Kastell Günzburg (lateinisch Guntia, auch Gontia) ist die Bezeichnung mehrerer, zeitlich aufeinander folgender römischer Militärlager auf dem Gebiet der Stadt Günzburg im schwäbischen Landkreis Günzburg in Bayern. Die ehemaligen Kastelle und der zugehörige Vicus (Zivilsiedlung) bestanden von der frühen Kaiserzeit bis zur Spätantike.

Lage, Quellen und Forschungsgeschichte

Die ehemaligen römischen Siedlungsstellen respektive die heutigen Bodendenkmale befinden sich geographisch auf den teilweise von Löss überlagerten pleistozänen Schotterterrassen der Donau-Iller-Lech-Platte (auch Oberschwäbische Hochebene genannt), an den Mündungen der Günz und der Nau in die Donau. In der Antike lag Guntia im administrativen Bereich der Provinz Raetia und später der Raetia secunda und spielte durch seine Lage an der Donau und den Flussübergang eine strategisch bedeutsame Rolle. Es war im Itinerarium AntoniniItinerarium Antonini, 250,6 (22 römische Meilen à 1,48 km von Augusta Vindelicum und 16 Meilen von Caelius Mons entfernt) und in der Notitia dignitatumNotitia dignitatum, Occ. XXXV, 20 verzeichnet und wurde um das Jahr 297 in einem Panegyricus genannt.Panegyrici Latini VIII. Incipit quartus, 2,1 Verkehrsgeographisch befand sich Guntia unmittelbar längs der Donausüdstraße, welche das Siedlungsgebiet in Ostwest-Ausrichtung längs durchschnitt. Der Name Guntia leitet sich möglicherweise von einer keltischen Göttin Gontia ab, die als Schutzgottheit der Günz angenommen wird. Sie ist in Günzburg durch eine Inschrift nachgewiesen: = HD025737 = Lupa 6345

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde Günzburg von dem Historiker und Geographen Konrad Mannert (1756–1834) als das antike Guntia identifiziert,Konrad Mannert: Geographie der Griechen und Römer. Aus ihren Schriften dargestellt. Universität Lausanne, Lausanne 1792 (Google Books). und einer der ersten, der sich intensiver mit Guntia befasste, war im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts der Historiker und Altertumsforscher Johann Nepomuk von Raiser (1768–1853).Johann Nepomuk von Raiser: Guntia, und merkwürdigere Ereignisse der Donau-Stadt Günzburg, in der Umgegend, und in der Markgrafschaft Burgau, Augsburg 1823 (Google Books). Im Jahr 1902 gründete sich der Historische Verein Günsburg,Webauftritt des Historischen Vereins Günzburg, abgerufen am 7. Juli 2026. zwischen 1903 und 1905 fanden die ersten archäologischen Ausgrabungen statt. Eine Bauinschrift des vespasianischen römischen Kastells aus den Jahren 77/78 wurde um 1910 gefunden, ein Weihestein für die Göttin Gôntia 1929. Diverse Gutshöfe (villae rusticae) und kleinere Siedlungen in der Umgebung von Günzburg wurden in der Folgezeit ebbenfalls archäologisch nachgewiesen.Wolfgang Czysz, Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Hans-Jörg Kellner: Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1995. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 453–456. Nach der Verabschiedung des Gesetzes zu Schutz und zur Pflege der Denkmäler (Bayerisches Denkmalschutzgesetz – BayDSchG) 1973 wurde die Außenstelle Schwaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege personell aufgestockt und war seit 1976 in der Lage baubegleitende Rettungsgrabungen durchzuführen, so im großen Gräberfeld an der „Ulmer Straße“, das Wolfgang Czysz in zwölf Grabungskampagnen betreute.Zweitgrößtes Gräberfeld Deutschlands in Spektrum der Wissenschaft Online am 29. Februar, abgerufen am 2. Juli 2026. Im Jahr 2003 wurde die Kastellmauer der spätantiken Beestigung aus der Zeit des Theodosius I. untersucht.Wolfgang Czysz, Diethart Tschocke: Betonhart – die spätrömische Kastellmauer in Günzburg: Landkreis Günzburg, Schwaben. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2003, S. 89–93.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3, S. 9–24.

Archäologische Befunde und Hypothesen Kastelle mini|300px|Antike römische Strukturen um Günzburg mini|300px|Schematische Darstellung des römischen Günzburgs auf Basis der Kolleffel-Karte von 1750 Es bestanden vermutlich insgesamt bis zu vier zeitlich aufeinanderfolgende Kastelle, zum Teil unterbrochen von Phasen ohne militärische Präsenz.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3. Möglicherweise befand sich in Guntia auch ein Stützpunkt der Classis Pannonica (Donauflotte), worauf Spuren von Baracken und entsprechende Militariafunde an der Günzmündung im Bereich des „Kappenzipfels“ weisen.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3, S. 69–77.

Hypothetisches claudisches Kastell Möglicherweise im östlichen Bereich der Unterstadt, auf dem „Kappenzipfel“,Claudisches Kastell weitläufig um wurde vielleicht schon in claudischer Zeit, um 45 bis 50 u. Z. ein Kastell zur Verteidigung der Donaugrenze errichtet. Dieses bislang hypothetische frühe Kastell ist archäologisch nicht nachgewiesen, aber seine Existenz erscheint plausibel. Zum einen durch ein Bauprogramm im Zusammenhang mit der Anlage der Donausüdstraße, in dessen Kontext auch einige Nachbarkastelle errichtet wurden. Zum anderen auf der Basis von mittels Strontiumisotopenanalyse ausgewerteten Grabfunden und weiterer Artefakte, die auf eine Zuwanderung insbesondere aus dem Bereich Vindonissa hinweisen, was als Indiz für eine Verlegung von Teilen der dort stationierten Truppen nach Guntia interpretiert wird. Wie die genaue Lage sind jedoch auch die Namen der dort möglicherweise stationierten Truppen unbekannt. Dass sich bereits in dieser Zeit auch eine zivile Siedlung ausbildete, erscheint ziemlich unwahrscheinlich.Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 394 f.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3, S. 36–41.

Flavisches Kastell Das folgende Kastell stammt aus der frühflavischen Zeit und ist archäologisch und epagraphisch nachgewiesen. Sein Standort lässt sich anhand der archäologischen Funde, darunter Terra sigillata der Typen Drag. 29 und Drag. 37, sowie der Befunde einzelner Grabenabschnitte zwischen dem heutigen Friedhof und der „Donaugasse“ lokalisieren.Flavisches Kastell weitläufig um Der Befund- und Fundbereich deckte ein Areal von rund 220 m mal 150 m (= 3,3 ha) ab. Unter dem Fundmaterial befindet sich eine Bauinschrift. Die datierende Inschrift lautet:Bauinschrift = HD029160 = Lupa 10336

Die Inschrift ist Titus und Domitian, den Söhnen des Kaisers Vespasian (69–79) gewidmet und sagt aus, dass unter Gaius Saturius Saturninus, dem Statthalter Raetiens (77–80), der Reiterpräfekt einer Ala das Kastell gebaut hat. Sie lässt sich durch die Daten der Statthalterschaft sowie die genannten jeweiligen Funktionen der Thronfolger auf die Jahre 77/78 datieren. Stationiert war dort in jedem Fall eine größere Reitertruppe, möglicherweise die Ala II Flavia, eine 1000 Mann starke berittene Auxiliareinheit, welche zu dieser Zeit die ranghöchste Einheit in der Provinz Raetien war. Ihre Anwesenheit wird durch den Fund eines entsprechenden Ziegelstempels nahegelegt. In der trajanischen Zeit, um das Jahr 110 wurde die Ala im Kontext der Vorverlegung des Limes zunächst in das Kastell Heidenheim, später in das Kastell Aalen verlegt.Farkas István Gergő: The Dislocation of the Roman Army in Raetia. (= BAR International Series 2723). Archaeopress, Oxford 2015, ISBN 978-1-4073-1378-8, S. 33–48. Im Verlauf der heutigen „Heidenheimer Straße“ befand sich ein Übergang über die Donau, bei dem nicht geklärt ist, ob es sich um Pontonbrücke, eine Holzbrücke oder möglicherweise nur eine Fähre handelte.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3, S. 66–68. Bei Ausgrabungen in den Jahren 2013/2014 wurde rund 600 m östlich des Auxiliarkastells ein großer, etwa 100 m mal 50 m messender Holzpfostenbau identifiziert, den Wolfgang Czysz als Horreum (Speichergebäude) im Zusammenhang mit der Limesvorverlegung interpretierte. Nach dem Abzug der Truppen blieb Guntia, nun nicht mehr Frontstadt, sondern im Hinterland Raetiens, für fast zweihundert Jahre ohne neuerliche militärische Stationierung.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3, S. 45–64.

Tetrachisches Kastell mini|Schematisierte Ansicht von Guntia (untere Reihe links) in einer mittelalterlichen Abschrift (Münchner Codex) der Notitia Dignitatummini|Überlieferte Schildbemalung der Milites Ursarienses aus der Notitia Dignitatum Nach dem so genannten Limesfall, der Rücknahme der Grenze auf die Donau infolge der permanenten Angriffe und Plünderungszüge der Alamannen, Juthungen und Semnonen geriet Guntia wieder in die Konfliktzone. So wurde hier, vermutlich in der Zeit der Tetrarchie, um das Jahr 300, vermutlich nördlich der Martinskirche, wieder eine Befestigung errichtet.Tetrarchisches Kastell weitläufig um Das neue, maximal 1,2 ha große Kastell diente der Sicherung des wichtigen und möglicherweise letzten in römischen Händen verbliebenen Donauüberganges. So wurde am 1. März 297 in einem Panegyricus auf den Caesar Constantius I. erwähnt, wie dieser von der Rheinbrücke (wohl bei Mogontiacum) bis zum Donauübergang bei Günzburg (ad Danuuii transitum Guntiensum) Alamannien verwüstet habe.

Sie bezieht sich auf einen Alamannenfeldzug des Thronfolgers in den Jahren 292/293 infolgedessen er den Ehrennamen Germanicus Maximus erhielt. Die explizite Erwähnung Transitum Guntiensum weist auf einen feststehenden geographischen Begriff, was möglicherweise seine Bedeutung nicht nur in strategischer, sondern auch in logistischer und ökonomischer Hinsicht zeigt.Sophie Hüdepohl: Das spätrömische Guntia/Günzburg – Kastell und Gräberfelder. Michael Lassleben, Kallmünz 2022, ISBN 978-3-7847-5415-4. Stationiert gewesen sein könnte dort eine Vexillation der Legio III Italica. Die kleinere Kastellgröße weist auf die diokletianische Heeresreform, nach der die Größe der Limitanei und Comitatenses gegenüber den Einheiten des vorigen Heeres spürbar reduziert worden waren. Auf die Umstrukturierungsmaßnahmen deutet auch der Umstand, dass bei den Bestattungen dieser Zeit der Anteil germanischer Söldner gegenüber der früh- und hochkaiserlichen Zeit deutlich gewachsen war.Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3, S. 179–185.

Spätantikes Kastell