mini|alt=Das Bild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von Øyvind Anker (2016). Er trägt eine karierte Jacke, ein weißes Hemd und eine dunkle Krawatte. Im Hintergrund ist eine Tafel zu sehen, was darauf hinweist, dass die Aufnahme möglicherweise in einem Klassenzimmer oder einem Büro gemacht wurde.|Øyvind Anker (1904–1989) Øyvind Anker (* 13. Juli 1904 in Frankfurt am Main; † 30. Dezember 1989 in Oslo) war ein norwegischer Bibliothekar, Literatur-, Musik- und Theaterhistoriker. Er arbeitete von 1936 bis 1974 an der Universitätsbibliothek Oslo und baute dort ein Bjørnson-Archiv und eine theaterhistorische Sammlung auf. Er veröffentlichte Sammlungen der Briefe von Bjørnson, Ibsen und Bernhard Dunker und das gesammelte musikalische Werk von Rikard Nordraak. Er erforschte die Geschichte des norwegischen Theaters vor allem des 19. Jahrhunderts und redigierte mehrere Nachschlagewerke. Sein Boken om Karoline widmet sich der Beziehung von Karoline Bjørnson zu ihrem berühmten Ehemann. 1965 wurde Øyvind Anker in die Norwegische Akademie der Wissenschaften gewählt.

Leben

Eltern und Geschwister Øyvind Anker war der einzige Sohn des Oberingenieurs Nils Botvid Anker (1878–1943) und der Kunsthandwerkerin und Klavierlehrerin Gudrun Nilssen (1875–1958). Er hatte fünf Schwestern, eine ältere, die 1903 ebenfalls in Frankfurt geborene Ella, und die jüngeren, in Kristiania (Oslo) geborenen Aagot (* 1907), Synnøve (* 1908), Ida Bojsen (* 1915) und Gudrun (* 1917). Ella Anker war in ihrer Jugend Schauspielerin und heiratete den Verfassungsjuristen Frede Castberg. Synnøve Anker wurde unter dem Namen Synnøve Anker Aurdal als Textilkünstlerin bekannt.

Øyvind Anker ist ein Spross der bekannten norwegischen Familie Anker (ursprünglich Ancher) mit schwedischem Ursprung, die 1668 in Kristiania Fuß fasste. Er ist der Enkel von Herman Anker, dem Begründer der ersten Volkshochschule Norwegens, und der Neffe der Frauenrechtlerinnen Katti Anker Møller und Ella Anker. Sein Schwager Frede Castberg ist (als Sohn der Tante Karen Cathrine Castberg geb. Anker) zugleich sein Cousin.

Jugend Øyvind und seine Schwester Ella wurden in Frankfurt geboren, wo sein Vater bei einer englischen Firma beschäftigt war. Wegen der wechselnden Anstellungen ihres Oberhauptes zog die Familie oft um. 1910 wohnten die Ankers in Kristiania im Elisenbergveien 3 (2. Stock), zusammen mit der Tante Anna Nilssen, dem 15-jährigen Kindermädchen Hilma Eriksen und der schwedischen Köchin Sofie Nilsen. Der Vater war als Ingenieur für das Kanalisationsnetz zuständig.

Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte Øyvind aber in Fåberg im Fylke Oppland (heute ein Ortsteil von Lillehammer und zu Innlandet gehörig), wo sein Vater die Entwicklung der Elektrizitätsversorgung im Fylke leitete.

mini|alt=Unterschrift von Øyvind Anker|Unterschrift von Øyvind Anker Die Großeltern Herman und Mix Anker pflegten eine enge Freundschaft mit Bjørnstjerne Bjørnson und Øyvind wurde auf den Namen der Hauptfigur in Bjørnsons En glad gut (Ein glücklicher Junge) getauft. Auch die Eltern waren kulturell interessiert, vor allem an der Musik. Die Mutter brachte den Kindern Klavierspielen bei und der Vater war ein begeisterter Sänger von Volksliedern. Der musikalisch talentierte Øyvind dachte daran, Musiker zu werden und erlernte neben dem Klavier auch noch Cello. „Die Musik spielte in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle in seinem Erwachsenenleben, aber er wurde kein Berufsmusiker.“

Ausbildung 1923, mit 19 Jahren, legte Øyvind Anker das Examen artium (Abitur) ab und anschließend absolvierte er eine einjährige Ausbildung in der Krigsskolens nederste avdeling (Unterste Abteilung der Kriegsschule) und wurde damit Reserveoffizier im Rang eines Sekondløytnant (Unterleutnant). Zu dieser Zeit wohnte er in Edvard Storms gate 11b in Kristiania in einer Wohngemeinschaft mit gleichaltrigen Kadetten.

1925 begann er ein Philologiestudium an der Universität Oslo, das er – nach mehreren Unterbrechungen durch Studienreisen und Studienaufenthalte in Deutschland und Frankreich – 1931 mit dem cand.philol. mit Norwegisch im Hauptfach und den Nebenfächern Französisch und Deutsch abschloss. Seine Magisterarbeit behandelte die Beziehungen zwischen dem streitbaren Dichter Bjørnson und dem Pädagogen und Dichterphilosophen N. F. S. Grundtvig und wurde 1932 in erweiterter Form in der literaturhistorischen Zeitschrift Edda veröffentlicht.

Ehe und Kinder Am 2. März 1933 heiratete Øyvind Anker in der Osloer Garnisonskirche die Pianistin Eva Høst (* 2. Oktober 1908 in Kristiania; † 14. Oktober 1968 in Oslo), die Tochter des Kaufmanns Eivind Høst (1871–1935) und der Johanna Otilie Høst (1874–1916). Dem Ehepaar wurden zwei Töchter geboren, Sigrid (* 1934) und Eva Pernille (* 1947). Die jüngere wurde unter dem Namen Pernille Anker als Schauspielerin und Sängerin bekannt.

Universitätsbibliothek Oslo mini|alt=Das Bild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von Øyvind Anker (1935) an einem Schreibtisch sitzend. Der Schreibtisch ist mit Büchern, Papieren und einem Schreibgerät, wahrscheinlich einer Schreibmaschine, bedeckt. Im Hintergrund befindet sich ein großes Bücherregal, das mit einer Vielzahl von Büchern gefüllt ist. Die Szene wirkt wie ein Arbeits- oder Studienbereich, der eine konzentrierte Atmosphäre ausstrahlt.|Øyvind Anker, ungefähr 1935 Noch während seines Studiums wurde Øyvind Anker 1929 als Praktikant an der Universitätsbibliothek Oslo angestellt, wo er – nur durch zwei Kriegsjahre unterbrochen – bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974 bleiben sollte. 1936 wurde er zum Universitätsbibliothekar ernannt und war bis 1943 als Nachfolger von Fartein Valen Leiter der Norwegischen Musiksammlung. Nach dem Krieg arbeitete er viele Jahre in der Beratung, wo er die Bibliotheksbenutzer im Lesesaal und durch Konsultationen unterstützte. 1967 wurde er zum førstebibliotekar befördert und mit der Leitung der neu gegründeten Informationsabteilung betraut. 1970–1974 war er Leiter der Sondersammlungen, zu denen die Manuskriptsammlung und die Theatergeschichtliche Sammlung gehörten.

„Aber auch nach seiner Pensionierung engagierte er sich hier in der Bibliotheksarbeit.“ Es wurde ihm ein „kleines Ruhestandsbüro auf der Galerie über dem Lesesaal der UB“ eingerichtet, in dem er seinen „häufigen Gästen Hilfe und Rat erteilte.“

Aktion Polarkreis Nach der Kapitulation Norwegens 1940 hatten sich viele norwegische Offiziere der Widerstandsbewegung (Hjemmefronten) angeschlossen und zahlreiche Polizeibeamte erwiesen sich gegenüber dem vom deutschen Reichskommissar Josef Terboven eingesetzten Polizeichef Jonas Lie als nicht loyal. Am 16. August 1943 – nach langer Vorbereitung, aber durch den Fall Gunnar Eilifsen veranlasst – ließen die Besatzungsmacht und ihre Handlanger unter dem Codenamen Aktion Polarkreis 500 Polizeibeamte und 1100 Offiziere verhaften.

Ein Teil der verhafteten Offiziere wurde nach zwei Wochen freigelassen, die anderen – darunter Øyvind Anker, der erst am folgenden Tag verhaftet worden war – „auf Befehl Hitlers in Kriegsgefangenschaft nach Deutschland verlegt. […] Die erste Gruppe verließ Hvalsmoen am 7. September 1943. Die Offiziere wurden nach Schildberg und später nach Luckenwalde gebracht, wo sie bis zur Befreiung des Lagers am 21. April 1945 in Gefangenschaft blieben.“

Wann Øyvind Anker genau deportiert wurde, ist nicht bekannt. Für seine Gefangenennummer 709 ist als Arrestbeginn der 20. August verzeichnet, und er war auch zunächst im Oflag XXI-C (Schildberg, polnisch Ostrzeszów, 150 km südlich von Posen) und dann im Stalag III A (Luckenwalde, 50 km südlich von Berlin).

Leistungen

Bjørnson-Archiv mini|alt=Das Bild zeigt das Titelblatt einer Publikation mit dem Namen „EDDA“, einer nordischen Zeitschrift für literarische Forschung. Die Gestaltung ist schlicht und informativ, mit Fokus auf den Text. Die wichtigsten Elemente des Titelblatts umfassen:Titel: „EDDA“ Untertitel: „NORDISK TIDSSKRIFT FOR LITTERATURFORSKNING“ Gründer: „GRUNNLAGT AV GERHARD GRAN“ Redakteur: „REDIGERT AV FRANCIS BULL“Ausgabe: „ÅRGANG 19, BIND XXXII, HEFTE 3, 1932“ Spezialausgabe: „FØRSTE BJØRNSON-HEFTE“ Am unteren Rand des Titelblatts befindet sich die Verlagsinformation: „OSLO I KOMMISJON HOS H. ASCHEHOUG & CO. (W. NYGAARD) 1932“. In der Mitte des Titelblatts wird eine Übersicht des Inhalts (INNHOLD) präsentiert, die Artikel und deren Seitenzahlen auflistet, z. B. ein Artikel von Øyvind Anker über Bjørnson.|Zeitschrift Edda, Nr. 3 1932. Hier erschien Ankers Abhandlung Bjørnson og Grundtvig inntil 1872 1934 richtete die Universitätsbibliothek ein eigenes Bjørnson-Archiv ein, und Øyvind Anker hatte sich durch die Betreuung der Bjørnson-Ausstellung zwei Jahre zuvor für die Leitung der neuen Abteilung qualifiziert. Lange Zeit war er auch deren einziger Mitarbeiter. „Hier registrierte, systematisierte und analysierte er die umfangreiche Sammlung der Bibliothek mit den erhaltenen Manuskripten und Briefen des Autors sowie mehr als 5.000 Artikeln und Reden. Als Forscher nutzte er dieses einzigartige Material in verschiedenen Zusammenhängen, auch noch viele Jahre nach seinem Ausscheiden aus der Bibliothek.“

Musiksammlung Das bedeutendste Ergebnis von Ankers Tätigkeit in der Musiksammlung (1936–1943) ist die Veröffentlichung der Gesammelten Werke von Rikard Nordraak, eine kritische wissenschaftliche Ausgabe und zugleich „die erste vollständige Ausgabe der Werke eines norwegischen Komponisten.“ Das gemeinsam mit Olav Gurvin redigierte Werk erschien 1942, zum 100. Geburtstag des Komponisten, der ein Freund von Edvard Grieg war und die norwegische Nationalhymne Ja, vi elsker dette landet komponiert hatte.

„In Erinnerung an den Vorkämpfer der norwegischen Unabhängigkeit vermarktete man diese Edition explizit als nationale Aufgabe aller patriotischen Norweger. Im selben Jahr hatte Gurvin mit dem Norsk Musikkliv auch eine eigene Zeitschrift gegründet. Mit Themen über norwegische Musiker und Volksmusik vorgeblich völlig unverfänglich, erweist sich auch dieses Unternehmen auf den zweiten Blick als politisch motiviert.“ Lebende Musiker, die den Nationalsozialismus unterstützt hatten, wurden in der Zeitschrift systematisch totgeschwiegen, so auch der Grieg-Biograf David Monrad Johansen.

Die Zusammenarbeit von Anker und Gurvin wurde nach dem Krieg fortgesetzt. Ab 1946 führten sie Norsk Musikkliv als gleichberechtigte „Redaktionssekretäre“ und nun erschienen die meisten von Ankers musikhistorischen Artikeln in dieser Zeitschrift. 1949 veröffentlichten die beiden ein umfangreiches Musikkleksikon, das zehn Jahre später erweitert aufgelegt wurde. Gelegentlich arbeitete Øyvind Anker auch als Musikkritiker, ab 1948 in Verdens Gang und ab 1950 in Aftenposten.

Theatergeschichte mini|alt=Das Bild zeigt eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Øyvind Anker, der ein Plakat hält. Das Plakat zeigt eine Illustration: eine Person mit einem weißen Hemd, auf dem der Schriftzug „STUDIO TEATRET“ steht. Darunter ist eine weitere Figur gezeichnet – eine liegende Frau in einem Kleid. Der Text auf dem Plakat lautet: „STUDIO TEATRET“ „Jean-Paul Sartre“ „DEN ANSTENDIGE SKJØGEN“ „REGI AGNES MOWINCKEL“ Es handelt sich um eine Werbung für eine Theateraufführung des Studio Teatret, inszeniert von Agnes Mowinckel, basierend auf einem Werk von Jean-Paul Sartre.|Øyvind Anker mit dem Plakat der Produktion Den anstendige skjøgen (Die anständige Hure), Studioteatret 1947. Foto ungefähr 1970.