mini|hochkant|Bernsteingesicht im Kranzberger Museum

Bei der bronzezeitlichen Befestigung bei Bernstorf handelte es sich um die größte bekannte bronzezeitliche Befestigung nördlich der Alpen, mit einer Fläche von etwa 13 Hektar und einer über 1,6 Kilometer langen Holz-Erde-Mauer. Die Anlage wird zeitlich durch 14C-Untersuchungen auf einen Zeitraum zwischen 1675 und 1510 v. Chr. datiert. Dieser Zeitabschnitt fällt in die Hügelgräber-Kultur der Mittleren Bronzezeit in Mitteleuropa von 1600 bis 1300/1200 v. Chr., die ungefähr zeitgleich mit der mykenischen Zeit von 1600–1050 v. Chr. in Griechenland ist. Drei Viertel des Siedlungsareals sind durch Kiesabbau nicht mehr vorhanden.

Der archäologische Fundort befindet sich auf dem Bernstorfer Hügel im Landkreis Freising/Oberbayern, zirka 1,4 km nördlich des Zentrums der Gemeinde Kranzberg, zirka 500 m westlich vom Gemeindeteil Bernstorf und zirka 600 m östlich des Flusses Amper. Die Anlage befindet sich auf einem Plateau etwa 55 m über dem Flussufer.

Für großes Aufsehen sorgten ab 1998 Funde von Goldschmuck und Bernsteinartefakten. Ob die Funde echt sind oder ob es sich dabei um Fälschungen handelt, wird seit 2013 heftig diskutiert.

Entdeckung Eine Sage berichtet von einer „versunkenen Stadt zwischen Tünzhausen und Kranzberg“.Manfred Moosauer u. a.: Die Reste der mittelbronzezeitlichen Wallanlagen wurden bereits 1904 vom Heimatforscher Josef Wenzl entdeckt,Joseph Wenzl, handschriftliche Aufzeichnungen im Archiv des Historischen Vereins Freising aber in ihrer Zeitstellung und Bedeutung offenbar erst um 2000 erkannt.Kate Verkooijen: Report and Catalogue of the Amber found at Bernstorf, near Kranzberg, Freising district, Bavaria, Germany. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte. Band 96, 2017, S. 139–230, hier: S. 140. Inzwischen ist mehr als die Hälfte der prähistorischen Befestigung durch Kiesabbau seit den 1950er Jahren zerstört worden.

Die Hobbyarchäologen Manfred Moosauer und Traudl Bachmaier meldeten im Jahre 1998 im Bereich des Bernstorfer Hügels Gold- und Bernsteinobjekte. Laut einem Aktenvermerk des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, der von zwei Augenzeugen gestützt wird, wurden am 21. August 1998 auch Goldfunde mithilfe einer angeblichen Hellseherin gemacht.Aktenvermerk des bayr. Landesamtes für Denkmalpflege, Abt. Bodendenkmalpflege, Ref. Oberbayern, am 18.12.2002 durch Dr. Martin Pietsch, bestätigt durch Wolfgang Buchner am 04.04.2003 Manfred Moosauer versicherte daraufhin dem BR, „die völlig absurde Konstruktion […] mit dem Vorhandensein einer […] Hellseherin ist eine Unterstellung und Verleumdung“, er hoffe „als Internist nicht, dass [der Mitarbeiter vom Landesamt] an intermittierenden Halluzinationen leidet“. Weiterhin gibt Moosauer an, die anderen Anwesenden hätten „derlei nicht gesehen“,Kontrovers: Zweifel an Echtheit bleiben (Dokument bei etwa 4:00) dabei verschweigt er aber die Bestätigung des Aktenvermerkes durch den ebenfalls anwesenden Grabungstechniker.

Ausgrabungen Archäologische Ausgrabungen, die auf die ersten Funde von Moosauer und Bachmaier folgten, ergaben, dass sich auf dem Bernstorfer Hügel um 1360 v. Chr. eine fast 13 Hektar große Siedlung befand, die von einer über 1,6 km langen Holz-Erde-Mauer umgeben war. Sie wurde bei einem Großbrand zerstört.Bernhard Hampp: Troja im Ampertal. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 178, 4. August 2001. Schlackenfunde belegten eine Hitzeentwicklung von bis zu 1300 °C.Vgl. Bernstorf – Kultplatz, Wirtschafts- und Handelszentrum der europäischen Bronzezeit in Bayern, aufgerufen am 30. Dezember 2012. Das ließe darauf schließen, dass die Anlage systematisch niedergebrannt wurde.

Am 23. August 2010 begann eine neue Grabungskampagne der Universität Frankfurt unter der Leitung von Rüdiger Krause. Siedlungsspuren wurden bei dieser Ausgrabung nur wenige entdeckt, nur wenige Keramikreste, die wie die Gold- und Bernsteinfunde in der Nähe der Mauer deponiert wurden. Die Siedlungsgeschichte lässt sich daher (noch) nicht rekonstruieren. Die wertvollen Funde legen sowohl eine wichtige Rolle der Befestigung im überregionalen Warenaustausch nahe als auch eine kultische Bedeutung. Ungeklärt ist auch die Ursache des Brandes.Die bronzezeitliche Befestigung Bernstorf und ihr Siedlungsumfeld im Ampertal (Lkr. Freising, Oberbayern).

Aus der Umgebung von Bernstorf sind weitere Fundstellen der mittleren Bronzezeit bekannt, so wurden zahlreiche Grabanlagen entdeckt. Möglicherweise stand Bernstorf mit der gleichaltrigen Befestigung auf dem Domberg in Freising in Verbindung.Rupert Gebhard: , abgerufen am 20. November 2023.

Funde Objekte aus Gold mini|Goldfund von Bernstorf

Unter den 1998 entdeckten Goldfunden befanden sich ein diademförmiges Goldblech, eine „Krone“, ein verziertes Blech mit Befestigungslöchern, drei Anhänger und eine 33,2 Zentimeter lange Nadel. Die Fragmente von verzierten Goldblechen waren zum Teil verbogen und mit Lehm ummantelt, was sie vor dem Feuer geschützt hatte. Dies spricht für eine absichtliche Niederlegung. Die Spuren von Weihrauch und Holzreste, die den Goldblechen anhafteten, lassen annehmen, dass es sich um den Schmuck einer Götterfigur handelte. Ihre Gestaltung wurde zunächst mit der berühmten, im Verhältnis zu den übrigen Funden aus Bernstorf allerdings Generationen älteren Goldmaske des Agamemnon aus Mykene parallelisiert. Zuletzt wurde die Verwandtschaft mit der kykladischen „Lady von Phylakopi“ herausgestellt.Rupert Gebhard, Rüdiger Krause: Zur Ikonographie der Gesichtsdarstellung. In: Rupert Gebhard, Rüdiger Krause: Bernstorf. Archäologisch-naturwissenschaftliche Analysen der Gold- und Bernsteinfunde vom Bernstorfer Berg bei Kranzberg, Oberbayern (= Abhandlungen und Bestandskataloge der Archäologischen Staatssammlung München. 3 = Frankfurter Archäologische Schriften. 31 = Bernstorf-Forschungen. 1). Archäologische Staatssammlung München, München 2016, ISBN 978-3-927806-43-6, S. 129. Auch die Herkunft des Goldes solle auf den östlichen Mittelmeerraum weisen, die Verarbeitung hingegen auf den Bereich nördlich der Alpen. Der Goldfund von Bernstorf wurde von der Archäologischen Staatssammlung in München angekauft. Eine Kopie wird in Kranzberg im 2014 eröffneten Bronzezeit Bayern Museum gezeigt.

Bernstein mini|Bernsteinobjekt mit Linear B-Inschrift „pa-nwa-ti“ mini|Bernsteinstück mit bärtigem Männergesicht

Zwei im Jahre 2000 aufgefundene, gravierte Bernsteinstücke waren angeblich ebenfalls in Lehm gehüllt.Kate Verkooijen: Report and Catalogue of the Amber found at Bernstorf, near Kranzberg, Freising district, Bavaria, Germany. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte. Band 96, 2017, S. 139–230, hier: S. 178–180. Sie tragen Texte in der mykenisch-griechischen Linearschrift B und sollen historische Verbindungen zum Mittelmeerraum zeigen. Das erste Bernsteinstück, das möglicherweise als Siegel gedient haben soll, trägt die Inschrift „pa-nwa-ti“, das zweite zeigt auf der einen Seite das Antlitz eines bärtigen Mannes, auf der anderen Seite befinden sich Zeichen, die bisweilen als die Linear-B-Buchstaben für „do-ka-me“ gedeutet werden. Die Bedeutung dieser Inschriften ist nicht geklärt. Während die Zeichen „pa-nwa-ti“ von rechts nach links, also „ti-nwa-pa“ gelesen, Ähnlichkeiten zum Wort „Tinwa“ (Name eines in Pylos erwähnten Volkes) aufweisen, ist bei den Zeichen auf dem zweiten Bernsteinstück sogar umstritten, ob es sich überhaupt um Schriftzeichen handelt.Richard Janko: Amber inscribed in Linear B from Bernstorf in Bavaria. New light on the Mycenaean kingdom of Pylos. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter. Band 80, 2015, S. 39–64 (online). Die jüngste Analyse des Bernsteins und seiner Bearbeitungsspuren an den beiden genannten Objekten, aber auch an den 54 weiteren, teils Bearbeitungsspuren aufweisenden Bernsteinfunden des Ausgrabungsareals kommt zu dem Ergebnis, dass sie nicht aus einem bronzezeitlichen Kontext stammen können, sondern aus deutlich jüngerer Zeit.Kate Verkooijen: Report and Catalogue of the Amber found at Bernstorf, near Kranzberg, Freising district, Bavaria, Germany. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte. Band 96, 2017, S. 139–230, hier: S. 182–183 (online).

Fälschungskontroverse seit Oktober 2013 Wegen der ungewöhnlichen Reinheit des Goldschmucks äußerte Ernst Pernicka, Professor für Archäometrie in Heidelberg, seit Oktober 2013 fundierte Zweifel an dessen Zuordnung zur Bronzezeit. Seine Analyseergebnisse stellte er erstmals auf dem 6. Mitteldeutschen Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale) vor, woraufhin die Echtheit der Funde intensiv diskutiert wurde.Ernst Pernicka: Zur Frage der Echtheit der Bernstorfer Goldfunde. In: Metalle der Macht – Frühes Gold und Silber. Metals of Power – Early Gold and Silver. 6. Mitteldeutscher Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale). 6th Archaeological Conference of Central Germany October 17–19, 2013 in Halle (Saale). Hrsg. von Harald Meller, Roberto Risch und Ernst Pernicka. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 11, 2014, ISBN 978-3-944507-13-2, S. 247–256. Website des BR (abgerufen am 24. Oktober 2014)Günther Knoll: Zu sehr Gold, um wahr zu sein. In: Süddeutsche Zeitung, 24. Oktober 2014, auf sueddeutsche.de vom 24. Oktober 2014, abgerufen am 24. Oktober 2014. Gold dieses Reinheitsgrades könne nur durch Elektrolyse hergestellt werden, es seien also „moderne Imitationen“. Dagegen behaupten der Leiter der Archäologischen Staatssammlung in München Rupert Gebhard und der für die Bernstorfer Grabung verantwortliche Frankfurter Archäologe Rüdiger Krause, diese Goldbleche seien authentische Goldobjekte der Mittleren Bronzezeit. Sie begründen den Reinheitsgrad damit, dass bereits in der Antike Gold durch Zementation geläutert wurde. Der Bernstorfer Fund ähnele chemisch der Goldverzierung auf dem sogenannten Sarg des Echnaton (KV55). Pernickas Analysen mittels Laserablation und Massenspektrometrie ergaben für die Bernstorfer Goldbleche einen Feingehalt von 99,99 %, wie er in der Natur nicht vorkommt, außerdem im Mittel 104 μg/g Silber. Damit liegt es sehr nahe an modernem Degussa-Gold, das bei einem Feingehalt von 99,99 % genau 102 μg/g Silber enthält. An keinem authentischen Goldobjekt der Antike wurde – auch bei Zementation mit Kochsalz – ein annähernd hoher Reinheitsgrad nachgewiesen. Im Fall des Echnaton-Sarges sei der Silber- und Kupfergehalt um Größenordnungen höher, dasselbe treffe auf römische Münzen zu. Gerade der Kupfergehalt von unter 0,02 % sei ein klares Indiz für die neuzeitliche Elektrolyse, denn er lässt sich mit prähistorischen Verfahren nicht derart stark reduzieren. Kleine Variationen im Silbergehalt deuten auf die Anwesenheit von Mikrosegregationen, wie sie auch in modernem Handelsgold der Firma Degussa auftreten.