mini|Bahrām Gūr beobachtet, wie Dilārām die Tiere mit ihrem Harfenspiel in Schlaf versetzt. Lahore, 1598. Das Hascht bihischt () ist das letzte der fünf langen poetischen Werke, das Amīr Chusrau Dihlavī für seine Chamsa verfasst hat. Er hat dieses Masnawī nach dem Vorbild von Nizāmīs Haft paykar gestaltet und im Jahre 1301 in Delhi vollendet. Der sasanidische Herrscher Bahrām Gūr ist die Hauptperson der Rahmenerzählung, in die sieben Geschichten von sieben Prinzessinnen aus sieben verschiedenen Ländern als Binnengeschichten eingefügt sind. Jede von ihnen lebt in seinem Palast unter einer von sieben Kuppeln. Bahrām Gūr sucht sie der Reihe nach an einem bestimmten Wochentag in ihrem jeweiligen „Paradies“ auf. Obwohl es, ebenso wie bei Nizāmī, nur sieben Prinzessinnen sind, die Bahrām nacheinander ihre Geschichten erzählen, heißt es dennoch „Acht Paradiese“ (Hašt bihišt), weil Amīr Chusrau die Rahmenhandlung hinzurechnet.
Einleitung und Schluss Bei der Abfassung der Einleitung hält sich Amīr Chusrau eng an sein Vorbild Nizāmī. Er beginnt mit dem Lob Gottes und des Propheten sowie einer Beschreibung der Himmelfahrt Mohammeds. Es folgt eine Lobrede auf seinen spirituellen Führer Nizām ad-Dīn Auliyāʾ und Sultan ʿAlā ad-Dīn Chaldschī. Danach geht es um seine Gründe für die Abfassung des Werkes. Er hatte bereits vier Masnawīs als Antwort auf Nizāmīs Chamsa verfasst, nun ermutigt ihn sein Freund Ali zu einem weiteren Dichtwerk, das noch schöner als die bisherigen werden soll.Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 358–359. Ausführlich erklärt er, wie sein Hascht bihischt Gestalt angenommen hat. Auch wenn er bereits viele Verse dazu aus seiner „Schatzkammer des Geheimnisses“, seinem Herzen und seinem Verstand, hervorgeholt hat, zieht er sich für den Schöpfungsprozess an einen einsamen Ort zurück. Dort überlegt er sich die Grundzüge seines Poems, das er zwar nach dem Vorbild des Haft paykar gestalten, ihm aber dennoch seinen eigenen Charakter verleihen will:Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 359. Im letzten Kapitel betont Amīr Chusrau nochmals, dass er sich genau an sein Vorbild gehalten habe. Zu allem, was dort „in dem alten Schatz“, dem Haft paykar, verborgen ist, sei ein ebenso gutes Gegenstück bei ihm zu finden. Dort weist der Dichter auch darauf hin, dass sein Hašt bihišt 3344 Doppelverse umfasst; damit ist es deutlich kürzer als sein Vorbild mit 5000 Versen.Hašt bihišt Zeile 3290. Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 312 und S. 358. Er gibt das Jahr der Komposition als 701 d.H. (1301/02) an.Hašt bihišt Zeile 3287. Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 360. Nizāmī hatte sein Haft paykar 1197 vollendet.Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 312.
Die Binnengeschichte von Bahrām Gūr und Dilārām mini|Bahrām Gūr mit Dilārām auf der Jagd. Aus einer Chamsa für ʿAbd ar-Rahīm, 1610–1617. Amīr Chusraus Erzählung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Bahrāms Herrschaft bereits etabliert ist. Dieser hat nun Zeit, seinen Vergnügungen nachzugehen, zu denen vor allem die Jagd gehört. Seine bevorzugte Jagdbeute, Wildesel (Onager, Persisch gūr), hat ihm seinen Beinamen eingebracht. Seine bevorzugte Begleiterin bei seinen Jagdausflügen ist das Sklavenmädchen Dilārām („Trost des Herzens“). Als die beiden eines Tages einige Gazellen sehen, erkühnt sich Dilārām zu der Aufforderung, er solle einen Rehbock in eine Ricke verwandeln und umgekehrt. Tatsächlich meistert er die Aufgabe: Zuerst trennt er dem Bock mit einem Doppelpfeil die Hörner ab, danach schießt er dem weiblichen Tier zwei Pfeile in den Kopf, die wie ein Geweih aussehen. Dilārāms Bemerkung, dass auch diese Meisterleistung, wie jede andere große Tat, eines Tages übertroffen wird, kränkt Bahrām zutiefst.Seyller: Pearls of the Parrot. S. 20. Zornig wirft er die Gefährtin aus dem Sattel, nimmt ihr Pferd mit und lässt sie in der Wildnis zurück. Der Dichter beschränkt sich an dieser Stelle auf die Bemerkung, dass es nie sicher sei, Königen die Wahrheit zu sagen.Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 362–363.
Dilārām wandert nun umher und gelangt schließlich zu einer abgelegenen Hütte. Dort wohnt ein alter Mann, der in den Wissenschaften, der Magie und dem Harfenspiel bewandert ist. Er nimmt sie an Kindes statt auf und gibt ihr Unterricht in den zwölf Modi der Musik. Vier davon lassen den Zuhörer lachen, weinen, schlafen oder erwachen. Mit ihrer Musik kann sie Tiere anlocken, sie in einen totenähnlichen Schlaf versetzen und wieder erwecken.
Nach einiger Zeit verlässt Dilārām ihren Lehrer und kehrt in das Gebiet Bahrāms zurück. Dort verbreitet sich die Kunde von ihren außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten, mit denen sie sogar die wilden Tiere und die Vögel bezaubert. Eines Tages kommt auch der König, um sich ihre Kunst vorführen zu lassen, erkennt seine frühere Gefährtin aber nicht. Er ist durchaus beeindruckt, wiederholt jedoch Dilarams frühere Aussage, dass jede Fertigkeit eines Tages übertroffen werden würde. Dilārām stimmt zu, erklärt jedoch, dass die einzige Ausnahme von dieser Regel Bahrāms Meisterschaft in der Jagd ist. Von der Aussage überrascht, erkennt Bahrām die frühere Geliebte und vergibt ihr. Er nimmt sie mit in seinen Palast und lässt dort Bilder seiner und ihrer Meisterleistung malen und in der Gemäldegalerie seines Schlosses aufhängen.Brend: Perspectives on Persian Painting, S. 24–25. Seyller: Pearls of the Parrot. S. 20.
Bahrāms exzessive Leidenschaft für die Jagd, bei der er den Hof oft für längere Zeit verlässt und dadurch die Staatsangelegenheiten vernachlässigt, bereitet den Ältesten zunehmend Sorge. Nuʿmān, ein früherer Schulfreund von Bahrām und inzwischen ein großer Gelehrter ersinnt eine Lösung: Er lässt an einem besonders idyllischen Ort einen Palast erbauen, dessen sieben Kuppeln (gunbad)Hašt bihišt. Moskau 1972, S. 77, Zeile 736. alle eine andere Farbe haben. Die Koloration der Kuppeln ist allerdings nur indirekt angegeben, indem sie duftenden Substanzen mit je eigener Färbung zugeordnet sind.Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 360. Hašt bihišt. Moskau 1972, S. 82; 109; 140; 164; 205; 248; 280. Nachdem der Palast vollendet ist, bittet er bei den Königen in den sieben Weltgegenden um die Hand ihrer Töchter und quartiert die sieben Prinzessinnen schließlich unter je einer der Kuppeln ein. Sie sollen den König unterhalten und mit sinnlichen Genüssen dafür sorgen, dass er von seiner übermäßigen Jagdleidenschaft geheilt wird.Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 363–364. Bahrām besucht nun der Reihe nach jeden Tag eine andere Schöne in ihrem „Paradies“ und lässt sich dort eine Geschichte erzählen. Ihre sieben Geschichten stehen beispielhaft für eine lange Folge von unterhaltsamen Zeiten mit den Prinzessinnen, bis er am Ende seines Lebens angelangt ist und es Zeit wird, die sieben Kuppeln seines Palastes durch die Kuppel seines Grabes (pers. gūr) zu ersetzen. Als er eines Tages auf der Jagd einem Onager (pers. gūr) folgt, stürzt er mit seinem Pferd in einen Brunnen. Dieser Brunnen weitet sich unten zu einer großen Höhle, in der man später nur das Pferd findet. Bahrām Gūr bleibt verschwunden.Brend: Perspectives on Persian Painting, S. 34. Hašt bihišt. Moskau 1972, S. 307–312.
Prinzessinnen, Wochentage und Planeten mini|Bahrām und die sieben Kuppeln, Westiran 1495/96. Die Prinzessinnen mit ihren unterschiedlichen Herkunftsländern sind verschiedenen Wochentagen zugeordnet, die ihrerseits, mit einer Farbe und einem „Planeten“ verbunden sind. Solche Korrelationen von Wochentagen und Planeten waren spätestens seit hellenistischer Zeit, wie bei Vettius Valens belegt, verbreitete Praxis. WochentagPlanetDuft//FarbeHerkunftsland der PrinzessinSamstagSaturnMoschus/SchwarzIndienSonntagSonneSafran/GelbNīmrūzNīm-rūz, wörtlich „halber Tag“, bezeichnet den Mittag und damit auch den Süden ganz allgemein. Nimruz ist Teil von Sistan und Belutschistan.MontagMondBasilikum (rayḥān)/GrünLand der Slawen SaqālibaDienstagMars (bahrām)Blüte des Granatapfelbaums/RotTatareiMittwochMerkurVeilchen/ViolettRūmDonnerstagJupiterSandelholzArabienFreitagVenusCampher/WeißChoresmien
Der Palast mit seinen sieben Kuppeln soll den Himmel auf Erden abbilden, besteht doch der Himmel (Dschanna) nach islamischer Vorstellung aus sieben, oder manchmal auch aus acht Stufen. Indem Bahrām diese Kuppeln nun der Reihenfolge nach durchläuft und sich dabei in der zum jeweiligen Planeten passenden Farbe kleidet, fügt er sich in das kosmische System ein. Er begibt sich in eine harmonische Beziehung zum Universum und stabilisiert sich auf diese Weise gegen negativen Einflüsse.Paola Orsatti in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 313–314.
Die Geschichten der sieben Prinzessinnen Samstag mini|Die schwangere Frau auf dem Kamel, das auf einer Seite Honigtöpfe trägt Am Samstag besucht der König das zweite Paradies: die indische Prinzessin unter der schwarzen Moschuskuppel. Sie ist „moschusfarben“ gekleidet und ihre Räumlichkeiten sind ebenfalls dunkel. Sie erzählt die Geschichte von den drei Söhnen des Königs von Sarandib, die von ihrem Vater fortgeschickt werden, damit sie in der Welt Erfahrungen sammeln. Unterwegs begegnen sie einem äthiopischen Reisenden, der sich bei ihnen nach seinem verschwundenen Kamel erkundigt. Sie antworten, dass sie es nicht gesehen haben, aber ob es das Tier ist, dass nur ein Auge besitzt, einen Zahn verloren hat und an einem Fuß lahmt? Der Mann schließt daraus, dass die drei das Kamel gesehen haben müssen und setzt seine Suche fort. Die Brüder gehen ebenfalls weiter und rasten schließlich im Schatten eines Baumes. Da erscheint der Kameltreiber wieder, der sein Tier noch nicht wiedergefunden hat. Diesmal fragen die Brüder, ob das Kamel nicht auf der einen Seite Öl und auf der anderen Honig trage und eine schwangere Frau darauf reite? Der Treiber ist nun überzeugt, dass die jungen Männer sein Kamel gestohlen haben. Er lässt die Prinzen verhaften und vor den König führen. Dort erklären sie, dass ihre genauen Beschreibungen des verschwundenen Kamels lediglich Schlussfolgerungen sind.