Harry Stürmer (* im 19. Jahrhundert; † im 20. Jahrhundert) war ein deutscher Auslandskorrespondent in Konstantinopel und Autor. Er war ein wichtiger Zeitzeuge des jungtürkischen Völkermordes an den Armeniern 1915/1916 im Ersten Weltkrieg.
Leben Bis 1915 Über Stürmers Leben ist nur wenig bekannt, darunter auch nicht sein Geburts- oder Sterbedatum.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 171. Die Erkenntnisse über ihn beschränken sich weitgehend auf die Jahre des Ersten Weltkriegs.
Von 1904 bis 1906 nahm er am Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika teil, der zum deutschen Völkermord an den Herero und Nama führte. In seinem späteren Werk zeigt sich eine rassistische Sprache und Sicht auf die afrikanischen Völker.Einleitung von Hilmar Kaiser. In: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 8. Danach lebte Stürmer bis 1914 im Ausland, vor allem in deutschen, englischen und französischen Kolonien in Afrika. Stürmer scheint bereits damals eine anglophile Haltung eingenommen zu haben und ließ sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht vom Englandhass anstecken.Vgl. Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 30–32. Er kehrte 1914 während der Mobilmachung für den Ersten Weltkrieg nach Deutschland zurück und nahm im September 1914 an der Schlacht an den Masurischen Seen teil, wo er schwer erkrankteNachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 172f. oder verwundet und dienstunfähig wurde.
Zeuge des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915–1916 Anfang 1915 wurde Stürmer Redaktionsmitglied der Kölnischen Zeitung, einer der damals führenden überregionalen deutschen Tageszeitungen, und ging wenige Wochen später als deren Korrespondent nach Konstantinopel (Istanbul). Seit der Jungtürkischen Revolution 1908 beherrschten die Jungtürken das Land; die zentrale Gewalt lag inzwischen beim Jungtürkischen Triumvirat um Enver Pascha, Cemal Pascha und Talaat Pascha.
In Konstantinopel arbeitete Stürmer unter dem Pseudonym „von Tyszka“.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 25, 294–301, 311–318. Er pflegte enge Kontakte zur deutschen und US-amerikanischen Botschaft und scheint mit informierten einheimischen Kreisen und Exilanten gut vernetzt gewesen zu sein. Stürmer wurde vor Ort Zeuge der Verhaftungen der armenischen Würdenträger am 24. April 1915 und hörte als Korrespondent im weiteren von den Deportations- und Vernichtungsmaßnahmen, die das jungtürkische Regime im Zuge des Völkermordes an den Armeniern ergriff.
Am 5. September 1915 wandte sich Stürmer an das Auswärtige Amt der deutschen Botschaft in Konstantinopel mit einem langen Bericht, den er als streng vertraulich deklarierte.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 294. Das Auswärtige Amt leitete ihn mit der Deklaration an den Botschafter weiter.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 301. In dem Schreiben legte er seine Eindrücke und Schilderungen dritter Personen über die Ereignisse nieder, demnach sich in der türkisch-osmanischen Gesellschaft ein allgemeiner, genozidaler Hass gegen die Armenier verbreitet habe.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 294.
„[…] gleich bricht selbst bei gebildeten und weltgewandten Menschen eine Wut durch, die alles in einen Topf wirft und die immer mit dem gleichen Refrain endet: 'Alle Armenier gehören ausgerottet, sie sind Verräter!'“
Im Weiteren ging Stürmer auf die Deportationen der Armenier in verschiedenen Proninzen des Osmanischen Reiches ein, auch in solchen, die weit Abseits der Front lagen, wo den Armeniern Kollaboration mit den russischen Kriegsgegner vorgeworfen wurde.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 294–301. Stürmer attestierte, dass sie über das „Maß von Repressalien gegen Landesverrat“ hinausgehe und einen „systematischen Versuch der völligen Zersplitterung und allmählichen Ausrottung des ganzen armenischen Volksbestandteiles“ darstelle.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 296f. Selbst in „maßgebenden deutschen, türkeifreundlichen Kreisen hat man den Eindruck, dass man es auf die Armenier als Ganzes abgesehen hat.“Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 297. Letztlich strebe das jungtürkische Regime danach, „allmählich einen rein türkischen Nationalstaat“ ohne die religiösen und ethnischen Minderheiten zu schaffen.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 297f.
Am 1. Oktober 1915 wandte sich Stürmer erneut mit einem langen Bericht an das Auswärtige Amt, diesmal direkt an Unterstaatssekretär Arthur Zimmermann.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 311. In seinem Bericht gab Stürmer Schilderungen armenischer Würdenträger und Zeugen wieder, die unter anderem die Vilayets (Provinzen) Aleppo, Mossul, Erzurum und Van betrafen und von Massakern, Morden, Deportationen, Entführungen, Vergewaltigungen, Raub, Plünderung und Zwangskonversionen an den Armeniern durch türkische Soldaten und Çetes-Banden berichteten.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 311–318. Unter den Überlebenden der Deportationen seien keine Männer mehr.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 313. Stürmer bezifferte die Zahl der möglichen Toten auf bereits eine halbe Million.Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, S. 316.
Stürmer geriet wegen seiner kritisch-ablehnenden Haltung über die Ereignisse in Konflikt mit der deutschen Diplomatie und den türkischen Behörden. Seine Kritik an der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft führte dazu, dass man ihn mundtot machte.
Schweizer Exil ab 1916/17 Zwischen Ende 1916 und Anfang 1917 gelang es Stürmer, in die Schweiz zu entkommen, wo er mit seiner tschechischen Frau und dem gemeinsamen Kind in Montreux in der Villa Vago lebte.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 175. Dort publizierte er im Oktober und November 1917 drei Artikel in der schweizerischen Freien Zeitung, einer Zeitung deutscher Exilanten, die sich als Vereinigung der deutschen Republikaner in der Schweiz verstanden. Die Zeitung wurde von Frankreich unterstützt und mitfinanziert.
Publikation von „Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel“ 1917 1917 veröffentlichte er in der Schweiz sein Buch Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel. Skizzen deutsch-jungtürkischer Moral und Politik über seine Erfahrungen im Osmanischen Reich und mit dem Völkermord an den Armeniern. Das Erscheinen des Buches wurde für Deutschland rasch zum Problem. Die deutsche Gesandtschaft in Bern, die im Interesse des Hohenzollernreiches in die Schweiz emigrierte Deutsche ausspionierte, attestierte, dass das Buch das Narrativ der Entente-Mächte wiedergebe – Stürmer lobte die englischen und französischen Kolonialmächte und ging soweit, sie zusammen mit dem russischen Zarenreich mit der Herrschaft über Zentralasien als Modell für das Osmanische Reich zu präsentieren –, andererseits die geschilderten Ereignisse aber auf realen Tatsachen beruhen. Der deutsche Archäologe Georg Kano, ein Zuträger der deutschen Gesandtschaft in Bern, kam zu dem Schluss, dass „es schwer fallen wird, dasselbe zu widerlegen“, er sehe „keine Möglichkeit eine Gegenschrift zu schreiben“. Zudem aber gab Stürmer nicht nur die Verbrechen des Völkermordes an den Armeniern wieder, sondern er führte auch die deutsche Mitverantwortung vor Augen.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 174. Für die französische und britische Propaganda wurde das Buch damit zu einem wichtigen Baustein in ihren Bemühungen, den Militarismus, die Inhumanität und die Verbrechen des deutschen kaiserlichen Regimes an den Pranger zu stellen. Entsprechend wurde das Buch kurz nach Erscheinen in Deutschland verboten. Ihm selbst verweigerte man sowohl die Einreise nach Deutschland als auch die Auszahlung einer Militärrente.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 177. Kurz nach der deutschsprachigen Erstveröffentlichung des Buches wurde es ins Englische und Französische übersetzt. Dabei wurden etwa in der englischen Ausgabe Passagen weggelassen, die nicht die britische Zensur passierten, da sie als unvorteilhaft für die Kriegspropaganda der Entente angesehen wurde.Einleitung von Hilmar Kaiser. In: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 7.
Konflikt mit der deutschen Gesandtschaft in Bern 1918 Im September 1918 wandte sich Stürmer an die Gesandtschaft mit der Bitte, ihm bei der Erstellung eines Passes zu helfen, damit er Frau und Kind nach Wien schicken könne. Die Gesandtschaft lehnte seine Bitte ab, stufte Stürmer als „Renegaten“ ein und ließ ihn bespitzeln.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 176. Ein Kompromissangebot, bei dem Stürmer öffentlich seine „deutschfeindlichen“ Ansichten widerrufen sollte, lehnte er angesichts des absehbaren Endes des Hohenzollernregimes im Herbst 1918 ab.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 178f. Zudem kündigte er an, sich der USPD anzuschließen.Nachwort von Helmut Donat in: Harry Stürmer: Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel 1915–1916. Skizzen deutsch-türkischer Moral und Politik, Donat Verlag, Bremen, 2015, S. 180. Er wolle erst Karl Liebknecht frei und geehrt in Berlin wissen, ehe er an die Ehrlichkeit der deutschen Regierung glauben könne.