Magdalena „Lena“ Agnes Krieg (* 20. Februar 1901 in Eningen unter Achalm; † 30. Dezember 1981 in Eningen) war eine Nationalökonomin und Soziologin, deren Promotion und eine berufliche Karriere von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer politischer Aktivitäten verhindert wurde. Zwischen 1941 und 1952 war sie mit dem Holzschneider und Maler HAP Grieshaber verheiratet und führte in der Zeit auch den Nachnamen ihres Mannes.
Familiärer Hintergrund und frühe Jahre Lena Krieg war die Tochter „der vermögenden Schweizerin Karoline Magdalene Seyser und dem Schulmeister Gottfried Krieg“Henning Kober: Lena und ihre Schwestern. Das Vermögen der Mutter ermöglichte der Familie bis zur Hyperinflation des Jahres 1923 ein großbürgerliches Leben in einer Jugendstilvilla und mehreren Hausboten.Lioba Canan Tekin: Lena KriegNach Henning Kober handelte es sich um ein „herrschaftliches Anwesen, [das] einem Schweizer Chalet nachempfunden“ war. Das heutige Aussehen des Hauses Schillerstraße 73 in Eningen ist auf Google-Maps zu sehen. () Ein Foto, das die Villa kurz nach ihrer Fertigstellung zeigen soll, ist auf der Webseite des Antifaschistischen Infoblatts zu finden.
Zur Familie gehörten außer Lena (deren Vorname oft auch als Magdalena zitiert wird) noch zwei weitere Schwestern: die ältere Frieda († 1987)Der Spiegel: Völkische Festung und die jüngere Charlotte († 1994).
Lioba Canan Tekin bestätigt das weitgehend und ergänzt, dass Frieda nach ihrem Aufenthalt am Genfer See in München ein Kunststudium aufnahm, das sie aber als Folge der Inflation nie abschloss. Allerdings lernte sie während ihrer Münchener Zeit Adolf Hitler kennen und blieb ihr Leben lang ein Anhänger von dessen Ideen, für die sich dann auch Charlotte begeisterte.
Die Inflation vernichtete 1923 das Familienvermögen, lediglich die Villa blieb ihnen erhalten. 1924 verstarb Vater Gottfried Krieg. Frieda zog zurück nach Eningen und wurde Lehrerin, Charlotte, die gerade das Abitur bestanden hatte, blieb ein Studium verwehrt, und sie wurde eine Art familiärer Dienstbotenersatz. Für Lena, die um Ostern 1920 an der Oberrealschule in Reutlingen die Hochschulzugangsberechtigung erworben hatte ist die Quellenlage über diesen Zeitabschnitt dürftig. Tekin führt aus, dass sie seit 1924 einen Briefwechsel mit Werner Klimpt unterhielt, der zu der Zeit in Tübingen studierte und am Aufbau der Kommunistischen Studentenfraktion (KoStuFra) beteiligt war.Marion Keller: Rote Studentengruppe(n) Wo die beiden sich kennengelernt hatten und wie es zu diesem Briefwechsel kam, ist ungeklärt. Ebenso ungeklärt ist, aufgrund welcher Erfahrungen Lena Kreig ihr mit Klimpt geteiltes „wissenschaftliche und politische Interesse [..] am Thema Kommunismus und Sozialismus“ und „Sympathie [..] für die KPD“ entwickelte.
Für Lena scheint es dennoch ein längerer Prozess gewesen zu sein, der schwierigen familiären Situation zu entfliehen und zum Missfallen ihrer Schwester Frieda „ohne konkrete Berufsabsichten nach Frankfurt an die Universität“ zu gehen. Den Schritt vollzog Lena Krieg im Mai 1927.
Studienjahre in Frankfurt Lena Krieg schrieb sich am 10. Mai 1927 an der Frankfurter Universität für Philosophie mit dem Hauptfach Nationalökonomie und im Nebenfach Englisch ein. Tekin führt diese Wahl des Studienorts und des Hauptfaches auf die in dem Briefwechsel angeklungenen politischen Interessen zurück und auf den Ruf der Frankfurter Universität, die „zu dieser Zeit besonders für ihre linke und liberale Gesinnung an den Lehrstühlen und unter den Studierenden bekannt“ war. Dorthin war inzwischen auch der in Tübingen 1926 wegen seiner kommunistischen Aktivitäten für zwei Jahre relegierte Klimpt gewechselt.Klimpt hatte sich am 23. November 1926 erstmals an der Goethe-Universität eingeschrieben (Archivinformationssystem Hessen (Arcinsys): Werner Klimpt, Signatur „UAF, 604, 3730“ (Studentenakte aus dem Universitätsarchiv der Goethe-Universität)), und nicht, wie von Tekin behauptet, erst ab 1928. (Lioba Canan Tekin: Lena Krieg, S. 33)
Ob Lena Krieg „direkt zu Beginn des Studiums dem Sozialistischen Deutscher Studentenbund (SDStB)“ beigetreten ist, wie Tekin behauptet, ist fraglich. Tekin bezieht sich hierfür auf Lena Kriegs Akte im Frankfurter Universitätsarchiv. Dort gibt es allerdings nur ein Dokument, das hierzu Hinweise enthält. Am 21. Oktober 1954 schrieb das Landesamt für die Wiedergutmachung in Tübingen an die Goethe-Universität, um von dort Auskünfte über Lena Kriegs Frankfurter Jahre und die Berechtigung ihrer Entschädigungsansprüche zu erhalten.Im Landesarchiv Baden-Württemberg gibt es keinen Hinweis auf eine Entschädigungsakte Lena Grieshaber oder Lena Krieg. In diesem Schreiben heißt es:
Die behördlicherseits verwendete Formulierung „sozialistischer Studentenbund“ ist kein eindeutiger Beleg für Tekins behauptete Zugehörigkeit zum „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDStB). Diese würde nämlich im Widerspruch stehen zu den aus dem Briefwechsel mit Klimpt abgeleiteten politischen Interessen von Krieg und den ihr attestierten Sympathien für die KPD, denn der SDStB stand der SPD nahe und war antikommunistisch positioniert.Siehe hierzu den Artikel über Siegfried Höxter Nach Stuchlik kamen zudem die meisten SDStB-Mitglieder von der mit der Goethe-Universität assoziierten Akademie der Arbeit (AdA)Gerda Stuchlik: Goethe im Braunhemd. Universität Frankfurt 1933 – 1945, Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-87682-796-5, S. 70, und somit nicht aus dem Kernbereich der Universität. Wahrscheinlicher ist, dass Lena Krieg, wie Klimpt auch, Mitglied in der Roten Studentengruppe war, in der sich Studentinnen und Studenten verschiedener sozialistischer und kommunistischer Fraktionen zusammen getan hatten, die sich alle links von der SPD verorteten.
Über Kriegs Studium in Frankfurt gibt es wenig konkrete Hinweise. Nach Tekin soll sie im Sommersemester 1928 ein Seminar von Max Horkheimer und Friedrich Pollock zum Thema „Klassenkampf“ besucht und im gleichen Jahr Diskussionen mit Horkheimer am Institut für Sozialforschung geführt haben. Tekin schildert dann die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 auch auf die Situation an der Frankfurter Universität und Krieg persönlich. Sie habe in einer Fabrik arbeiten müssen und sei trotzdem aus Geldmangel vorübergehend von der Liste der Studierenden gestrichen worden. Danach erhielt sie „als eine der ersten Frauen eine Assistentenstelle im Institut für Philosophie und die Möglichkeit, bei Prof. Dr. Pribram zu promovieren“, dem Ordinarius für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften. All das geht so auch aus dem schon zitierten Schreiben des Tübinger Landesamtes für die Wiedergutmachung hervor.
Wie über ihr gesamtes Studium, so ist auch über Kriegs Promotion nur wenig bekannt. Sie verfasste eine Dissertation zum Thema Utilitarismus, die sie noch kurz vor Hitlers Machtantritt fertigstellen konnte, doch zum Abschluss des Promotionsverfahrens kam es nicht mehr, da ihr Doktorvater kurz nach der Bücherverbrennung in die USA emigrierte. Parallel dazu wurde Krieg von der Gestapo inhaftiert und über mehrere Tage hinweg zu ihren Kontakten zu linken Kreisen verhört. Ihre Dissertation ist seit dieser Zeit verschollen.
Am 29. Juni 1933 ordnete das Preußische Kultusministerium per Erlass (U I Nr. 21890) an, „alle Studierenden vom Hochschulstudium auszuschließen, ‚die sich in den letzten Jahren nachweislich in kommunistischem Sinne betätigt haben (auch ohne Mitglied der KPD zu sein)‘. Die Hochschulen wurden verpflichtet, zur Feststellung der in Frage kommenden Personen die örtlichen Studentenführungen heranzuziehen und Listen der relegierten Studenten an alle Hochschulen zu versenden, um eine Immatrikulation der Betroffenen an anderer Stelle zu verhindern.“Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich. Geschichte der deutschen Studentenschaften 1933–1945, Schöningh, Paderborn 1995, ISBN 3-506-77492-1, S. 207. (Online auf Digi20 von Bayrischer Staatsbibliothek & DFG) Der nach der Machtübernahme frisch gewählte Rektor der Goethe-Universität, Ernst Krieck, folgte unverzüglich diesem Erlass, richtete einen Ausschuss zur politischen Überprüfung der Studenten ein und ließ die im Erlass geforderten Listen erstellen.Gerda Stuchlik: Goethe im Braunhemd. Universität Frankfurt 1933 – 1945, Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-87682-796-5, S. 83 Am 12. Juli 1933 schloss der Senat der Universität unter Berufung auf den Erlass Preußischen Kultusministeriums sieben Studentinnen und Studenten mit sofortiger Wirkung vom Universitätsstudium aus. 15 weitere, die zu dem Zeitpunkt der Universität nicht mehr angehörten, wurden beschuldigt, „sich während ihrer Zugehörigkeit zur Frankfurter Universität [..] in kommunistischem Sinn betätigt“ zu haben.Der Erlass ist abgedruckt bei Christoph Dorner, Lutz Lemhöfer, Reiner Stock, Gerda Stuchlik, Frank Wenzel: Die braune Machtergreifung. Universität Frankfurt 1930 – 1945, AStA der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main 1989, S. 82
Eine der wegen ihrer angeblicher kommunistischer Betätigung denunzierten 15 Studierenden war – ebenso wie der schon erwähnte Werner Klimpt – Lena Krieg. Nach Tekin sei sie schon vor diesem Rektorats-Erlass von der Universität verwiesen worden, was aber laut einem Schreiben der Goethe-Universität vom 29. November 1954 damit zusammenhing, dass sie sich zum Wintersemester 1931/32 „nicht mehr ordnungsgemäß zurückgemeldet habe“.Antwortschreiben der Goethe-Universität vom 29. November 1954 auf die Anfrage des Landesamtes für die Wiedergutmachung vom 21. Oktober 1954 (Studentenakte Lena Krieg, Signatur „UAF, 604, 1120“) Deshalb wird sie auch in dem Erlass von Ernst Krieg als Person aufgeführt, „die jetzt der Frankfurter Universität nicht mehr angehören“ Vorgeworfen wird ihr dort aber, dass sie, ebenso wie Gisèle Freund und John Rewald, „Vorstandsmitglied oder Ferienvertreter der Roten Studentengruppe“ gewesen sei. In Kriegs Studentenakte befindet sich, ebenso wie in der von Werner Klimpt, der Hinweis, dass „sämtlichen deutschen Hochschulen mitgeteilt worden [ist], dass Lena Krieg sich während ihrer Zugehörigkeit zur Universität Frankfurt a. M im kommunistischen Sinne betätigt hat“.Der Text wurde nachträglich auf einer Dokumententasche angebracht und lässt sich zeitlich nicht zuordnen. Faktisch bedeutete das einen Ausschluss vom Studium an allen deutschen Universitäten.
Lena Krieg sollte nach dem Relegations-Erlass ein zweites Mal von der Gestapo verhört werden und versuchte, sich dem durch einen missglückten Fluchtversuch in die Tschechoslowakei zu entziehen. Die Gestapo scheint danach das Interesse an ihr verloren zu haben, doch für Krieg ergab sich aus alldem eine schwierige Situation.
Zeit des Nationalsozialismus und Nachkriegszeit Lena Krieg kehrte in ihr Elternhaus zurück, in dem ihre beiden Schwestern Frieda und Charlotte, zwei begeisterte Anhängerinnen des Nationalsozialismus, das Sagen hatten. Frieda nutzte zudem ihre Kontakte, um Lena wegen ihrer psychischer Probleme Schizophrenie attestieren zu lassen, mit dem Ziel, sie in eine Anstalt einzuweisen. Wie Rall-Lorenz und Gregor Kalivoda schreiben, wohl auch mit Erfolg: „Der Kriegsausbruch lässt Lena in eine psychische Isolation geraten, sie wird in die Tübinger Nervenklinik eingewiesen“Iris M. Rall-Lorenz und Gregor Kalivoda: Achalm ist Aia und Riccarda ist Kirke (Weblinks), aber nur vorübergehend. „Der verantwortliche Professor beobachtet zwar Symptome, die möglicherweise auf Schizophrenie schließen lassen. Doch für eine Einweisung in eine geschlossene Anstalt sieht er keinen Anlass. Lena kann zurück nach Eningen.“Henning Kober: Lena und ihre Schwestern Nach Tekin scheiterten weitere Versuche einer erneuten Einweisung wohl erst, als Lena HAP Grieshaber kennenlernte, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in einer Fabrik in Eningen als Pförtner arbeitete und 1940 zur Wehrmacht einberufen wurde.HAP Grieshaber: Zahlen, Zitate, Zeitbezüge (Weblinks)