mini|Altes Pastorat in Meldorf, Papenstraße 2 mini|Jacquard-Webstuhl mini|Wandbehang aus Beiderwandgewebe Die Dithmarscher Museumswerkstätten (vormals Dithmarscher Museumsweberei, auch Museumsweberei Meldorf) sind eine deutschlandweit einzigartige Beiderwandweberei, die in den historischen Räumen des Alten Pastorats in Meldorf (Holstein) untergebracht ist und von der Stiftung Mensch mit betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betrieben wird.
Geschichte Der Ursprung der Dithmarscher Museumswerkstätten liegt im kunsthandwerklichen Museum Dithmarsischer Alterthümer, das 1872 auf Initiative von Gymnasial- und Volksschullehrern gegründet wurde und von einer angesichts der fortschreitenden Industrialisierung steigenden Wertschätzung regionaler Kulturgeschichte zeugte. Die Sammlung war im Alten Pastorat sowie in der Meldorfer Gelehrtenschule ausgestellt, bis 1896 ein neu errichtetes Gebäude am heutigen Museumsstandort in der Domstraße 3 – die Umbenennung in Dithmarscher Landesmuseum erfolgte 1920 – zur Verfügung stand und die Museumswerkstätten ihren Anfang nahmen, nicht zuletzt auf Anregung von Justus Brinckmann, dem Gründungsdirektor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, der nicht nur die Entwicklung der Handweberei in Scherrebek förderte, sondern auch in Meldorf großen Einfluss auf den Museumsvorstand hatte.Verein für Dithmarscher Landeskunde e.V. (Hrsg.): Geschichte Dithmarschens. Martin Gietzelt (Red.). Boyens, Heide 2000, S. 452. Der erste Museumsdirektor Johannes Goos stattete einen Raum mit Beiderwandvorhängen aus, die in schleswig-holsteinischen Bauernstuben als Alkovenvorhänge verwendet wurden. Auf einer Reise nach Skandinavien 1898 informierte er sich über die dortige kunstgewerbliche Entwicklung und ließ nach seiner Rückkehr einen Webstuhl aufbauen. Im Jahr 1901 bat der damalige süderdithmarscher Landrat Adolf Johanssen die Handweberin Elisabeth Lindemann aus Westerwohld, eine Webschule zur Erhaltung der alten Handwerkskunst einzurichten. Zur Vorbereitung verbrachte Lindemann einige Monate in Stockholm an der Webschule der Handarbetets Vänner, um dann im Mai 1902 die selbstständige Leitung der Meldorfer Museumswerkstätten zu übernehmen. Im Jahr 1907 wurden die ersten Jacquardwebstühle aufgestellt und ein Lochkartensystem eingesetzt, wodurch es möglich wurde, umfangreichere Muster herzustellen. In den 1910er Jahren trat die Meldorfer Weberei dem Deutschen Werkbund bei. Nach ihrer Eheschließung mit dem Künstler Wenzel Hablik 1917 schied Lindemann aus der Meldorfer Weberei aus und verlegte ihre Webschule nach Itzehoe. 1918 wurde die Weberei stillgelegt.
Auf die Initiative des 1919 ins Amt berufenen Landrats von Süderdithmarschen Friedrich Pauly ist die Umsetzung eines modernen technischen und betriebswirtschaftlichen Konzepts für den weiteren Betrieb der Werkstätten zurückzuführen, die eine Wiederbelebung und Blütezeit der Weberei einleitete. Die Dithmarscher Museumswerkstätten in Meldorf GmbH wurde im Dezember 1919 von dem Vorstand des Landesmuseums als gemeinnützige Gesellschaft neu gegründet.Friedrich Pauly: Die Weberei der Dithmarscher Museumswerkstätten. In: Grenzschau, 3. Jg., Nr. 10, Oktober 1927, S. 41. Unter dem Vorsitz von Friedrich Pauly bestellte der Verwaltungsrat bestehend aus den Vorstandsmitgliedern des Landesmuseums den Museumsdirektor J. Goos zum Kontrollorgan der Geschäftsführung. Die Zahl der Angestellten stieg sprunghaft (1920:8; 1927:52) und die erwirtschafteten Überschüsse kamen u. a. dem Landesmuseum zugute. Als künstlerische Leiterin wurde Louise Eleonore Maass gewonnen, eine Weberin und Textildesignerin, die ihre Ausbildung am Bauhaus in Dessau absolvierte und an der Wiener Werkstätte sowie in Paris und in der Schweiz Erfahrungen sammeln konnte.Maria Brinckmann: Die Geschichte der neuzeitlichen Handweberei in Schleswig-Holstein. In: Schleswig-Holsteinisches Jahrbuch, 19, 1930-31, S. 117; Elisabeth Bielenberg-Pauly: In memoriam Friedrich Pauly. In: Schleswig-Holstein, 1975, S. 150. Im Bereich des Kunsthandwerks blieb es nicht bei der Wiederaufnahme traditioneller Muster, sondern man öffnete sich internationalen Einflüssen und bezog Entwürfe von Künstlern wie Heinrich Stav und Hans Grohs.Friedrich Pauly: Die Weberei der Dithmarscher Museumswerkstätten. In: Grenzschau, 3. Jg., Nr. 10, Oktober 1927, S. 42. Im Jahr 1936 erhielt das Alte Pastorat einen zusätzlichen Anbau.
Ab 1946 wurde Alfred Kamphausen, Direktor des Landesmuseums, der Geschäftsführer der Weberei, ab 1948 übernahm zunächst der Kreis Dithmarschen den Betrieb der Museumswerkstätten, bevor 1986 die Stiftung Mensch folgte, nunmehr als Dithmarscher Museumsweberei.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war das Alte Pastorat durch Feuchtigkeit und Schimmelbefall derart beschädigt, dass es aufgegeben werden sollte. Infolgedessen bildete sich 2003 eine Bürgerinitiative, der es gelang, das ca. 400 Jahre alte Marschbürgerhaus – das letzte dieser Art, die einst das Meldorfer Stadtbild prägte – mit Unterstützung von Förderern aus dem privaten und öffentlichen Bereich zu sanieren.
Im September 2024 schlossen die Dithmarscher Museumsweberei und das Dithmarscher Landesmuseum einen Kooperationsvertrag, um das Kulturgut Beiderwandweberei zu sichern. Angestrebt wird eine Anerkennung als immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Mit dem Kooperationsvertrag kehrte die Weberei zu ihrem ursprünglichen Namen Dithmarscher Museumswerkstätten zurück.
Mustersammlung und Webstühle Die Museumsweberei kann auf eine gewachsene Mustersammlung von etwa 100.000 Lochkartenläufen zurückgreifen. Der Musterschatz umfasst ornamentale Muster aus der Pflanzen- und Tierwelt wie Lebensbaum, Tulpe, Einhorn, Vogel und Hirsch, geometrische Muster sowie Figürliches aus der bäuerlichen und nordisch-ländlichen Lebenswelt. Gearbeitet wird mit historischen Maschinen, Geräten und an Webstühlen, deren Bestandteile teilweise hunderte Jahre alt sind. Die Maschinen und Webstühle wurden technisch überholt, entsprechen heutigen Sicherheitsvorschriften und können von den betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedient werden. Um die Mechanik der Webstühle in Funktion beobachten zu können, wurden Verschalungen entfernt und durch transparente Plexiglasflächen ersetzt.
In der Museumsweberei werden unter anderem Teppiche, Wandbehänge, Decken, Kissenbezüge, Handtücher und Taschen hergestellt. Sie ist werktags für Besucher geöffnet, nach Absprache sind Führungen möglich.
Literatur Reimer Franck: Zu Besuch in den Dithmarscher Museums-Werkstätten. Dithmarscher Pesse-Dienst Christiansen, Heide 1978, ISBN 3-8808-9017-X. Friedrich Pauly: Die Weberei der Dithmarscher Museumswerkstätten in Meldorf. In: Grenzschau. Mitteilungsblatt der Reichszentrale für Heimatdienst, Landesabteilung Schleswig-Holstein, 3. Jg., Nr. 10, Oktober 1927, S. 41–43.
Weblinks Lucia Schwalenberg: Musterschatz – Kollektionsentwicklung für die historische Beiderwandweberei in Meldorf Weberei – Stiftung Mensch Stadt Meldorf: Museumsweberei
Einzelnachweise
Kategorie:Museum im Kreis Dithmarschen Kategorie:Webereimuseum Kategorie:Kultur (Meldorf) Kategorie:Bauwerk in Meldorf Kategorie:Bauwerk im Kreis Dithmarschen Kategorie:Museumsgründung 1896