mini|Porträt von Hety Thier (privat) Hedwig Maria Rosa Thier (* 3. September 1919 in Nordwalde, Kreis Steinfurt; † 19. August 1952 in Düsseldorf), die sich selbst mit Vornamen Hety nannte, war eine Malerin und Illustratorin mit münsterländischen Wurzeln. In ihrer kurzen Lebensphase schuf sie mehrere Bücher, viele Porträts, Zeichnungen und Illustrationen, die stets die Handschrift des Sozialen trugen und ihrem eigenen Erleben Ausdruck verliehen.
Kindheit und schulische Ausbildung Der Vater Carl Thier (27. August 1883 – 28. Februar 1945) war als Landgerichtsdirektor in Dortmund tätig. Die Mutter, Martha Mummenhoff (1890–1973) verstarb, wie auch ihr Ehegatte, in Coesfeld. Die Grabstätte befindet sich auf dem St. Lamberti-Friedhof. Aufgewachsen ist Hety Thier mit zwei Brüdern: Max Thier (ausgewandert nach Namibia) und Heinz Thier (Arzt).
Das künstlerische Talent von Thier wurde bereits in der Schule erkannt und gefördert. Ihre schulische Ausbildung schloss sie 1938 mit dem Abitur an der Marienschule, einer anerkannten Oberschule für Mädchen in Dortmund, ab und begann im direkten Anschluss mit einem Kunststudium.
Verwandtschaftliche Verhältnisse Hety Thiers Onkel war Bernhard Thier (Natz Thier; 1886–1957). Neben seiner Arbeit als Oberregierungsbaurat war er als Heimatdichter in Coesfeld bekannt und war Mitbegründer der Karnevalsgesellschaft „Die lachende Heimat“ (Die-La-Hei). Der Großvater von Hety, Bernhard Heinrich Anton Thier, hatte in Coesfeld als Zinngießer und Kaufmann gelebt und stammt aus einer Künstlerfamilie. Seine Werkstätte befand sich in Coesfeld an der Letter Straße 14. Das verwendete Areal zog sich entlang einer Gasse, der heutigen Pfauengasse. Dort befindet sich noch heute das Natz-Thier-Haus. Bernhard Heinrich Anton Thier war auch ein Vertreter in der Stadtverordnetenversammlung Coesfelds von 1895.
gerahmt|zentriert|alternativtext=Familienstammbaum von Hety Thier (Datenquellen: Ortsfamilienbuch Coesfeld und Stadtarchiv Coesfeld), Familienstammbaum von Hety Thier (Datenquellen: Ortsfamilienbuch Coesfeld, Stadtarchiv Coesfeld, Taufbücher St. Felizitas Lüdinghausen).
Früh entdecktes Kunsttalent Die Kunstlehrerin Frau Sachse an der Dortmunder Marienschule erkannte das zeichnerische Talent von Hety Thier und übersandte einige Zeichnungen im Jahr 1933 zur Begutachtung an Pater Michael Zimmer, Verlagsleiter des christlichen Buchverlages der Schulbrüder in Kirnach-Villingen. Es folgte eine mehrmonatige Korrespondenz zwischen Zimmer und Hety Thiers Vater. 1935 wurde das erste Buch der zu diesem Zeitpunkt gerade 15-Jährigen mit einer Auflage von 10.000 Stück und einem Stückpreis von 1,80 Reichsmark gedruckt. Briefe, die bei der Nachlassforschung durch die Initiative Bischofsmühle ausgewertet wurden, erwähnen eine Auflage von 2000 Stück und eine Honorarforderung von 1200 Reichsmark. Gezahlt wurden vom Verlag offensichtlich 600 Reichsmark.Annette Höping: Auswertung der Unterlagen aus dem Nachlass. Archiv der Initiative Bischofsmühle, 26. November 2017 Die Texte zu „Hab Erbarmen mit den Armen. Für alle lieben Kinder, gemalt von Hety Thier“ stammten von Carl Thier, seine Tochter illustrierte das Kinderbuch mit zwölf Zeichnungen. In einem Zeitungsartikel vom 3. November 1935 der Allgemeinen Zeitung Coesfeld heißt es: „Wer dieses vorzüglich gedruckte Büchlein aufschlägt, ist überrascht von der unverfälschten, reinen Kinderwelt, die aus jedem Bild zum Betrachter spricht.“Stadtarchiv Coesfeld: Allgemeine Zeitung Coesfeld . Das Kind und sein Buch. Ein Bilderbuch von der kleinen Hety Thier. 3. November 1935. Zwar hatte Hety Thier noch weitere Illustrationen für eine Fortführung der Serie ausgearbeitet. Jedoch pausierte sie die kreative Schaffensphase kurzzeitig, um ihren Schulabschluss nicht zu gefährden. Zu einer weiteren Buchauflage kam es später nicht. Denn durch die Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 und den Aufbau eines sozialdarwinistisch-rassistischen Führerstaates waren soziale, christliche Intentionen in Kunst und Literatur nicht erwünscht. Die Drangsalierung und Willkür politischer Gegner führte letztendlich auch zur Auflösung des Verlags der Schulbrüder im Jahr 1940.
Ausbildung / Studium mini|Beispiel einer Illustration der 25-jährigen Hety Thier (Quelle: Archiv Initiative BischofsmühleHety Thier: Vergebung – bitte! Unserem verehrten Professor zum Geburtstag. 11.08.1944, Schönbrunn. Initiative Bischofsmühle, Archiv.) Von 1938 bis 1942 studierte die junge Frau an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre künstlerische Ausrichtung wurde geprägt von Wilhelm Schmurr (1878 bis 1959), der von 1927 bis 1947 an der Kunstakademie Düsseldorf lehrte. Zu diesem Lehrer hatte Hety Thier intensiven brieflichen Austausch, darunter auch eine Kritik des Professors im November 1946 an ihren Arbeiten: „[...] Sie müssen künftig Farbe bekennen, das heißt: einen Kopf im malerischen Sinne malen. Ihre Arbeit ist in allen Teilen hingehuscht und entbehrt der Überzeugungskraft. [...]“Annette Höping: Auswertung der Unterlagen aus dem Nachlass. Archiv der Initiative Bischofsmühle, 26. November 2017 Schmurr war sehr daran interessiert, dass Thier weiterkommt und bot persönliche Unterstützung an. Auch wird in diesen Briefwechseln der Materialmangel nach den Kriegsjahren deutlich. So erwähnt der Kunstprofessor ebenfalls im November 1946 am Rande: „Nächste Woche komme ich mit Ihrem Onkel – eine Tube Weiß bringe ich mit.“ Und weiter: „[...] vielleicht gelingt es Ihnen, in der Umgebung gegen einen guten Preis, ein paar Kartoffeln loszueisen.“
Ausbildung in klassischer Malerei und Zeichnen Parallel zum Kunststudium lernte Thier einige Semester an der Meisterschule des Deutschen Handwerks in Dortmund. Im Jahr 1942 setzte sie bis 1943 das Kunststudium an der Berliner Akademie der Künste fort. Ihr damaliger Peter Fischer (1891 bis 1964) beurteilte 1946 ihre Grafiken zu Charles Dickens Roman „Der Raritätenladen“ wie folgt:Initiative Bischofsmühle [Hrsg.]: Archiv. Manuskript zur Lesung am 18. 11. 2017. Hety Thier. Briefe aus dem Nachlass. Lehrer, Mentoren und Studienfreunde. Folie 13. „Ihre zwölf Lithografien haben mich wirklich überrascht und ganz aufrichtig erfreut.“ In einem weiteren Schreiben ermutigt Fischer Hety Thier: „Gehen Sie weiter mit Freude und Mut an eine Arbeit, die Ihnen zusagt und mit der Sie etwas sagen werden.“ mini|Deckblatt des von Hety Thier illustrierten Buches „Der Raritätenladen“.
Ihr weiterer Lehrprofessor an der Akademie der Künste, Wilhelm Teuwen (1908 bis 1967), der 1946 wieder an die Kölner Werkschule berufen wurde, förderte sie im Fach Zeichnen und prägte ihren Stil für die Illustrationen zu Voltaires Roman „Candide“. Das Originalwerk des französischen Philosophen wurde 1759 veröffentlicht. Hety Thiers Grafiken fanden ihren Platz in der deutschen Übersetzung von 1949, die ursprünglich im Verlag Kurt Desch, München, veröffentlicht wurde. Der Coesfelder Elsinor Verlag druckte das Buch 2018 nach. mini|Illustration von Hety Thier in Voltaires "Candide"
Leben im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit Wegen der schweren Luftangriffe der Alliierten im Jahr 1943 auf Berlin flüchtete Hety Thier noch in dem Jahr nach Coesfeld. Sie fand eine Bleibe auf der Bischofsmühle bei der Familie Seesing.
Ihre Eltern hatten Dortmund infolge der Luftangriffe auf die Ruhrgebietsstädte („Schlacht um die Ruhr“) schon vorher verlassen und lebten auf dem Hof Heitmann-Mehring in Harle, einer Bauerschaft Coesfelds. Die junge Künstlerin richtete sich 1944 auf dem Hof ein Atelier in einem alten Putenstall ein und porträtierte Menschen verschiedenen Alters, besonders Kinder. Eine enge Freundschaft verband sie mit der Malerin Antonia Berning (1921–2009), die im Haus Klinke, Coesfeld, lebte. Berning gründete 1949 mit Günther Mancke und Ehefrau Irmgard die Künstlersiedlung Weißenseifen im gleichnamigen Rheinland-Pfälzischen Ort.Annette Höping, persönliches Gespräch vom 26. April 2025. mini|Hety Thier mit den Kindern der Familien Sessing an der Bischofsmühle in Coesfeld
In Coesfeld fand die Karriere von Hety Thier Erwähnung in der Festschrift zum 750. Jubiläum der Stadt Coesfeld im Jahr 1947. Der Bürgermeister Josef Bosten erwähnt sie dort: „Als ein beachtliches Talent erwies sich Fräulein Hethy Thier aus Coesfeld Harle mit Öl- und Pastellfarben, unter denen das Porträt eines kriegsgefangenen Russen und der Kopf eines alten Schauspielers besonders zu erwähnen sind, ferner mit wirkungsvollen Illustrationen zu der Phantasie des Raritätenladens von Charles Dickens.“
Der Karriereweg Hety Thier wechselte ihren Studienort nach Düsseldorf und hatte 1948 die Gelegenheit, in den Galerien Schüler in Berlin und Vömel in Düsseldorf Federzeichnungen auszustellen. Es sind die ersten Illustrationen von insgesamt 25, die auf Grundlage von Voltaires Candide 1949 entstanden sind.
Im Oktober 1949 stellte sie zwölf Werke in der Ausstellung „Neue Rheinische Sezession“ im Museum am Ostwall aus. Eröffnet wurde sie von dessen Geschäftsführer Georg W. Wirtz. Für Thier wurde das zum Sprungbrett. Sie fand in überregionalen Tageszeitungen durchweg positive Resonanzen. Zum Beispiel schrieb das Westdeutsche Tageblatt: „Hety Thier, die junge Dortmunder Künstlerin, zeigt mit ihren zwölf Federzeichnungen als Illustrationen zu Voltaires Candide eine souveräne Beherrschung der hohen Kunst der Linien, die mit wenigen angedeuteten Strichen das Wesentliche eines Vorgangs zum Ausdruck bringt. Wir fühlen uns dabei an das Wort Liebermanns erinnert: ‚Zeichnen heißt weglassen‘.“Westdeutsches Tageblatt: Rheinische Künstler inDortmund. Traum und Intellekt als Pole künstlerischen Gestaltens. Nr. 125, 19. Oktober 1949. Stadtarchiv Dortmund, Bestand 45, Lfd. Nr. 10. Auch die Zeitung Die Welt erwähnt in einem Artikel über die Ausstellung Thier als „junge Künstlerin von Rang“.Neue Rheinische Sezession. In: Die Welt. Nr. 172, 20. Oktober 1949. Stadtarchiv Dortmund, Bestand 45, Lfd.Nr. 10. An der Ausstellung, die von der Museumsleiterin Leonie Reygers vorbereitet wurde, nahmen unter anderem Künstler und Bildhauer wie Otto Ritschl, Fritz Levedag, Günter Grote, Ludwig Gabriel Schrieber, Hubert Berke, Otto Coester, Hermann Teuber, Kurt Neyers, Max Peiffer Watenphul, Ernst Wilhelm Nay, Werner Gilles, Gerhard Kadow und Ewald Mataré teil.mini|Beispiel eines Kinderporträts, gezeichnet von Hety Thier in ihrem Coesfelder Atelier (Quelle: Hety Thier. Eine Coesfelder Künstlerin)