Węgorzewo [] (deutsch Angerburg, oder Unguris; früher WengoborkAdolf Bötticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen, Heft VI: Masuren, Königsberg 1896. S. 7–20 (Google Books).) ist eine Stadt mit etwa 11.300 Einwohnern in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. Sie ist Sitz der gleichnamigen Stadt-und-Land-Gemeinde mit Einwohnern (Stand ). mini|300px|Rathaus Węgorzewo
Die Stadt ist eines der Zentren in der Region Ermland-Masuren. Ihr Name leitet sich von den Aalen, altpreußisch angurgis () ab, die hier früher in großer Zahl gefangen wurden.
Geographische Lage Der Ort liegt in der Masurischen Seenplatte im historischen Preußen am Ausfluss der Angerapp (Węgorapa) in den Mauersee (Mamry) bzw. Schwenzaitsee, etwa 95 Kilometer (Luftlinie) südöstlich von Königsberg (Kaliningrad) und 22 Kilometer nördlich der Stadt Lötzen (Giżycko). Die Entfernung zur Grenze der russischen Oblast Kaliningrad im Norden beträgt 20 Kilometer.
Geschichte mini|Angerburg 1684 (Christoph Hartknoch) mini|Historische Ansicht von Angerburg mini|Historische Ansicht des Neuen Marktes in Angerburg mini|Alte Fliegeraufnahme der Angerburger Altstadt, vorne rechts der Neue Markt, hinten rechts der mit Linden umstandene Kirchberg
Mittelalter Schon in einer Chronik aus dem Jahre 1335 wird eine „Angirburg“ erwähnt, bestehend aus einem Blockhaus, einer Palisade und einem Wachturm. In einem weiteren Dokument von 1341 wird berichtet, dass bei der Angerburg zwölf Prußen wegen treuer Dienste mit Land an den Flüssen Worape und Angrabe (Angerapp) vom Ritterorden belohnt wurden.Heinrich Gottfried Gengler: Regesten und Urkunden zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte der deutschen Städte im Mittelalter, Erlangen 1863, S. 46. 1363 zerstörte der litauische Großfürst Kynstudt die Angerburg.Lucas David: Preussische Chronik. Band 7, Königsberg 1815, S. 63. Doch an gleicher Stelle errichtete der Ritterorden dreißig Jahre später eine neue Burg, diesmal aus Stein. Sie sollte der weiteren Erschließung des Landes dienen.
Ende des 15. Jahrhunderts war die Gegend um die Angerburg bereits besiedelt. Es wurde Landwirtschaft betrieben und für den Bau einer Wassermühle der Mauersee bzw. Schwenzaitsee aufgestaut. Um 1450 hatte sich bei der Burg eine Ortschaft entwickelt, deren Name abwechselnd als Neudorf oder Gerothwol erwähnt wird.
Frühe Neuzeit Nach der Gründung des Herzogtums Preußen wurde die Angerburg Sitz des Amtshauptmanns. Dem Ort „Neudorf“ wurde am 4. April 1571 auf Antrag seiner Bewohner das Stadtrecht und der Name Angerburg verliehen. Bei einem Großbrand im Jahre 1608 wurden weite Teile der Stadt vernichtet, unter ihnen die 1528 errichtete Holzkirche und das gerade zwanzig Jahre alte Rathaus. 1576–1577 war Hans v. Ostau Burggraf und Amtshauptmann zu Angerburg.George Adalbert von Mülverstedt: Geschichtliche Nachrichten von dem altpreußischen Adelsgeschlecht von Ostau, Verlag E. Baensch jun., Magdeburg 1886, S. 115, Ziffer 51 (Google Books). mini|Blick auf die Stadt von der Angerapp aus Richtung Mauersee mini|Stadtzentrum mit Pfarrkirche mini|Blick auf das Schloss (2018) mini|Innenhof des Schlosses In den folgenden Jahrzehnten hatte die Stadt unter dem schwedisch-polnischen Krieg, den Tatareneinfällen und mehreren Pestepidemien, zuletzt 1710, zu leiden. Aufschwung erfuhr die Stadt erst wieder, als 1718 Angerburg zur Garnisonsstadt ernannt wurde. Nicht ohne Reibereien mit der Stadtbevölkerung wurden zunächst drei, bald darauf vier und nach einigen Jahren zehn Kompanien des Kürassierregiments Generalmajor v. Katt, die ‚Kattschen Reuter‘, in Angerburg einquartiert.Georg Bujack: General von Katt in Angerburg, in: Altpreussische Monatsschrift, Achtzehnter Band, Königsberg i. Pr. 1881, S. 343–349 (Google Books).
Zur Förderung der Wirtschaft wurde an der Angerapp ein Hafen gebaut, 1740 erhielt die Stadt ein Wasserleitungssystem und die Garnison baute zehn Kasernen. Zu dieser Zeit hatte Angerburg etwa 1800 Einwohner. Das v. Kattsche Kürassierregiment rückte im Jahr 1741 Anfang des Ersten Schlesischen Krieges von Angerburg aus.
Danach litten die Bewohner wieder unter den kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Siebenjährigen Krieg besetzten russische Truppen die Stadt, in den napoleonischen Kriegen schleppten zuerst die Russen Typhus ein, anschließend plünderten Franzosen und Polen die Stadt.
19. Jahrhundert 1818 wurde Angerburg Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises in Ostpreußen. 1820 trat wieder eine positive Entwicklung für die Stadt ein, ein Lehrerseminar und eine Taubstummenschule wurden eröffnet. Die Einwohnerzahl stieg auf 3500. Die Kanalisierung der Angerapp und der Ausbau des Hafens 1856 ließen das Gewerbe der Stadt weiter expandieren. Allerdings musste es die Stadt hinnehmen, dass 1858 die Garnison verlegt wurde. Auch das Landgericht und die Staatsanwaltschaft zogen von Angerburg weg, weil der Kreistag die Anbindung der Stadt an das neu entstehende Landstraßennetz und die Eisenbahn verhinderte. In Angerburg bestand bis 1824 das Stadt- und Amtsgericht Angerburg. 1824 wurde daraus das Land- und Stadtgericht Angerburg gebildet. Ab 1849 bestand das Kreisgericht Angerburg und ab 1879 das Amtsgericht Angerburg im Sprengel des Landgerichts Lyck.
Erst als 1898 endlich ein Bahnanschluss geschaffen wurde, konnte sich Angerburg als Handelszentrum etablieren. Große Bedeutung erfuhr die Stadt durch die Errichtung der Behindertenanstalt Bethesda, durch die sie deutschland- und europaweit bekannt wurde. Im 1842 gegründeten Verlag Priddat erschien die Zeitung Bote am Mauersee. Im Jahre 1886 wurde eine zweite Druckerei gegründet, die von 1905 an die Angerburger Kreiszeitung herausbrachte. Diese beiden Zeitungen wurden 1936 zwangsweise vereinigt.Bernd Braumüller, Erich Pfeiffer: Heimat am Mauersee, Ein Bildband über den Kreis Angerburg/Ostpreußen. Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Angerburg, Rotenburg (Wümme) 1977, S. 85.
20. Jahrhundert Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Angerburg wieder Garnisonsstadt. Zu diesem Zeitpunkt war die Bevölkerung auf 5800 Einwohner gestiegen. Bei der Schlacht an den Masurischen Seen im September 1914 kam es in der Umgebung Angerburgs zu heftigen Kämpfen. In der Nähe von Angerburg liegt der deutsch-russische Soldatenfriedhof Jägerhöhe. Nach Kriegsende wurde der aus Danzig stammende Architekt Curt Hempel nach Angerburg entsandt, wo er den Wiederaufbau der Stadt nach den Kriegszerstörungen leitete.Piotr Zygmunt Kowalski, Dawny gmach starostwa w Tczewie jako przyczynek do badań nad nowoczesną formą artystyczną u progu XX wieku, „Architektura Miast. Zbiór studiów“, t. XI, Architektura obiektów administracji państwowej i samorządowej w XIX I XX wieku, red. Bogna Derkowska-Kostkowska, Mateusz Soliński, Bydgoszcz 2024, s. 161. Der Krieg beeinträchtigte die Stadt nur wenig, und nach seinem Ende wuchs sie durch neue Siedlungsbauten.
Durch die Aufnahme eines regelmäßigen Schiffsverkehrs auf der Angerapp entstand mit dem Fremdenverkehr ein neuer Wirtschaftszweig. Angerburg war ein Zentrum des deutschen Eissegelns. Mehrfach wurden Europameisterschaften auf dem Mauersee durchgeführt.
Zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 lebten 7700 Menschen in der Stadt, die zunächst vom Einzug eines Reiterregimentes profitierte. Durch Eingemeindungen wuchs Angerburg weiter an, bei der letzten deutschen Volkszählung 1939 wurden 9846 Einwohner ermittelt.
Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Rote Armee näher rückte, wurde Angerburg, anders als die östliche Nachbarstadt Goldap, nicht von der deutschen Wehrmacht verteidigt, sondern im Zuge einer Frontbegradigung von ihr aufgegeben. Dadurch konnten die Einwohner planmäßiger als andernorts die Flucht antreten. Da die Rote Armee bereits auf Elbing vorgestoßen und Ostpreußen abgeschnitten war, blieb den meisten Angerburgern nur die Flucht über das Frische Haff oder den Seehafen Pillau. Am 25. Januar 1945 besetzte die Sowjetarmee kampflos die verlassene Stadt und brannte sie zu einem großen Teil nieder. In der Altstadt blieben nur wenige Gebäude erhalten. Der Stadtkern wurde zu etwa 80 % zerstört.
Im März 1945 unterstellte die Rote Armee die Stadt unter die Verwaltung der Volksrepublik Polen. Diese benannte Angerburg zunächst in Węgobork, dann in Węgorzewo um und unterzog die vorgefundenen Einwohner im Zuge der Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa einer „Verifizierung“, die, verbunden mit der Besiedlung durch Polen, einen nahezu völligen Bevölkerungswechsel zur Folge hatte. Unter den Neusiedlern waren zahlreiche Ukrainer aus den Beskiden.
Nach dem Ende der Volksrepublik 1989 gewann der Ort vor allem an Bedeutung für den Fremdenverkehr der Masurischen Seenplatte.
Demographie