Der Dispensationalismus ist eine heilsgeschichtlich orientierte Form der Bibelauslegung, die mit einer bestimmten Lehre von der Endzeit verknüpft ist. In Anlehnung an die Lehre altkirchlicher Theologen (Irenäus von Lyon, Augustinus) wird davon ausgegangen, dass die Heilsgeschichte als Abfolge verschiedener „Haushaltungen“ (Dispensationen) oder Zeitalter verstanden werden müsse. Diesen werden jeweils spezifische Episoden göttlicher Offenbarung bzw. göttlicher Prüfungen der Menschheit zugeordnet. Dabei wird zwischen dem Gottesvolk Israel und der (christlichen) Kirche zumeist eine scharfe Trennlinie gezogen. Für das Ende der Zeiten wird eine Massenbekehrung der Juden zu Jesus als ihrem Messias erwartet.

Die biblischen Texte gelten Dispensationalisten üblicherweise als irrtumsfrei. Ihre Auslegung orientiert sich am Grundsatz der Verbalinspiration.Vgl. etwa William V. Trollinger, Jr.: Protestantism and Fundamentalism. In: Alister E. McGrath, Darren C. Marks (Hrsg.): The Blackwell Companion to Protestantism. Blackwell, Malden MA u. a. 2004, ISBN 0-631-23278-8, S. 344–356, hier S. 346: “if read literally – hence the importance of inerrancy – the Bible (particularly the books of Daniel and Revelation) provides a sure guide to the past, present, and future of human history.” Repräsentativ für einen Großteil des Dispensationalismus ist die einflussreiche Auffassung von Charles C. Ryrie, wonach der Dispensationalismus auf drei Prinzipien basiere: (1) einer Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche, (2) einer literalistischen (Bibel-)Hermeneutik, (3) der Auffassung, dass die Herrlichkeit Gottes der der Welt zugrundeliegende Zweck Gottes sei, vgl. Charles C. Ryrie: Dispensationalism. Revised and expanded. Moody Press, Chicago IL 1995, ISBN 0-8024-2187-3, S. 38–40. Einige jüngere Adaptationen allerdings modifizieren oder dispensieren eines oder mehrere dieser Prinzipien. Der so verstandene biblische Text soll Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit erklären. Dazu werden für biblische Prophetien Entsprechungen auch in jüngeren geschichtlichen Entwicklungen gesucht. Beispielsweise wird vielfach die Gründung des Staates Israel 1948 als Erfüllung der Prophetie verstanden, wonach Gott sein Volk wieder versammeln werde.W. T. Stancil: Dispensational Theology. In: New Catholic Encyclopedia. Band 4, 2. Auflage 2003, S. 776. Zum Thema Israel im Dispensationalismus und verwandten Strömungen ausführlich Paul Boyer: The Middle East in Modern American Popular Prophetic Belief. In: Abbas Amanat, Magnus Bernhardsson (Hrsg.): Imagining the End. Visions of Apocalypse from the Ancient Middle East to Modern America. I. B. Tauris, London u. a. 2002, ISBN 1-86064-724-3, S. 312–335. Bekannte Beispiele sind die Neuauflagen der Scofield Reference Bible seit 1967 (vgl. Shalom Goldman: Zeal for Zion. Christians, Jews, and the Idea of the Promised Land. University of North Carolina Press, Chapel Hill NC 2009, ISBN 978-0-8078-3344-5, S. 35) oder Harold L. Lindsey, dessen Buch The Late Great Planet Earth von 1970 das mit 7,5 Millionen Exemplaren meistverkaufte nichtfiktionale Buch der 1970er Jahre war (vgl. Thomas D. Ice: Harold L. Lindsey. In: Mal Couch (Hrsg.): Dictionary of premillennial theology. Kregel, Grand Rapids MI 1996, ISBN 0-8254-2351-1, S. 241 f., hier 241; Crawford Gribben: Writing the Rapture. Prophecy Fiction in Evangelical America. Oxford University Press, New York NY u. a. 2009, ISBN 978-0-19-532660-4, S. 8).

Der Dispensationalismus entstand um 1830 im Kontext der Brüderbewegung und stellt im 21. Jahrhundert „eine der populärsten Schulströmungen der Theologie und Bibelauslegung unter konservativen evangelikalen und fundamentalistischen Protestanten“ dar.J. Gordon Melton: Dispensationalism. In: J. Gordon Melton (Hrsg.): Encyclopedia of Protestantism. Facts On File, New York NY 2005, ISBN 0-8160-5456-8, S. 188–190, hier S. 188.

O. Palmer Robertson, Dozent an reformatorisch geprägten theologischen Seminaren in den USA, meint, Bundestheologen und Dispensationalisten stünden in der Bezeugung der Hauptlehren der Heiligen Schrift Seite an Seite. Beide Gruppen wehrten nach seinem Urteil Angriffe von Modernismus, Neo-Evangelikalismus und gefühlsbetontem Christentum ab.Palmer Robertson: The Christ of the Covenants. Presbyterian and Reformed Publishing Co, Phillipsberg NJ 1981, ISBN 0-87552-418-4, S. 201–202. In: Iain H. Murray: John MacArthur. Dienst am Wort und an der Herde. Betanien, Oerlinghausen 2012, ISBN 978-3-935558-48-8, S. 210–211.

Begriff Dispensation ist die lateinisch-englische Übersetzung des griechischen Wortes oikonomia („Hausgesetz“), das im Neuen Testament unter anderem in („Verwaltung Gottes“), („Verwaltung der Gnade Gottes“) und („Verwaltung der Fülle der Zeiten“) vorkommt. Eine Dispensation wird als Zeitspanne in Gottes Heilsplan definiert, in der eine bestimmte charakteristische geistliche Zielsetzung bestehe, die sie von anderen unterscheidet. Sie lässt Menschen dieser Zeit gewisse Gaben, Segnungen und Güter zukommen, die es zu anderen Zeiten so nicht gab oder geben wird, und stellt sie zugleich vor eine bestimmte Verantwortung. Zentral ist hierbei die Unterscheidung der Heilskörperschaften Israel und Gemeinde. Eine oder mehrere Dispensationen bilden zusammen einen Äon.

Viele Dispensationalisten berufen sich auf , wo Timotheus aufgefordert wird, „ein Arbeiter zu sein, der das Wort der Wahrheit richtig schneidet“ (griech. ortho-tomeo). Dies verstehen sie als Zuordnen der einzelnen Bücher der Bibel zu entsprechenden Heilszeiten und Empfängern. Versäume man dies, entstünden Widersprüche: Gott gebe je nach Heilsabschnitt unterschiedliche Anweisungen. Jeder Christ, der sich beispielsweise nicht an Opferregeln und Speisegesetze des Alten Testaments halte, sei in diesem Sinn bereits ein Dispensationalist, auch ohne sich dessen bewusst zu sein. mini|500px| Schema der prämillenaristischen Sicht des Tausendjährigen Reiches

Zum Dispensationalismus gehört in der Regel eine prämillennialistische Eschatologie. Die genaue Datierung künftiger Ereignisse lehnen die meisten Dispensationalisten aber als unbiblische Spekulation ab – zum einen aufgrund der Warnungen in und , zum anderen mit der Begründung, dass alle Prophezeiungen (des Alten Testaments) Israel beträfen, die Dauer der jetzigen Heilszeit der Gemeinde als Einschub in der Bibel nicht genannt sei und daher eine unbekannte Größe bleibe. Genaue Berechnungen seien daher nicht möglich.

Vorläufer und Bezugsautoren des modernen Dispensationalismus Urkirche Ansätze einer heilsgeschichtlichen Periodisierung in Weltzeitaltern finden sich bereits in den Schriften der Urkirche, insbesondere im Hebräerbrief und im 2. Petrusbrief. Der Hebräerbrief legt den Grund, dass die sichtbare Schöpfung eine zeitliche Abfolge von Weltzeitaltern durchläuft: „Durch Glauben verstehen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet wurden, so dass das, was man sieht, aus nichts geworden ist“ ().

Der Apostel Petrus entfaltet in seinem zweiten Brief eine ausdrückliche Dreiteilung der Weltzeitalter: „… durch welche die damalige Welt, mit Wasser überschwemmt, umkam. Die jetzigen Himmel und die Erde aber sind durch dasselbe Wort aufbewahrt, um für das Feuer aufbewahrt zu werden … Wir erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (. Petrus unterscheidet somit drei aufeinanderfolgende Welten: (1) die „damalige Welt“, die durch die Sintflut zugrunde ging, (2) die „jetzigen Himmel und die Erde“, die dem Feuergericht am Ende der Tage entgegensehen, und (3) die „neuen Himmel und die neue Erde“, die die endgültige Heilsvollendung darstellen ().

Alte Kirche Diese Dreiteilung wurde von frühchristlichen Autoren aufgegriffen. Der Barnabasbrief (um 70–130 n. Chr.) lehrt in Kapitel 15 eine Weltwoche von 6000 Jahren, worauf das tausendjährige Sabbatreich folgt – eine Struktur, die der petrinischen Abfolge von alter, gegenwärtiger und neuer Welt entspricht.

Justin der Märtyrer (um 100–165) führt im Dialog mit Trypho (Kapitel 81) aus, dass die Propheten zwei Wiederkünfte Christi verkündigt haben: eine, in der er als leidender Mensch erschien, und eine zweite, in der er mit Herrlichkeit kommen werde, um das tausendjährige Reich in der neuen Erde zu errichten.

Irenäus von Lyon (135–202) unterschied in seinen Schriften gegen die Häresien (II, XI. 8) vier Bündnisse, das adamitische vor der Sintflut, das zweite unter Noah, das dritte unter Moses (Gesetz), das vierte unter Jesus bis zur vollständigen Wiederherstellung des Menschen.Charles C. Ryrie: Dispensationalism. Revised and expanded. Moody Publishers, Chicago IL 2007, ISBN 978-0-8024-2189-0, S. 72.

Clemens von Alexandria (150–215) unterschied drei patriarchalische Epochen: Adam, Noach und Abraham sowie die mosaische Zeit. Augustinus von Hippo entwickelte in seinem Werk „Vom Gottesstaat“ (413–427) einen Plan von sieben Weltzeitaltern: 1. Adam bis Noach, 2. Noach bis Abraham, 3. Abraham bis David, 4. David bis Exil, 5. Exil bis Inkarnation, 6. Inkarnation bis Parusie, 7. Millennium. Wie andere nach ihm bezog er die Schöpfungswoche zusammen mit der Aussage der Bibel, dass für Gott 1000 Jahre wie ein Tag sind (; 2. Petrusbrief 3,8), auf die gesamte Menschheitsgeschichte. Bis zur Inkarnation (Geburt Jesu) ging Augustinus von 5000 Jahren aus. Auch Isidor von Sevilla (560–636) und Beda Venerabilis (673–735) schlossen sich dieser Meinung an.

Mittelalter Joachim von Fiore (1135–1202) sah in den sieben Siegeln der Offenbarung sieben Zeitalter der Kirchengeschichte und teilte die Menschheitsgeschichte in drei Epochen ein: Zeit des Vaters (Altes Testament), Zeit des Sohnes (Neues Testament) und Zeit des Heiligen Geistes (Erneuerung).Max S. Weremchuk, Haben wir die Endzeit verpasst?, St. Alcuin of York Anglican Publishers / BoD, Norderstedt 2015, S. 201.

Reformation und Neuzeit Thomas Brightman (1562–1607) dagegen deutete die sieben Gemeinden in der Offenbarung des Johannes auf sieben Zeitalter der Kirchengeschichte. Robert Pont (1524–1606), ein schottischer Theologe, verband Prophezeiungen aus Daniel und der Offenbarung und kam ebenfalls auf sieben Zeitalter der Menschheit, wobei nach ihm das sechste Zeitalter bereits im Jahr 1056 begonnen haben soll. Der Jesuit Kardinal Robert Bellarmin (1542–1621) und Francisco Ribera (1537–1591) vertraten in ihren Publikationen, dass die große Trübsalszeit 1260 Tage (statt Jahre, wie andere behaupteten) dauern werde und zukünftig sei.

Der englische Kleriker Thomas Brightman (1557/62–1607) legte die Gemeindezeitalter folgendermaßen fest: Ephesus: Zeit der Apostel bis Konstantin (ab 325); Smyrna: Konstantin bis Gratian (um 382); Pergamon: Machtausbau des Papsttums (382–1300); Thyatira: Kampf der wahren Kirche gegen den Katholizismus (1300–1520); Sardes: Reformation in Deutschland; Philadelphia: Reformation in der Schweiz; Laodizea: Anglikanische Kirche. Er zog bereits eine klare Trennung zwischen der Kirche und eines noch zu erwartenden buchstäblichen jüdischen Königtums und legte seine Auslegung in den Werken Apocalypsis Apocalypseos (1585) und A Most Comfortable Exposition of the last and most difficult parts of the Prophecie of Daniel (London 1644) dar.Max S. Weremchuk (2015), S. 202.

Der Franzose Pierre Poiret (1546–1719), die Engländer John Edwards (1637–1716) und Isaac Watts (1674–1748) sind weitere frühe Vertreter von dispensationalistischen Entwürfen.Charles C. Ryrie: Dispensationalism. Revised and expanded. Moody Publishers, Chicago IL 2007, ISBN 978-0-8024-2189-0, S. 81.

Entwicklung des modernen Dispensationalismus