mini|Don Ihde, 2013 Don Ihde (* 4. Januar 1934 in Kansas; † 17. Januar 2024) war ein US-amerikanischer Philosoph. Er gilt als einer der ersten US-amerikanischen Technikphilosophen. Bekannt wurde er durch einen Denkansatz, den er als Postphänomenologie bezeichnete.

Leben Ihde lehrte zuletzt an der State University of New York at Stony Brook. 1990/91 war er Gastprofessor an der University of Sydney. 2013 erhielt er den Golden Eurydice Award des Internationalen Forums für Biophilosophie. Insgesamt veröffentlichte er über 20 Bücher.

Postphänomenologie Im Mittelpunkt von Ihdes nichttranszendentaler PostphänomenologieDon Ihde: Postphenomenology: Essays in the Postmodern Context. Studies in Phenomenology & Existential Philosophy. Northwestern University Press, Evanstown Ill. 1995.Dohn Idhe: Postphenomenology and Technoscience: The Peking University Lectures. SUNY press, Albany, NY 2009. steht das Verhältnis zwischen den Menschen einerseits und ihren technischen Artefakten andererseits. Artefakte – beginnend mit dem griechischen Vokalalphabet, fortgesetzt durch moderne Verkehrs- und Informationsnetzwerke und ihren weitreichenden Folgen für das alltägliche Handeln und Fühlen – vermitteln auf vielfältige Weise das Verhältnis des Menschen zur Welt. Damit sind sie kulturelle Instrumente,Don Ihde: Technology and the Lifeworld: From Garden to Earth. 1990. eine Erkenntnis, die in den 1990er Jahren in den USA noch kein Gemeinplatz war, hielt man Technik doch zumeist noch für ein deterministisches System.

Ihde unterscheidet er vier Formen der technischen Mediation: embodiment relations (etwa durch eine Brille), hermeneutic relations (z. B. durch Ablesen einer Uhr oder Interpretation von Geräteskalen), alterity relations (etwa im Dialog mit Künstlicher Intelligenz oder Robotern) und background relations (z. B. Verfügbarkeit von Kühlschrank oder Klimaanlage).Robert Rosenberger, Peter-Paul Verbeek (Hrsg.): Postphenomenological Investigations: Essays on Human-Technology Relations, Lexington Books, 2015, S. 13.

Insbesondere analysiert Ihde die Interaktion zwischen Mensch und Computer, wobei er den Menschen als körperliches Wesen betrachtet und den Cartesianischen Dualismus von Körper und Geist (wie auch die Gegenüberstellung von Wissenschaft und Technik) ablehnt.Don Ihde: Bodies in Technology. University of Minnesota Press, 2001. Ihde folgt Edmund Husserls Wahrnehmungsanalysen, indem er die Abhängigkeit der Konstitution des Wahrnehmungsgegenstandes von leiblichen Bewegungsphänomenen thematisiert. Er unterscheidet hinsichtlich der menschlichen Wahrnehmung jedoch schärfer als Husserl, der die technischen Instrumente vernachlässigt, zwischen der unmittelbaren Sinneswahrnehmung (Mikroperzeption) und der kulturell erweiterten (z. B. durch Aufzeichnungssysteme) bzw. technisch vermittelten Wahrnehmung (Makroperzeption). Erst diese erschließt unzugängliche Mikro- und Makrowelten im Sinn von Arnold Gehlens Organverlängerungs- oder -ersatzthese. Graphischen Darstellungsformen räumt Ihde dabei einen Vorrang gegenüber der rein schriftlichen Informationsübermittlung ein, die ein tieferes hermeneutisches Verständnis erfordert.Hafner 2022 In Material Hermeneutics (2021)Don Ihde: Material Hermeneutics: Reversing the Liguistic Turn. Reihe History and Philosophy of Technoscience, Kindle, 2021 zeichnet er die Relevanz von Visualisierungen und optischen Instrumenten in der Wissenschaftsgeschichte nach und kritisiert die Linguistische Wende in der Wissenschaftsphilosophie. Hingegen analysierte er Prozesse des Sprechens und Hörens.Don Ihde: Listening and Voice. 1976. Neuauflage New York State University Press, 2007

Skeptisch ist Ihde, der in mancherlei Hinsicht John Deweys pragmatischem Realismus folgt,Don Ihde: Husserl’s Missing Technologies. Fordham University Press, 2016, Kap. 5. gegenüber der (europäischen) analytischen Philosophie, der Hermeneutik (Hans-Georg Gadamer) und der postmodernen Fixierung auf Texte (textism von Jacques Derrida, Michel Foucault und Paul Ricoeur),Don Ihde: Postphenomenology, 1995, S. 4 f. aber auch gegenüber Techniksoziologen wie Bruno Latour und Steve Woolgar. Dabei handelt es sich um Ansätze, die das „Lesen“ und „Deuten“ in den Mittelpunkt rücken und dabei die körperlichen Dimensionen der menschlichen Praxis unterschlagen. Ihre Texte seien oft white, male, and elitist.Don Ihde: Postphenomenology, 1995, S. 7 Das Verständnis der Welt als Buch oder Text sei eine anachronistische Schöpfungsgeschichte („Im Anfang war das Wort“, Joh. 1,1) und damit letztlich vorwissenschaftlich. Der Welt-als-Buch-Metapher stellt Ihde im Anschluss an den frühen Merleau-Ponty den Primat der körperlichen und sensorischen Wahrnehmung gegenüber, welche jedoch kulturell überformt wird wie etwa durch die Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance.Don Ihde: Postphenomenology, 1995, S. 75 f. Technologien haben für Ihde keine Essenz, sondern verschiedene Bedeutungen oder Identitäten je nach Gebrauchsmodus. Die Multistabilität technischer Objekte bleibt jedoch in ihren verschiedenen Relationen zum Benutzer erhalten.Universität Twente auf futurelearn.com

Ihde kritisiert die Aufweichung des Wissenschaftsbegriffs durch den modernen europäischen Relativismus und Sozialkonstruktivismus ebenso wie das andere Extrem des Beharrens auf einem bisher erfolgreichen traditionellen Kanon disziplinärer Methoden, der sich inzwischen ununterbrochen ausweitet.Don Ihde: Postphenomenology, 1995, S. 174 Hingegen erkennt er die innovativen Aspekte der Phänomenologie Heideggers an und fordert die aktive Beteiligung von Philosophen am Innovationsgeschehen. Michael Hafner hält Ihdes Ansatz in dieser Hinsicht jedoch für schwer operationalisierbar.Hafner 2022

Jan Slaby stellt fest, dass Ihdes Ansatz „ein eher affirmatives Verhältnis zu seinen Gegenständen ins Zentrum stellt und sich insofern habituell und stilistisch von vielen anderen postphänomenologischen Autorinnen und Autoren unterscheidet“, etwa von der feministischen oder antikolonialistischen Postphänomenologie.Jan Slaby: Stichwort: Postphänomenologie auf researchgate.net

Schriften (Auswahl) Technics and Praxis: A Philosophy of Technology (1979) Technology and the Lifeworld: From Garden to Earth. Indiana University Press. (1990) Postphenomenology (1995) Husserl's Missing Technologies (2016)

Literatur Oliver Müller: Postphänomenologie: Über eine technikphilosophische Methode. In: Radicalizing Phenomenology: Neue Perspektiven – Nouvelles perspectives. Phänomenologische Forschungen No. 2. Verlag Felix Meiner, Hamburg 2020, S. 165–184.

Weblinks Michael Hafner: Don Ihde: Technology and the Lifeworld auf michael-hafner.at, 12. November 2022 Universität Twente: What can we learn from Don Ihde? Don Ihde and four relations auf futurelearn.com

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