Die Erfindung des Ungehorsams ist ein Roman der Schweizer Autorin Martina Clavadetscher, der im Februar 2021 im Unionsverlag erschienen ist. Der Roman gewann 2021 den Schweizer Buchpreis.

Inhalt Der Roman ist unterteilt in drei Teile mit jeweils einer anderen Protagonistin. Der erste Teil spielt in einem Penthouse im Manhattan in einer nicht weiter definierten nahen Zukunft. Die Protagonistin des ersten Teils ist Iris. Sie trifft sich täglich mit ihrem Mitbewohner Eric und mit den Freundinnen Godwin und Wollstone, um Geschichten zu erzählen. Sie sehnt sich nach gesellschaftlichen Ereignissen, um ihrer Langeweile und inneren Leere zu entfliehen. Eines Abends erzählt sie eine Geschichte über ihre Halbschwester Ling, wodurch der zweite Teil des Romans in Form einer Binnenerzählung eingeleitet wird.

Der zweite Teil handelt von Ling Olem. Die junge Frau arbeitet in einer Sexpuppen-Fabrik in China. Sie wurde von einer Frau namens Zea adoptiert, die sie wie ihre Grossmutter behandelt. Ling Olem lebt sehr zurückgezogen und weist autistische Züge auf. Zuerst arbeitet Ling in der Fabrik mit den Körpern der Sexpuppen, danach mit den Köpfen. Die in der Fabrik hergestellten Sexpuppen sind mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet und werden durch Turing-Tests stetig weiterentwickelt. Im Verlauf der Handlung stiehlt Ling eine der Sexpuppen und lebt mit ihr zusammen. Auch entwickelt sich nach und nach eine Liebesbeziehung zwischen Ling und dem Fabrik-Wärter John B. mini|Charles Babbages Analytical Engine Der dritte und mittlere Teil handelt von der realen Mathematikerin Ada Lovelace, die im Jahr 1815 in Kirby Hall mit ihrer Mutter und deren Gehilfen lebt. Sie wird sehr streng mit speziellen Methoden (schwarze Pädagogik) erzogen, wie zum Beispiel dem Stillliegen, und geniesst eine gute Bildung. Ihre sterbende Grossmutter erzählt ihr von ihrem Vater, von dem Ada bis zu diesem Zeitpunkt nichts weiss und welcher kurz darauf verstirbt. Es handelt sich dabei um den romantischen Dichter Lord Byron. Ada erkrankt, ist lange an das Bett gefesselt und lebt von nun an fast ausschliesslich in ihrer eigenen Welt. Sie entwickelt eine Liebe für die Mathematik und löst Formeln in ihrem Kopf. Eines Tages wird sie zu einem Ball gebracht, wo sie den Erfinder Charles Babbage trifft, der an Rechenmaschinen arbeitet. Sie interessiert sich für seine Maschinen und arbeitet nun Tag und Nacht an Formeln für die neueste Maschine Babbages. Sie entdeckt, dass die Maschinen mehr könnten als nur rechnen. Sie hilft dabei, Babbages Maschinen und Forschungsliteratur zu verbreiten und weiterzuentwickeln, indem sie ihre eigenen Gedanken in den Briefen festhält, die veröffentlicht werden und zu ihrem Lebenswerk zählen. Lovelace entwickelt unter anderen einen Algorithmus zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen für die Analytical Engine von Charles Babbage und gilt dadurch als frühe Informatikerin und Vordenkerin der Computerwissenschaft. Ihre Gedanken sind ihrer Zeit voraus und gelten als verrückt und die Mutter lädt einen Arzt ein, der sie komplett verändert. Sie hat Ängste, dass sie lebendig begraben wird und stirbt sehr jung an einer Krebserkrankung.

Der vierte Teil handelt wiederum von Ling. John B. und Ling stehlen einen Kopf aus der Fabrik für die kopflose Puppe von Ling und benennen diese nach Ada Lovelace. Die drei besuchen einen Themenpark, in dem viele Sehenswürdigkeiten ausgestellt werden. In der Fabrik bemerkt Ling, dass Harmony (eine besonders weit entwickelte, androiden-ähnliche Stufe der dort hergestellten Sexpuppen) nicht mehr im Büro ist und auch Nian (die Leiterin der Entwicklungsabteilung) verschwunden ist. Ausserdem verstirbt Grossmutter Zea, die schliesslich eingeäschert wird. In der Fabrik ist die Verpackungsabteilung verschlossen. Statt Capec (dem ehemaligen Leiter der Fabrik) leiten nun zwei geheimnisvolle Frauen die Fabrik, die wie Androiden auf sie wirken. Ling fragt John B., ob er sie und Ada schwängern kann. Im Krankenhaus wird bestätigt, dass beide schwanger sind.

Im fünften Teil geht es wieder um Iris. Es stellt sich heraus, dass die Geschichten von Ling und Ada von ihr erzählt wurden, wodurch sich das im Roman Erzählte als potenziell unzuverlässige Erzählung herausstellt. Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Besitzer Eric soll Iris ausgeschaltet werden. Sie bäumt sie sich gegen Erics Befehle auf und wird in eine Kiste eingesperrt. Sie schafft es, sich zu befreien und läuft auf die Strasse, auf der viele weiter Puppen herumlaufen, welche aussehen wie sie, und beginnt ein neues Leben.

Hintergrund und Entstehung mini|hochkant|Ein Sennentuntschi Martina Clavadetscher hat bereits drei Jahre vor ihrem Werk Die Erfindung des Ungehorsams ein Theaterstück veröffentlicht, in dem sie sich mit Ada Lovelace, Robotern und Künstlicher Intelligenz in der Zukunft befasst hat (Frau Ada denkt Unerhörtes, 2019). Die Autorin fand auch bei einer anderen wichtigen Persönlichkeit der romantischen und fantastischen Literatur Inspiration: Mary Shelley. Shelley kommt im Roman nicht nur Ideell mit ihrem Werk Frankenstein vor, sondern auch durch die Charaktere Godwin und Wollstone. Godwin war Shelleys Mädchenname und Wollstone ist eine Abkürzung von Shelleys Zweitname Wollstonecraft. Eine weitere interessante Spur führt zum Thema Sennentuntschi – einem Sagenmotiv, das im ganzen deutschsprachigen Alpenraum verbreitet ist und zum Inhalt hat, dass eine leblose Puppe zum Leben erwacht und sich an ihrem Erschaffer rächt. In vielen Varianten der Sage hat die Puppe eine sexuelle Konnotation. Laut Clavadetscher war die Sennentuntschi-Sage eine weitere Inspirationsquelle für ihre Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex des künstlichen Menschen.

In einem Interview erklärte Martina Clavadetscher, dass eine Fotostrecke im Magazin Spiegel sie zum Roman inspiriert habe. Auf der Fotostrecke war die Produktion von Sexpuppen in einer Fabrik in China festgehalten.

Martina Clavadetscher wurde nach der Veröffentlichung ihres Romans mehrfach in den Medien zum Thema Künstliche Intelligenz befragt. So diskutierte sie beispielsweise in der Sendung Sternstunde Philosophie gemeinsam mit der Autorin und Philosophin Raphaela Edelbauer das Thema Natürliche versus künstliche Intelligenz – Kampf der Zukunft?.

Historisch-intertextuelle Verweise mini|hochkant|Die Mathematikerin Ada Lovelace Martina Clavadetschers Die Erfindung des Ungehorsams steht in einem vielschichtigen Dialog mit historischen Persönlichkeiten und literarischen Werken. Die Figur der Ada Lovelace wird nicht nur als historische Mathematikerin dargestellt, sondern auch als Symbol für weiblichen Intellekt und Widerstand gegen gesellschaftliche Konventionen. Der Roman greift intertextuelle Bezüge zu Mary Shelleys Frankenstein auf und setzt sich zudem mit modernen popkulturellen Werken wie Tori Amos’ Popsong Cornflake Girl auseinander, wodurch Themen wie Individualität, Ungehorsam und Feminismus aufgegriffen werden. Durch diese Verknüpfungen gelingt es Clavadetscher, sowohl die Vergangenheit als auch gegenwärtige Debatten über künstliche Intelligenz und über die Rolle von Frauen in der Wissenschaft in einen literarischen Dialog zu treten zu lassen. Damit wird der Roman nicht nur zu einer Hommage an Ada Lovelace, sondern auch zu einer Reflexion über Wissen, Macht und den Mut zur Veränderung.

Zentral ist die Bezugnahme auf Ada Lovelace, deren mathematische Visionen und Schriften – insbesondere ihre Anmerkungen zur Analytical Engine von Charles Babbage – bis heute als Grundlage für die Reflexion über maschinelles Denken und die Entwicklung von Computern gelten. Darüber hinaus lassen sich Parallelen zu literarischen Werken wie Mary Shelleys Frankenstein (1818) erkennen, das ebenfalls die Grenzen zwischen Mensch und Maschine thematisiert. Ein Auszug aus Shelleys «Frankenstein» ist dem Roman als Motto vorangestellt:I have found it! What terrified me will terrify others

Ein weiteres Motto für den Roman stammt aus dem Song "Cornflake Girl" von Tori Amos: This is not really, this, a-this This is not really happening You bet your life it is You Bet your life it is Honey, you bet your life.

Der Songtitel spielt mit den Gegensätzen zwischen so genannten Cornflake Girls (den angepassten Frauen) und Raisin Girls (den Aussenseiterinnen). Der Roman erzählt von Frauenfiguren, die aus Konventionen ausbrechen und sich den ihnen zugeschriebenen Rollen widersetzen. Außerdem haben das Lied und der Roman eine ähnliche Stimmung. Die Musik von Tori Amos, besonders in Cornflake Girl, ist melancholisch und mystisch. Das passt gut zu der poetischen und nachdenklichen Erzählweise von Die Erfindung des Ungehorsams. Auch eine mehr oder minder direkte feministische Grundhaltung verbindet die Texte von Tori Amos und Martina Clavadetscher, denn beide setzen sich in ihren Werken mit feministischen Themen auseinander.

Intertextuelle Verweise auf Mary Shelleys Roman Frankenstein sind auch die Namen Wollstone und Godwin, die im ersten und letzten Teil des Buches auftreten. Sie sind zwei ältere Damen, die immer um halb sieben vorbeikommen, um die Geschichten von Iris zu hören. Diese zwei Namen wurden bewusst gewählt, da sie auf zwei historische Figuren hinweisen: Mary Shelley, geboren als Mary Godwin und auch bekannt als Mary Wollstonecraft Shelley, war eine bedeutende Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts und die Autorin des Romans Frankenstein. Sie war die Tochter von Mary Wollstonecraft und William Godwin.

Auch Lord Byron tritt in Clavadetschers Roman im dritten Teil als Vater von Ada Lovelace auf. Mary Shelley verbrachte den Sommer 1816 in der Villa Diodati von Lord Byron. Während dieses außergewöhnlich kalten und düsteren Sommers kam ihr die Idee zu ihrem bekanntesten Werk Frankenstein; or, The Modern Prometheus. Das Werk wurde schliesslich 1818 veröffentlicht. Dies diente Clavadetscher als Inspiration für ihr eigenes Werk, insbesondere im Hinblick auf die Entstehung einer Künstlichen Intelligenz im Sinne eines Homunculus.

Ada Lovelace ist eine historisch reale Person, die im dritten Teil des Romans Die Erfindung des Ungehorsams als Protagonistin auftritt. Der Roman baut im ersten und zweiten Teil auf ihr Leben auf, und in den darauffolgenden Teilen entwickelt sich die Handlung auf dessen Grundlage weiter. Streng erzogen, um die Rolle einer Frau im viktorianischen England zu erfüllen, und begabt in Mathematik, führt sie zugleich den Haushalt, wie es den Frauen jener Zeit bestimmt war, und entwickelt heimlich ihr mathematisches Talent weiter. Nur mit ihrer Begabung zeigt sie ihre Ungehorsamkeit gegenüber dem damaligen System, das Frauen nicht gestattete, sich mit solch anspruchsvoller Materie zu befassen.

Durch einen Zufall trifft Lovelace auf Charles Babbage, einen Vorreiter auf dem Gebiet der Rechenmaschinen, und erhält so einen tiefen Einblick in dessen Theorien. Mit ihrem mathematischen, analytischen und theoretischen Blick erkennt sie schnell, dass Babbages Analytical Engine nicht nur rechnen, sondern noch vieles mehr leisten könnte, etwa Musikstücke komponieren. In diesem Zusammenhang schrieb sie ein akkurates Befehlsprogramm für die Maschine, um die Bernoulli-Zahlenfolge zu berechnen, die Eigenschaften der Entwicklung von Parabeln, Hyperbeln und weiteren Funktionen beschreibt.

Zusätzlich möchte Babbage, dass sie einen Artikel über die Analytical Engine vom Französischen ins Englische übersetzt. Da Frauen damals keine wissenschaftlichen Arbeiten publizieren durften, nutzt sie die Gelegenheit und fügt ihre eigenen Ideen hinzu. Der Artikel wird schließlich veröffentlicht, wodurch die heutige Welt von ihren Errungenschaften erfährt. mini|Diagramm für einen Algorithmus zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen, den Ada Lovelace für Charles Babbages "Analytical Engine" entwickelte.