mini|Die reformierte Kirche Veltheim Die reformierte Kirche Veltheim (auch Pfarrkirche Winterthur-Veltheim) ist eine evangelisch-reformierte Saalkirche im Stadtkreis Veltheim in Winterthur im Schweizer Kanton Zürich. Ihre Baugeschichte reicht bis ins Frühmittelalter zurück, in ihrer heutigen Gestalt ist sie im Kern im Spätmittelalter entstanden. Vor der Reformation war die Kirche ein bedeutender Marienwallfahrtsort. Bemerkenswert sind die spätgotischen Seccomalereien aus dem späten 15. Jahrhundert, die zwischenzeitlich übertüncht wurden und seit 1899 teilweise wieder freigelegt wurden.
Geschichte Frühmittelalter An der Stelle der heutigen Kirche errichteten die Römer im 2. oder 3. Jahrhundert ein Becken zum Auffangen von Hangwasser.Felicia Schmaedecke: Die reformierte Kirche in Winterthur-Veltheim. 2003, S. 9. Im 8. oder 9. Jahrhundert entstand dann eine kleine Holzpfostenkirche, bei der es sich um eine Eigenkirche gehandelt haben dürfte.Felicia Schmaedecke: Die reformierte Kirche in Winterthur-Veltheim. 2003, S. 10. Nicht lange danach wurde sie durch eine doppelt so grosse steinerne Kapelle ersetzt, die noch bis 1864 als Sakristei Bestand hatte. Angeblich sollen «die Ruinen eines alten Schlosses» dafür und auch für die Nachfolgerbauten verwendet worden sein.Arnold Nüscheler: Die Gotteshäuser der Schweiz. 1864, S. 234. Dass die Kirche in ihrer frühen Phase zu Ehren der heiligen Anna geweiht war, wie unter anderem Arnold Nüscheler behauptete, konnte nie nachgewiesen werden. Sie ist ab dem Spätmittelalter als Marienkirche dokumentiert.
Unter den Kyburgern und Habsburgern (1230–1358) 1230 wird die Kirche zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als Graf Hartmann IV. von Kyburg («der Ältere») das Dorf Veltheim mitsamt dem Kirchenpatronat – angeblich mit dem Geld, das ihm seine Heirat mit Margarete von Savoyen als Mitgift eingebracht hatteArnold Nüscheler: Die Gotteshäuser der Schweiz. 1864, S. 233. – kaufte. Der Verkäufer ist unbekannt. 1242 überschrieb Hartmann diese Besitztümer seiner Gattin als Witwengut. Als er 1264 ohne männlichen Nachfolger starb, ging das Patronatsrecht der Kirche Veltheim somit de jure an Margarete über, de facto aber usurpierte es (wie alle Ostschweizer Besitzungen der Kyburger) sein Neffe Rudolf IV. von Habsburg. Als Margarete 1273 starb, trat Rudolf, kurz bevor er als Rudolf I. zum römisch-deutschen König ausgerufen wurde, offiziell in diese Rechte. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts verblieb der Kirchensatz bei den Habsburgern. Noch unter ihrem Patronat wurde südlich der bestehenden Kapelle eine zweite Kapelle, der Vorgänger des heutigen Chores, angebaut und westlich davon ein Langhaus errichtet.Emanuel Dejung, Richard Zürcher: Die evangelische Pfarrkirche [Veltheim]. 1952, S. 335. Die ältere Kapelle diente nun als Chor. 1305 wird zum ersten Mal ein Pfarrer erwähnt.Felicia Schmaedecke: Die reformierte Kirche in Winterthur-Veltheim. 2003, S. 14.
Unter dem Kloster Töss (1358–1524) Am 27. September 1358 schenkte der eben erst Herzog von Österreich gewordene Rudolf IV. den Kirchensatz Veltheim dem nahen Dominikanerinnenkloster Töss. Dies wurde am 12. Dezember vom Bischof von Konstanz Heinrich III. von Brandis bestätigt. Die Schenkung diente als Wiedergutmachung für die im Verlauf der von seinem Vorgänger Albrecht II. geführten Schweizer Habsburgerkriege erlittenen Schäden des Klosters. Unter den Dominikanerinnen wurde 1401 der Kirchfriedhof erweitert.
Im Herbst 1460 wurde die Stadt Winterthur zwei Monate lang von den Eidgenossen belagert und vermochte sich unter dem Kommando von Thüring III. von Hallwyl, der im Dienst bei Sigmund, Herzog von Österreich, stand, zu behaupten. Zum Dank für diesen Triumph veranstaltete die Stadt fortan zweimal jährlich eine Wallfahrt in die Marienkirche Veltheim. (Veltheim gehörte ab 1452 endgültig zu Zürich, nicht aber seine Kirche. Winterthur folgte 1467.) Auch sonst hatte die Marienverehrung in Europa starken Aufschwung erhalten. Für die Kirche Veltheim begann damit ihre Blütezeit. Mit Unterstützung einflussreicher Winterthurer Geschlechter, darunter des im Chor abgebildeten Stifters Rudolf Bruchli und seiner Ehefrau Anna Ehinger, liess die Tösser Priorin 1482 anstelle der neueren (zweiten) Kapelle den heutigen polygonalen Chor mit zwei Altären erbauen. Um den Chor architektonisch einzubinden, wurde das Schiff zwar nach Süden hin erweitert, da die Ost- und Westmauer aber beibehalten und kaum erhöht wurden, wirkte der Längsbau nun im Vergleich zum höheren Chor merkwürdig gedrungen.Die Wandmalereien an der Südmauer zeigen heute die ehemalige Höhe an. Zur selben Zeit malte vermutlich Hans HaggenbergEmanuel Dejung, Richard Zürcher: Die evangelische Pfarrkirche [Veltheim]. 1952, S. 337. Chor und Schiff vollständig aus. Lukas Zeiner fertigte zwei Wappenscheiben an. Der bisherige Ostturm über der alten Kapelle wurde abgerissen, und ab 1498 errichtete Baumeister Stüdli einen deutlich höheren Westturm mit Geläut.
Frühe Neuzeit mini|Kirche Veltheim mit ringförmig angelegter Kirchhofmauer, links das Pfarrhaus bereits mit Verbindungsbrücke, unten rechts der Dorfbrunnen, anonyme Zeichnung, 1700–1750 Im Zuge der Reformation wurde das Kloster Töss 1524 aufgehoben und der Kirchensatz Veltheim verstaatlicht. Sicher wurden der Hochaltar, liturgisches Gerät und sonstige Einrichtungsgegenstände im Bildersturm zerstört, überraschenderweise aber beliess man viele Wandmalereien. Erst 1740 wurden sie gesamthaft übertüncht. Bis ins 19. Jahrhundert wurden keine grösseren baulichen Umgestaltungen vorgenommen. Eine anonyme Zeichnung aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigt die Kirche noch in ihrem mittelalterlichen Bauzustand.
Seit dem 19. Jahrhundert mini|Kirche Veltheim, Innenansicht, Aquarell von Ludwig Schulthess, 1836, links ist noch die alte Nebenkapelle zu sehen, die 1864 abgebrochen wurde Ludwig Schulthess fertigte 1836 zwei vorzügliche Aquarelle der Kirche Veltheim an. Man sieht hier ein in die Jahre gekommenes, düsteres Schiff mit niedriger, von Holzstützen getragener Holzdecke. 1864 wurden die gut tausendjährige Nebenkapelle, die noch als Sakristei genutzt wurde, abgerissen und das Verbindungsportal zugemauert. mini|Kirche Veltheim, Aquarell von Ludwig Schulthess, 1836
1892/1893 baute man das Schiff aus. Die Decke wurde der Höhe des Chors angepasst, die Nordwand abgerissen und erweitert. Dabei gingen deren übertünchte Malereien, von denen man keine Kenntnis mehr hatte, unwiederbringlich verloren. Die alten Mauern wurden neu verputzt und zwecks besserer Haftung des Putzes mit einem Pickel aufgeraut. Die darunterliegenden Malereien wurden so massiv beschädigt.Felicia Schmaedecke: Die reformierte Kirche in Winterthur-Veltheim. 2003, S. 30. Ebenfalls liess man in Nord- und Südwand neugotische Lanzettfenster ein. 1893 gestaltete Friedrich Berbig die drei Chorfenster neu.
1899/1900 folgte eine umfassende Renovation der Innenräume. Um die Kosten dafür zu decken, verkaufte man 1900 neun wertvolle Glasgemälde, darunter auch die Wappenscheiben von Lukas Zeiner, an das Schweizerische Landesmuseum in Zürich.Emanuel Dejung, Richard Zürcher: Die evangelische Pfarrkirche [Veltheim]. 1952, S. 337. Bei Vorbereitungsarbeiten im Juli 1899 stiessen die Maler im Chor auf die spätgotischen Fresken. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete am 23. Juli erstmals über den spektakulären Fund. Johann Rudolf Rahn veröffentlichte im Dezember einen ausführlichen Aufsatz darüber.
1907 wurde von Gebrüder Klingler aus Rorschach eine erste, pneumatische Orgel mit 2 Manualen und 14 Registern und einem neogotischen Prospekt eingebaut.
1931 wurde die Westmauer des Schiffs abgebrochen, neu gebaut und mit einer zweigeschossigen Vorhalle versehen, in der das Pfarrzimmer und der Aufgang zur Empore untergebracht sind. In die Südmauer wurde ein Seitenportal eingelassen. Die Orgel wurde von Orgelbau Kuhn aus Männedorf um 6 Register erweitert, ihres Prospektes entledigt und in die Ecke der neuerrichteten Empore verschoben. Im Kirchenschiff wurden die Malereien entdeckt, aber wieder mit einem neutralen Leimfarbenanstrich übertüncht.
Zwischen 1977 und 1980 wurde die Kirche noch einmal gründlich restauriert. 1977/1978 fanden dabei archäologische Grabungen statt. Alle noch zugänglichen Wandmalereien wurden freigelegt und wiederhergestellt. Am 22. Juni 1980 wurde die heutige mechanische Orgel von Orgelbau Kuhn eingeweiht.
2014 erfolgte der derzeit letzte Umbau. Dabei wurde die Seitenempore entfernt und zwischen den Bankreihen ein Mittelgang eingeführt. Ferner erneuerte man die Bodenheizung und die Beleuchtung und reinigte die Wandmalereien. Ebenfalls 2014 entschied die Kirchenpflege, den Glockenschlag künftig zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens einzustellen.
Baubeschrieb Glockenturm Der spätgotische Turm schliesst im Westen an die Südmauer des Langhauses an. Er erhebt sich über einem quadratischen Grundriss und weist vier durch Gurtgesimse getrennte Geschosse auf, deren untere drei den Unterbau bilden, in dem eine schmale steinerne Wendeltreppe emporführt. Im obersten Geschoss befindet sich die Glockenstube, an deren vier Seiten hohe spitzbogige Fensterpaare mit profilierter Laibung und Masswerk in Bogenfeldern und Brüstung eingelassen sind. Darüber erhebt sich ein steiles Satteldach (ein sogenanntes «Käsbissendach»).
Langhaus mini|Kirchenschiff mit Blick auf den Chor Das ausgesprochen schlichte Kirchenschiff mit modernem Sandsteinfussboden und Holzdecke wird seit 1931 hauptsächlich durch das Südportal betreten. Ihm ist eine zweigeschossige Vorhalle vorgelagert. Im Westen steht eine hölzerne Empore, auf deren Südseite die Orgel mit Rückpositiv untergebracht ist. In die Längsmauern sind je drei moderne, neugotische Fenster eingelassen. An der Südmauer lassen sich anhand der Malereien die ehemalige Höhe des Schiffes sowie die Lage der ehemaligen Fenster erkennen. Im Norden der Ostmauer ist die Lage des ehemaligen Verbindungsportals zur Sakristei eingeritzt. Links neben dem Chorbogen, der die Mauer von der Schiffsmittelachse abweichend durchbricht, steht («Bei dir Herr ist die Quelle des Lebens»). Die hölzerne Kanzel mit Schalldeckel und der Taufstein stammen beide von 1899/1900.Felicia Schmaedecke: Die reformierte Kirche in Winterthur-Veltheim. 2003, S. 28.
Wandmalereien Chor mini|Chorgewölbe mit Malereien und Fenstern