mini|Strukturanalyse der Infektion mit SARS-CoV-2 Die Laborhypothese bzw. COVID-19-Laborunfallhypothese (englisch: COVID-19 lab leak theory) ist die Annahme, dass das Virus SARS-CoV-2, welches die COVID-19-Pandemie auslöste, aus einem Labor stammt. Zu den verdächtigten Laboren gehören das Institut für Virologie Wuhan (WIV) und das Wuhan Center for Disease Control and Prevention (WHCDC), an denen Forschungen zu Coronaviren betrieben wurden. Letzteres befand sich seit Ende 2019 in unmittelbarer Nähe (ca. 280 m entfernt) zum Huanan Market, dem nach der Datenlage plausiblen Ursprungsort., S. 76, 119.

Indizien für die Labor-Hypothese sind, neben der räumlichen Nähe zu Biolaboren mit besonders einschlägiger Coronaviren-Forschung, die unzureichenden Sicherheitsstandards am WIV, die als intransparent kritisierte Aufklärungsarbeit der chinesischen Regierung und bestimmte – jedoch kontrovers diskutierte – genetische und biologische Eigenschaften von SARS-CoV-2, wie seine Andockfähigkeit an menschliche ACE2-Rezeptoren.

Im Februar 2020 wurde die Laborhypothese wegen der Nähe des WHCDC zum Ausbruchsort von chinesischen Wissenschaftlern erstmals als Möglichkeit öffentlich erwogen, dann von einer Gruppe einflussreicher Virologen verworfen und in einem Artikel in The Lancet als Verschwörungstheorie bezeichnet. Ab ca. 2021 wurde die Laborhypothese intensiver von Medien und Wissenschaftlern diskutiert und wurde Gegenstand kontroverser Diskussionen und politischer Untersuchungen.

Unter einschlägig arbeitenden Experten, die sich dazu äußern wollten, war die Laborhypothese laut einer 2023 durchgeführten Erhebung eine Mindermeinung. Etwa 80 % der Teilnehmer der Anfang 2024 veröffentlichten Erhebung (mit 168 antwortenden Teilnehmern aus 47 Ländern von insgesamt 1138 Befragten) hielten einen natürlichen Ursprung für relativ wahrscheinlicher als einen Laborursprung. Ebenfalls nur ein Fünftel der Teilnehmer kannte den einschlägigen DEFUSE-Forschungsantrag des WIV, den Vertreter der Labortheorie als Bauplan für SARS-CoV-2 verstehen.

Schon früh haben verschiedene Geheimdienste sich für das Szenario eines vertuschten Laborunfalls in Wuhan ausgesprochen, darunter – mit unterschiedlichem Grad der Gewissheit – das FBI, die CIA und der deutsche BND im Jahr 2020. Unter dem Codenamen „Saaremaa“ hatte der BND im Auftrag des Bundeskanzleramts öffentlich zugängliche Daten sowie Geheimdienstinformationen ausgewertet – die Kenntnisse wurden aber erst 2025 öffentlich. Im Anschluss an die Berichte über die Erkenntnisse des BND erklärte auch Lothar Wieler, der während der Pandemie Präsident des Robert Koch-Instituts war, dass er die Laborthese „mit dem aktuellen Wissensstand für wahrscheinlicher“ hält.

Mögliche Hinweise auf einen Laborunfall

Forschungen und Virenbestand am WIV mini|Eingang des Instituts für Virologie Wuhan Das Institut für Virologie Wuhan (Wuhan Institute of Virology, WIV) verfügt mit über 1500 Erregerstämmen über die größte Virusbank und die größte Sammlung von Fledermaus- und anderen Coronaviren in Asien. Dort wurde 2015 ein Labor der höchsten Schutzstufe BSL-4 als erstes in China eingeweiht. Am WIV wurde Gain-of-function-Forschung an Coronaviren betrieben, wobei Viren so verändert werden, dass sie gefährlicher oder ansteckend für Menschen wurden, um so wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen.

Schon 2015 publizierte die Gruppenleiterin und stellvertretende Direktorin Shi Zhengli erstmals über Experimente am WIV, bei denen ihr Team neue Spike-Proteine in die Hauptketten von Sars-ähnlichen Fledermaus-Coronaviren aus China einfügte. Es sollte erforscht werden, ob diese neuartigen Viren einerseits durch verbesserte Andockfähigkeit an ACE2-Rezeptoren in menschlichen Atemwegszellkulturen eine Epidemie auslösen und andererseits auch Lungenentzündungen in Labormäusen verursachen könnten. Sie selbst, ihre Forschungsgruppe und Kooperationspartner legten auch weitere wichtige Veröffentlichungen zu dieser Forschungsfrage vor. Die Gain-of-Function-Forschungen an Coronaviren in Wuhan, die durch diese Publikationen dokumentiert sind, wurden als mögliche Vorarbeiten gesehen zu weiteren Experimenten, die wiederum im Verdacht stehen, Sars-CoV-2 freigesetzt zu haben.

Zu der Sammlung an Coronaviren in Wuhan gehörte eine Probe des Betacoronavirus RaTG13, welches zu 96,1 % mit SARS-CoV-2 identisch ist. Nach Angabe von Shi Zhengli wurde 2016 eine 370 Basenpaare lange Teilsequenz des RdRp-Gens von RaTG13 in GenBank veröffentlicht. Dieses und andere Viren aus früheren Proben wurden 2018 erneut mit einer verbesserten Technik sequenziert. Shi Zhengli gab 2022 an, dass RaTG13 zu der ersten Charge zählte, die mit der neuen Technik sequenziert wurde. Die vorrätige Probe soll dabei verbraucht worden sein und das Virus nunmehr nur noch in sequenzierter Form in der institutseigenen Datenbank existiert haben. In der Erstpublikation zu dem neuartigen Coronavirus von Anfang Februar 2020 wiesen Shi Zhengli und Kollegen auf die Ähnlichkeit zu RaTG13 hin.

Eine mögliche Verbindung zwischen RaTG13 und SARS-CoV-2 wurde kontrovers diskutiert. RaTG13 galt zunächst als das Coronavirus mit der größten genetischen Verwandtschaft. In Laos wurde allerdings 2021 eine Linie von drei Coronaviren gefunden (BANAL-52, BANAL-103 und BANAL-236, benannt nach dem Abstrichort bat anal swabs), welche ähnlich sind und besser an menschliche ACE2-Rezeptoren andocken können, aber keine Furin-Spaltstelle haben. RaTG13 ist zu verschieden von Sars-CoV-2, um der direkte Vorfahre sein zu können, doch die Möglichkeit, dass sich die Abweichungen ganz oder teilweise durch serielle Infektionen erklären ließen, wurde in der Forschung erwogen.

mini|Fledermauskot (mit Schabe) RaTG13 wurde 2012 in der Mojiang-Mine in der 1.800 km entfernten Provinz Yunnan entnommen, in der sich sechs Arbeiter, die Fledermauskot beseitigen sollten, mit einer Lungenkrankheit infiziert hatten, von denen drei verstarben. Nach dem Ausbruch der Pandemie wurden Monali Rahalkar und Rahul Bahulikar auf die MasterarbeitLi Xu: The Analysis of Six Patients with Severe Pneumonia Caused by Unknown Viruses. Master’s Thesis, 28. Mai 2013 (englische Übersetzung), abgerufen am 06. September 2026. eines Studenten der behandelnden Universitätsklinik in Kunming von 2013 sowie auf eine Doktorarbeit des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention von 2016 aufmerksam, welche die damalige Lungenkrankheit als dem späteren Covid ähnlich beschreiben. Dort findet sich auch die Angabe, dass vier der erkrankten Höhlenarbeiter Antikörper gegen SARS-CoV hatten, einen Verwandten und Vorläufer von SARS-CoV-2.

Shi Zhengli sagte jedoch später, dass diese Befunde falsch-positiv waren und anschließend von ihrem Labor korrigiert wurden. Zudem führte sie bereits im März 2020 die Krankheit der Höhlenarbeiter auf einen Pilz zurück. Rahalkar und Bahulikar wiesen allerdings darauf hin, dass die Universitätsklinik aufgrund der Symptome und Therapieerfolge eine primäre Virusinfektion sowie eine sekundäre Pilzinfektion diagnostiziert hatte.

Die beiden gleichen indischen Wissenschaftler hatten bereits in dem Preprint von Mai 2020 bemerkt, dass RaTG13 als Probennummer 4991 von der Arbeitsgruppe von Shi Zhengli aus der Mojiang-Mine in Yunnan in Zusammenhang mit den mysteriösen Lungenerkrankungen entnommen worden war. Shi Zhengli veröffentlichte im November 2020 einen Nachtrag zu ihrer Erstveröffentlichung über das neuartige Coronavirus, in dem sie angab, dass ihr Institut in Zusammenhang mit den Lungenerkrankungen RaTG13 als Probe aus der Mine in Yunnan entnommen und sequenziert hatte. Kritiker warfen ihr vor, dass sie diese Sachverhalte in der Erstpublikation nicht angegeben und ihren Nachtrag möglicherweise erst als Reaktion auf die aufkommenden Fragen veröffentlicht hatte.

Gain-of-function-Forschung mit EcoHealth am WIV Die EcoHealth Alliance erhielt über mehrere Jahre hinweg Fördermittel von den National Institutes of Health (NIH), insbesondere von deren Untereinheit, dem National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID). Ein Teil dieser Fördermittel floss an das WIV in China. Besonders relevant war ein NIH-Grant für das Forschungsprojekt Understanding the Risk of Bat Coronavirus Emergence („Verständnis des Risikos der Entstehung von Fledermaus-Coronaviren“), das von 2014 bis 2019 gefördert wurde. Daraus erhielt das WIV knapp 600.000 US-Dollar für Forschungen mit Coronaviren, die ein besonderes Risiko darstellen könnten.

Der Leiter von EcoHealth, der britische Zoologe Peter Daszak, arbeitete eng mit WIV-Wissenschaftlern zusammen und war Co-Autor mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten mit Shi Zhengli. Während die NIH und Daszak bestritten, dass mit ihren Fördermitteln Gain-of-Function-Experimente am WIV finanziert wurden, gibt es Dokumente, die darauf hindeuten, dass genetische Manipulationen an Coronaviren durchgeführt wurden. Eine Veröffentlichung durch den Freedom-of-Information-Act 2021 deutet auf Projekte hin, bei denen Fledermaus-Coronaviren mit Spike-Proteinen kombiniert wurden, um ihre Fähigkeit zu testen, menschliche Zellen zu infizieren.

Denn EcoHealth reichte Anfang 2018 gemeinsam mit dem WIV einen entsprechenden Forschungsantrag mit dem Akronym DEFUSE bei der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) ein. Der Antrag wurde aber abgelehnt, laut Daszak aus finanziellen Gründen; anderen Aussagen zufolge spielten auch Sicherheitsbedenken eine Rolle. Später kamen Spekulationen auf, dass das WIV diese Experimente danach möglicherweise mit anderen Mitteln weiterführte. Nach Geheimdiensterkenntnissen der USA hatte das WIV seit 2017 Finanzierung vom chinesischen Militär erhalten, darunter auch für Geheimprojekte im Rahmen von Biowaffenforschung. Im April 2020 stellten die NIH schließlich die Finanzierung von EcoHealth für Forschung an Coronaviren in China ein. Im Januar 2025 suspendierte das US-Gesundheitsministerium Daszak und EcoHealth für fünf Jahre, nachdem der parlamentarische Untersuchungsausschuss (House Select Subcommittee on the Coronavirus Pandemic) Fehlverhalten festgestellt hatte.

Laut Antrag sollten die Forscher die sequenzierten Spikeproteine von Sarscoronaviren aus dem Bestand und weiteren Feldstudien des WIV in der Provinz Yunnan in ihnen ähnliche Hauptketten einfügen. Wenn kein eigenes Wachstumspotential dafür vorhanden war, sollten auch Furin-Spaltstellen durch Insertion in die S1/S2-Region der Spike-Proteine eingefügt werden. Die so gewonnenen Virus-Chimären sollten dann in Tierversuchen an humanisierten Mäusen für menschliche ACE2-Rezeptoren andockfähig und somit für Menschen hochansteckend gemacht werden. Parallel sollten Impfstoffe für die neu geschaffenen Virus-Chimären entwickelt werden. Ziel war es demnach, das chinesische Militär bei einem möglichen Höhleneinsatz in der Provinz Yunnan vor Infektionen zu schützen, indem Fledermäuse immunisiert werden.

Zu den im Antrag genannten Kooperationspartnern gehörte auch Ralph Baric von der University of North Carolina at Chapel Hill, der seit 2005 über Expertise verfügte, um durch serielle Infektionen von transgenen Mäusen mit menschenähnlichen Lungen artfremde Coronaviren schnell an die neuen Wirte anzupassen. Sein weiterer Forschungsschwerpunkt war die gentechnische Zusammensetzung der Eigenschaften verschiedener Coronaviren, um für Menschen ansteckendere Linien zu entwickeln. Zu den weiteren Vorarbeiten zählte eine am WIV durchgeführte Doktorarbeit aus dem Jahre 2017, welche eine Methode entwickelte, bei Sars-ähnlichen Fledermaus-Coronaviren das S-Gen, welches das Spike-Protein codiert, so auszutauschen, dass keine Spuren des gentechnischen Eingriffes zurückbleiben.

mini|Zibetkatze in Käfighaltung