Das Intime Theater war ein 1895 in München gegründetes privates Theaterprojekt, das insgesamt zwei Aufführungen veranstaltete. Die Initiative zur Gründung und die Namensgebung gingen auf den Schriftsteller Max Halbe zurück. An der Gründung war auch die Schriftstellerin Juliane Déry beteiligt.

Die Proben und die erste Aufführung fanden im Salon von Dérys Wohnung in der Brienner Straße statt. Déry wirkte bei der Eröffnungsvorstellung von August Strindbergs Gläubiger selbst als Darstellerin mit und spielte die Schriftstellerin Tekla. Das Intime Theater verfügte über kein eigenes Theatergebäude. Beide Aufführungen waren nur für geladene Gäste bestimmt.

Entstehung Halbe kehrte im März 1895 nach München zurück und regte kurz darauf im Kreis befreundeter Schriftsteller Theatervorstellungen mit einem eigenen programmatischen Anspruch an. Nach seinen späteren Erinnerungen wurde daraufhin ein Ausschuss gebildet, der das Unternehmen nach außen vertreten und Einladungen verschicken sollte. Halbe nannte neben sich selbst Oskar Panizza, Josef Ruederer, Ludwig Scharf und Georg Schaumberg. Streisand weist darauf hin, dass Halbe in dieser späteren Aufzählung Julius Schaumberger nicht erwähnte, obwohl auch dieser zum Gründungskomitee gehörte und die Einladung zur ersten Aufführung mitunterzeichnet hatte.

Déry wird in der von Halbe später überlieferten Aufzählung des Gründungskomitees nicht genannt. Diese Aufzählung war jedoch nicht vollständig, da Halbe auch Julius Schaumberger ausließ. Unabhängig von dieser späteren Aufzählung ist Dérys Beteiligung an der Gründung in der Forschung belegt: Groß beschreibt sie als an der Gründung des Intimen Theaters beteiligt, Lakner bezeichnet sie ausdrücklich als Gründungsmitglied.

Déry war zugleich an der ersten konkreten Realisierung des Theaterprojekts beteiligt. Die Proben sowie die Eröffnungsvorstellung fanden in ihrem privaten Salon statt, und sie übernahm selbst eine der drei Rollen in Strindbergs Gläubiger.

Das Intime Theater sollte nicht an ein festes Theatergebäude gebunden sein. Aufführungen waren an wechselnden Orten wie Salons, Gartenhäusern oder im Freien vorgesehen. Auch das Repertoire sollte sich nicht auf eine einzelne literarische Richtung beschränken; genannt wurden unter anderem Werke des Naturalismus, des Symbolismus sowie ältere romantische Stücke.

Erste Aufführung in Juliane Dérys Salon Die erste Vorstellung fand wahrscheinlich am 29. April 1895 statt. In einzelnen zeitgenössischen Zeugnissen wird auch der 30. April genannt. Streisand hält den 29. April für das wahrscheinlichere Datum, da Oskar Panizza am folgenden Tag vor dem Münchner Schwurgericht stand.

Proben und Eröffnungsvorstellung fanden im Salon von Juliane Dérys Wohnung in der Brienner Straße unweit des Wittelsbacherplatzes statt. Zu der Aufführung waren etwa vierzig Künstler und Intellektuelle eingeladen.

Als Eröffnungsvorstellung wurde Strindbergs Tragikomödie Gläubiger gespielt. Juliane Déry übernahm die Rolle der Schriftstellerin Tekla, Julius Schaumberger spielte Gustav und Max Halbe Adolf. Oskar Panizza soufflierte.

Eine erhöhte Bühne und eigens angefertigte Kulissen gab es nicht. Gespielt wurde im tatsächlichen Wohnraum. Zwei Sessel und ein Tischchen, mehrere Lampen zur gedämpften Beleuchtung sowie die vorhandenen Türen des Salons bildeten die Szene. Die erste Zuschauerreihe befand sich unmittelbar vor den Darstellenden. Dérys Salon diente damit zugleich als Proben-, Spiel- und Zuschauerraum.

Die Darstellenden traten ungeschminkt auf. Ein zeitgenössischer Bericht hob auch ihre unterschiedlichen sprachlichen Prägungen hervor: Halbe sprach westpreußisch, Schaumberger münchnerisch und Déry ungarisch gefärbtes Deutsch. Diese Unterschiede wurden dabei nicht als störend, sondern als Verstärkung des Eindrucks von Wirklichkeit bewertet.

Streisand beschreibt die Veranstaltung als eine Form der „Semi-Öffentlichkeit“ beziehungsweise „öffentlichen Privatheit“. Obwohl die Aufführung in einem privaten Wohnraum und vor geladenen Gästen stattfand, erhielt sie durch die programmatische Selbstdarstellung des Unternehmens und die Presseberichterstattung öffentliche Bedeutung.

Zweite Aufführung: Leonce und Lena Die zweite und zugleich letzte Vorstellung des Intimen Theaters fand am 31. Mai 1895 in einem Privatpark am Biederstein in Schwabing statt. Der Aufführungsort wird in den von Streisand ausgewerteten Quellen als „Privatpark des Herrn Redakteur Holz, Biederstein Nr. 6“ bezeichnet. Mehr als hundert Gäste waren zu der Veranstaltung eingeladen.

Aufgeführt wurde Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena. Es handelte sich um die Uraufführung des rund sechzig Jahre zuvor entstandenen Stücks. Ernst von Wolzogen führte Regie und spielte König Peter. Max Halbe übernahm die Rolle des Leonce, Anna Gigl die der Lena, Franz Held spielte Valerio und Oskar Panizza den Hofprediger. Julius Schaumberger sprach die Einleitungsworte.

Die Aufführung war zugleich als Garten- und Gesellschaftsveranstaltung gestaltet. Zur Atmosphäre des Abends trugen das natürliche Abendlicht, Kerzen und Lampions, Musik sowie die Bewirtung der Gäste bei. Streisand zufolge trat bei dieser zweiten Aufführung die atmosphärische Wirkung gegenüber der bei der ersten Veranstaltung programmatisch betonten psychologischen Analyse stärker in den Vordergrund.

In der von Streisand rekonstruierten Besetzung der zweiten Aufführung wird Juliane Déry nicht genannt.

Nach dieser zweiten Vorstellung wurde das Intime Theater nicht weitergeführt. Streisand weist darauf hin, dass die Gründe für das Ende des Unternehmens nicht eindeutig geklärt sind. Halbe hatte in seinem Beitrag im Pan noch weitere Aufführungen angekündigt, die nicht mehr zustande kamen.

Programm und Ästhetik Halbe entwickelte das Programm des Intimen Theaters in einem Vortrag vor der Eröffnungsvorstellung und veröffentlichte dessen Grundgedanken anschließend in seinem Beitrag Intimes Theater in der Zeitschrift Pan. Streisand fasst die Programmatik in vier wesentlichen Punkten zusammen:

Im Mittelpunkt sollte die psychologische Durchdringung des einzelnen Menschen stehen. Das Schwergewicht der Stücke sollte im Inneren und in der seelischen Analyse liegen; dem Dialog kam dabei besondere Bedeutung zu. Die aufwendige äußere Ausstattung des zeitgenössischen Theaters sollte reduziert und der Phantasie des Publikums mehr Raum gegeben werden. Halbe sah unter anderem einen Verzicht auf Kulissen, Vorhang, Schminke und stilgerechte Trachten vor und wollte naturalistische Wirkungen stärker in die schauspielerische Darstellung verlagern. Die Aufführungen sollten sich bewusst von der großen Öffentlichkeit zurückziehen. Vorgesehen war eine Spezialbühne für Kunstschaffende und Kunstverständige in einem geschlossenen Kreis. Zugleich sollte sich das Theater vom kommerziellen Theaterbetrieb abgrenzen. Der Zugang zu den Aufführungen sollte nicht regulär durch den Kauf einer Eintrittskarte möglich sein.

Trotz der großen räumlichen Nähe zwischen Darstellenden und Publikum sollte die dramatische Illusion erhalten bleiben. Halbe beschrieb nach der ersten Aufführung, dass die körperliche Nähe zwischen Bühne und Publikum einer stärkeren geistigen Verbindung gewichen sei.

Streisand hebt zugleich den exklusiven Charakter des Konzepts hervor. Durch die Beschränkung auf einen ausgewählten Kreis von Kunstschaffenden und Kunstverständigen wurde ein breiteres Publikum bewusst ausgeschlossen.

Spätere Verwendung des Namens 1958 bestand im Münchner Hofgartencafé Annast ebenfalls eine Bühne unter der Bezeichnung Intimes Theater. Neben Komödien wurden dort auch Revuen von Friedrich Hollaender gespielt. Ein institutioneller Zusammenhang mit dem Intimen Theater von 1895 ist damit nicht belegt.

Quellen

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Theater (München) Kategorie:Gegründet 1895