mini|Max Liebermann: Oscar Huldschinsky, Zeichnung, 1926 Die Sammlung Huldschinsky war die private Kunstsammlung des Unternehmers und Mäzens Oscar Huldschinsky. Sie entstand ab den 1890er Jahren unter fachlicher Beratung des Berliner Museumsdirektors Wilhelm Bode und umfasste Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen sowie Kunsthandwerk aus der Zeit von der Renaissance bis zum Rokoko. Der Sammler präsentierte die Sammlung in den Gesellschaftsräumen seiner Stadtvilla, die ebenfalls mit Unterstützung Bodes als Epochenräume eingerichtet waren. Wirtschaftliche Gründen zwangen Huldschinsky ab Mitte der 1920er Jahre zur Veräußerung des Großteils der Objekte, zuerst durch den Verkauf einzelner Bilder und dann im Mai 1928 in einer großen, aufsehenerregenden Auktion im Berliner Hotel Esplanade. Die Auflösung dieser letzten bedeutenden privaten Altmeistersammlung in Berlin und den Verkauf herausragender Werke vor allem ins Ausland sahen zeitgenössische Beobachter teilweise als Ausdruck eines kulturellen Niedergangs. Nach dem Tod des Sammlers veräußerten seine Erben 1931 ein Konvolut niederländischer Zeichnungen. Viele der bedeutendsten Werke aus Huldschinskys Besitz befinden sich heute in öffentlichen Sammlungen in Europa und Nordamerika.
Geschichte der Sammlung Aufbau der Sammlung und Präsentation in Huldschinskys Stadtvilla Der aus Breslau stammende Oscar HuldschinskyThomas Blubacher: Oscar Huldschinsky 1846–1931 und Ann Sommer, geb. Reichenheim 1910–2009, S. 143 war als Inhaber der Hahnschen und Huldschinskyschen Röhrenwerke in Berlin und Gleiwitz zu erheblichen Reichtum gekommen.Oskar Huldschinsky †, Artikel in der Vossischen Zeitung vom 21. September 1931, S. 7. Im Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre von 1912 ist er mit einem Vermögen von 25 Millionen Mark als einer der wohlhabendsten Berliner gelistet.Im Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre von 1912 wird er als neuntreichste Person in Berlin gelistet (S. 4). Die dort genannten Vermögen beruhten jedoch auf Schätzungen. Er wohnte mit seiner Familie im vornehmen Berliner Tiergartenviertel in einer 1895/1896 nach Plänen der Architekten Kayser & von Großheim errichteten Stadtvilla in der Matthäikirchstraße 3a. Darüber hinaus besaß er seit 1891 eine Villa am Wannsee in der Friedrich-Karl-Straße Nr. 19 (heute am Sandwerder Nr. 33/35).Thomas Blubacher: Oscar Huldschinsky 1846–1931 und Ann Sommer, geb. Reichenheim 1910–2009, S. 145. 1905 zog er sich aus der Unternehmensleitung zurück und lebte fortan als Privatier.Oskar Huldschinsky †, Artikel in der Vossischen Zeitung vom 21. September 1931, S. 7.
Die ersten Kunstwerke gelangten eher durch Zufall in Huldschinskys Besitz, als er, noch in seiner schlesischen Heimat, eine Reihe von Gemälden als Ausgleich für eine ausstehende Forderung erhalten hatte.Norbert Ehrlich: Zwei Sammlertypen. Oskar Huldschinsky, — Julius Gustav Licht. Artikel in der Internationalen Sammlerzeitung vom 1. Oktober 1931 (Nr. 19/23. Jahrgang). Als er diese Bilder dem befreundeten Museumsdirektor Wilhelm Bode zeigte, bewertete er die Werke als zweitklassig und empfahl, „daß er kaum eines davon aufhängen dürfe.“Wilhelm von Bode: Die älteren Privatsammlungen zu Berlin und die Bildung neuer Sammlungen nach dem Kriege 1890, S. 8. Huldschinsky trennte sich von diesem Kunstbesitz und beauftragte Bode daraufhin Werke der holländischen Malerei zu erwerben. Diese sollten jedoch höchsten 1000 Mark je Gemälde kosten, eine Vorgabe die nicht lang bestand, da sich der Sammler bald erstklassigen Werken zuwandte. Ab Mitte der 1890er JahreWilhelm Bode: Die Sammlung Oscar Huldschinsky, S. 4. entstand so eine umfangreiche Kunstsammlung, zu der neben holländischen Bilder des 17. Jahrhunderts auch Werke der italienischen Renaissance und französische Gemälde des 18. Jahrhunderts gehörten. Als er 1906 für 425.000 Mark das seinerzeit Raffael zugeschriebene Bildnis Giuliano de Medici erwarb, berichtete darüber mehrere Zeitungen, darunter auch die Neue Zürcher Zeitung.Kleine Chronik, Meldung in der Neuen Zürcher Zeitung Nr. 345 vom 13. Dezember 1906. Hinzu kamen Zeichnungen und Plastiken, antike Möbel, Textilien, Porzellane, und weiteres Kunsthandwerk.
Bode beriet Huldschinsky nicht nur bei der Auswahl der Kunstwerke, sondern auch bei der Gestaltung der Räume in der 1895/1896 erbauten Stadtvilla, in denen sie präsentiert wurden. Vorbilder hierzu waren die von Bode eingerichteten Epochenräume im Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum). In seinem 1909 im Auftrag von Huldschinsky verfassten umfangreichen und bebilderten Katalog der SammlungWilhelm von Bode: Die Sammlung Oscar Huldschinsky würdigte er den Kunstsinn des SammlersWilhelm von Bode: Die Sammlung Oscar Huldschinsky, S. 5. und legte dar, dass die Kunstwerke erworben wurden, um damit das Haus des Sammlers auszustatten. Bode erläuterte im Detail, wie sich die Kunstwerke vor allem auf drei Epochenzimmer der Stadtvilla in der Matthäikirchstraße 3a verteilten.
Das Herrenzimmer – auch Arbeitszimmer oder Studio – war im Stil der Renaissance eingerichtet. Sowohl die Kunstwerke wie auch das Mobiliar und andere Dekorationsstücke stammten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Besonders hob Bode die „vornehme“ Gesamtwirkung hervor: „Die Kunstwerke, mit denen dieses Zimmer ausgestattet ist, sind so gewählt, dass sie einem Charakter entsprechen, die behagliche Wirkung des Raumes verstärken und zugleich einen hervorragenden künstlerischen Schmuck abgeben“. Weiter führte er aus: „Gemälde und Skulpturen zieren die Wände, Werke der Kleinplastik und des Kunsthandwerkes stehen auf Kamin, Börden, Tischen und füllen den zierlichen Renaissanceschrank.“Wilhelm von Bode: Die Sammlung Oscar Huldschinsky, S. 6. Anschließend beschrieb Bode den Festsaal. In diesem ebenfalls mit altem Mobiliar ausgestatteten Galerieraum fand vor allem die umfangreiche Sammlung niederländischer Malerei ihren Platz. Das so genannten Damenzimmer war mit Möbeln und Kunsthandwerk des Rokokos ausgestattet. Zu den Kunstwerken in diesem Raum merkte Bode an: „Die Gemälde haben, der Zeit entsprechend, mehr dekorativen Charakter.“Wilhelm von Bode: Die Sammlung Oscar Huldschinsky, S. 26.
Die Sammlung im Haus Huldschinsky war international bekannt und wurde selbst in der New York Times gelobt: „The collector … kept them in his beautiful home, where every picture was hung in a manner best suited to its character“ (sinngemäß: Der Sammler … bewahrte die Sammlung in seinem schönen Haus auf, wo jedes Bild auf eine Weise gehängt wurde, die dem Charakter der Werke am besten entsprach).Richard Lachmansky: Huldschinsky Collection goes under the hammer. In New York Times vom 13. Mai 1928. S. 142.
Verkauf der Sammlung als Folge wirtschaftlicher Schwierigkeiten
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Huldschinsky ein Großteil seines Vermögens durch die Zeichnung von Kriegsanleihen, die Inflation und die damit verbundene Wirtschaftskrise verloren.Thomas Blubacher: Oscar Huldschinsky 1846–1931 und Ann Sommer, geb. Reichenheim 1910–2009, S. 146. In der Folgezeit war er gezwungen sich nach und nach von Teilen seiner Kunstsammlung zu trennen. Eines der berühmtesten Gemälde der Sammlung verkaufte Huldschinsky 1925. Das seinerzeit noch Raffael – heute dessen Werkstatt – zugeschriebene Bild Bildnis Giuliano de Medici ging über den Kunsthändler Colin Agnew in London an die New Yorker Niederlassung des Kunsthändlers Joseph Duveen. Die New York Times berichtete ausführlich über den Verkauf von Huldschinsky an Duveen und ordnete das Gemälde darin als letztes Werk des Künstlers in einer Privatsammlung ein. Das Gemälde wurde als „The gem of the collection“ (Das Juwel der Sammlung) bezeichnet und ein Kaufpreis von 500.000 US-Dollar vermutet.Raphael’s Guiliano bought by Duveen, Artikel in der New York Times vom 6. Mai 1925, S. 3. Auch andere Zeitungen wie die Pariser Ausgabe der Daily Mail, die Londoner Times und der Daily Telegraph sowie die New Yorker Zeitungen Herald, Tribune, Sun und World berichteten über den Verkauf des Gemäldes.Die Daily Mail in Paris, die New Yorker The Sun und die New York World berichtete am 6. Mai 1925, die Londoner The Times und der Daily Telegraph sowie der New York Herald und die New York Tribune berichteten am 7. Mai 1925 über den Verkauf des Bildes, siehe Files regarding works of art: Raphael, Giuliano de’Medici, ex Huldschinsky, 1925–1929, Archivunterlagen zum Gemälde Bildnis Giuliano de Medici von Raffael (Werkstatt) im Getty Research Institute, Los Angeles. Tatsächlich erhielt Huldschinsky vom Londoner Kunsthändler Colin Agnew 40.000 Pfund (umgerechnet etwa 193.200 US-Dollar) für das Gemälde.Files regarding works of art: Raphael, Giuliano de’Medici, ex Huldschinsky, 1925–1929, Archivunterlagen zum Gemälde Bildnis Giuliano de Medici von Raffael (Werkstatt) im Getty Research Institute, Los Angeles. 1929 kaufte der Bankier Jules Bache das Bild für 400.000 US-DollarEintrag zum Gemälde Bildnis Giuliano de Medici auf der Website des Metropolitan Museum of Art. Die New York Times berichte über den Verkauf an Bache und nannte abweichend einen Preis von 600.000 US-Dollar, siehe Artikel J. S. Bache acquires a $ 600,000 Raphael: Portrait by Raphael sold here in der New York Times vom 12. März 1929, S. 3. und stiftete es zusammen mit seiner Sammlung später dem Metropolitan Museum of Art.Eintrag zum Gemälde Bildnis Giuliano de Medici auf der Website des Metropolitan Museum of Art Als Huldschinsky 1926 ein weiteres bedeutendes Werk seiner Sammlung, das Gemälde Maria mit dem Kinde von Carlo Crivelli, an die Londoner Kunsthandlung P. & D. Colnaghi & Co. verkaufte, blieb eine entsprechende Medienresonanz aus.Eintrag zum Gemälde im Werkverzeichnis Anna Bovero: Tutta la pittura del Crivelli. Rizzoli, Mailand 1961. mini|Max Slevogt: Die Auktion der Sammlung Huldschinsky, Berlin, 1928, Niedersächsisches Landesmuseum in Hannover
Da die finanziellen Engpässe weiterhin bestanden, entschloss sich Huldschinsky schließlich den Großteil seiner Kunstsammlung zu verkaufen.Thomas Blubacher: Oscar Huldschinsky 1846–1931 und Ann Sommer, geb. Reichenheim 1910–2009, S. 148. Hierzu beauftragte er die Kunsthandlung Hugo Helbing aus München und den Kunstsalon Cassirer aus Berlin, die bereits seit 1916 bei Auktionen zusammenarbeiteten. Zur Auktion erschien ein hochwertiger Katalog mit zahlreichen Abbildungen, der von Grete Ring, Ernst Friedrich Bange, Hans Huth und Jakob Rosenberg erarbeitet wurde.Lucy Wasensteiner, Viktoria Krieger: Grete Ring, Kunsthändlerin der Moderne, S. 29. Vor der Versteigerung waren die Werke von 5. bis 9. Mai 1928 im Kunstsalon Cassirer ausgestellt.Adolph Donath: Die Auktion Huldschinsky. In Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen, Nr. 9./10. 1927/1928, 1./2. Aprilheft S. 347. In der Vorberichterstattung schrieben die Zeitungen: „Die Auktion Huldschinsky bedeutet ein Ereignis von hohem internationalem Rang“, sie sei „das große Ereignis des Kunstmarktes im Jahre 1928“Auktionsnachrichten. Artikel in der Zeitschrift Kunst und Künstler Heft 5, Nr. 26.1928, S. 206. und Max J. Friedländer sagte voraus „Bei der Besichtigung vor der Versteigerung werden die Kunstfreunde über die Fülle der Meisterwerke zu staunen haben.“Max J. Friedländer: Die Sammlung Oscar Huldschinsky. In Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers Nr. 20.1928, S. 1–8. Zudem lobte er „die gleichmäßig hohe Qualität der Gemälde“ und freute sich darüber, dass „eine so bedeutende Auktion in Berlin stattfinden soll“. Friedländer sah voraus: „ohne Zweifel wird sich Berlin als erregter Zuschauer beteiligen und die Sensation gierig auskosten.“