mini|hochkant=1.5|Ausdehnung und Intensität des Erdbebens mini|hochkant=1.5|Ausgebrannte Ruinen in San Francisco (1906)
Das Erdbeben von San Francisco im Jahre 1906 erschütterte die Küste Nordkaliforniens am 18. April 1906 und gilt als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. In San Francisco und Umgebung kamen durch das Erdbeben und die dadurch verursachten Feuer oder anderen Auswirkungen mehr als 3000 Menschen ums Leben.
Die weitgehend akzeptierte Schätzung der Stärke des Erdbebens liegt bei 7,8 auf der Momenten-Magnituden-Skala.Der USGS gibt leicht abweichend die Stärke 7,9 auf der Momenten-Magnituden-Skala an. Andere Quellen ermitteln Werte von 7,7 (Oberflächenwellen-Magnituden-Skala) bis zu 8,4 (Richterskala).What was the magnitude? auf: earthquake.usgs.gov Das Epizentrum des Hauptbebens lag etwa drei Kilometer von der Stadt entfernt, im Meer nahe „Mussel Rock“. Das Beben erschütterte die Gegend entlang der San-Andreas-Verwerfung und wurde von Oregon bis Los Angeles sowie bis nach Nevada wahrgenommen.
Geologie Das San-Francisco-Erdbeben wurde durch einen Bruch in der San-Andreas-Verwerfung ausgelöst. Diese Erdspalte verläuft unter ganz Kalifornien, vom Saltonsee im Süden bis zum Kap Mendocino im Norden mit einer Länge von 1100 km. Durch das Erdbeben riss das nördliche Drittel der Verwerfung auf einer Länge von 477 km auf.How long was the 1906 rupture? auf: earthquake.usgs.gov Die maximale an der Erdoberfläche beobachtete Verschiebung betrug 6 Meter, jedoch zeigen geologische Untersuchungen Veränderungen von bis zu 8,5 Metern in der Tiefe.How large was the offset? auf: earthquake.usgs.gov
Ein starkes Vorbeben ging dem Hauptbeben um etwa 20 bis 25 Sekunden voraus. Die starken Erschütterungen im Hauptbeben dauerten ungefähr 42 Sekunden. Die Intensität der Erschütterungen betrug VIII in San Francisco und bis zu IX (gemessen an der Mercalliskala) in nördlicheren Gegenden wie Santa Rosa, wo beinahe alles zerstört wurde.
Verlauf mini|Das Rathaus von San Francisco am 20. April 1906 Die Vorbeben und auch das Hauptbeben um 05:12 Uhr ereigneten sich entlang der San-Andreas-Verwerfung mit einem Epizentrum nahe der Stadt. Das Erdbeben der Stärke 7,8 auf der Momenten-Magnituden-Skala konnte entlang der Küste von Oregon bis Los Angeles und im Landesinneren bis nach Nevada gespürt werden.
Genauso zerstörerisch wie das Erdbeben selbst waren die dadurch verursachten Feuer, die in vielen Stadtteilen ausbrachen. Die meisten von ihnen entstanden durch zerstörte Gasleitungen, Öfen und Kamine, aber einige waren die Folge von Brandstiftung, da viele Versicherungspolicen nur Feuer-, aber keine Erdbebenschäden deckten. Zudem wollten die Verantwortlichen durch Sprengungen das Ausbreiten der Brandherde verhindern. Aber wegen Unkenntnis, Unfähigkeit und dem Mangel an geeignetem Sprengstoff wurden häufig weitere Brände gelegt, die die Katastrophe verschlimmerten.
Die meisten Todesopfer waren in San Francisco zu beklagen, aber auch in anderen Teilen der Bucht von San Francisco verloren viele Menschen ihr Leben. Auch Santa Rosa, San Jose und die Stanford-Universität wurden schwer beschädigt. Mehr als die Hälfte der etwa 400.000 Einwohner von San Francisco wurde obdachlos. Die meisten Obdachlosen flohen ins Umland, z. B. nach Oakland.
Brände mini|Rauchwolken von Bränden im Mission District mini|Blick auf die Sacramento Street und gewaltige Rauchwolken mini|Die kräftige rote Umrandung im Stadtplan zeigt die Ausdehnung der Brände. Die Karte stammt aus einem Report des USGS von 1907.
Zerstörerischer als das Erdbeben und die Nachbeben waren die außer Kontrolle geratenen Feuer. Es liegt wahrscheinlich an den großen Erschütterungen und den schlechten Bauvorschriften der damaligen Zeit, dass die meisten Gebäude erst zusammenbrachen und dann den Flammen zum Opfer fielen. Brände brachen in vielen Teilen der Stadt aus. Einige von ihnen wurden von natürlichen Gasvorkommen genährt, die das Erdbeben aufgerissen hatte. Andere Feuer waren das Ergebnis von Brandstiftung und Lagerfeuern von evakuierten Menschen. Die Feuer wüteten vier Tage und Nächte lang. Einige Hausbesitzer zündeten ihre eigenen Häuser an, da diese nur gegen Feuer-, nicht aber gegen Erdbebenschäden versichert waren. Captain Leonard D. Wildman vom U.S. Army Signal CorpsNPS Signal Corps History meldete, dass er von einem Feuerwehrmann angehalten wurde, der ihm berichtete, dass Menschen in der Nachbarschaft ihre Häuser anzündeten. Ihnen sei gesagt worden, sie würden kein Geld von der Versicherung bekommen, wenn ihr Haus nicht vom Feuer beschädigt sei.San Francisco Museum
Als die Hauptwasserversorgung zusammenbrach, hatte die Feuerwehr von San Francisco wenige Möglichkeiten, um die Brände zu bekämpfen. Einige Brände in der Innenstadt bildeten zusammen ein gigantisches Inferno. Ein Journalist aus dieser Zeit schrieb, dass die Leser verstehen müssten, dass dies nicht ein Feuer in San Francisco sei, sondern „das Feuer von San Francisco“. Das Feuer vernichtete 500 Blocks vollständig, vom Stadtkern über die Van Ness Avenue – eine Ortsdurchfahrt, die das Stadtzentrum durchläuft – bis zu den Docks der Bucht von San Francisco. Es wurde irrtümlicherweise berichtet, dass Bürgermeister Eugene Schmitz und General Frederick Funston den Ausnahmezustand ausgerufen hätten. Schmitz hatte aber einen Erlass herausgegeben, der es der Polizei, der Bürgerwehr und dem Militär erlaubte, Plünderer ohne Vorwarnung zu erschießen, weshalb etwa 500 Menschen getötet wurden. Funston versuchte, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, indem er Häuserblocks sprengen ließ, um so eine Schneise in den Weg der Brände zu schlagen. Er nutzte dazu alle zur Verfügung stehenden Mittel, von Schwarzpulver über Dynamit bis hin zu Artillerieschlägen. Oft fingen Ruinen durch die Sprengungen Feuer oder dienten dem Feuer als Nahrung. Trotzdem erwies sich diese Methode als effektiv, um das Feuer daran zu hindern, weiter nach Westen in die übrig gebliebene Hälfte der Stadt zu ziehen.
Das 1875 erbaute Palace Hotel ist ein Beispiel für jene Gebäude, die zwar dank stabiler Bauweise das Erdbeben überstanden, aber dennoch vom Feuer zerstört wurden. Im April 1906 war der Tenor Enrico Caruso zu Gast in dem Luxushotel, um mit dem Ensemble der Metropolitan Opera aus New York Vorstellungen in San Francisco zu geben. Nach einem Auftritt in der Oper Carmen und einer Nacht in seiner Hotelsuite wurde Caruso im Morgengrauen vom Erdbeben wachgerüttelt. Er floh aus der Stadt, mit dem Schiff und danach mit dem Zug, und schwor sich, nie wieder nach San Francisco zu kommen. Tatsächlich kehrte er nie in die Stadt zurück. Die Metropolitan Opera verlor alle Requisiten und Kostüme, die sie nach San Francisco mitgebracht hatte, durch das Erdbeben und die nachfolgenden Brände.
Einige der größten Verluste durch die Brände waren in wissenschaftlichen Laboratorien zu beklagen. Alice Eastwood, die Kuratorin der Botanik an der California Academy of Sciences in San Francisco, rettete fast 1500 Proben – darunter auch die Proben einer ganz neuen und sehr seltenen Spezies – bevor die größte botanische Sammlung in den westlichen USA vom Feuer verschlungen wurde.Alice Eastwood: The Coniferae of the Santa Lucia Mountains. In: Fall Equinox. volume VII, Number 3, 2004. Das gesamte Labor und die Aufzeichnungen des Biochemikers Benjamin R. Jacobs, der die Nährwerte von täglichem Essen untersuchte, fielen den Flammen zum Opfer.Personal Notes. In: Journal of Industrial & Engineering Chemistry. 12, 1920, S. 1136–1137, doi:10.1021/ie50131a038.
Ausmaß des Schadens Materielle Schäden mini|Schäden an der Grant Avenue mini|Video von den Auswirkungen des Erdbebens (1:40 Min.)
Mehr als 28.000 Gebäude wurden zerstört. Dadurch wurden etwa 225.000 Menschen obdachlos – mehr als die Hälfte der rund 400.000 Einwohner. Der Eigentumsverlust wird auf mehr als 400 Millionen US-Dollar geschätzt (in heutiger Kaufkraft Milliarden Dollar).Casualties and damage after the 1906 Earthquake. auf: earthquake.usgs.gov
Politiker und Geschäftsleute spielten den Effekt des Erdbebens auf die Stadt systematisch herunter, da sie einen Verfall der Grundstückspreise sowie das Ausbleiben von Investitionen und Unterstützungsleistungen befürchteten. Um die Angst vor der Erdbebengefahr in der Stadt nicht zu schüren, überzeichneten sie die Rolle der Brände.Gladys Hansen, Emmet Condon: Denial of Disaster: The Untold Story and Photographs of the San Francisco Earthquake of 1906. Cameron & Co., 1989, ISBN 0-918684-33-1. Angaben über die finanziellen Schäden und das Ausmaß der Vernichtung wurden manipuliert.Philip L. Fradkin: University of California Press, 2006.
Zahl der Todesopfer Mehr als 3000 Menschen starben unmittelbar oder indirekt an den Folgen der Katastrophe. Lange Zeit waren allerdings viel niedrigere Opferzahlen angegeben worden. Ein Verantwortlicher bei der US Army hatte im Jahr 1906 nur 498 Todesopfer in San Francisco berichtet sowie 64 Todesopfer in Santa Rosa und 102 Todesopfer in San Jose und Umgebung. Die National Oceanic and Atmospheric Administration kam 1972 mit einer Schätzung von insgesamt 700 bis 800 Todesopfern noch immer auf dieselbe Größenordnung. Ellsworth kam 1990 zu dem Ergebnis, die oft zitierte Angabe von 700 Toten sei zu niedrig, die Zahl der Todesopfer liege drei- bis viermal höher.Ellsworth, 1990, auszugsweise zitiert in: The Great 1906 San Francisco Earthquake earthquake.usgs.gov Die Schätzung von mehr als 3000 direkten und indirekten Todesopfern beruht auf umfangreichen Recherchen von Gladys Hansen, die ihre Forschungsergebnisse 1989 zusammen mit Emmet Condon, dem Chef der Feuerwehr von San Francisco, als Buch vorgelegt hat.
Gladys Hansen, die 1972 von Bürgermeister Joseph Alioto zur Stadtarchivarin von San Francisco ernannt worden war, arbeitete auch nach ihrer Pensionierung im Jahr 1990 unermüdlich weiter an dem Thema.Nachruf auf Gladys Hansen SFGate, 11. März 2017 (englisch) Sie wies darauf hin, dass es beispielsweise in Chinatown sehr viele Opfer gegeben haben musste, da das Viertel sehr dicht besiedelt war und bei dem Beben völlig zerstört wurde; es seien aber fast keine asiatischen Namen in der offiziellen Statistik enthalten. Auch seien hunderte Personen nicht als Opfer erfasst worden, die man als tatsächliche oder vermeintliche Plünderer erschossen hatte. Im Vorfeld des 100-jährigen Gedenkens forderte Hansen zusammen mit dem Schriftsteller James Dalessandro, dass die veraltete Zählung von 478 Todesopfern in San Francisco aus dem Jahr 1907 endlich korrigiert werden müsse, um den Opfern gerecht zu werden.San Francisco / 1906 quake toll disputed / Supervisors asked to recognize higher number who perished. SFGate, 15. Januar 2005. Mit Erfolg: Im April 2006 war auf den offiziellen Gedenktafeln in San Francisco die Zahl von 3000 Todesopfern zu lesen. Hansen hielt aufgrund ihrer weiteren Recherchen auch diese Angabe noch für zu niedrig und eine Schätzung von 5000 bis 6000 direkten und indirekten Todesopfern für realistischer.100 years later, quake's dead still being counted. In: NBC News. 14. April 2006.
Reaktionen Eingreifen der Armee mini|Zeitgenössische Darstellung, Soldaten entladen einen beschlagnahmten Pferdewagen, im Hintergrund die brennende Stadt