Kastell Faimingen (lateinisch: Phoebiana, auch Phoebianis oder Febianis) ist die Bezeichnung für zwei römische Militärlager nebst einer Zivilsiedlung und einem großen Tempelbezirk an der älteren Donaulinie des Raetischen Limes in Faimingen, einem Ortsteil der bayerischen Stadt Lauingen im Landkreis Dillingen an der Donau. Das Kastell wurde in der Provinz Raetia gegründet und lag rund 34 Kilometer westlich von deren Hauptstadt Augusta Vindelicum (Augsburg) entfernt.
Lage, Quellen und Forschungsgeschichte Das ehemalige römische Siedlungsgelände und die heutigen Bodendenkmale liegen in der modernen Siedlungs- und Verkehrsgeographie im Gebiet des Lauinger Stadtteils Faimingen und in angrenzenden Arealen Lauingens im Wesentlichen südlich der Bundesstraße 16 und nördlich der Donau respektive des Flüsschens Brenz. In antiker Zeit mündete die Brenz nicht wie heute lange nahezu parallel zur Donau verlaufend östlich von Faimingen in den Fluss, sondern stieß unmittelbar von Süden her in den seinerzeit noch stark mäandrierenden Strom. Auch ohne den Wasserweg lag das Areal in der Antike sehr verkehrsgünstig in einem Netz mehrerer römischer Fernstraßen. Von Westen her führte eine aus dem Dekumatland über das Kastell Urspring (Ad Lunam) verlaufende Straßen heran, nach Nordwesten führte eine Verbindung zum Kastell Heidenheim, (Aquileia), nach Norden zum Kastell Oberdorf (Opia). Nach Osten führten eine Straße nördlich der Donau und die Donausüdstraße parallel, bis die beiden beim Kastell Eining (Abusina) wieder zusammentrafen, und nach Süden hin gabelte sich die Verkehrsanbindung bald in einen Zweig, der zum Kastell Günzburg (Guntia), und einen, der zur Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum (Augsburg) führte.Gerhard Weber: Faimingen, Stadt Lauingen/Donau, Lkr. Dillingen a. d. Donau, Schw. Kastell und Vicus Phoebiana. In: Wolfgang Czysz, Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Hans-Jörg Kellner: Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 978-3-937872-11-7, S. 441. Topographisch war das Siedlungsareal durch eine Senke in ein westliches und ein östliches Plateau untergliedert, das Gelände fiel insgesamt zur Donau hin ab.Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 385 f.
Die ersten Ausgrabungen in Faimingen begannen um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert durch den Lehrer Magnus Scheller,Otto Hofmiller: Topographisch-historische Beschreibung des Kgl. Bezirksamtes Dillingen. Blättermann'sche, Dillingen 1887 (Google Books) und Karl Köstler: Handbuch der Gebiets- und Ortskunde des Königreiches Bayern. 1. Abschnitt. Urgeschichte und Römerherrschaft bis zum Auftreten der ersten Bajoarier. Lindauer'sche, München 1896 (Google Books). und wurden im Folgenden unter anderem von dem Archäologen Friedrich Drexel ausgeführt. 1970 bis 1973 wurden planmäßige Untersuchungen im Areal des heute überbauten Steinkastells vorgenommen. Die heute dort sichtbare Teilrekonstruktion des sogenannten „Römischen Kellers“ südwestlich des BVS-Bildungszentrums wurde durch die Funde von 150 Werksteinen aus der Brenz sowie die gleiche Anzahl von Spolien aus der Kastellmauer möglich. Zwischen 1979 und 1986 fanden im Auftrag der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Gerhard Weber weitere Ausgrabungen statt, bei denen der Tempelbezirk freigelegt wurde.Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 386.
Den Zusammenhang der ergrabenen Befunde mit dem antiken Namen Phoebiana erbrachten die Funde zweier Meilensteine = HD002138 und = HD002195 unter der Pfarrkirche der Nachbargemeinde Gundelfingen an der Donau im Jahr 1981Karlheinz Dietz: Zwei neue Meilensteine Caracallas aus Gundelfingen, Ldkr. Dillingen a. d. Donau, Reg.-Bez. Bayerisch-Schwaben. In: Germania. Band 63, Nummer 1, 1985, S. 75–86 (Digitalisat). sowie eines dritten Meilensteins = HD039487 gleichen Inhalts im Jahr 2002 in Sontheim an der Brenz.Anne Kolb: Caracalla und Raetien. In: Tyche. Band 18, 2003, S. 21–30. Die auf den Meilensteinen angebrachten Inschriften stammen aus dem Jahr 212/213 und berichten von Baumaßnahmen an Straßen und Brücken im Auftrag und vermutlich auch auf Kosten des Kaisers Caracalla. Als Ziel der Straße wird der Ortsname Phoebianis genannt, der bereits aus der spätantiken Schriftquelle der Notitia dignitatumNot. Dig. Occ. XXXV 29: Equites stablesiani iuniores, Ponte Aoni, nunc Febians. bekannt war.Hans Ulrich Nuber, Gabriele Seitz: Die Meilensteine des Caracalla aus dem Jahre 212 n. Chr. an der Straße nach (Aquae) Phoebianae/Faimingen. In: Jörg Biel, Jörg Heiligmann, Dirk Krausse (Hrsg.): Landesarchäologie. Festschrift für Dieter Planck zum 65. Geburtstag. Konrad Theiss, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8062-2331-6, S. 303–321, hier S. 305 f. und S. 309 f. Der Name Phoebiana geht offenbar auf den Beinamen Phoebus der Gottheit Apollo zurück.Reinhard H. Seitz: [Aquae] Phoebianae - der Name für das römische Faimingen. In: Blätter für oberdeutsche Namenforschung, Band 57, 2020, S. 65–71.Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer: Der Römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 171.
Archäologische Befunde mini|Das Militärdiplom des Marcus Ulpius Dignus () Kastell des 1. und 2. Jahrhunderts In der flavischen Zeit erhielten die römischen Truppen den Befehl, die Donau zu überqueren, weiter nach Germanien vorzudringen und einen Brückenkopf zur Sicherung des Flussübergangs zu errichten. Das frühe Lager befindet sich im heute nur teilweise überbauten Geviert zwischen „Gundelfinger Straße“, „Römerstraße“ und „Magnus-Scheller-Straße“.Kastell des 1. und 2. Jh. weitläufig um Es besaß einen schwach trazezförmigen Grundriss mit abgerundeten Ecken und nahm eine Fläche von rund 1,7 Hektar ein. Umgeben war es von einer zweischaligen Mauer, deren Fundamentierung 1,20 m breit war und die aus Quadern von Kalktuff bestand, wobei noch nicht klar ist, ob es sich bei dieser Umwehrung möglicherweise um einen steinverkleideten Erdwall handelte. Als Annäherungshindernis diente ein sieben bis neun Meter breiter und rund 2,70 m tiefer Spitzgraben. Das Fundmaterial legt eine Errichtung ab dem Jahr 90, eine Auflassung ab 120 und eine Planierung des Geländes um das Jahr 140 nahe. Stationiert war dort möglicherweise schon zu dieser frühen Zeit eine Vexillation der Ala II Flavia, wenngleich diese inschriftlich erst für das Jahr 157 gesichert ist, als Marcus Ulpius Dignus Kommandeur der Einheit war. = HD055907Gerhard Weber: Faimingen, Stadt Lauingen/Donau, Lkr. Dillingen a. d. Donau, Schw. Kastell und Vicus Phoebiana. In: Wolfgang Czysz, Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Hans-Jörg Kellner: Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 978-3-937872-11-7, S. 441–444.Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 386 f.
Vicus
Bereits während der Belegungszeit des ersten Kastells dürfte sich auch ein Kastellvicus entwickelt haben. Der Vicus war die Zivilsiedlung, die sich bei jedem dauerhaften römischen Standlager entwickelte und in dem die Angehörigen der Soldaten, Händler, Handwerker, Gastwirte, Prostituierte und andere Dienstleister, die dem Unterhalt der Truppe dienten, lebten und wirtschafteten. Nach der Auflassung des Kastells zog der Vicus weitere Siedler an und expandierte, wobei die verkehrsgünstige Lage zu einer gewissen Prosperität beigetragen haben wird. In der ersten Besiedlungsphase dürften die Gebäude noch in Holz- oder Fachwerkbauweise errichtet worden sein, ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts nahmen Steingebäude zu. Ab dem ersten Jahrzehnt des dritten Jahrhunderts wurde die Siedlung von einer Holz-Erde-Umwehrung geschützt, deren Wall acht bis neun Meter breit und deren vorgelagerter Graben 8,40 m breit und 2,80 m bis 4,70 m tief war. Von Steintürmen flankierte Tore befanden sich in dieser Phase im Norden und Osten des Vicus. Bereits im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts wurde die Holz-Erde-Mauer durch eine im Fundament 2,40 m und im Aufgehenden 1,90 m mächtige Steinmauer ersetzt. Die Mauer war nun auf allen vier Seiten mit nach innen und außen vorspringenden Toren ausgestattet und umfasste in dieser letzten Ausbauphase mit mindestens zwei Eck- und 14 Zwischentürmen bei einer Längsachse von 1,75 km ein Areal von rund 40 Hektar. Einziges erhaltene und sichtbare Relikt des Vicus ist ein sogenannter „Römischer Keller“ südlich des „Alemannenrings 11“.Römischer Keller von Faimingen auf roemer-tour.de, abgerufen am 9. Juni 2026.
Tempel des Apollo Grannus
Vor dem Südrand des planierten ersten Kastells wurde in den 140er und frühen 150er Jahren ein erster eingefriedeter Apollo-Grannus-Tempel in Holzbauweise errichtet.Apollo-Grannus-Heiligtum bei Apollo-Grannus war eine gallo-römische Gottheit, die aus dem keltischen Gott Grannus und der griechisch-römischen Gottheit Apollo assimiliert worden war.Elena Roveda: Apollo Grannus. I luoghi di culto di un dio solare. In: Traces in Time, Band 9, 2019, S. 70–94 (Digitalisat); mit Schwerpunkt auf dem Tempel in Faimingen. Bereits in seiner frühen Bauphase hatte der umfriedete Bereich einen Nord-Süd-Ausdehnung von rund 21 Metern. Zu dem Tempelbezirk gehörten Depots mit Votivgaben für die Gottheit, darunter keramische Lichthäuschen, und Astragali.
Der Bau der ersten steinernen Anlage ist für die Zeit ab 155/160 anzunehmen. Sie erlebte einige Umbauphasen und war im ersten Viertel des 3. Jahrhunderts noch in Betrieb. Nach Süden hin ging die neue Anlage um acht Meter über die vormalige hölzerne Umfriedung hinaus. Im Osten wurde eine Doppelhalle von der ehemaligen Linie des Cardos des ersten Kastells begrenzt. Ein 16 m mal 23 m (= 368 m²) messender Innenhof war an seiner West-, Süd- und Ostseite von Portiken gesäumt. An der Nordseite befand sich das eigentliche Tempelgebäude, das zunächst als dreiseitiger Umgangstempel geplant war (Bauphase 1), bevor es nach einer Umbauphase (Bauphase 2) schließlich als Podiumstempel (Bauphase 3) ausgeführt wurde. Der Tempel mit seiner Front eines Tetrastylos und dem Höhenunterschied seines Podiums von 1,30 m wurde über eine getreppte Rampe erreicht. Die östliche Fassade der Anlage war als offene Portikus in Toskanischer Ordnung gestaltet. In einer vierten Bauphase zu Beginn des dritten Jahrhunderts wurde die Nordfront zurückgebaut und durch eine weitere Toskanische Ordnung durchgängig gemacht. Der Kult des Apollo Grannus ist in Faimingen und Umgebung durch mehrere Inschriften belegt., = HD058671, und = HD058673
Der Tempel gehörte zu den größeren Anlagen seiner Art nördlich der Alpen und soll um 212/213 vom Kaiser Caracalla im Kontext seines Germanenfeldzuges zu mentalen Heilzwecken aufgesucht worden sein, wobei jedoch nicht gänzlich auszuschließen ist, dass sich die Textstelle bei Cassius DioCassius Dio, Ῥωμαϊκὴ ἱστορία, 78, 15, 5–6. auf das gallo-römische Quellheiligtum von Grand (Vosges) und nicht auf Faimingen bezieht. Für die Bedeutung des Tempels für die Siedlung spricht auch der Umstand, dass der Beiname Phoebus des Apollo in den Ortsnamen eingegangen ist.
Kastell des 3. Jahrhunderts