mini|Haus Schnaufer: Von Johann Jakob Schill (1628–1704), Kompagnie-Mitgründer und Bürger­meister, 1694 errichtetes Fachwerkhaus Die Calwer Zeughandlungskompagnie war ein im Verlagssystem organisiertes Unternehmen der Zeugproduktion und des Zeughandels. Sie wurde 1650 in Calw gegründet und 1797 aufgelöst. Die Teilhaber dieses Unternehmens kamen aus 14 vielfach miteinander verwandten Familien. Zeitweise waren bis zu 1000 Zeugmachermeister durch das Verlagssystem vom Unternehmen abhängig; rund 2000 Spinnerinnen kamen hinzu. Die Zeugmacher lebten in einem Gebiet, das von Heimsheim im Norden, Schönaich im Osten, Horb im Süden bis Bösingen im Westen reichte. Über den Fernhandel gelangte das Calwer Zeug nach Frankreich, in die Schweiz, die Territorien auf der italienischen Halbinsel, Ober- und Niederösterreich, Tirol, Böhmen, Ungarn, Schlesien und Polen sowie in die Erzbistümer Trier, Köln oder Mainz und weitere Gebiete des Heiligen Römischen Reichs. Im Herzogtum Württemberg war die Kompagnie das erste und größte Verlagsunternehmen und der größte Exporteur; sie entwickelte sich zu einer der größten gewerblichen Organisationen auf dem europäischen Kontinent.

Bezeichnungen Das Unternehmen firmierte nicht einheitlich. Auch sind unterschiedliche Benennungen und Schreibweisen in Gebrauch gewesen. Dazu gehören Calwer Zeughandlungskompagnie, Calwer Compagnie, Calwer Kompagnie, Zeug- und Färber-Handelscompagnie, Färber- und Zeughandlungscompagnie, Färberkompagnie, Zeughandlungskompagnie sowie Mayer, Wagner und Walther oder Mayer, Schill und Compagnie.Eitel: Beiwort zur Karte 11,3. Die Calwer Zeughandlungskompagnie, S. 2.Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 56 f.

Vorgeschichte Anfänge der Calwer Zeugherstellung Bedingt durch die konfessionellen Konflikte in den Niederlanden im 16. Jahrhundert brachten protestantische Flüchtlinge von dort Wollzeug, Kämme und entsprechendes Fachwissen mit, das in Deutschland noch wenig verbreitet war. Davon profitierten auch die Tuchmacher in Calw, die sich um 1570 der Produktion von Zeug zuwandten, also Stoffen aus glatter, leichter, schmaler, meist ungewalkter und langfaseriger gekämmter Wolle. Die Weber nahmen die Herstellung des neuartigen Zeugs auf, weil die Produkte guten Absatz versprachen. 1589/90 wurden die Calwer Zeugmacher als eigene Zunft anerkanntTroeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 13. und lösten sich damit institutionell von den Tuchmachern. Wurden 1591 insgesamt 70 Zeugmacher in Calw gezählt, so waren es 1616 bereits 250. Calw prosperierte, die Zahl der Einwohner wuchs von 2545 im Jahr 1622 auf 3892 im Jahr 1634. Auf Drängen der Calwer Zeugmacher dehnte Herzog Johann Friedrich die Zunftordnung 1611 auf weitere Gebiete aus (Herrenberg, Böblingen, Wildberg, Sindelfingen und Stammheim). Zudem wurde sie in Fragen der Ausbildung, der Obergrenzen für die Produktion pro Meister und in Qualitätsfragen verschärft. Vor allem wurde den Zeugmachern das Färben und der Verkauf auf eigene Rechnung untersagt.Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 13–16.Zur Zunftordnung von 1611 Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 27–29.

Zuvor waren die Produkte auf regionalen Wochen- und Jahrmärkten durch die Zeugmacher selbst angeboten worden oder sie hatten sie an Fernhändler verkauft, die den Schwarzwald bereisten. Ausgangs des 16. Jahrhunderts griffen einige Calwer Bürger die Idee des Verlagssystems auf, das in anderen Teilen Deutschlands bereits erprobt war. Sie konzentrierten sich auf den Warenabsatz und betrachteten Marktkenntnisse und Logistik als entscheidend, also Fragen des Transports, der Währungen, der Handelsbräuche und der Moden. Insbesondere jene Zunftmitglieder, die sich auf das Färben verstanden, damit den letzten wichtigen Produktionsschritt beherrschten und zunehmend unter ihre Kontrolle brachten, sahen hier ihre Chancen. Produktion und Verkauf trennten sich mehr und mehr. Die Waren aus Calw wurden auf Messen in Frankfurt, Worms, Straßburg oder Basel angeboten, ebenso in Würzburg und Nürnberg.Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 19 und S. 21. Einige Calwer Färberverleger wurden in kurzer Zeit reich, die produzierenden Zeugmacher klagten dagegen nicht selten über karge Lebensverhältnisse. Die Färberverleger kümmerten sich nicht allein um den Absatz, sondern mehr und mehr auch um die Beschaffung der für die Produktion benötigten Wolle. Es gelang ihnen, die Zeugmacher in ihre Abhängigkeit zu bringen.Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 17 f.

Entwicklung im Dreißigjährigen Krieg 1622 entschlossen sich 15 Calwer Färberverleger zur Kooperation, um den Konkurrenzdruck zu senken. Sie gründeten die Gesellschaft der Gesamten Färber und Handelsgenossen zu Calw. Sie existierte bis 1628. Ihr Zweck war der gemeinsame Einkauf von Rohmaterial und Farbstoffen sowie der partnerschaftliche Absatz der Ware auf den Messeplätzen. In allen anderen unternehmerischen Belangen handelte jeder Gesellschafter jedoch auf eigene Rechnung.Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 19.

Die Lage für die Zeugmacher und für die Verleger verschlechterte sich während des Dreißigjährigen Krieges, denn die Beschickung von Messen wurde risikoreicher und die Nachfrage litt durch Kaufkraftverluste. Nachdem 1634 die Schweden die Schlacht bei Nördlingen verloren hatten, eroberten die habsburgischen Alliierten Württemberg. Truppen unter Johann von Werth zerstörten Calw im September 1634.Schilderung der Gräuel in Schürle: Chronik der Calwer Decken- und Tuchfabriken AG in Calw, S. 12. 580 Häuser fielen den Flammen zum Opfer. Pest und Hunger dezimierten im Jahr darauf die Bevölkerung weiter. Auch viele der städtischen Färberverleger verarmten,Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 50. was Überlegungen zu einer erneuten Zusammenarbeit lange erschwerte. Erst nach dem Westfälischen Frieden (1648) setzte ein Wiederaufschwung ein, gefördert durch die merkantilistische Politik von Herzog Eberhard III.Zur Lage im Krieg Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 20–22.

Die Calwer Compagnie Gründung und Organisation mini|hochkant=2|Ansicht Calws im 17. Jahrhundert in der Topographia Suaviae (Topographie Schwabens), veröffentlicht von Matthäus Merian Im Herbst 1650 kam es unter Vermittlung der herzoglichen Verwaltung zu einer Übereinkunft zwischen den Calwer Färbern und mit ihnen verbundenen Händlern einerseits sowie den Zünften der Zeugmacher in der Stadt und der Umgebung andererseits: Die Calwer Zeughandlungskompagnie wurde gegründet.Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 22. In ihr waren anfangs insgesamt 23 Färber und Händler organisiert. Ihre Aufgabe bestand in der Wollbeschaffung, der Veredelung (reinigen, färben, mangeln und pressen)Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 57. und dem Zeug-Vertrieb. Jeder Teilhaber, Compagnie-Verwandter genannt, haftete mit seinem Gesamtvermögen für das Unternehmen. Zwei Teilhaber übernahmen die Geschäftsführung. Seit 1663 trat ein Neuner-Ausschuss der Teilhaber mit beratender und kontrollierender Funktion hinzu. Dieses Gremium war „das eigentliche Machtzentrum“.Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 35. Die meist jährlich tagende Generalversammlung der Teilhaber beschloss die Gewinnverteilung, wählte das Personal für die Geschäftsführung und den Neuner-Ausschuss, entschied über die Aufnahme neuer Mitglieder und legte fest, wer in der Compagnie mit welchen Spezialaufgaben, Amt genannt, betraut wurde.Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 59–64. Die Kompagnie entwickelte sich zu einem exklusiven Kreis von anfänglich 13 Familien, im 18. Jahrhundert kam durch Einheirat eine weitere hinzu.Ihre Namen sind aufgeführt bei Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 64, Fußnote 4; dort ebenso die Abnahme der Familienzahl im Laufe des 18. Jahrhunderts. 1673 rekrutierten sich aus ihnen 32 Teilhaber. Ihr Ausbildungsschwerpunkt lag auf dem Kaufmännischen, gelernte Zeugmacher gab es zum damaligen Zeitpunkt keine mehr. Die Teilhaber hießen Kompagnie-Herren, wenngleich auch Witwen unter ihnen waren.Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 67 f.Zur Entwicklung der Zahl weiblicher Teilhaber siehe die Tabelle bei Ogilvie: State corporatism and proto-industry. The Württemberg Black Forest, 1580–1797, S. 110. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden 43 Teilhaber gezählt, 1778 waren es 22.

Das Herz des Unternehmens schlug immer in Calw. Eine von 1709 bis 1719 im thüringischen Schleiz betriebene Tochtergesellschaft blieb Episode, denn dort stellten sich keine wirtschaftlichen Erfolge ein.Höschle: Calw. Geschichte einer Stadt. Wirtschaftsgeschichte Teil 1. Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert, S. 32. Zum Portfolio des Unternehmens zählten über die Jahrzehnte unterschiedliche Zeuge wie beispielsweise Engelsait, Zehnbund (Sayen), Cadis, Beuteltuch, Rasch, Estamin, Droguet, Crepp (auch Crepin oder Crepon genannt), Scoti und Scotini.Troeltsch: Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, S. 146 und S. 162 f.

Calwer Moderation mini|Gebiet der Calwer Moderation, 1897 publiziert von Walter Troeltsch