mini|Porträtfotografie von Karl von Spitzemberg (vor 1880) des Fotoateliers Loescher & Petsch in Berlin Friedrich Heinrich Karl Freiherr von Spitzemberg (* 19. September 1826 in Stuttgart; † 13. Dezember 1880 in Berlin) war ein deutscher Diplomat. Spitzemberg war königlich württembergischer Gesandter im Russischen Kaiserreich, in der Schweiz und im Königreich Preußen sowie württembergischer Bevollmächtigter beim Zollbundesrat und später beim Bundesrat des Deutschen Kaiserreiches. Er war der Ehemann von Hildegard von Spitzemberg, die durch ihr Tagebuch, eine in der Historiographie vielfach zitierte und aus unmittelbarem Erleben verfasste Quelle für die deutsche Politik- und Kulturgeschichte zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg, große Bekanntheit erlangte.

Leben mini|Wappen der Familie von Spitzemberg Familie Herkunft Friedrich Heinrich Karl Freiherr von Spitzemberg entstammte dem Adelsgeschlecht von Spitzemberg (ab 1893 auch Hugo von Spitzemberg), eine Familie die ursprünglich aus dem Herzogtum Lothringen kam. Deren Angehörige erhielten im Januar 1535 den lothringischen Adelsstand. Charles Hyacinth Hugo wurde am 20. November 1736 in den lothringischen Ritterstand erhoben. Er heiratete Anna l'Huiller de Spitzemberg und führte seit dem das Prädikat von Spitzemberg.Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der freiherrlichen Häuser. 43. Jahrgang, Justus Perthes, Gotha 1893, Seite 403–404.

Dessen Sohn Charles Louis Toussaint Baron Hugo de Spitzemberg (* 1736 in Saint-Dié-des-Vosges) diente als Offizier in der Österreichischen Armee und kämpfte unter anderem in fünf Feldzügen während des Siebenjährigen Krieges. Er nahm 1769 als Major seinen Abschied. 1793 wurde er ein Opfer der Französischen Revolution, aufständische Bauern erschlugen ihn im Schloss von St. Die. Seine Ehefrau Anne Marie Catherine de Bazelaire († 1820) und ihre Kinder flüchteten daraufhin in das benachbarte Württemberg, wo ihnen 1833 der Adels- und Freiherrenstand bestätigt wurde.Ernst Heinrich Kneschke: Neues allgemeines deutsches Adels-Lexicon. Band 8, Friedrich Voigt’s Buchhandlung, Leipzig 1868, Seite 568. (Digitalisat.)

Eltern und Geschwister Franz Xaver von Spitzemberg (* 21. Juli 1781 in Saint-Dié-des-Vosges; † 30. Mai 1864 in Stuttgart), ein Sohn von Charles Louis Toussaint und der erste Spitzemberg in württembergischen Diensten, wurde Generalleutnant in der Württembergischen Armee und Hofjägermeister. Er heiratete am 24. Oktober 1823 Elisabeth Juliane Caroline Charlotte (* 29. April 1803 in Berlin; † 15. Juli 1857 in Stuttgart), eine geborene Freiin von Massenbach und Staatsdame von Königin Pauline von Württemberg.Edmund von der Becke-Klüchtzner: Der Adel des Königreichs Württemberg. Neu bearbeitetes Wappenbuch mit genealogischen und historischen Notizen. Kohlhammer, Stuttgart 1879, Seite 298. Sie war eine Tochter des württembergischen Staatsrates sowie Direktor der Oberrechnungskammer Eberhard Freiherr von Massenbach (* 1760; † 1825).Edmund von der Becke-Klüchtzner: Der Adel des Königreichs Württemberg. Neu bearbeitetes Wappenbuch mit genealogischen und historischen Notizen. Kohlhammer, Stuttgart 1879, Seite 392.

Karl war einer von vier Söhnen des Paares, sein älterer Bruder Wilhelm (* 1825; † 1888) diente zuletzt als württembergischer General der Infanterie und Generaladjutant. Dessen Tochter Amélie von Soden wurde Landtagsabgeordnete.

Beruflicher Werdegang Ausbildung und erste Berufserfahrungen Spitzemberg besuchte das Gymnasium in Stuttgart und begann ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen und der Universität Bonn, das er an der Universität Heidelberg beenden konnte.Nicole Bickhoff: Spitzemberg, Carl Friedrich Heinrich Freiherr Hugo von. In: Nicole Bickhoff (Bearb.): Gestatten, Exzellenzen. Die württembergische Gesandtschaft in Berlin. Landesarchiv Baden-Württemberg / Kohlhammer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-026342-0, Seite 104–106. In Tübingen war er seit 1845 Mitglied der Studentenverbindung Corps Suevia Tübingen.Otto Gerlach (Bearb.): Kösener Corpslisten 1960. Selbstverlag Verband Alter Corpsstudenten, o. O., o. J., Seite 1530, 129, Nr. 87. Nach dem Studium wurde er als Referendar in den württembergischen Justizdienst übernommen und war von 1851 bis 1853 Gerichtsaktuar am Oberamtsgericht Heilbronn und am Oberamtsgericht Stuttgart sowie von 1854 bis 1855 Assessorratsverweser beim Zivilamt des Gerichtshofes zu Ellwangen.Heinrich von Poschinger: Fürst Bismarck und der Bundesrat. 2. Band: Der Bundesrat des Zollvereins (1868−1870) und der Bundesrat des Deutschen Reiches (1871−1873). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / Leipzig 1897, Seite 141–145.

Der württembergische Außenminister Karl Eugen von Hügel berief Spitzemberg 1855 in sein Ministerium, der ihm bestätigte, das er Talent mit Kenntnissen und Fleiß verbinde und das er über die erforderliche Geschäftsgewandtheit verfüge die für den Eintritt in den diplomatischen Dienst nötig wäre.Nicole Bickhoff: Einer der begabtesten und gewandtesten diplomatischen Agenten [...] gerade unter den jetzigen Verhältnissen. Carl Freiherr Hugo von Spitzemberg als württembergischer Gesandter in Berlin. In: Wolfgang Mährle (Hrsg.): Württemberg und die Deutsche Frage 1866−1870. Politik – Diskurs – Historiografie. Kohlhammer, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-17-037530-7, Seite 49–62. Er arbeitete zunächst als Legationssekretär bei der Gesandtschaft in Wien im Kaisertum Österreich und 1856 als solcher bei der Gesandtschaft in Paris im Französischen Kaiserreich.Karl von Riecke: Karl Freiherr von Spitzemberg †. (Nekrolog), In: Schwäbischer Merkur., Nr. 298, Ausgabe: Stuttgart / Donnerstag 16. Dezember 1880, Seite 5.

Gesandter in Russland und der Schweiz mini|Eigenhändiger Brief von Karl von Spitzemberg vom 27. Oktober 1874 mit der Bitte an den Geheimen Kanzleirat Friedrich Bernhard Happel, Bürodirektor des Deutschen Reichstages, um eine weitere Besucherkarte anlässlich der Eröffnung des Reichstages am 29. Oktober 1874 im Weißen Saal des Berliner Schlosses. Bereits 1860 wurde er zum Wirklichen Legationsrat befördert und zum Geschäftsträger der württembergischen Gesandtschaft in Sankt Petersburg in Russland ernannt.Tobias C. Bringmann: Handbuch der Diplomatie 1815–1963. Auswärtige Missionschefs in Deutschland und deutsche Missionschefs im Ausland von Metternich bis Adenauer. Sauer, München 2001, ISBN 978-3-598-11431-1, Seite 421. Der Posten hatte keine größere politische Bedeutung, allerdings hatte Spitzemberg eine protokollarische Sonderstellung auf Grund der engen dynastischen Verbindungen des Zarenhauses Romanow mit den Württembergern. Eine Beziehung, die 1846 durch die Heirat des Thronfolgers Karl von Württemberg mit der Zarentochter Olga noch vertieft wurde.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin von Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches. 5. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, Seite 23–25, ISBN 3-525-35811-3. In Sankt Petersburg kam Spitzemberg auch in engeren Kontakt mit Otto von Bismarck, der als preußischer Vertreter bis 1862 Gesandter am Zarenhof war. Beide verband seitdem mehr als nur eine kollegiale Zusammenarbeit, das Verhältnis wurde im Laufe der Zeit ein freundschaftliches.

Im Frühjahr 1865 nach Württemberg zurückgekehrt, konnte Spitzemberg im Juni 1865 für die Maschinenfabrik Esslingen und deren Gründer Emil Keßler einen Vertrag über die Lieferung von 34 Lokomotiven für die neugebaute Südrussische Bahn (die Strecke von Odessa nach Balta) vermitteln.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin von Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches. 5. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-35811-3, Seite 63–64. Das Verhältnis zu Bismarck war nun so vertraut, dass der preußische Ministerpräsident im August 1865 auf der Rückfahrt von Bad Gastein, nach der Unterzeichnung der Gasteiner Konvention zwischen Preußen und Österreich über den weiteren Status der Elbherzogtümer, Spitzemberg und seine Ehefrau besuchte und ihn über den Inhalt des Vertrages unterrichtete.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin von Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches. 5. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-35811-3, Seite 64. Anwesend war auch Karl von Varnbüler, Spitzembergs Schwiegervater, der im Herbst 1864 zum württembergischen Außenminister berufen wurde.

Im Herbst 1865 wurde Spitzemberg für kurze Zeit als Gesandter an die neu geschaffene württembergische Vertretung nach Bern in die Schweiz versetzt. Am 10. Oktober 1865 übergab er in einer feierlichen Zeremonie seine Creditive dem Schweizer Bundesrat und erhielt kurz darauf Besuch von Karl Schenk, dem Schweizer Bundespräsidenten.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin von Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches. 5. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-35811-3, Seite 64. Die Versetzung von dem prunkvollen und aufwändigen Leben am Zarenhof in Sankt Petersburg nach Bern erlebten die Spitzembergs als starken Kontrast. Gleichwohl fiel ihnen der Abschied von den ruhigen und nüchternen Verhältnissen in der Schweiz und das Verlassen ihres Schlösslis nahe der schwäbischen Heimat nach nur einem Jahr schwer.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin von Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches. 5. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-35811-3, Seite 73. Die württembergische Gesandtschaft in der Eidgenossenschaft bestand auch nur wenige Jahre, bereits 1873 wurde sie wieder aufgelöst.Württembergische Gesandtschaft in der Schweiz und Württembergisches Konsulat Bern in Landesarchiv Baden-Württemberg

Gesandter in Preußen und Bevollmächtigter zum Bundesrat Mit dem Ende des Deutschen Krieges erhielt Spitzemberg auf Betreiben von Varnbüler im Herbst 1866 die Ernennung zum württembergischen Außerordentlichen Gesandten und Bevollmächtigten Minister nach Preußen in Berlin, zur besonderen Genugtuung von Bismarck, der dessen Wahl als württembergischen Vertreter ebenfalls befürwortete.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin von Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches. 5. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-35811-3, Seite 72–73. Spitzemberg bezog nun, nach seiner Rangerhöhung zum Geheimen Legationsrat, ein etatmäßiges Jahresgehalt von 14.000 Gulden und war gleichzeitig als Gesandter in Dresden im Königreich Sachsen akkreditiert.

Das Königreich Württemberg war während des Deutschen Krieges einer der Verbündeten des Österreichischen Kaiserstaates, das aber zu den Verlierern des Krieges gehörte. Dass es dabei zu keinen größeren Nachteilen für Württemberg kam, lag vor allem an der Haltung Russlands. Die Zarenfamilie sah sich durch die engen verwandtschaftlichen Verbindungen mit den Württembergern verpflichtet, Einfluss auf Preußen auszuüben. Spitzemberg selbst war zusammen mit Varnbüler als Vertreter des Königreiches Württemberg an den Friedensverhandlungen mit Preußen in Berlin beteiligt, die am 18. August 1866 zum Abschluss eines Friedensvertrages führten. Württemberg musste keine Gebietsverluste hinnehmen und hatte lediglich eine Kriegskostenentschädigung von 8 Millionen Gulden zu zahlen. Bereits am 13. August 1866 schloss Württemberg als erster der Süddeutschen Staaten ein Schutz- und Trutzbündnis mit Preußen, dem sich in der Folge auch alle weiteren Staaten südlich der Mainlinie anschlossen.Nicole Bickhoff (Bearb.): Gestatten, Exzellenzen. Die württembergische Gesandtschaft in Berlin. Landesarchiv Baden-Württemberg / Kohlhammer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-026342-0, Seite 140.