mini|Prinz Samson Dido aus Didotown (Mitte) mit seinen beiden Ehefrauen und Sohn Depussi (vorne), Foto von 1886

Hagenbecks Kamerun-Völkerschau 1886 war eine Völkerschau (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo) einer Gruppe von acht indigenen Personen aus der 1884 gegründeten deutschen Kolonie Kamerun, die 1886 zuerst in Hamburg, danach in Berlin, Leipzig und Dresden zur Schau gestellt wurde. Zur Gruppe gehörte auch Prinz Samson Dido aus Didotown, der während des Aufenthaltes in Berlin vom deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm empfangen wurde.

Veranstalter der Schau war Carl Hagenbeck (1844–1913) aus Hamburg, der seit 1875 mit seinen „Völkerausstellungen“ für Aufmerksamkeit sorgte und hunderttausende zahlende Besucher anlockte.

Vorgeschichte Carl Hagenbeck beauftragte 1885 den Kaufmann Fritz Angerer, eine Expedition nach Kamerun zu unternehmen, um dort eine Völkerschau-Gruppe anzuwerben. Angerer schloss am 24. April 1886 einen Vertrag mit Prinz Samson Dido über eine mehrmonatige Tournee durch das Deutsche Reich ab. In dem Vertrag wurden folgende Bedingungen vereinbart:

Die Gruppe erreichte Hamburg am 27. Juni 1886.Albert Gouaffo: Prinz Dido aus Kamerun im wilhelminischen Deutschland. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, IS. 296–303. Während der Tournee waren auch John Hagenbeck (1866–1940, Halbbruder von Carl Hagenbeck), Fritz von Schirp und Eduard Gehring an der Organisation der Völkerschau beteiligt.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Frankfurt am Main 1989. Obwohl die Völkerschauen im Deutschen Reich nur selten Personen aus den deutschen Kolonien zeigten (und deren Zurschaustellung 1901 verboten wurde), bildete die durch die Gründung der Kolonie Kamerun 1884 ausgelöste Kamerun-Begeisterung einen wichtigen Hintergrund für diese Völkerschau.Nigel Rothfels: Savages and Beasts. The Birth of modern Zoo. Baltimore 2025, S. 121 f. Während des Aufenthaltes in Dresden behaupteten die Dresdner Nachrichten, es ginge Hagenbeck mit dieser Völkerschau nicht um Profit, sondern darum, „seinen Landsleuten eine richtige Vorstellung von den Eingeborenen in Kamerun zu verschaffen“.Volker Strähle: Eine „Völkerwiese“ am Großen Garten. Der Dresdner Zoo als Ort kommerzieller Menschenschauen. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, S. 74–81, hier S. 79. John Hagenbeck schrieb 1921 in seiner Autobiografie Fünfundzwanzig Jahre Ceylon rückblickend, dass „das vorher noch so gut wie unbekannt gewesene Kamerun […] plötzlich ungemein populär“ wurde und äußerte sich gleichwohl abschätzig: „Unsere Spaßmacher hatten schnell herausgefunden, welch ein dankbarer, an unfreiwilliger Komik reicher Stoff in unseren schwarzen Landsleuten dort unten steckte“.John Hagenbeck: Fünfundzwanzig Jahre Ceylon. Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden 1922, S. 9 ff.

Gruppe der Kameruner Zur Gruppe der Duala gehörten neben Prinz Samson Dido auch zwei seiner insgesamt sechs Ehefrauen, sein Sohn Depussi sowie vier weitere Kameruner.Caroline Schmidt-Gross: Tropenzauber um die Ecke: Völkerschauen bei Hagenbeck. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4, S. 172–78, hier S. 172. Die Gruppe führte bei ihrer Ankunft 466 ethnografische Objekte mit sich.Albert Gouaffo: Der Prinz Samson Dido aus Kamerun in Hamburg bei Carl Hagenbeck. Online unter: remapping-hamburg.de, o. D., abgerufen am 24. März 2025. In der Forschungsliteratur finden sich nur wenige genaueren biografische Angaben über Prinz Samson Dido, dessen Eigenname vermutlich Mambingo Eyum lautete.Robbie Aitken: Reaktionen auf Samson Didos Besuch in Deutschland (1886). Online unter: blackcentraleurope.com, o. D., abgerufen am 24. März 2025. Laut Hilke Thode-Arora war er ein Schwager von King Bell. Laut eines Artikels des Berliner Volksblattes vom 11. September 1884 soll er sich auch Jimmy Qualla genannt haben,Über die Besitznahme von Kamerun. In: Berliner Volksblatt, 11. September 1884. und laut eines Artikels des Frankenberger Tageblatts vom 10. August 1886 soll er am 8. August 1886 seinen 33. Geburtstag gefeiert haben; also wäre sein Geburtsdatum der 8. August 1853.Der „Prinz“ Dido aus Kamerun hat in diesen Tagen in Berlin seinen 33. Geburtstag gefeiert. In: Frankenberger Tageblatt, 10. August 1886.

Anwerbungsvertrag Der Vertrag zwischen Samson Dido und der Firma Hagenbeck gilt als der einzige überlieferte einer Völkerschau aus Afrika überhaupt.

Im Vergleich zu späteren Verträgen war dieser Vertrag noch wenig detailliert – etwa mit Blick auf die Arbeitszeiten oder die Arbeitsbedingungen.

Verlauf der Völkerschau

mini|Zeitungsinserat im Hamburger Fremdenblatt vom 28. Juni 1886 Die Völkerschau wurde zuerst vom 3. bis 18. Juli 1886 in Hagenbecks Thierpark am Neuen Pferdemarkt in HamburgRea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023., anschließend in der Flora Berlin, dann vom 18. bis 30. August im Zoologischen Garten Leipzig und zuletzt ab dem 5. September im Zoologischen Garten Dresden gezeigt. In Hamburg wohnten sie in Hagenbecks Wohnhaus. Während des Aufenthaltes in Berlin empfing der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm am 25. Juli 1886Der schwarze Häuptling aus Kamerun. In: Berliner Tageblatt, 27. Juli 1886. Prinz Samson Dido im Muschelsaal des Potsdamer Schlosses und stellte ihn als „seinen Kollegen“ vor.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005, S. 272. Die Berliner Börsen-Zeitung berichtete: „Die Unterhaltung wurde in Englischer Sprache geführt. Besonders schien es den Kronprinzen zu amüsiren, daß man in Kamerun bereits mit dem Cylinder und Gehrock vertraut sei; in eingehender Weise erkundigte derselbe sich nach Sitten und Gebräuchen der neuen farbigen Unterthanen“.Durch ein Schreiben …. In: Berliner Börsen-Zeitung, 17. Juli 1886. Die Presse berichtete außerdem, dass Samson Dido in Berlin zwölf Zylinder sowie zahlreiche andere Geschenke erhalten hätte und auch zu einem Manöver eingeladen wurde.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Frankfurt am Main 1989, S. 153, und Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005, S. 124. Prinz Samson Dido nutzte die Völkerschau auch, um Geschäftspartner für den Kolonialhandel anzuwerben. Ob und wie er diese Kontakte nach seiner Rückkehr nach Kamerun tatsächlich nutzen konnte, ist nicht überliefert, denn seither haben sich seine Spuren nach Angaben von John Hagenbeck verloren.

Inszenierung und Wahrnehmung Im Mittelpunkt der Völkerschau stand neben Tänzen, Trommelkonzerten, Schaukämpfen sowie Kanufahrten vor allem Prinz Samson Dido, der sich als gehobener Adliger inszenierte und deshalb großen Wert darauf legte, mit Frack und Zylinder aufzutreten. Der Impresario John Hagenbeck beschrieb ihn folgendermaßen:

mini|Prinz Samson Dido aus Didotown mit seiner Ehefrau in der Flora Berlin, Foto von 1886 Auch die zeitgenössische Presseberichterstattung äußerte sich gegenüber der Selbstinszenierung von Prinz Samson Dido. So berichtete das Hallesche Tageblatt am 25. Juli 1886 über den Aufenthalt der Völkerschau-Gruppe in Berlin:

Die Historikerin Hilke Thode-Arora urteilt über das Foto von Samson Dido in Frack und Zylinder, es könne „auf den ersten Blick dazu intendiert sein, einen Afrikaner aus den Kolonien – in diesem Fall aus Kamerun – lächerlich zu machen: als Beleg für Unterlegenheit ein aus damaliger europäischer Sicht alberner Aufzug, der elegante Gesellschaftskleidung mit ‚unzivilisierten‘ Kleidungsstücken kombiniert“, vermutet aber eher das Gegenteil: „Mit der von ihm selbst gewählten – wann immer möglich – in Deutschland getragenen Kleidung verweist der Mann auf seinen Rang und die damit verbundene Freiheit, sich auch entgegen den Wünschen seines europäischen Gegenübers so zu präsentieren, wie er es für angemessen hält“.Hilke Thode-Arora: Völkerschauen in Berlin. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. Berlin 2002, S. 149–154, hier S. 149.

Zeitgenössische Kritik an der Völkerschau Die Hallische Zeitung vom 8. Oktober 1886 druckte einen kritischen Kommentar, der forderte, dass „Schaustellungen dieser Art“ unterbleiben sollten, denn für „jeden, der die Verhältnisse am Kamerun näher kennt, ist es geradezu lächerlich, wenn in der betreffenden ersten Anzeige gesagt war, dass auf Befehl Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Dido Vorstellungen gegeben würden. In Wahrheit ist derselbe noch nicht so viel, wie der Sohn eines Dorfschulzen. Das ganze Gebiet, über das sein Vater (oder sein Onkel) zu gebieten hat, ist nicht größer als die Feldmark eines deutschen Dorfes und dürfte im besten Falle gegen 5000 Seelen umfassen“. Deshalb hätte man „besser daran gethan, den Mann nicht so sehr mit Ehrenbezeugungen zu überschütten und damit seiner Eitelkeit Nahrung zu geben“.Ueber den sogenannten ‚Prinzen‘ Dido. In: Hallische Zeitung, 8. Oktober 1886.

Forschungsstand Bis auf die beiden Aufsätze von Albert Gouaffo gibt es keine weiteren zusammenhängenden Darstellungen zu dieser Völkerschau, allerdings punktuelle Erwähnungen bei Anne Dreesbach, Nigel Rothfels und Hilke Thode-Arora. Deshalb ist über verschiedene Aspekte wenig bekannt, neben der Biografie von Samson Dido beispielsweise auch die Namen der weiteren sieben Völkerschaudarsteller oder die genaueren Umstände der Zurschaustellung an den vier Orten der Tournee.

Literatur Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Verlag Chronos, Zürich 2023, ISBN 978-3-0340-1707-7. Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-593-37732-2. Albert Gouaffo: Prinz Dido aus Kamerun im wilhelminischen Deutschland. Ausgestellt und vom künftigen Kaiser Wilhelm II empfangen. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4, S. 296–303. Albert Gouaffo: Prince Dido of Didotown and ‘Human Zoos’ in Wilhelmine Germany. Strategies for Self-Representation under the Othering Gaze. In: Eve Rosenhaft, Robbie Aitken (Hg.): Africa in Europe: Studies in Transnational Practice in the Long Twentieth Century, o. O. 2013, S. 19–33. Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, ISBN 978-3-95498-741-2. Nigel Rothfels: Savages and Beasts. The Birth of modern Zoo. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2025 (Revised Edition), ISBN 978-1-4214-5088-9. Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34071-2. Hilke Thode-Arora: „Charakteristische Gestalten des Volkslebens“. Die Hagenbeckschen Südasien-, Orient- und Afrika-Völkerschauen. In: Gerhard Höpp (Hrsg.): Fremde Erfahrungen: Asiaten und Afrikaner in Deutschland, Österreich und in der Schweiz bis 1945. Das arabische Buch, Berlin 1996, ISBN 3-86093-111-3, S. 109–134. Hilke Thode-Arora: Völkerschauen in Berlin. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. Berlin Edition, Berlin 2002, ISBN 3-8148-0092-3, S. 149–154.

Zeitgenössische Literatur John Hagenbeck: Fünfundzwanzig Jahre Ceylon. Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden 1922.

Weblinks Albert Gouaffo: Der Prinz Samson Dido aus Kamerun in Hamburg bei Carl Hagenbeck. Online unter: remapping-hamburg.de, o. D., abgerufen am 24. März 2025.