Frühe Kraniche (, ) ist ein 1975 zuerst in russischer SpracheDie Übersetzung ins Aitmatows kirgisische Muttersprache erschien 1978. – Jupargul O. Kaniyazova: Typology of plot and images in Karakalpak and Kyrgyz stories. In: Central Asian Journal of Literature. Jg. 3, Nr. 8, 2022, , S. 46–51. Hier S. 46 (pdf). erschienener Text des sowjetisch-kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Die Erstveröffentlichung der Novelle,Nasar S. Roomi: Chingiz Aitmatov and the war. In: Menon Ravinder Nath u. a. (Red.): Русистика в мировом пространстве. традиции и перспектив; Материа лы Международной научно-практической конференции в онлайн-фор мате (Индия, 16–17 октября 2020 года). Mapyral, Sankt Petersburg 2021. ISBN 978-5-6043747-5-7. S. 161–165. Hier S. 162 (pdf). die auch als KurzromanA. A. Mamatova, Bekmurza Zuluyev, M. U. Muzulmanov: Aitmatov’s characters infusing the heart of a child with the good and their study at school. In: Elena G. Popkova, Bruno S. Sergi (Hrsg.): Scientific and technical revolution. Yesterday, today and tomorrow. Springer, Cham 2020. ISBN 978-3-030-47945-9. S. 960–968. Hier S. 960. oder Roman firmiert, erfolgte in der Zeitschrift Nowy mir (1975, Nr. 9).Kaniyazova, Typology of plot and images in Karakalpak and Kyrgyz stories, S. 46. Die deutschsprachige Übersetzung von Charlotte Kossuth erschien 1976 im Verlag Volk und Welt. Kurzbeschreibung Fünf kirgisische Schüler, angeführt vom 14-jährigen Sultanmurat, erhalten während des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe, 200 Hektar Brache in der Aksai-Gemarkung urbar zu machen, wofür sie zunächst ihre Pflug-Pferde hüten und aufpäppeln. „Mit Beginn des Frühlings gehen sie nach Aksai, um Getreide zu säen. Ihre Arbeit läuft nicht gut, denn Diebe stehlen vier ihrer Pferde. Als Sultanmurat sie verfolgt, schießen sie sein Pferd nieder. Die Geschichte endet mit der Beschreibung von Sultanmurat, der den Leichnam seines toten Pferdes vor einem Wolf bewacht.“„With the onset of spring, they go to Aksai to sow crop. Their work does not go well, as thieves steel four of their horses. When Sultanmurat pursues them, they shoot down his horse. The story ends with the description of Sultanmurat guarding the body of his dead horse from wolves“ – Kaniyazova, Typology of plot and images in Karakalpak and Kyrgyz stories, S. 49. Inhalt Die Erzählung schildert zu Anfang den Schulalltag kirgisischer Schülerinnen und Schüler im Zweiten Weltkrieg. Die Lehrerin Inkamal-apai erzählt ihnen von Ceylon, Java, Borneo und Australien, „wunderbare Gegenden, ewiger Sommer, Krokodile, Affen, Palmen und sonstige märchenhafte Dinge. Das größte aller Wunder war jedoch das Känguruh!“Tschingis Aitmatow: Frühe Kraniche. Roman. Aus dem Russischen von Charlotte Kossuth. 7. Auflage. Goldmann, München 1992. ISBN 3-442-09292-2. S. 15. Draußen dagegen fällt „harter Graupelschnee“,Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 9. es ist völlig unzureichend geheizt,Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 10. das Leben der Lernenden besteht aus „Kälte im Klassenzimmer, Kälte durch das Wort ‚Krieg‘, kalten Nachrichten von der Front“.„cold in the classroom, cold from the word 'war', cold news from the front line“ – Mamatova et al., Aitmatov’s characters infusing the heart of a child with the good and their study at school, S. 962. Der Schüler Sultanmurat erinnert sich in Rückblenden an Episoden aus seiner Vorkriegs-Idylle. „Alles vor dem Krieg war schon wie eine fremde Welt; kaum zu glauben, daß es so was gab – Vorkriegszeit“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 37. und deren relativer Wohlstand: „Als der Vater einrückte, hatten sie ein Dutzend Schafe besessen – keins war mehr übrig: Zwei hatten sie geschlachtet, um Fleisch zu haben, die andern verkauft, um Geld für die Anleihe, die Kriegssteuer und andere Zahlungen aufzubringen“, so dass nur noch eine Milchkuh und ein Esel blieben.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 71.
Der Schulalltag wird unterbrochen durch das Erscheinen des Kolchos-Vorsitzenden Tynalijew, der im Klassenraum auftaucht und sich ausgehend von den letzten Ernteverlusten an die Schüler wendet: „Es ist Krieg. […] Wenn sich aber alle mit solchen Verlusten abfinden, zuwenig aussäen, zuwenig ernten wie wir, dann kann es geschehen, daß wir den Feind nicht bezwingen. Ja, um ihn zu besiegen, brauchen wir Brot und Waffen. Ich bin zu euch gekommen, Kinder, weil ein paar von euch vorübergehend wegmüssen von der Schule.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 41. Für die Aufgabe, 200 HektarAitmatow, Frühe Kraniche, S. 42. in der Aksaier Flur „am Steppenhang der Vorberge vom Großen Manas-Kamm“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 85. urbar zu machen, melden sich viele Freiwillige. „Hier war die Gelegenheit: Schluß mit der Schule. Arbeit – hoch zu Pferd. Was wollte man mehr?“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 47. Ausgewählt aber werden aufgrund ihrer jeweiligen Vorerfahrungen die Schüler Sultanmurat und Antai, die beide für die Schülerin Myrsagül schwärmen, zusammen mit drei weiteren Klassenkameraden.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 44–48. „Die Zeit drängte. Schon ging der Januar zu Ende. […] Nach Tynalijews Berechnung sollten die Pflüge Ende Februar, sowie der Land schneefrei war, nach Aksai gebracht werden.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 53. Kommandant der kleinen Arbeitsbrigade wird Sultanmurat. „Das war freilich nicht ohne Zusammenstoß mit Anatai abgegangen.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 54.
Die erste Aufgabe der fünf Brigadisten ist es, die benötigten Pferde auszuwählen, sich um sie zu kümmern, die dank der Kriegsmängel unterernährten und verwahrlostenAitmatow, Frühe Kraniche, S. 50. Tiere aufzupäppeln – mit Erfolg. „Es dauerte nicht lange, da kamen die Leute eigens herbei, um sie zu bewundern. Als wären das gar nicht die einstigen Klepper, sondern neugeborene Fohlen. Die alten Männer versäumten keine Gelegenheit, darüber zu disputieren, daß es auf Erden kein feinfühligeres Lebewesen gebe als das Pferd, wenn es nur in arbeitsamen, ordentlichen Händen ist. Ein Quentchen Gutes dankt es einem hundertfach.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 61. Nah den Pferden und fern dem Schulalltag merkt Sultanmurat erst, was er für Myrsagül wirklich empfindet. „Er wußte noch nicht, wie man all das nannte, was mit ihm geschah. Verschwommen ahnte er, es war Liebe, von der er aus Erzählungen anderer gehört und in Büchern gelesen hatte.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 78. Da Sultanmurat Myrsagül nicht mehr in der Schule sieht, gesteht er seinem Bruder Adshymurat, sie heiraten zu wollen, „sowie der Vater heimkommt“,Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 93. und bittet Adshymurat, ihr einen Liebesbrief zu überbringen.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 94. „Erregt und sehnsüchtig wartete er auf Antwort von Myrsagül, Tag für Tag erlöste ihn daraus spätabends erst ein todesähnlicher Schlaf.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 100. Schließlich macht Myrsagül Sultanmurat unter anderem durch ein mit ihren Initialen besticktes Seidentüchlein deutlich, dass sie die Liebe erwidert.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 112.
Das Verhältnis zu Anatai bessert sich, nachdem Anatai die Nachricht vom Kriegstod seines Vaters erhalten hat und der „freche, starke, böse Anatai“ somit „vom Unglück zerschmettert“ ist.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 124. Nachdem Tynalijew und der Brigadier Tschekisch auf der Aksaier Flur die Flurstücke eingeteilt und den Feldlager-Standort ausgesucht haben,Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 116. treten die ersten drei Brigadisten, darunter Sultanmurat und Anatai, zu ihrem Dienst auf der Aksaier Flur an, während zwei weitere noch im heimischen Dorf helfen müssen. Es ist eine beschwerliche Arbeit für die drei Jungen ebenso wie für die Pferde, „die feuchte Erde glitschte unter ihren Hufen weg, das Geschirr war bleischwer vor Nässe, die Pflugschare blieben stecken, versackten in den klebrigen Neulandschollen.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 131. Sultanmurat vermisst Myrsagül: „Ich konnte sie vor der Abreise nicht mehr treffen. Ihr Tüchlein trage ich bei mir, allezeit. Vor Schnee und Regen geschützt. An sie denke ich immerzu. Ich kann nicht anders. Sonst würde alles öde um mich, und das Leben machte mir keine Freude mehr.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 134. Am Tag, bevor die zwei noch fehlenden Brigadiere zu ihnen stoßen sollen, sehen die drei Brigadiere frühe Kraniche über den Himmel ziehen, Symbole für Güte und große Fruchtbarkeit.„symbol of goodness and great fertility“ – Kaniyazova, Typology of plot and images in Karakalpak and Kyrgyz stories, S. 50. „Sultanmurat fiel ein, daß ein früher Kranichzug ein gutes Vorzeichen ist.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 141. Doch in der Nacht werden die drei Jungen in ihrer Jurte von zwei Räubern überfallen, die sie fesseln und knebeln. „Sie verließen die Jurte schniefend, fluchend, hustend und spuckend. Sultanmurat hörte, wie sie sich bei den Pferden zu schaffen machten“,Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 149. vier der zwölf Pferde mitnehmen, um sie in Taschkent als Fleisch zu verkaufen.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 151. Die drei Brigadisten können sich befreien, einer soll in der Jurte bleiben, Anatai mit einem Pferd Hilfe holen, Sultanmurat mit einem anderen Pferd den Räubern nachsetzen.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 153. Die beiden verfolgten Pferdediebe schießen Sultanmurat sein Reittier – sein Lieblingspferd – unter dem Hintern weg und machen sich weiter davon.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 155. „Witternd und mit dem Wind immer deutlicher den Geruch frischen Blutes spürend, näherte sich der Wolf in kurzen Sätzen dem Ort, von dem dieser starke, ihn derart anregende Reiz ausging.“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 157. Sultanmurat dreht den Zaum des toten Pferdes „zu einer Knute zusammen, wickelte auch noch die Zügel darum, nur das schwere eiserne Gebiß ließ er herausragen. Das war jetzt seine Waffe“, mit der er den angreifenden Wolf erwartet.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 159. Die Erzählung endet, bevor der Angriff beginnt. Textanalyse Bei Tschingis Aitmatows seinem Sohn Askar Aitmatow (, *1959) gewidmetenDzhirgal A. Kutmanalieva: India in the works of Chingiz Aitmatov. In: O.A. Urozhenko (Hrsg.): Культура и мир – священный оплот человечества. Материалы VIII междунар. науч.-обществ. форума, посвященного 75-летию Пакта Культуры (Пакта Рериха). Дели – Кулу – Шимла – Калимпонг. 22 октября – 5 ноября 2010 года. Perm 2012. ISBN 978-5-93214-059-8. (html). Text Frühe Kraniche handelt es sich um eine teils in Auktorial-, teils in Personal-Form erzählte Novelle, die auch als Kurzroman oder Roman firmiert. Ort der Handlung ist ein Dorf und dessen Umland „am Fuß des verschneiten Manas“Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 81. im Talas-Alatau, in einer Rückblende auch die Stadt Dschambul,Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 8. eine Tagereise mit dem Pferdekarren oder über 50 Kilometer vom Dorf entfernt.Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 12. Zeit der Handlung ist der Winter und der Vorfrühling der Jahre 1942/43.Der Besuch Sultanmurats in Dschambul war im Sommer ein Jahr vor dem Krieg (Aitmatow, Frühe Kraniche, S. 11). Die Sowjetunion kämpfte gegen Deutschland ab dem 22. Juni 1941, also war der Dschambul-Besuch im Sommer 1940. „Vorletztes Jahr also, kurz vor Ferienbeginn,“ lud Sultanmurats Vater Bekbai seinen Sohn zur Mitfahrt nach Dschambul ein (S. 12), so dass die erzählte Zeit im Jahre 1942 beginnt. Themen