mini|Darstellung des Inneren eines churul (buddhistischer Tempel) des russischen Malers Wassili Wereschtschagin (1842–1904), ca. 1870 Der Buddhismus ist in Kalmückien seit der Migration der heutigen Kalmücken an die untere Wolga im 17. Jahrhundert die prägende Religion der Region, insbesondere für die ethnischen Kalmücken, die der Region ihren Namen geben. Heute stellt der Buddhismus für die Kalmücken einen bedeutsamen Identitätsmarker dar. Die ursprünglich von den westmongolischen Oiraten abstammenden Kalmücken hatten bereits vor ihrer Wanderung an die Wolga und ihrer damit beginnenden Ethnogenese zum Teil den Buddhismus angenommen. Seitdem folgen sie traditionell der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus und stehen seit ihrer Bekehrung immer wieder in regem Kontakt mit den entsprechenden buddhistischen Zentren in Tibet und heute in Indien, sofern die politischen Gegebenheiten dies erlauben.
Während des 18. und 19. Jahrhunderts nahm das Zarenreich vermehrt Einfluss auf den Buddhismus in Kalmückien. Besonders aber während der Sowjetunion wurde die Ausübung des Buddhismus unter den Kalmücken stark unterdrückt und buddhistische Kulturgüter, allen voran Klöster, weitgehend zerstört. Seit der Zeit der Perestroika kommt es in Kalmückien zu einer Wiederbelebung der buddhistischen Tradition. Es besteht eine Wiederbelebung der Gelug-Schule, aber auch eine Neuorientierung innerhalb der tibetisch-buddhistischen Tradition zu anderen Traditionen.
Zentrale Orte für die Ausübung des Buddhismus sind die churul (kalmückisch: Versammlung, in deutschen Texten auch xurul, englisch khurul), ein Begriff, der heutzutage buddhistische Tempel, Klöster und Zentren bezeichnet und in der Literatur auch rückwirkend auf religiöse Stätten angewendet wird.
Vorgeschichte Das mongolische Volk der Kalmücken, das der heutigen Republik Kalmückien an der Wolga in Russland seinen Namen gibt, war ursprünglich Teil der westmongolischen Oiraten in Zentralasien. Traditionell prägend verlor der Schamanismus unter den Oiraten ab dem 13. Jahrhundert, in dem die Oiraten in die Dsungarei zogen, durch Einfluss anderer Religionen der benachbarten Völker zunehmend an Bedeutung. Religiöse Einflüsse erreichten die Oiraten vor allem durch das nestorianische Christentum der Keraiten sowie durch den in Zentralasien weit verbreiteten Manichäismus. Letzterer wurde ihnen durch den Einfluss der Uiguren vermittelt, die gleichzeitig auch den ersten Kontakt der Oiraten zum Buddhismus darstellten. Erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts kamen die Oiraten durch die Umwälzungen in Zentralasien aufgrund der mongolischen Eroberungen in Kontakt mit dem tibetischen Buddhismus in Form der Kagyü-Schule. Aufgrund schwieriger Quellenlage ist die Verbreitung des Buddhismus ab dieser Zeit bis ins 17. Jahrhundert nur schwer zu rekonstruieren. Es wird aber auf Basis der wenigen Quellen davon ausgegangen, dass der Buddhismus in dieser Zeit zwar wieder an Bedeutung verlor, aber nie ganz aus dem Gebieten der Oiraten verschwand. Allgemein wird aber angenommen, dass die oiratische Herrschaftselite etwa im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und damit einige Jahrzehnte später als die ostmongolischen Stämme, den Buddhismus in Form der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus annahm, der bald zur vorherrschenden Schule des Buddhismus in Tibet wurde und bis heute prägend unter den Kalmücken ist. Ebenfalls im 17. Jahrhundert begann die Wanderungsbewegung einiger Oiraten Richtung Westen, wo sie sich niederließen und später und bis heute als Kalmücken bezeichnet wurden.
Geschichte des Buddhismus in Kalmückien
Verbreitung und Bedeutung des Buddhismus unter den Kalmücken Zur Mitte des 17. Jahrhunderts war die kalmückisch-oiratische Herrschaftselite bereits eng mit dem religiösen Klerus verbunden. Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts blieb der Buddhismus jedoch hauptsächlich in den oberen Gesellschaftsschichten verhaftet. Die restliche Bevölkerung pflegte zum größten Teil hingegen weiter den lokalen Schamanismus. Zwar gewann der Buddhismus zunehmend an Einfluss, noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts berichten Quellen aber von der weiten Verbreitung schamanistischer Praktiken unter den Kalmücken. mini|Moderne Statue von Zaya Pandita in Elista, Kalmückien. Pandita ist der Erfinder der oiratischen Schrift (Klarschrift).
Bedeutsam für die Verbreitung des Buddhismus unter den Kalmücken war Zaya Pandita (1599–1662). Er schuf 1624 die Klarschrift für die oiratische Sprache, die bis in die 1920er Jahre in Kalmückien in Gebrauch war. Dazu übersetzte er 183 Werke aus dem Tibetischen ins oiratische Mongolisch, was wesentlich zur Verbreitung des Buddhismus beitrug. Buddhistische Klöster und Tempel waren lange Zeit die einzigen Orte, an denen die Klarschrift gelernt werden konnte, wodurch die Schriftkultur der Kalmücken im Wesentlichen religiös geprägt wurde. Die oiratische Schriftsprache blieb unter den Kalmücken bis ins 20. Jahrhundert lebendig. Erst im 20. Jahrhundert begann die Verschriftlichung der eigenständigen kalmückischen Sprache. Pandita propagierte bei seiner Mission insbesondere gegen den als qara šadžn (= schwarze Religion) bezeichneten Schamanismus. Einige vor-buddhistische Praktiken der Kalmücken wie etwa die Verehrung heiliger Orte oder die Anbetung schamanistischer Götter wurde allerdings vom Buddhismus inkorporiert. Manche Praktiken wurden aufgenommen und später wieder verworfen.
Die Oiraten ließen bereits erstmals Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts in Tibet Mönche ausbilden. Die Verbindung zu Tibet blieb auch bestehen, als sich die Oiraten aufgrund von Niederlagen gegen die Mongolen unter Altan Khan und die Kasachen unter Tevekkel Khan auf der Suche nach neuen Weidelandschaften in Richtung Westen aufmachten und zu den Kalmücken wurden.
Die Kalmücken waren mit Tibet aber nicht nur religiös, sondern auch in politischen Fragen verbunden, was die religiöse Verbundenheit der Kalmücken mit der Gelug-Schule weiter zementierte. Der oiratische Herrscher Gushri Khan (1582–1655), Gründer des Khoshuten-Khanats in Tibet, unterstützte den 5. Dalai Lama (Ngawang Lobsang Gyatsho), der wie alle Dalai Lamas der Gelug-Schule angehörte, bei der Etablierung seiner geistlichen und politischen Macht in Tibet. Der Dalai Lama verlieh Gushri Khan den Titel Danzin Choijal (= Der König des Gesetzes und Säule der Religion). Im Gegenzug dazu gab Gushri Khan dem Dalai Lama mongolische Titel, die in Tibet bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch waren. Der gegenseitige Einfluss zwischen den Kalmücken und Tibet in Politik und Religion war insbesondere bis ins 19. Jahrhundert sehr weitreichend, es gibt aber bisher wenige Detailstudien über die Verbindungen. Die Regeln der Klosterorden (Vinaya), welche die Kalmücken aus Tibet übernahmen, prägten auch die säkularen Gesetze der Kalmücken bis ins 19. Jahrhundert hinein, also über ihre Integration in das russische Zarenreich hinaus.
Die Zeit des kalmückischen Khanats mini|Darstellung einer buddhistischen Zeremonie im Inneren eines nomadischen churul (1834). Die mobilen churul waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die Regel, feste und damit unbewegliche churul entstanden v. a. im Laufe des 19. Jahrhunderts. Ein Teil der nomadischen und halbnomadischen Oiraten zog zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus der Dsungarei graduell in Richtung Westen. Ab Ende der 1630er Jahre und Anfang der 1640er Jahre blieben sie dauerhaft in der Region um die Wolga am Kaspischen Meer. Verträge zwischen den Kalmücken und der russischen Regierung in den 1750er und -60er Jahren formalisierten die Beziehung zwischen dem Zarenreich und den Kalmücken, wodurch letztere in der Steppe um den Fluss Ural, beidseitig der unteren Wolga und am unteren Don, Gebiete besetzen durften. Die Bedingung dafür war die Sicherstellung von freiem Handel in den lokalen Märkten. Zudem mussten die Kalmücken den russischen Staat bei Bedarf militärisch unterstützen.
An der Wolga hielten die Oiraten bzw. Kalmücken, wie sie zunehmend genannt wurden und sich auch selbst nannten, ihre nomadische und halbnomadische Lebensart bei. Dazu gehörte auch die Verwendung mobiler, d. h. auf- und wieder abbaubarer buddhistischer Tempel in Zelten (Jurten). Nomadische churuls bestanden unter den Kalmücken bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein, wenngleich sie im 19. Jahrhundert langsam von festen Stätten verdrängt wurden.
Ab den 1670er Jahren kam es nachweislich zur Konversion von Kalmücken zur russisch-orthodoxen Kirche. Legten Kalmücken die buddhistische Religion zugunsten des Christentums ab, war dies grundsätzlich auch mit dem Wegzug der neu Konvertierten verbunden, da sie durch die Konversion zu direkten Untertanen des Zarenreichs wurden. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu mehreren, weitgehend erfolglosen Missionierungsprojekten aus Westeuropa.
Zum größten Teil behielten die Kalmücken trotz der Missionierungsversuche den buddhistischen Glauben bei, sofern sie nicht noch den schamanistischen Glauben auslebten, und blieben in engem Kontakt mit tibetischen Klöstern. Anfang des 18. Jahrhunderts gab es so viele Kalmücken in tibetischen Klöstern, dass es eigene Gemeinschaften in den drei großen tibetischen Klöstern der Gelug-Schule Drepung, Sera und Ganden gab. Im Gegensatz zu den Burjaten, der anderen mongolisch-buddhistischen Minderheit in Russland, die von den Mongolen zum Buddhismus gebracht wurden, bestand der wichtigste Kontakt der Kalmücken stets mit Tibet, von wo sie die Religion übernommen hatten. Die religiöse Verbindung nach Tibet machte sich auch in der buddhistischen Architektur der Kalmücken bemerkbar. So wurden die nomadischen churul nach Osten in Richtung der tibetischen Hauptstadt Lhasa ausgerichtet. Im 18. Jahrhundert kam die Sitte auf, die Asche verstorbener kalmückischer Herrscher mit einer Delegation nach Tibet zu bringen. 1729 brach so eine Delegation unter der Leitung eines Mönches höchsten Ranges nach Lhasa auf, um die Asche des Ayuki Khans (reg. 1669–1724) nach Tibet zu bringen. Auf dem Rückweg schlossen sich einige tibetische Mönche an, die Teil der kalmückischen Geistlichkeit wurden.
Russische Landnahme und Landwirtschaft in den kalmückischen Gebieten, Versuche, die Kalmücken zur Sesshaftigkeit zu zwingen, die Forderung der Aufstellung einer Kavallerie von 20.000 kalmückischen Reitern für den russisch-osmanischen Krieg (1768–1774) und die Angst vor Zwangskonvertierungen zur russisch-orthodoxen Kirche bewogen Ubashi Khan (reg. 1761–1771) dazu, die Kalmücken von der Wolga zurück in Richtung der früheren Heimat in der Dsungarei zu führen. Etwa drei Viertel der Kalmücken (ca. 150.000 Menschen) machten sich unter seiner Führung im Januar 1771 auf den Weg nach Osten. Ein Großteil der Kalmücken kam auf dem Weg ums Leben, die Überlebenden kehrten nicht mehr nach Kalmückien zurück. Als Reaktion auf die weitgehende Emigration der Kalmücken schaffte Katharina die Große 1771 das Kalmückische Khanat ab und inkorporierte die an der Wolga zurückgebliebenen Kalmücken in das russische Zarenreich. Die Kalmücken verloren damit ihre Eigenständigkeit und konnten künftig nicht mehr frei über die Ausübung und Entwicklung ihrer Religion bestimmen.
Aufgrund der Übernahme Kalmückiens in das russische Zarenreich kam der Austausch zwischen den Kalmücken und Tibet ab 1771 weitgehend zum Erliegen. Die russische Regierung gab keine Pässe mehr heraus, mit denen die Kalmücken nach Tibet hätten reisen können, um den Austausch zwischen den Kalmücken und anderen mongolischen Völkern zu unterdrücken.
Isolation und Einschränkungen im russischen Zarenreich (1771–1917)