Al-Walā' wa-l-barā' () ist eine Doktrin des zeitgenössischen wahhabitischen und salafistischen Islams, die die Gläubigen zu einem bestimmten Sozialverhalten auffordert. Loyalität und Freundschaft (walāʾ) soll man demnach nur zu wahren Muslimen unterhalten, allen anderen Menschen gegenüber dagegen Lossagung und Meidung (barāʾ) üben. Über die konkreten sozialen und politischen Implikationen dieser Doktrin, die sich auf bestimmte koranische Aussagen und Hadithe stützt, werden seit den 1980er Jahren Debatten geführt.

Sprachliches Der Ausdruck al-walāʾ wa-l-barāʾ setzt sich aus den beiden arabischen Substantiven walāʾ und barāʾ zusammen, die durch die Konjunktion wa- (und) verbunden sind und denen jeweils der arabische Artikel al- vorangestellt ist. Der Begriff walāʾ hat die Bedeutung von „Freundschaft, Wohlwollen, Hilfe, Unterstützung, Treue, Loyalität“ und wurde schon in vor- und frühislamischer Zeit im arabischen Raum für eine Form des Patronats bzw. des Klientelverhältnisses verwendet.Vgl. Ulrike Mitter: „Origin and Development of the Islamic Patronate“ in Monique Bernards und John Nawas (Hrsg.): Patronate and Patronage in Early and Classical Islam. Brill, Leiden, 2005. S. 70–133. Hier S. 71–73.

Barāʾ ist von dem arabischen Begriff barāʾa abgeleitet, der im vorislamischen Arabien den Ausschluss eines aufsässigen Mitglieds aus dem Stamm bezeichnete. Dieser Begriff wird auch im Koran verwendet, und zwar Sure 9:1, wo die Trennung der Muslime und von den Nicht-Muslimen erklärt wird: „Eine Aufkündigung (barāʾa) von Seiten Gottes und seines Gesandten an jene Beigeseller, mit denen ihr einen Bund geschlossen hattet“. Sure 9 wird deswegen auch als Sūrat al-Barāʾa bezeichnet.Vgl. Uri Rubin: "Bar̄a'a: A Study of some Quranic Passages" in Jerusalem Studies of Arabic and Islam 5 (1984) 13–32. Die Wortform barāʾ für barāʾa ist dagegen modern. Sie erscheint erst in Veröffentlichungen der späten 1970er Jahre und wird fast ausschließlich als Reimwort in der Kombination al-Walāʾ wa-l-barāʾ verwendet. In vormoderner Zeit wurde der Begriff dagegen nur als Bezeichnung für die erste Nacht des Mondmonats verwendet, in der sich „der Mond von der Sonne löst“.Vgl. al-Qaḥṭānī: Min mafāhīm ʿaqīdat as-salaf aṣ-ṣāliḥ. 1992, S. 89 und Lane: Arabic-English-Lexicon s.v. al-Barāʾ Bd. I, S. 179b Digitalisat.

Geschichte und Verbreitung Bei Ibaditen und Schiiten gab es mit den Konzepten Walāya und Barā'a bereits seit frühislamischer Zeit eine ähnliche Doktrin, die allerdings stärker als al-Walā' wa-l-barā' der Abgrenzung gegenüber anderen Muslimen diente. Sunnitische Gelehrte wie Ahmad ibn Hanbal lehnten diese Doktrin jedoch als Bidʿa ab.Vgl. Wagemakers: „The Transformation of a Radical Concept.“ 2009. S. 85.

Vorformen der salafistischen Walā'-barā'-Doktrin finden sich im 14. Jahrhundert bei den beiden hanbalitischen Gelehrten Ibn Taimīya und Ibn Qaiyim al-Dschauzīya. Ibn Taimīya verfasste ein Werk mit dem Titel „Befolgung des geraden Weges bei dem Widerspruch gegen die Leute der Hölle“ (Iqtidāʾ aṣ-ṣirāt al-mustaqīm fī muḫālafat aṣḥāb al-ǧaḥīm). Darin führte er lange Liste von jüdischen, christlichen und anderen nicht-islamischen Festen auf, an denen Muslime auf keinen Fall teilnehmen sollten. Sein Schüler Ibn Qaiyim al-Dschauzīya fasste ein Werk über die Behandlung von Schutzbefohlenen ab, in dem er eine ganze Reihe von Koranversen anführte, die seiner Auffassung nach die Abgrenzung von Nicht-Muslimen vorschreiben. Neben Koran und Sunna referierte er auch Anweisungen und Schreiben der Kalifen der Umayyaden und der Abbasiden, die davor warnten, Schutzbefohlene unter islamischer Herrschaft in Amtsgeschäften zu beschäftigen.Vgl. Ibn Qaiyim al-Ǧauzīya: Aḥkām ahl aḏ-ḏimma. Beirut 1997. Bd. 1, S. 448–491

Die Frage der Zusammenarbeit mit Ungläubigen wurde erneut im frühen 19. Jahrhundert in den Kreisen der Wahhabiten stark diskutiert. Während der Besetzung Arabiens durch die ägyptischen Truppen Muhammad Ali Paschas schrieb Sulaimān ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich (1785–1818), ein Enkel von Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb, einen Traktat mit dem Titel „Beweise hinsichtlich der Beurteilung der Loyalität gegenüber den Leuten der Beigesellung“ (al-Dalāʾil fī ḥukm muwālāt ahl al-išrāk), in welchem er argumentierte, dass Muslime, die Loyalität (muwālāt) gegenüber Beigesellern zeigten, sich diesen angleichen und damit faktisch selbst zu Ungläubigen werden. Mit den „Beigesellern“ meinte er die ägyptischen Truppen. Der Traktat richtete sich gegen ihre Unterstützer auf der arabischen Halbinsel.Vgl. Wagemakers: "The enduring legacy of the second Saudi state". 2012, S. 95.

Die Formel al-Walā' wa-l-barā' tauchte allerdings erst gegen Ende der 1970er Jahre in salafistischen Texten auf. Der erste Gelehrte, der eine Schrift darüber verfasste, war der in Kuweit lebende ägyptische Gelehrte ʿAbd ar-Rahmān ʿAbd al-Chāliq al-Yūsuf.Vgl. Ali: The Islamic Doctrine of Al-Wala' wa-l-Bara'. 2012, S. 204. Sein Text erschien 1978 zunächst als Beitrag zu der kuweitischen Zeitung „Al-Watan“ und wurde 1980 als eigenständiges Werk publiziert.Vgl. Ali: The Islamic Doctrine of Al-Wala' wa-l-Bara'. 2012, S. 205. Etwa um die gleiche Zeit bereitete der saudische Gelehrte Muhammad Saʿīd al-Qahtānī an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka in Form einer Master-Arbeit die erste umfangreichere Studie über das Konzept vor. Als Betreuer der Arbeit, die er im Juni 1981 verteidigte, trat Muhammad Qutb, der Bruder von Sayyid Qutb, auf.Vgl. Shavit: „Can Muslims Befriend Non-Muslims?“ 2014, S. 83. Al-Qahtānīs Arbeit mit dem Titel „Zu den Begriffen des Bekenntnisses der frommen Altvorderen. Al-Walāʾ wa-l-barāʾ im Islam“ (Min mafāhīm ʿaqīdat as-salaf aṣ-ṣāliḥ. Al-Walāʾ wa-l-barāʾ fī l-islām) wurde noch im gleichen Jahr publiziert und umfasst 480 Seiten. Das Buch ist sehr populär und wurde in verkürzter Form in zahlreiche Sprachen übersetzt.Vgl. Ali: The Islamic Doctrine of Al-Wala' wa-l-Bara'. 2012, S. 211. Eine weitere wichtige Schrift zu al-Walā' wa-l-barā', die allerdings einen erheblich geringeren Umfang aufweist, stammt von Sālih ibn Fauzān, einem Mitglied des Saudischen Rats der großen Gelehrten und der Permanenten Kommission für wissenschaftliche Forschung und Erteilung von Fatwas.

Auch in der dschihadistischen Propaganda ist das Konzept al-Walā' wa-l-barā' sehr präsent. Aiman az-Zawāhirī, der heutigen Anführer von al-Qaida, trat schon im Dezember 2002 mit einer eigenen Schrift über al-Walā' wa-l-barā' an die Öffentlichkeit. Doku Chamatowitsch Umarow, bis 2013 Anführer der Dschihad-Kämpfer in Tschetschenien, bezeichnete es in einer Erklärung als eine der wichtigsten Pflichten im Islam. Personen, die „nicht der Meinung sind, dass die Ungläubigen (kuffār) unrein (naǧis) sind“ und danach streben, „ihre Freundschaft und Anerkennung zu erlangen“, wurden von ihm heftig kritisiert.Vgl. Lohlker: Dschihadismus. 2009, S. 63. Jafar Umar Thalib, der Führer der militant-islamischen Organisation Laskar Jihad in Indonesien, meinte, dass das al-Walā' wa-l-barā' erfordere, dass der gläubige Muslim den Islam und andere Muslime lieben und verteidigen müsse, während er sich umgekehrt vor dem Einfluss ungläubiger Menschen abschotten müsse.Vgl. Hasan: Laskar Jihad. 2006, S. 138. Der populäre, in Jamaika geborene Prediger Abdullah Faisal hat dem Thema al-Walā' wa-l-barā' eine 94 Minuten lange Vorlesung gewidmet, die im Internet veröffentlicht wurde. Er übersetzt das Konzept als „Loving and hating for the sake of Allah“.Vgl. das Youtube-Video Nach Einschätzung Jarrett Brachmans ist al-Walā' wa-l-barā' neben Tauhīd, ʿAqīda, Takfīr und Dschihād eine der fünf Säulen, auf die sich dschihadistische Bewegung stützt.Vgl. Jarrett Brachman: Global Jihadism. Theory and Practice. Routledge, London und New York, 2009. S. 22.

In Saudi-Arabien war al-Walā' wa-l-barā' bis zum Schuljahr 2003/2004 auch ein wichtiger Gegenstand im Religionsunterricht. In dem Schulbuch für die 10. Klasse war dem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet. Dort hieß es: „Al-Walā' wa-l-barā' hat eine große Bedeutung im Islam, wie der Prophet gesagt hat: Das stärkste Glaubensband ist die Liebe zu dem, was Gott liebt, und der Hass dessen, was Gott hasst. Mit diesen beiden Dingen erreicht man die Freundschaft (walāya) Gottes“.Vgl. Doumato: Saudi Arabia. 2007, S. 160. Das betreffende Kapitel in dem Schulbuch wurde aber zum Schuljahr 2003/2004 im Zuge einer Überarbeitung entfernt.Vgl. Doumato: Saudi Arabia. 2007, S. 163.

Textliche Grundlagen Als Beleg für die Richtigkeit der Walā'-Barā'-Doktrin werden verschiedene Koranverse angeführt, in denen Begriffe vorkommen, die von den arabischen Wortwurzeln w-l-y bzw. b-r-ʾ‚ abgeleitet sind.Vgl. Doumato: Saudi Arabia. 2007, S. 174f. Hierzu gehören insbesondere zwei Verse am Anfang von Sure 60 (al-Mumtaḥana).Über die herausragende Rolle von Sure 60 bei der Begründung der Walā'-Barā'-Doktrin vgl. Ali: The Islamic Doctrine of Al-Wala' wa-l-Bara'. 2012, S. 82–86. In dem ersten heißt es: „O ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch meine und eure Feinde nicht zu Freunden (auliyā)!. - doch ihr begegnet ihnen mit Zuneigung, obgleich sie nicht an das glauben, was von der Wahrheit zu euch gekommen war, und dabei den Gesandten und euch vertrieben haben, da ihr an Gott glaubt, euren Herrn“ (Sure 60:1). Als positives Vorbild wird den Gläubigen an der gleichen Stelle Abraham vorgehalten, der die Beziehung zu den Ungläubigen abbrach und sich von ihnen lossagte: „Ein schönes Vorbild habt ihr an Abraham und an denen, die mit ihm waren. Damals als sie sagten: ‚Wir haben mit euch und dem, was ihr noch außer Gott verehrt, nichts zu schaffen (innā burāʾ minkum wa-mimmā taʿbudūna min dūna Llāhi). Wir wollen nichts von euch wissen. Offenkundig wurden Feindschaft und Hass zwischen uns und euch für immer, bis ihr einzig und allein an Gott glaubt‘“ (Sure 60:4). Weitere Koranstellen, die zur Begründung der Doktrin herangezogen werden, sind: Sure 3:28: „Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden (auliyā') nehmen. Wer das tut, hat mit Gott nichts mehr zu tun. Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen wirklich fürchtet. Gott warnt euch vor sich selber. Zu Gott hin ist das Ziel.“ Sure 4:89: „Sie hätten es gerne, dass ihr ungläubig wäret, so wie sie (selber) ungläubig sind, damit ihr alle gleich wäret. Nehmt euch daher von ihnen keine Freunde (auliyāʾ), bis sie auswandern auf dem Wege Gottes.“ Sure 5:51: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden (auliyāʾ)! Sie sind untereinander Freunde. Wer immer von euch sich ihnen anschließt (man yatawallāhum minkum), gehört zu ihnen. Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht“.Vgl. die Aufstellung bei al-Qaḥṭānī: Min mafāhīm ʿaqīdat as-salaf aṣ-ṣāliḥ. 1992, S. 40f.

Zu den Hadithen in diesem Zusammenhang gehört ein überliefertes Prophetenwort, demzufolge die Liebe in Gott und der Hass in Gott „das festeste Band des Glaubens“ (auṯaq ʿurā al-īmān) sind.Vgl. al-Qaḥṭānī: Min mafāhīm ʿaqīdat as-salaf aṣ-ṣāliḥ. 1992, S. 41f.

Inhaltliche Bestimmungen von al-Walā' wa-l-barā' ʿAbd ar-Rahmān ʿAbd al-Chāliq: die „milde“ Version