mini|hochkant|Oecher Klenkes Die Geschichte der Nadelindustrie in Aachen beschreibt die Entwicklung und Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges in und für Aachen von den Anfängen in der Frühen Neuzeit bis zur endgültigen Auflösung Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Nadelindustrie war neben der Aachener Tuchindustrie ein bedeutungsvoller Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region und beschäftigte in ihrer Hochphase mehrere tausend Arbeitskräfte.
Seit dem frühen 21. Jahrhundert existiert im Raum Aachen kein nadelproduzierendes Unternehmen mehr, lediglich im benachbarten Stolberg überlebte die traditionelle Prym Group, die sich hauptsächlich auf Handarbeits- und Nähzubehör spezialisiert hat und bei der die Nadelproduktion wegen der Auslagerung des Herstellungsprozesses ins Ausland nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.
Erhalten hat sich jedoch bis heute das Symbol der Aachener Nadelindustrie, der Klenkes. Dies ist im Öcher Platt der Name für den Kleinfinger, mit dessen Hilfe in früheren Zeiten, zumeist von Kindern, die schadhaften Nadeln aussortiert wurden und der später zum Erkennungszeichen für alle Aachener weltweit geworden ist.
Geschichte Von den Anfängen bis zur französischen Revolution Historisch betrachtet lassen sich auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland drei regionale Schwerpunkte von Produktionsstätten zur Nadelherstellung ausmachen, die sich zum Teil bis in die Zeit der mittelalterlichen Herstellung von Kettenhemden zurückverfolgen lassen: der Nürnberger Raum, hier vor allem Schwabach, sowie das Bergische Land und die Aachener Region.Michael Stein: Von Nadeln und Dosen, S. 4 und S. 32. Der Ursprung der Nadelanfertigung in der Freien Reichsstadt Aachen lässt sich etwa dem 14. Jahrhundert zuordnen und konnte mit einer ersten Erwähnung in einer Stadtrechnung aus den Jahren 1385/86 gesichert nachgewiesen werden. Anfangs waren es noch die kleineren Familienbetriebe, in denen die so genannten „Nadler“ beschäftigt waren. Dabei kamen ihnen die vorhandenen zahlreichen Aachener Bäche zugute, an deren Ufern sie bereits bestehende Mühlenkomplexe übernehmen konnten oder Neue erbauen ließen und diese als Schleif-, Scheuer- oder Poliermühlen einrichteten. Allein Anfang des 18. Jahrhunderts waren rund sieben derartige Mühlen innerhalb und mindestens ebenso viele außerhalb der Stadtgrenzen wie beispielsweise in Burtscheid und Haaren in Betrieb. mini|Verschiedene Mirken von Quirinus Chorus (Krein Korus) Im Jahr 1584 schlossen sich die Aachener Nadler, die zu jenem Zeitpunkt vorwiegend Stecknadeln, die beispielsweise zum Feststecken der Falten von Hauben und Kopftüchern sowie zum Befestigen von zarten Schleiern zum Einsatz kamenChristine Ranseder: Gewickelt, nicht gegossen, Stecknadel-Geschichte auf den Seiten der Archäologie Wien vom 20. Juni 2018, abgerufen am 4. März 2025, herstellten und seit 1580 als Eisendrahtzieher organisiert waren, mit den „Krämpenmachern“ zusammen und wurden gemäß der Aufteilung des zweiten Aachener Gaffelbriefs der Krämerambacht angegliedert, dem sich 1590 noch die Nagelschmiede anschlossen. Nachdem die Nadler die Produktion auf Nähnadeln aus feinem und reinem Stahldraht nach spanisch-niederländischem Vorbild umgestellt hatten, wie es in den Spanischen Niederlanden bereits gängige Praxis war, erhielten die „Nadler“ schließlich am 3. November 1615 als „Bürger spanischer Nadeln Meister“ durch den Rat der Stadt Aachen mit der „Rolle der spanischen Nadeln Meister“ eigene Zunftrechte.Joseph Koch: Geschichte der Aachener Nähnadelzunft und Nähnadelindustrie, S. 61–74 Dabei zeigte sich eine kontinuierliche Entwicklung, bei der die Eisendrahtzieher von den Messingdrahtziehern gelernt hatten, wie Nadel- und Krämpenmacher Messing- und Eisendraht verarbeiteten, die Nagelschmiede sich auf die Verarbeitung von Eisendraht beschränkten und die spanischen Nadelmacher hauptsächlich Stahldraht für die Herstellung von Nähnadeln verwendeten. Vor allem in der Gegend von Cordoba war ein blühendes Nadelgewerbe entstanden und die dort produzierten Nadeln erhielten deshalb auch den Namen „Cordobesas“.Wilhelm Goerres: Die Aachener Industrie – Die geschichtliche Entwicklung der auf der Industrie- und Gewerbeschau in Aachen vertretenen Industrien, Presseartikel von 1925 über die Aachener Industrien, aus Echo der Gegenwart vom 6. Juni 1925, abgerufen am 4. März 2025
Per Ratsbeschluss wurden die „Meisterbetriebe“ im Jahr 1626 dazu verpflichtet, eine Mirck als Handelszeichen zu führen, die unter anderem auch den Hinweis „S“ und „N“ für „spanische Nadeln“ in ihrem Logo führten.Beissel: The History of the needles, S. 11 Die Mircken wurden auf Stempel übertragen, mit deren Hilfe Papierzettel bedruckt werden konnten. Durch entsprechendes Zusammenfalten entstanden hieraus die so genannten Nadelbriefchen zum Verpacken und Versenden der fertigen Nadeln. mini|Beispiel eines Nadelbetriebs in Aachen Zugleich verursachten jedoch die rigiden Zunftrechte, die den einzelnen Unternehmen die Anzahl der Werkzeugmaschinen, des Personals und der Produkte vorschrieben, massive Einschränkungen für die Nadelhersteller.Zünfte und Mircken, Erläuterungen auf „Wege des Erinnerns“, Stadtarchiv Aachen, abgerufen am 4. März 2025 Sie versuchten deshalb, die Zunftrechte zu umgehen und ließen ihre Waren im sogenannten Verlagssystem herstellen, bei dem die Güter vorwiegend in zunftunabhängiger „Heimarbeit“ von den Nadlern, darunter schlecht bezahlte Landbewohner und zahlreiche Kinder, in Scheuermühlen produziert wurden, während der Vertrieb von den kaufmännisch orientierten „Verlegern“ zentral geregelt wurde. Dabei spezialisierten sich einige der Zunftmeister zu „Schönmeistern“, die für die Veredelung von Nadelrohlingen (dem sogenannten „Schönwerk“) inklusive des Scheuerns bzw. Polierens der Nadeln verantwortlich waren, wogegen die Zunftmeister, die die Nadelrohlinge herstellten (also das sogenannte „Rauwerk“ übernahmen), als „Raumeister“ bezeichnet wurden. Spätestens ab 1633 setzten die Aachener Nadelfabrikanten dabei vermehrt auf Wasserkraft der zahlreichen Aachener Bäche und damit auf die Übernahme und Neuausrichtung von bestehenden Mühlenbetrieben zu Scheuer- oder Poliermühlen oder sie ließen neue errichten, in denen die wichtigen Arbeitsprozesse wie die des Scheuerns und Polierens später auch des Schleifen stattfanden.
Die ersten namentlich überlieferten Nadler Aachens waren Walter Volmer, der Anfang des 15. Jahrhunderts eine kleine Schleifmühle betrieb, sowie um 1533 ein gewisser Peter Naedelnmecher und im Jahr 1592 der Waffenschmied und Nadelfabrikant Hermann Pastor. Dieser war einer der ersten Angehörigen der Familie Pastor, der in den zu jener Zeit unabhängigen und erst im Jahr 1897 nach Aachen eingemeindeten Nachbarort Burtscheid umgezogen war, weil er wie viele andere Gewerbetätige, die sich dem evangelischen Glauben zugewandt hatten, in der Reichsstadt Aachen wirtschaftliche Nachteile wegen den herrschenden Aachener Religionsunruhen in Kauf nehmen musste. Besonders dieser Familie ist es zuzuschreiben, dass über viele Generationen hinweg die Nadelproduktion im Ort Burtscheid florierte. Dabei musste die Familie Pastor beispielsweise auch hinnehmen, dass laut Statut von 1637 diejenigen Gesellen, die das Handwerk noch in Aachen gelernt, aber in Burtscheid Arbeit gefunden hatten, ihre Lehrjahre von der Zunft nicht bescheinigt bekamen.Joseph Koch: Geschichte der Aachener Nähnadelzunft und Nähnadelindustrie, S. 36 mini|hochkant|Wappentafel Fa. Beissel In Aachen dagegen waren es vor allem die Familie Chorus, die nach der Gründung einer Nadelfabrik durch Quirin Chorus (1632–1754) im Jahr 1654 die dortige Nadelproduktion bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ebenso beherrschte wie die verschwägerte Familie Beissel, deren Fabrikgründung 1730 durch Stephan Beissel (1695–1756) stattgefunden hatte und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem Nähnadeln produzierte. Andere bekannte Nadelproduzenten wie beispielsweise aus den Familien Strauch, Startz oder Vercken hielten sich meist nur wenige Generationen am Markt und schlossen ihre Betriebe bereits Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts.
Mit zunehmender Nadelfabrikation kam es im Laufe des 17. Jahrhunderts vermehrt zu Abfallprodukten wie Schleifstäuben und ähnlichem, die oftmals einfach in die Gassen der Stadt verschüttet wurden. Daraufhin beschloss der Rat der Stadt Aachen mit Erlass vom 25. März 1701, dass diese Abfälle künftig an abgelegene Orte außerhalb der Stadt zu bringen seien, ansonsten drohe bei Zuwiderhandlungen eine Geldstrafe von 25 Goldflorin oder eine gewisse Anzahl von Stockhieben. Mit Nachtragserlass vom 26. Oktober 1742 wurden diese Strafmaßnahmen auf sechs Goldflorin und sechs Wochen Arrest bei Wasser und Brot im Stadtgefängnis im Grashaus geändert.Beissel: The History of the needles, S. 15/16
Zum Ende des 17. Jahrhunderts erklärten 1698 die Aachener Nadler den hl. Quirinus von Neuss zu ihrem Schutzpatron und stifteten der alten St.-Jakob-Kirche eine Steinfigur mit der Darstellung des Heiligen, die nach Abriss der Kirche im Jahr 1885 in den Kirchenneubau übernommen wurde.Rundgang durch die Jakobskirche, Informationsseite der Pfarrei St. Jakob (PDF), abgerufen am 4. März 2025
Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert erlebte vor allem die Nähnadelproduktion Aachens ihren ersten Höhepunkt und die Absatzmärkte, besonders für Nähnadeln spanischer Art, Stopfnadeln, Schuhmachernadeln, aber auch Wundnadeln für Mediziner, befanden sich deutschlandweit in Frankfurt am Main, Mainz, Kassel, Nürnberg und Leipzig, aber auch international in Frankreich, Schweden, im Orient sowie in den Städten Lüttich und Moskau. Nicht nur die qualitativ hochwertigen Aachener Produkte, sondern auch die zeitgemäße moderne Technik sowie die gut ausgebildeten Nadelmeister und -gesellen waren außerhalb Aachens begehrt. So versuchten unter anderem Kaufleute in Nürnberg die Aachener Fabrikations- und Betriebstechnik einzuführen und Aachener Nadler abzuwerben. Dass tatsächlich um diese Zeit die Aachener Nadeln in Nürnberg nachgemacht wurden, geht beispielsweise daraus hervor, dass in der Stadt Nürnberg angefertigte Nähnadeln im Jahre 1715 unter dem Namen und Mirckzeichen des Burtscheider Fabrikanten Esaias Vercken auf der Frankfurter Messe vorgestellt wurden. Die Sturheit der Nürnberger Zünfte, die um ihr Ansehen fürchteten, verhinderte jedoch eine Integration der Aachener Nadler in Nürnberg und die Eingliederung in die Bürgerschaft scheiterte wenige Jahre später. Nachdem mittlerweile auch von Moskau und Schweden aus Anwerbungsversuche unternommen worden waren, erließ der Aachener Stadtrat eine Verordnung, wonach Nadlermeister und -gesellen, die zur Einführung der Nähnadelfabrikation in einem anderen Land Beihilfe leisten sollten, alle ihre Güter innerhalb der Stadt Aachen verlieren und für sie sowie ihre Nachkommen dauerhaft die Bürger- und Handwerksrechte verfallen würden.