mini|hochkant=1.2|„Wendenpass“, ausgestellt am 3. Mai 1980mini|hochkant=0.5|Wappen der „Freien Republik“ Die Republik Freies Wendland (auch Freie Republik Wendland)Ann-Kristin Mennen: Archäologe gräbt "Freie Republik Wendland" aus bei ndr.de vom 18. Januar 2017 wurde am 3. Mai 1980 durch eine Initiative der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Nähe von Gorleben im Wendland (in Niedersachsen) ausgerufen. Sie bestand einen Monat lang als Hüttendorf auf einer Waldlichtung im Bereich der damals noch geplanten Tiefbohrstelle 1004 und wurde am 4. Juni 1980 von Polizei und Bundesgrenzschutz geräumt.
Vorgeschichte 1973 begann im Auftrag der Bundesregierung die Suche nach einem geeigneten Salzstock als kerntechnisches Endlager für radioaktiven Abfall. Dazu standen in Niedersachsen mehrere Salzstöcke zur Auswahl, darunter auch der Salzstock Gorleben-Rambow. Anfang 1977 entschied sich die Niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht für geologische Erkundungen in Gorleben. Gegen dieses Vorhaben regte sich im Landkreis Lüchow-Dannenberg schnell Widerstand und es entstanden Vereinigungen, wie die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und die Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg. Atomkraftgegner führten in der Region bereits im März 1977 eine Großkundgebung auf dem künftigen Baugelände mit etwa 20.000 meist auswärtigen Atomkraftgegnern durch.Gorleben Chronik – 1977 bei Gorleben Archiv Weitere Aktionen waren unter anderem ein Sommercamp 1977 in Gorleben und 1979 der Gorleben-Treck nach Hannover. Ab 1979 bereitete die Physikalisch-Technische Bundesanstalt Tiefbohrungen vor, um den Salzstock Gorleben auf seine Eignung zu untersuchen. Die erste Tiefbohrung setzte an der Bohrstelle 1003 am 4. Januar 1980 ein.Vor 40 Jahren: Erste Probebohrung in Gorleben bei ndr.de vom 4. Januar 2020 Gegen die Tiefbohrungen führten örtliche Atomkraftgegner kleinere, aber erfolglose Besetzungsaktionen bei den Waldrodungen an den Tiefbohrstellen 1002 und 1003 durch. Anfang 1980 diskutierten sie öffentlich eine größere Besetzungsaktion mit „mehreren hundert oder tausenden Auswärtigen zusammen mit möglichst vielen Lüchow-Dannenbergern“. Als Ziel nannten sie die Tiefbohrstelle 1004, deren Einrichtung für Mai 1980 vorgesehen war. G. J.: Zur Diskussion um eine Platzbesetzung in: Gorleben informiert No. 13 vom März 80 der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg In der Folge riefen sie zu einer Großdemonstration auf und setzten den Plan um.
Besetzung mini|Blick auf das Areal des einstigen Hüttendorfs und der späteren Tiefbohrstelle 1004, 2015 mini|Die asphaltierte Tiefbohrstelle 1004 in jungem Nadelwald, 2015
Der eigentlichen Platzbesetzung ging Mitte April 1980 eine kleinere Besetzungsaktion durch rund 20 Atomkraftgegner voraus, die einige Hütten und Zelte auf dem Gelände der geplanten Tiefbohrstelle 1004 aufgestellt hatten. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg war mit dieser Art der Besetzung nicht einverstanden und plante zu diesem Zeitpunkt eine Bohrstellenbesetzung ab dem 15. Mai 1980.Die Besetzung in: Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 15. April 1980 Die Besetzer verließen das Gelände nach rund einwöchiger Besetzungsdauer, als die Polizei ihnen eine strafrechtliche Verfolgung wegen Hausfriedensbruchs androhte.Platz 1004 - Betreten verboten in: Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 23. April 1980
Die Besetzung erfolgte am 3. Mai 1980 im Rahmen einer Demonstration unter dem Motto Kampftag der Wenden, an der sich rund 5000 Atomkraftgegner beteiligten.Fünftausend bauten ihr Dorf auf dem Tiefbohrplatz 1004 in: Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 5. Mai 1980 Sie waren aus dem gesamten Bundesgebiet angereist und hatten Zelte sowie Baumaterialien bei sich. Der Demonstrationszug führte zum Gelände der geplanten Tiefbohrstelle 1004 am Rande eines weitläufigen Kiefernwaldgebietes zwischen den Dörfern Gorleben und Trebel. Die Demonstranten besetzten das Gelände, um gegen weitere Tiefbohrungen für den Bau des Atommülllagers Gorleben zu protestieren. Mit der Besetzung rief das sogenannte „Untergrundamt Gorleben-Soll-leben“ aus den Reihen der Atomkraftgegner die Republik Freies Wendland als eigenen Staat aus. Sprecherin war Rebecca Harms.Rebecca Harms zieht sich aus Europapolitik zurück NDR, 23. April 2019 Der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff sprach im Zusammenhang mit der Ausrufung von Hochverrat.
Das Gelände der Tiefbohrstelle 1004 liegt nahe einem Waldweg mit der Bezeichnung Mastenweg.Geschichte: Niemals aufgeben! bei wendland.net Es handelte sich 1980 um eine 16 km² große Brachfläche, auf der im Sommer 1975 der Wald nach einer Brandstiftung durch den Brand in der Lüneburger Heide vernichtet worden war.Gorleben Chronik 1975 bei Gorleben Archiv Das Freigelände bestand 1980 noch aus verbrannten Baumresten auf sandigem Boden. Innerhalb eines etwa 300 × 400 Meter großen Bereichs errichteten die Besetzer am Standort der geplanten Tiefbohrstelle 1004 in den folgenden Tagen ein provisorisches Hüttendorf mit etwa 120 Hütten aus Holz und Lehm, das im Sprachgebrauch der Besetzer die Bezeichnung „Hüttendorf 1004“ oder „auf 1004“ trug. Das „Dorf“ wurde in der Art der im Wendland weit verbreiteten Siedlungsform des Rundlings mit Hütten um einen runden Platz angelegt. Unter den Bauten fanden sich Ansätze für alternative Architektur und ökologisches Bauen, zum Beispiel durch Strohballenhütten und Energiesparhütten mit einer Heizung aus Flaschen.Gerhard Ziegler: Freie Republik Wendland: Die Vermessung der Widerstandsgeschichte hat begonnen bei wendland.net vom 23. November 2017 Es bestanden zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen, wie Großküche, Kirche, Krankenstation, Toilettenanlage, Badeanstalt, Frisiersalon und Mülldeponie.Dirk Boeljes: Anti-AKW-Geschichte: Die „Republik Freies Wendland“ bei Stromtipp.de vom 30. April 2010 Das größte Gebäude war das achteckige Freundschaftshaus mit einem Durchmesser von 37 Metern, das rund 400 Personen Platz bot. Es war das einzige nach Plan errichtete Gebäude, dessen Bretter und Balken zuvor zurechtgesägt waren. Die Statik und die Dachkonstruktion hatten Hamburger Architekturstudenten so berechnet, dass sich gleichzeitig mehr als hundert Leute auf dem Dach aufhalten konnten. An Sanitäreinrichtungen gab es eine Sauna und Badehütten. Wasser wurde durch einen Windrad-betriebenen Tiefbrunnen gefördert und mit einer Solar-Warmwasseranlage erwärmt.
Am Zufahrtsweg zur sogenannten Republik wurde eine Hütte als Grenzübergangsstation mit Schlagbaum angelegt, über der Flaggen mit dem Wendenwappen und der Anti-AKW-Sonne angebracht waren., abgerufen am 13. April 2011 Gegen eine Gebühr von 10 DM wurde im nebengelegenen Informationshaus ein sogenannter Wendenpass ausgestellt und mit einem Einreisestempel versehen. Der Pass war nach eigenen Worten der Besetzer gültig „für das gesamte Universum […] so lange sein Inhaber noch lachen kann.“Der Spiegel, zitiert nach Andreas Baum, „Kernkraftgegner rufen im niedersächsischen Gorleben die "Freie Republik Wendland" aus. Vor 25 Jahren“ im „Kalenderblatt“ des Deutschlandradios Kultur vom 3. Mai 2005
Gemeinschaftsleben Die wochentags etwa 500 ständigen Besetzer organisierten während der 33-tägigen Besetzungsdauer ihr Gemeinschaftsleben auf basisdemokratischer Grundlage. Sie bildeten einen Sprecherrat und trafen Entscheidungen in regelmäßig stattfindenden Plena. Die Besetzung übte vor allem auf junge Menschen eine große Faszination aus. Im Nachhinein lobten die Besetzer den menschlichen Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft und die Möglichkeit, eine Utopie zu leben. Andere fühlten sich an das Woodstock-Festival von 1969 erinnert oder empfanden Ferienlager- bzw. Lagerfeuerromatik.Stefanie Maeck: Die Hippie-Republik in: Spiegel Online, Eines Tages, vom 4. Mai 2015 Bezüglich einer möglichen Räumung durch die Polizei bestand weitgehend Konsens über passiven Widerstand. Allerdings widersprachen dem einige militantere Besetzer. An den Wochenenden kamen bis zu 5000 Personen auf das besetzte Gelände, die durch die Berichterstattung in den Medien neugierig geworden waren. Darunter waren Sympathisanten und Schaulustige sowie Prominente, wie der damalige Vorsitzende der Jusos Gerhard Schröder, der mit 300 Delegierten eines Juso-Bundeskongresses aus Hannover angereist war. 1004-Besetzer wollen nur passiven Widerstand leisten in: Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 2. Juni 1980 Andere bekannte Besucher und Bewohner waren der Widerstandskämpfer Heinz Brandt, die Liedermacher Walter Mossmann und Wolf Biermann, der Fotograf Günter Zint und der spätere SPD-Politiker Jo Leinen sowie der Schriftsteller Klaus Schlesinger und der CDU-Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl. Begleitet war die Besetzung von zahlreichen Veranstaltungen. Sie fanden in dem großen Freundschaftshaus oder auf dafür eingerichteten Bühnen statt. Es wurden Vorträge, Diskussionsrunden, Lesungen, Rockkonzerte oder auch Puppentheatervorstellungen angeboten. Von Anwohnern aus der Region erhielten die Besetzer tatkräftige Unterstützung und wurden mit Bauholz sowie Lebensmitteln versorgt.NDR-Rückschau: Wir sind die Glücklichen. Die Republik Freies Wendland, abgerufen am 13. April 2011 Am 18. Mai 1980 ging auf einem Turm des besetzten Geländes der Piratensender Radio Freies Wendland auf Sendung.
Räumung mini|Die nach der Räumung des Hüttendorfes entstandene Tiefbohrstelle 1004 im Juli 1980 Am Morgen des 4. Juni 1980 wurde das Gelände durch die niedersächsische Polizei mit Unterstützung anderer Länderpolizeien und des Bundesgrenzschutzes geräumt. Etwa 3500 Beamte nahmen laut Mitteilung des Niedersächsischen Innenministeriums an dem Einsatz teil,Venceremos, tschüß in: Der Spiegel vom 14. Juli 1980 anderen Berichten zufolge waren es über 6000 Einsatzkräfte.„Freie Republik Wendland“ hat aufgehört zu existieren in Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 5. Juni 1980 Rechtsgrundlage für die Räumung waren Verstöße der Besetzer gegen verschiedene Nebengesetze, wie das Landeswaldgesetz, die Bauordnung, das Feld- und Forstordnungsgesetz und das Bundesmeldegesetz. Auch befürchteten die Behörden eine Wiederholung der Waldbrandkatastrophe von 1975, da wegen der hohen Temperaturen von bis zu 30 Grad eine hohe Waldbrandgefahr bestand. Zudem stand das besetzte Gelände im Eigentum der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK).
Die zum Räumungszeitpunkt etwa 2500 anwesenden Besetzer hatten sich auf dem Dorfplatz eng hockend zu einer Sitzblockade versammelt. Gegen die Räumung leisteten sie, wie angekündigt, passiven Widerstand und viele Besetzer mussten von Polizeibeamten weggetragen werden. Die Räumung ging einigen Berichten zufolge weitgehend friedlich vonstatten,Sehr behutsam in: Der Spiegel vom 9. Juni 1980 während anderen Schilderungen nach die Platzbesetzer „mit zum Teil brutaler Härte ... davongeschleppt, geschleift, gestoßen“ worden seien. Der Piratensender Radio Freies Wendland berichtete von einem Turm des Geländes den ganzen Tag über die Räumung. Nach deren Abschluss dankte die Polizei den Demonstranten über eine Lautsprecherdurchsage für deren Gewaltlosigkeit.Die Verteidigung der „Republik Freies Wendland“ (1980) bei: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V.
Noch am 2. Juni 1980 hatten der Bremer Publizist Walther Soyka und 15 weitere Bürger eine Unterschutzstellung des Hüttendorfes als lebendes „Kulturdenkmal 1004“ beantragt, um eine Räumung zu verhindern. Auch stellten sie einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung, dass die Anlage bis zu einer Entscheidung nicht beseitigt werden dürfe. Das Verwaltungsgericht Braunschweig und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg lehnten eine Einstufung wegen fehlender Denkmaleigenschaft ab.1004 kein Kulturdenkmal in Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 14. Juni 1980
Folgeaktionen und weitere Standorte