Ulrich Riklin (* 1951 in Zürich, heimatberechtigt in Bremgarten AG und Ernetschwil) ist ein Schweizer Buchhändler, Verleger und Verlagsauslieferer, der den Verlag Sanduhr Press und die Buchhandlung für Soziologie in Bern gründete.
Leben Frühes Leben und Ausbildung Ulrich Rudolf Felix Riklin, Sohn des Chemikers Rudolf Othmar Riklin und der Antoinette Schelbert, wuchs in Zürich mit zwei Geschwistern auf. Er besuchte die Primar- und die Sekundarschule in Zürich. Von 1968 bis 1971 absolvierte er eine Lehre als Sortiments-Buchhändler in der Buchhandlung Waldmann in Zürich, die er 1969 abschloss. Anschliessen studierte er an der Buchhändlerschule Zürich, an der Albert Züst Verlags- und Wirtschaftskunde unterrichtete., Anschliessend hatte er eine Halbtagsanstellung bei der Buchhandlung Herbert Lang & Cie. AG in Bern. Ab dem Wintersemester 1970/71 besuchte er an der Universität Bern als Auskultant Vorlesungen zur Philosophie bei Georg Jánoska. Seit 1971 arbeitete Riklin in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern. in der Sektion Periodika und Amtsdruckschriften.
Literaturzeitschrift Sanduhr 1971 ließ Riklin den Verlag und Buchhandlung Ulrich Riklin im schweizerischen Handelsregister eintragen. 1970 entstand die Literaturzeitschrift Sanduhr, ein Forum für junge Autoren, die von den Buchhändlerlehrlingen Peter Fritz, Hugo Remund und Ulrich Riklin gegründet wurde. Die Gestaltung erfolgte durch Renato Quadri. In deren erster Nummer erschienen zum Beispiel Beiträge von Werner Schmidli und Fritz Gafner. Nach fünf Heften ist die Zeitschrift an ein Kollektiv nach Basel verkauft worden. Bestehen blieb der aus der Zeitschrift heraus entstandene Verlag.
Buchhandlung für Soziologie Die Buchhandlung für Soziologie, die zu den ersten Gründungen im sogenannt linken Buchhandel zählt, wurde, am 16. März 1972, von Ulrich Riklin und Irene Candinaseröffnet. Die Buchhandlung begann mit einem Startkapital von 6000 Franken. 1974 wurde die Einzelfirma wurde im Handelsregister gelöscht und in die Kollektivgesellschaft Riklin & Candinas unter dem neuen Geschäftszweck Buchhandlung und Verlagsauslieferung überführt.
Gesellschaftliches Engagement Riklin, der 1975 einem überparteilichen Komitee für eine fortschrittliche Mehrheit im Berner Gemeinderat angehörte, war Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Kultur, Erziehung, Wissenschaft (GKEW).
Der Zürcher Buchhändler Theo Pinkus organisierte zusammen mit der GKEW 1977 ein Selbstverwaltungsseminar im Ferien- und Bildungszentrum Salecina, das im folgenden Jahr wiederholt wurde. Im 1979 erschienenen Buch Inseln der Zukunft – Selbstverwaltung in der Schweiz stellten sich 47 selbstverwaltete Betriebe aus der deutschsprachigen Schweiz vor, darunter neun Betriebe aus dem Buchhandel- und Verlagswesen. Riklin beschrieb die Buchhandlung für Soziologie auf zwei Buchseiten und räumte der eben erst entstandenen Frauenbuchhandlung viel Platz ein. Zu diesem Zeitpunkt war die Buchhandlung für Soziologie immer noch eine Kollektivgesellschaft im alleinigen Besitz von Ulrich Riklin und Irene Candinas.
Münstergass-Buchhandlung 1983 wurde die Kollektivgesellschaft in eine selbstverwaltete Aktiengesellschaft umgewandelt und in Münstergass-Buchhandlung umbenannt. Als dritter Teilhaber kam Peter Eichenberger hinzu. Der Frauenbuchladen, der schon vorher eine eigene Buchhaltung geführt hatte, wurde von der Münstergass-Buchhandlung abgetrennt als Firma im alleinigen Besitz von Irene Candinas. 1985 trat die Münstergass-Buchhandlung aus Protest aus dem Münstergass-Herrengass-Leist aus, und forderte in einem Offenen Brief die Wiedereröffnung der [Münster-]Plattform., die aufgrund einer Drogenszene geschlossen worden war. 1985 zog die Münstergass-Buchhandlung in die Münstergasse Nr. 35. Irene Candinas blieb mit ihrem Frauenbuchladen an der Münstergasse 41.
Die seit 1995 erschienen jährlichen Buchempfehlungen unter dem Titel Aktuelle Information wurden ab 2004 als Newsletter weitergeführt.
In der Münstergass-Buchhandlung arbeiteten 1997 neben Riklin zehn weitere Personen. 1993 konnte die Buchhandlung in Zusammenarbeit mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die elektronische Dokumentation DOCUDISP [Documentation Dispatch=Dokumentenversand] starten, welche sich zu einem wichtigen Standbein der Buchhandlung entwickelte. Die Idee themenspezifischer Anschaffungsvorschläge (Approval Plan) ging auf eine Bibliotheksreise von Direktoren der Universitätsbibliotheken in die USA zurück.
2005 war der umsatzmässige Höhepunkt der Münstergass-Bibliothek. Danach setzte ein leichter Rückgang ein, der die Buchhandlung vorübergehend in die Verlustzone führte. 2008 sprang die DEZA als grösster Kunde ab., Der Ausfall konnte die Buchhandlung nicht ernsthaft gefährden, dass sie sich behaupten konnte, war nicht selbstverständlich. Die Buchhandlungen Hans Huber, Herbert Lang, Müller-Gfeller, Francke, Scherz und Stauffacher waren bis in die 1980er Jahre die grössten in Bern, von denen nur noch Stauffacher, dem Namen nach, existiere.
Nach der Erkrankungen Riklins an Parkinson wurde die Schließung der Buchhandlung in die Wege geleitet. 2010 verkaufte Riklin fast alle seine Aktien an seine Nachfolgerinnen. Am 31. März 2025 wurde die Münstergass-Buchhandlung geschlossen.
Frauenbuchladen Riklins Ehefrau und Geschäftspartnerin, Irene Candinas gründete 1978 den Frauenbuchladen im ersten Stock an der Münstergasse 41, der 1987 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. und seit 1995 unter dem Namen Buchhandlung Irene Candinas AG firmiert. mit einem weiteren Schwerpunkt auf dem Bereich Lesbenliteratur 1998 wurde der Trudy-Schlatter-Preis eingeführt, der an Einzelpersonen, Organisationen oder Gruppen verliehen wird. Seit 2011 ist die Buchhandlung Irene Candinas Teil der Buchhandlung Weyermann. 2015 stellte die Buchhandlung Irene Candinas ihre Geschäftstätigkeit ein.
Die Buchhandlung als gesellschaftspolitischer Akteur und kulturelles Zentrum Fundament der gesellschaftspolitischen Aktivitäten blieb stets die Erdung im täglichen Geschäft: Tanja Messerli, ehemalige Lehrfrau der Buchhandlung, erinnerte sich aufgrund der Organisation eines Büchertisches für den Autor Niklaus Meienberg: «Die Kultur und das Kaufmännische stehen nicht im Widerspruch. Gerade in einer unabhängigen Buchhandlung muss von Anfang an beides zusammen vermittelt und verstanden werden.»
Privates Riklin war seit 1988 mit Irene Candinas verheiratet, mit der ein gemeinsames Kind hat.
Veröffentlichungen Der Buchhandel, der Markt, der Laden und seine Hüter. In: Rote Revue Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur. 76,3, 1998, doi:10.5169/seals-341421 Kurze Geschichte der Münstergass-Buchhandlung. 1997. Buchhandlung für Soziologie, Bern. In: Toni Holenweger und Werner Mäder (Hrsg.): Inseln der Zukunft – Selbstverwaltung in der Schweiz.1979, S. 309–310.
Literatur Bernhard Ott: Adieu Münstergass-Buchhandlung – Abschied von einem Kapitel Berner Kulturgeschichte. In: Der Bund. 2025. Naomi Jones: Buchbranche in Bern: Reorganisation der Kornhaus-Bibliotheken trifft zwei Buchhandlungen hart. In: Der Bund. 2025. Tanja Messerli: Fest zu 50 Jahre Münstergass. In: Newsletter des Schweizer Buchhandels, Ausgabe 12/2022. 2022. Hektor Leibundgut: Der mystische Buchhändler und der solide Kaufmann. In: Journal B. 2021. Simon Jäggi: Wo die Berner Intelligenzija ihre Schunken findet. In: Der Bund. 2012. ar: Der Ladenhüter. In: Quavier. 2011. Marianne Ingold: Buchhandlung Irene Candinas. In: Brunne-Zytig. 2010. S. 13. Peter Eichenberger: [Interview:] Der Buchhändler Ulrich Riklin über wichtige Bücher der letzten 25 Jahre, die Zukunft des Buches und selbstverwaltetes Arbeiten. In: Berner Tagwacht. 1997. Brigitte Zingg: Ein zweiter Bücherelefant im "overbookden" Bern. In Berner Tagwacht. 1995. Heinrich Fries (Hg.): Albert Züst, 1909–1973. Zürich, Heinrich Fries. 1983. Toni Holenweger und Werner Mäder (Hrsg.): Inseln der Zukunft – Selbstverwaltung in der Schweiz. 1979, S. 309–310. Beat Eberle: Wo und wie funktioniert der linke, alternative Buchhandel in der Schweiz? – Zwischen Markt und Marx. In: Das Konzept. 8, 1979, 10. Albert Schwarzenbach: Die Literaturzeitschrift SanduhrDie Zeitschrift "Sanduhr – Literarisches, Zeitkritisches, Berichte" gehört zu Periodicabeständen der Schweizerischen Nationalbibliothek, die noch nicht im Onlinekatalog Helveticat erfasst sind [Stand 13.3.2025]. Signatur P 27219. wechselt Besitzer. In: Bieler Tagblatt. 1973.
Einzelnachweise
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