Dieser Artikel beschreibt den Verlauf der vier Runden 1962/63 bis 1965/66 vom TSV München 1860 im letzten Jahr der Fußball-Oberliga Süd 1962/63 und die drei ersten Jahre der neuen Fußball-Bundesliga 1963 bis 1966. Im letzten Jahr der Oberliga Süd, 1962/63, errangen die „Löwen“ die süddeutsche Meisterschaft, im ersten Jahr Bundesliga, 1963/64, folgte der Pokalerfolg, 1965 zog die Mannschaft von Trainer Max Merkel in das Endspiel im Europapokal der Pokalsieger ein und krönte die vierjährige Erfolgsserie 1966 mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft. Es wurde die erfolgreichste Epoche in der 1860-Fußballgeschichte.Hardy Grüne, Claus Melchior: Die Löwen. Die Fußball-Geschichte des TSV München von 1860. S. 102

Der größte Coup und vorentscheidender Schritt der Weiß-Blauen aus Giesing vom Stadion an der Grünwalder Straße zum Gewinn der Meisterschaft 1966 war der 2:0-Sieg am vorletzten Spieltag beim frischgebackenen Europapokalsieger und schärfsten Titelkonkurrenten Borussia Dortmund.Kicker Sportmagazin. Sonderheft 40 Jahre Bundesliga. Olympia-Verlag Nürnberg (Hrsg. Karl-Heinz Heimann). ISSN 1612-0116. S. 54

Vorgeschichte: Oberliga Süd und Meisterschaft 1963, 1945 bis 1963 Die Sechziger gehörten von Beginn 1945/46 in Süddeutschland der in der amerikanischen Zone, der sogenannten „Oberliga“, an und belegten in der Debütrunde den 9. Rang. Trotz der widrigen Umstände fiel kein einziges Spiel aus. Und das in einer Zeit, in der gewaltige Flüchtlingstrecks durch Deutschland zogen, die wenigen Züge hoffnungslos überfüllt waren, LKWs zumeist mit Holzvergaser betrieben wurden und von einem eigenen Telefon nur geträumt werden konnte.Hardy Grüne, Claus Melchior: Legenden in Weiß und Blau. S. 90 Der große, weite Süden, geographisch zwischen Kassel und München, dem Rhein und den Ost-Grenzen zuhause, stellte von 1945 bis 1963 im Fußball eine Klasse für sich dar. Bis 1963 ließ der Süden in der sportlichen Bilanz der Jahre 18 bis 1 vor der Bundesliga den Westen knapp, den Norden und Südwesten deutlich, Berlin sowieso hinter sich.Werner Skrentny (Hrsg.): Als Morlock noch den Mondschein traf. S. 5 Die Mannschaften waren originär, die Besten von Stadt und Region, allenfalls einige „'Reingeschmeckte“, Ostflüchtlinge vielleicht oder Übersiedler aus dem Kohlerevier des Westens. Da ergab sich die Identifikation fürs Publikum ganz von selbst.

Die „Löwen“ gehörten aber nicht den Spitzenteams im Süden an, sie stiegen sogar 1953 und 1956 zweimal in die 2. Liga Süd ab und waren erst nach der Rückkehr 1957/58 bis Oberligaende 1963 durchgehend in der Liga am Ball. Die Wandlung aus dem Mittelfeld hin zur Tabellenspitze vollzog sich erst, als Präsident Adalbert Wetzel zur Saison 1961/62 den neuen Trainer Max Merkel von Borussia Dortmund losgeeist hatte. Der Nachfolger von Hans Hipp musste sich aber in seiner Premierenrunde 1961/62 mit einem 7. Rang begnügen, sein „Ausmisten“ im Spielerkader hatte nicht auf Anhieb den sofortigen Erfolg gebracht. Im zweiten Trainerjahr von Merkel, 1962/63, dem letzten der erstklassigen Oberliga-Ära und dem entscheidenden zur Bundesliganominierung, da trugen seine Maßnahmen aber die erhofften Früchte: 1860 war als Meister in die Bundesliga gestürmt, Merkel hatte sein Ziel erreicht, er hatte Zeichen gesetzt für eine neue Zeit mit Trainingslagern, zweimaligem Üben täglich, dem damaligen bundesdeutschen Kugelstoßmeister Dieter Urbach als Konditionstrainer, Fußpflege und auch Doping. Es wurde kräftig geschluckt und gespritzt, „bloß der Doktor hat nichts wissen dürfen“, gab Merkel im Gespräch für den Artikel von Hans Eiberle für das Oberligabuch im Klartext Verlag aus dem Jahr 1993 zum Besten.Werner Skrentny (Hrsg.): Als Morlock noch den Mondschein traf. S. 129

Zum Spielerkader waren Wilfried Kohlars von der Duisburger SpV, der Rückkehrer Rudolf Zeiser von Hertha BSC, der Amateur vom TSV Gilching, Hans Humpa, und vor allem der überragende Torhüter Petar Radenković von Wormatia Worms neu hinzu gekommen. Im Gegenzug hatte Merkel Spieler wie Helmut Benthaus, Eckehard Feigenspan und Wolfgang Simon aussortiert. Die Ligarunde eröffnete 1860 mit einem 1:0-Auswärtserfolg am 19. August bei Aufsteiger Hessen Kassel. Torhüter Radenkovic hatte sein erstes Pflichtspiel für die Blau-Weißen bereits am 28. Juli bei einem 6:1 im Heimspiel im DFB-Pokal gegen Kassel absolviert und sollte alle 30 Ligaspiele beim Meisterschaftsgewinn in der Oberliga Süd bestreiten und war über Jahre ein unumstrittener Leistungs- und Sympathieträger bei den „Löwen“. Der 1960 vom SC Olching gekommene Mittelstürmer und Torjäger Rudolf Brunnenmeier setzte seine herausragende Torausbeute weiter fort und spielte sich dadurch auch in die Nationalmannschaft.

In der Ausarbeitung zum „Fußball in München“ kann man bei Ingo Schwab folgendes nachlesen: „Der Erfolg hat auch im Fußball viele Väter, ihre größten haben die Löwen zweifelsohne in Adalbert Wetzel, 17 Jahre lang Präsident des TSV 1860 München, und Max Merkel, Fußballtrainer bei diesem Club in den Jahren 1961 bis 1966. War Wetzel 'ein großer Mann mit einem großen Herzen', so hatte er mit Merkel den Mann gefunden, der für das viele Geld, das er mäzenatengleich auf dem Altar seiner Leidenschaft opferte, die erhofften Siege einfahren sollte. Doch der sportliche Erfolg forderte seinen Preis. Wetzel erinnert sich, wie unerbittlich und schonungslos Merkel ihm dies vor Augen geführt hatte: Er hat zu mir gesagt: 'Wollen Sie Erfolg haben, oder so weiterwursteln? Wenn nicht, dann muss der gehen, und der, und der. Es war eine komplette Mannschaft, und ich habe zu ihm gesagt, er sei verrückt'. [...] Vor der Saison 1962/63 halbierte Merkel den Mannschaftsstamm: Er entließ zehn von 21 Spielern, darunter selbst Nationalspieler Helmut Benthaus. Merkel gehörte zu den Trainern, die nicht nur von ihren Spielern bisher kaum gekannte Trainingsleistungen einforderten, sondern er sah auch rasch die personellen und strukturellen Schwächen der ihm anvertrauten Mannschaften und wusste sie zielstrebig zu verbessern. In bis dahin unbekannter Weise konfrontierte er seine Spieler mit den Anforderungen, die die verschärfte Konkurrenzsituation mit sich brachte. Waren die Spieler noch die amateurhaften Bedingungen der beschaulichen Oberligazeiten gewöhnt, in denen mit Geschick und Talent sicherlich ansehnlicher Fußball gespielt werden konnte, so forderte Merkel die sportliche Professionalisierung. [...] Charakteristisch für Merkel, den ‚großen Zampano‘, als der er vom Boulevard gesehen wurde, ist seine das Verhältnis Trainer-Spieler kennzeichnende Selbsteinschätzung: ‚Die Spieler sehen mich lieber gehen als kommen. Sie mögen mich nicht.‘“Stadtarchiv München (Hrsg.): Fußball in München. Ingo Schwab: Die Münchner Vereine in den Zeiten der Fußball-Bundesliga (1963 bis 2004). MünchenVerlag. München 2006. ISBN 3-937090-12-6. S. 132–134

Pokalsieger und Finale im Europapokal, 1964 und 1965 Für die Debütrunde der Fußballbundesliga 1963/64 verstärkte Trainer Merkel den Spielerkader der „Blauen“ mit dem robusten und schussstarken Herner Mittelfeldspieler der Westfalia Herne Otto Luttrop, dem schnellen Angreifer von Kickers Offenbach Berti Kraus, dem vielseitig im Mittelfeld und im Angriff einsetzbaren Edeltechniker Peter Grosser vom Lokalrivalen FC Bayern München und der Nachwuchshoffnung für die linke Flügelposition von der SpVgg Lindau vom Bodensee, Rolf Thommes. Merkel glaubte an die Stärke seiner Mannschaft und beschrieb dies mit folgenden Worten: „Meine Mannschaft wird, da bin ich überzeugt, in der Bundesliga tüchtig mitmischen. Wenn sie annähernd auch auswärts das zu leisten vermag, was sie meist zu Hause bietet, dann werden wir im oberen Drittel der Tabelle stehen.“Hardy Grüne, Claus Melchior: Die Löwen. S. 107

Die befürchtete Auswärtsschwäche mit 9:21 Punkten verhinderte mehr als der erreichte 7. Platz, woran auch die Rückrundenbilanz mit 19:11 Punkten nichts ändern konnte, sondern nur noch die schwache Hinrunde mit 12:12 Zählern zurecht bog.Ulrich Merk, Andre Schulin: Bundesliga Chronik 1963/64. S. 30 Die fehlende Konstanz verdeutlichten mehrere Spielergebnisse: Am 12. Oktober wurde der 1. FC Nürnberg mit 5:0 abgekanzelt, das nachfolgende Ligaspiel verlor die Merkel-Truppe mit 0:5 beim Hamburger SV. Gegen die Uwe-Seeler-Mannschaft glückte am 7. März 1964 ein grandioser 9:2-Heimerfolg. In Schalke verlor 1860 am 30. November mit 1:2, am 18. April 1964 nahm man mit 7:1 Revanche. Gegen die permanent um den Abstieg kämpfende Hertha BSC wurden beide Spiele verloren: Das Heimspiel in der Hinrunde mit 1:2 und das Auswärtsspiel am 25. April 1964 mit 1:3. Im Olympiastadion in Berlin spielte aber Stopper Alfons Stemmer eine unrühmliche Rolle, da er sich von Hertha hatte bestechen lassen.Hardy Grüne, Claus Melchior: Die Löwen. S. 424 Inwieweit der Kräfteverschleiß aus den Achtelfinalspielen im DFB-Pokal am 22. April – Hertha mit 4:3 gegen die SpVgg Fürth und 1860 mit 4:2 gegen den 1. FC Kaiserslautern – beim Bundesligaspieltag am 25. April in Berlin eine Rolle gespielt hatte, bleibt spekulativ. Rudi Brunnenmeier hatte mit 19 Treffern klar die interne Torjägerliste der Sechziger in der Ligarunde angeführt.

Es gab aber noch den DFB-Pokal und hier spielten sich die „Löwen“ mit Erfolgen gegen Borussia Dortmund (2:0), 1. FC Kaiserslautern (4:2), 1. FC Saarbrücken (3:1) und einem 4:1 n. V. im Halbfinale gegen den Regionalligisten FC Altona 93 in das Finale am 13. Juni 1964 in Stuttgart gegen Eintracht Frankfurt. Mit Treffern von Kohlars (43.) und Brunnenmeier (63.) gewann 1860 souverän bei mörderischer Hitze den Pokal. Im zweiten Spielabschnitt brennen die Löwen im Stuttgarter Glutofen ein wahres Fußballfeuerwerk ab, bei dem die Frankfurter nur noch staunende Statisten sind. Einen Tag später wird die siegreiche Mannschaft im Autokorso durch München kutschiert. Zehntausende jubeln ihr auf den Gehsteigen zu. München ertrinkt in Weiß-Blau.Matthias Weinrich, Hardy Grüne: Deutsche Pokalgeschichte seit 1935. Agon Sportverlag. Kassel 2000. ISBN 3-89784-146-0. S. 198, 201/202

In die zweite Bundesligarunde, 1964/65, gingen die Münchner „Löwen“ mit den Neuzugängen Bernd Patzke, Stefan Bena und Alfred Pyka; alle drei waren für die Stabilisierung der Defensive gedacht. Nur der Berliner, welcher aus Belgien (Standard Lüttich) nach München gekommen war, der Verteidiger Bernd Patzke schaffte es aber in die Stammformation. Bena der Mann von der Vojvodina Novi Sad kam lediglich in neun Spielen zum Einsatz, Pyka der einmalige Nationalspieler von Westfalia Herne kam überhaupt zu keinem Bundesligaeinsatz in München. Das Ergebnis erbrachte mit 35:25 Punkten den 4. Rang, mit 70 Toren erzielten die Blau-Weißen die meisten Treffer und Rudi Brunnenmeier wurde mit 24 Toren Torschützenkönig der Bundesliga. Aber mit 50 Gegentoren hatte die Merkel-Mannschaft die meisten Tore der vier Vereine an der Tabellenspitze erhalten. Meister wurde Werder Bremen mit 29 Gegentoren, Vizemeister der Titelverteidiger 1. FC Köln mit 45 Gegentreffern vor Borussia Dortmund auf dem 3. Rang mit 48 erhaltenen Toren. In den Heimspielen hatten die Sechziger wie Bremen 24:6 Punkte geholt, in den Auswärtsspielen verspielten sie dagegen mit 11:19 Punkten die mögliche Meisterschaft.Ulrich Merk, Andre Schulin: Bundesliga Chronik 1964/65. Agon Sportverlag. Kassel 2004. ISBN 3-89784-084-7. S. 30

Berücksichtigen muss man aber bei den „Löwen“ die Dreifachbelastung durch Bundesliga, DFB-Pokal und die kräftezehrenden Spiele im Europapokal der Pokalsieger. Trainer Merkel war keine Autorität in der Belastungssteuerung – in diesen Jahren in der Bundesliga noch ein Fremdwort –, er war ein Mann des harten Konditionstrainings, der Disziplin im Kader und Motivationssteuerung durch die Auszahlung massiver Siegprämien. Guter Mannschaftsgeist, Zusammengehörigkeit und Freude am Spiel und Training – damit konnte der „Mann mit Zuckerbrot und Peitsche“ nichts anfangen.