Die Schrift Die Menschen stärken, die Sachen klären von Hartmut von Hentig ist eine Vortragssammlung aus der Zeit von 1973 bis 1984. Mit diesem Titel hat der Autor in einfachster Form die grundlegende Kritik gegenwärtiger Methodenpädagogik erläutert.
Eine Erziehung des Menschengeschlechts? Der erste Vortrag „Eine Erziehung des Menschengeschlechts?“ wurde im Sommer 1984 im Rahmen einer Vortragsreihe zum Thema „Das Elend der Aufklärung“ gehalten. Er umfasst 44 Seiten (S. 5 bis 48).
Die zentrale These des ersten Vortrags ist der Nachweis der Notwendigkeit der „Neuen Aufklärung“ (S. 47), die eine „Aufklärung der Aufklärung“ (S. 13) ist, für Wissenschaft wie Alltag und für Denken (und Sprechen) wie Handeln:
Menschen haben nur ihre Vernunft, um den Erfolg ihres Handelns (als Einzelner wie als Gesellschaft) zu fördern. Diese Erfolgsförderung unterliegt deutlichen Grenzen (Endlichkeit und Fehlbarkeit der menschlichen Vernunft), diese Grenzen zu erkennen ist Teil der „Neuen Aufklärung“, welche einräumt, dass bspw. die Natur sich keineswegs völlig von der Vernunft (Naturwissenschaft) erschließen lässt und dass die Naturwissenschaft ihrerseits zwar (sachliches) Wissen aber keinen (moralischen) Sinn erzeugt.
Da die 'Alte Aufklärung' (des 18. Jahrhunderts) die Erziehung („Erziehung zur Aufklärung“ S. 39) als Hauptmittel zum Zwecke des Fortschritts der Menschheit (zum „Neuen Menschen“ (S. 21)) ansah (das 18. Jahrhundert gilt zugleich als das große Jahrhundert der Pädagogik), wird das „Elend der Aufklärung“ (S. 3) (auch ‚Dialektik der Aufklärung‘) in der aktuellen Diskussion der Pädagogik angelastet.
Das Elend besteht in akuten Problemen, welche die Durchrationalisierung der Lebenswelt (bspw. Industrialisierung) mit sich brachte wie bspw. Naturzerstörung, Entfremdung, Arbeitslosigkeit, Politikverdrossenheit (S. 14f.). Dieses Elend macht eine „Aufklärung der Aufklärung“ notwendig und nicht ein starres Festhalten am alten aufklärerischen Fortschrittsdenken („der fortgesetzten kopflosen Flucht nach vorn“ (S. 15)). Man soll die Alte Aufklärung aber deshalb nicht völlig verwerfen, sondern aus ihr lernen und die gesellschaftlichen Institutionen (wie bspw. die Schule) den veränderten geschichtlichen Umständen (bspw. Klimakrise) anpassen. Die für uns heute noch wichtigen Kerngedanken der Alten Aufklärung sind keine Vorschriften (bspw. wie das glückliche Leben auszusehen hat), sondern (insgesamt zehn) Einschränkungen (S. 37). Seine Punkte sind hier der Verständlichkeit halber in umgekehrter Reihenfolge wiedergegeben: Die heutige Aufklärung ist eine andere als die des 18. Jahrhunderts. Aufklärung drängt zu Fortschritt (weg vom als falsch Erkannten, hin zum als wahr Erkannten). Die Aufklärung richtet sich nicht gegen jedwede Art von Religion, verweist sie aber auf die Bereiche, die der Vernunft unzugänglich sind (bspw. ob es einen Gott gibt). Menschen sind frei, aber füreinander verantwortlich: Die eigene Freiheit endet bei der Schädigung anderer. Keiner kann einem diese Verantwortung abnehmen. Aufklärung (Vernünftigkeit) ist eine „Lebensform“ (S. 30), die das ganze (private wie öffentliche) Leben umfasst und der Einübung bedarf. Die Welt ist mittels Vernunft erklärbar (womöglich nie gänzlich, aber auf jeden Fall ein Stück weit). Menschen sind individuell verschieden, haben aber gleiche Würde und daher gleiche Rechte. Der einzelne Mensch ist von Geburt aus weder gut noch böse. Vernunft ist sowohl individuell wie sozial notwendig („Der Mensch ist … vernunftpflichtig.“ (S. 23)) Der Mensch wird nicht frei geboren, sondern muss sich seine Freiheit erarbeiten (hauptsächlich durch individuelles Lernen und die Umgestaltung gesellschaftlicher Umstände).
Nachdem Hentig geklärt hat, was Aufklärung seiner Meinung nach heute bedeutet, wendet er sich der aktuellen Kritik an der Pädagogik zu, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlt. Diese Kritik fasst er ebenfalls in zehn Punkten zusammen.
1. Pädagogik vom Kinde aus führe zu Sach-Unkenntnis. 2. Pädagogik der Selbstständigkeit (des Kindes) führe zu einer Unselbstständigkeit (Un-Mündigkeit). 3. Pädagogik der Selbstverwirklichung (des einzelnen Kindes) führe zu verantwortungsloser Aufsässigkeit. 4. Pädagogik ohne Auslese schädigt die Begabten zugunsten der Unbegabten. 5. Pädagogik ohne Leistungsprinzip führt zu „Bewährungsscheu“ (S. 42). 6. Pädagogik zur „Kritikfähigkeit“ (S. 42) führe zu „staatsfeindlicher Unzufriedenheit“ (ebd.). 7. Pädagogik mit Wissenschaftsorientierung verhindere verstehendes (kindgemäß konkretes) Lernen (durch Abstraktheit). 8. Pädagogik zur Schulung der formalen Geisteskräfte führe zum Verlust der gemeinsamen Geschichte (Erinnerungskultur). 9. Pädagogik, welche die individuellen Interessen des Kindes in den Vordergrund stellt, führe zur Zerstörung der bürgerlichen Moral (Nihilismus). 10. Pädagogik der lebenslangen Weiter-Bildung (wirtschaftliche Verschulung) führe nicht zu tiefergehender Lebens-Weisheit.
Hentig hält all diese Vorwürfe gegen die der Aufklärung verpflichtete Pädagogik für wichtig, aber nicht für schlagend. Sie müssten auf die konkrete geschichtliche Lage unserer Gesellschaft hin durchdacht und angepasst werden.
Sein Projekt der Laborschule Bielefeld sieht er als konkrete Anwendung seines Vorschlags.
Die Menschen stärken, die Sachen klären Der zweite Vortrag wurde 1984 zum zehnjährigen Bestehen der Laborschule und des Oberstufenkolleg Bielefeld unter dem Titel „Die Menschen stärken, die Sachen klären“ gehalten.Gerlinde Grübl-Schößwender sieht in „Die Menschen stärken, die Sachen klären“ eine Art Leitmotto zum Hentig’schen Bildungsbegriff. Vgl. hierzu:Gerlinde Grübl-Schößwender: „Elternbildung“: bildungswissenschaftliche Studie über Kriterien zur Konzeption von Bildungsveranstaltungen mit dem Fokus auf Pflichtschulabsolvent/innen. AVM – Akademische Verlagsgemeinschaft München, München 2012 (zugl. Diss. Univ. Wien 2011), ISBN 978-3-86924-197-5, Kap. 3.1.1.4 „Der Bildungsbegriff nach Hartmut von HENTIG – Die Menschen stärken, die Sachen klären – Mäßstäbe für Bildung“: S. 44–47.Allerdings macht Grübl-Schößwender den Hentig’schen Bildungsbegriff nicht an von Hentigs Vortragssammlung Die Menschen stärken, die Sachen klären fest, sondern vornehmlich an dessen 1996 erschienenem Buch Bildung: Ein Essay. In der Sammlung erscheint er unter dem Titel Ist Vernunft lehrbar? Er umfasst 78 Seiten (S. 49 bis 126). Aufgrund des Umfangs wird hier Hentigs Gliederung für eine erste Orientierung übernommen. Es wird jeweils die zentrale These des Abschnitts benannt und anschließend werden die wichtigsten Argumente zusammenhängend wiedergegeben.
1. „Eine veränderte Sprache“ (S. 49 bis 59) Die zentrale These des 1. Abschnitts von Hentigs Vortrag lautet: Ende des 20. Jahrhunderts brauchen wir in Deutschland eine neue Pädagogik (S. 58). Diese neue Pädagogik braucht eine „neue Sprache“ (S. 58), weil die alte Sprache der pädagogischen Diskussion der 1960er und 1970er Jahre für wichtige Teile der Bildung blind geworden ist.
Hentig schließt von den Sprachveränderungen in der pädagogischen Diskussion (weg von „Wesenswörtern“ hin zu „Funktionswörtern“) in den 1960er und 1970er Jahren auf das Erstarken der Zweckrationalität („funktionalistische Mentalität“ (S. 54)). Die Zweckrationalität kümmert sich nicht um die Sinnhaftigkeit (bzw. den moralischen Gesichtspunkt) von Handlungszielen (im Bereich der Pädagogik also den „Lernzielen“ (S. 106)), sondern fragt allein nach effektiven Mitteln, welche die ertragreichsten Ergebnisse („input-output-Verhältnis“ (S. 125)) bewirken.
Der neue Leitbegriff „Wissenschaftsorientierung“ führt zur Herausbildung von Fachdidaktiken als Abbilddidaktiken (als verkleinertes Abbild (didaktische Reduktion) der jeweiligen wissenschaftlichen Bezugswissenschaft). Leitbegriffe wie „Liebe“ (S. 51) verschwinden aus dem pädagogischen Diskurs, weil sie nicht operationalisierbar (also sinnlicher Wahrnehmung nicht eindeutig zugänglich und anschließend verrechenbar) sind: Es gibt kein Thermometer, das den Liebesgrad eines Schülers vor, während oder nach dem Unterricht sicher bestimmen könnte. Begründet wird dieser verengte Blick mit der zeitgenössisch modernen Lerntheorie des Behaviorismus, der alle innerseelischen Vorgänge als spekulativ, weil nicht genau messbar, aus der Wissenschaft verbannt. Dennoch ist ein liebevolles pädagogisches Verhältnis laut geisteswissenschaftlicher Pädagogik eine Grundvoraussetzung für „Bildung“ (S. 53), und Bildung ist „Formung des Bewusstseins“ (S. 53).
Insgesamt fallen dieser Zweck-Weg-Rationalisierung die Bereiche sowohl des Guten (Moral) als auch des Schönen (Ästhetik) zum Opfer. Angesichts des „Sputnik-Schocks“ (S. 54) wurden diese wesentlichen Bereiche der Menschlichkeit für höhere wirtschaftlich-technische Ausbildung geopfert („Ausschöpfung der Begabungsreserven“, S. 55). Aber Bildung hat nicht nur individuellen und gesellschaftlichen (wirtschaftlichen) Wohlstand zu fördern, sondern auch den einzelnen gegen wirtschaftliche Ausbeutung, politische Anpassung und kulturellen Selbstverlust (Identitätsbildung) zu rüsten. Die zeitgenössische Systemkritik (Marxismus und Tiefenpsychologie) richten sich aber gegen ihre einzige eigene Waffe, die bewusstseinsformende Bildung: Sie verdammen Bildung generell, weil sie angeblich immer ein Instrument der Herrschenden ist, die damit ihre Herrschaft sichern (Indoktrination).
2. „Ein gleichbleibendes Problem?“ (S. 59 bis 71) Der 2. Abschnitt gibt Auskunft über das „Hauptziel“ (S. 60) der neuen Pädagogik: „Die Menschen stärken und die Sachen klären“ (S. 59). Wissenschaft (und pädagogische Wissenschaftsorientierung) klärt Sachen, stärkt aber Menschen nicht automatisch, denn sie beantwortet keine lebenswichtigen Sinnfragen. Sie klärt Menschen über wirkungsvolle Mittel auf (Technik), die er dann nach Belieben einsetzen kann. Da der technische Fortschritt einen Grad erreicht hat, der Mittel zur Weltzerstörung (bspw. Atomwaffen) hervorbringt, muss die Neue Aufklärung nach der Verantwortung der Wissenschaft fragen. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt muss sich der Sinnfrage stellen (Ist oder wäre diese oder jene technische Erfindung gut? (Folgenabschätzung)), ein blindes Fortschreitenlassen bringt keine Lösung, sondern häuft nur noch mehr Probleme an.
Menschen benötigen Sachwissen, aber kein „Stückwissen“ (S. 70) (fachwissenschaftliches Spezialwissen), sondern ein Überblickswissen über jene gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihr Leben täglich bestimmen und die heute oft als alternativloser „Sachzwang“ hingestellt werden und die Stärke für das als moralisch richtig und wahr bzw. gegen das als moralisch schlecht und falsch erkannte notfalls auch gegen die Mehrheit einzustehen.
Die (irrtümlich immer noch) wertfreie Wissenschaft kann die anstehenden gesellschaftlichen Probleme nicht im Sinne des technischen Fortschritts lösen, weil sie selbst nie objektiv war, sondern als gesellschaftliche Institution selbst in die Systemzwänge verflochten ist (Forschungsergebnisse hängen zum Beispiel nicht unwesentlich vom Geldgeber des Forschungsinstitut ab wie bspw. die Akademie für Tabakstudien zeigt).