eine Benin-Bronzetafel. An das Fastnachtsmuseum Schloss Langenstein gelangten drei Willi-Masken als Dauerleihgaben bzw. Schenkungen des Neurologen Friedrich Schmieder.Dominik Wunderlin: Albert Anton Willi: Russgesichter und Schreckmasken eines Einzelgängers. Kunst in der Fastnacht − Von Maskentreiben und Holzmasken im Kanton Graubünden. In: Journal schwäbisch-alemannischer Fastnacht, Nr. 38, 2015, S. 62 f. Weitere Exemplare werden in Frankreich, Afrika und den USA bewahrt. Unter den von Eduard von der Heydt an das Buffalo Museum of Science (New York) ausgeliehenen Kunstwerken befanden sich auch einige Willi-Masken.Judith Rickenbach (Hrsg.): Alte Masken aus der Ostschweiz. Fastnachtsmasken aus der Sammlung des Rietbergmuseums. Masken aus dem Sarganserland / Albert Anton Willi (1872–1954). Der Maskenschnitzer aus Domat/Ems (Text von Armon Fontana). Museum Rietberg, Zürich 2000, S. 106. Die US-Regierung konfiszierte 1948 alle amerikanischen Bankguthaben von der Heydts sowie die besagten Kunstwerke, die heute in der Smithsonian Institution, Washington eingelagert sind, als „feindliches Vermögen“.

In Willis Heimatgemeinde Domat wurde 2025 beschlossen, im neu geschaffenen Kulturarchiv in der Residenza Ensemen ein kleines Natè-Museum einzurichten, das die bislang im Archivdepot gelagerten Willi-Masken und auch einige der im Domater Gemeindehaus präsentierten Larven ausstellt.portacultura.gr.ch: Kulturarchiv Domat/Ems. Abgerufen am 31. März 2025. Der Gemeindevorstand genehmigte im April 2026 den Vertrag über die Dauerleihgabe von 21 Willi-Masken an das Kulturarchiv, die im Museum Mascaradas Natè ausgestellt werden. Am 2. Mai 2026 wurde das Museum im Rahmen eines Tages der offenen Tür der Residenza Ensemen eröffnet; in der Dauerausstellung sind insgesamt über 100 Willi-Masken zu sehen.

Willi-Larven sind heute gesuchte Sammlerobjekte und erreichen bei Auktionen hohe Preise.Judith Rickenbach (Hrsg.): Alte Masken aus der Ostschweiz. Fastnachtsmasken aus der Sammlung des Rietbergmuseums. Masken aus dem Sarganserland / Albert Anton Willi (1872–1954). Der Maskenschnitzer aus Domat/Ems (Text von Armon Fontana). Museum Rietberg, Zürich 2000, S. 104f.

Liste von Museen mit Masken Willis (Auswahl): Museum Rietberg, Zürich.Die Willi-Masken im Rietbergmuseum Zürich, unter www.rietberg.ch. Anzahl der Willi-Masken: 41 Rätisches Museum, Chur.raetischesmuseum.gr.ch: Fasnachtsmaske von Albert Anton Willi (1872–1954), Domat/Ems, 1920er Jahre. Abgerufen am 31. März 2025. Anzahl der Willi-Masken: 5 Kulturarchiv Domat/Ems (Residenza Ensemen);portacultura.gr.ch: Kulturarchiv Domat/Ems. Abgerufen am 31. März 2025. Mascaradas Natè (ab 2026),rtr.ch: Albert Anton Willi. In museum per las mascras da Natè (Video, Fotos). Rätoromanisch, 27. Februar 2025; abgerufen am 31. März 2025. Gemeinde Domat/Ems. Anzahl der Willi-Masken: ca. 100. Museum der Kulturen, Basel. Anzahl der Willi-Masken: 9