mini|300px|Fahrbereite historische Rangierlokomotive SM03 auf einem restaurierten Industriegleis aus den 1920er JahrenWarszawa: Lokomotywa SM03 z przeworskiej cukrowni atrakcją SOHO Factory, 29. Juli 2012, Rynek Kolejowy (in Polnisch, abgerufen am 16. Februar 2025) vor einer 2009 restaurierten Fabrikhalle aus dem Jahr 1923. Soho Factory ist ein Gebäudekomplex im Stadtviertel Kamionek im Warschauer Stadtbezirk Praga-Południe. Im Rahmen der Revitalisierung eines ehemaligen Fabrikgeländes aus dem frühen 20. Jahrhundert entstehen seit dem Jahr 2008 auf einer Fläche von acht Hektar moderne Gewerbe-, Büro- und Wohnflächen. Erhaltene Teile des Industrieanlage werden mit Neubauten kombiniert; die Gestaltung der Zwischenräume soll sich an der industriellen Vergangenheit des Ortes orientieren.Bartosz M. Walczak, Difficult revitalisation of post-industrial monuments in Poland – achievements and failures, Ochrona Zabytków, 1/2022, S. 7–28 (in Englisch, abgerufen am 12. Februar 2025) Oft wird ein Vergleich zur Entwicklung des Meatpacking Districts oder des Stadtteils Soho in New York City gezogen.Ul. Miśka and the SOHO factory, in: Rough Guides - Walks and Tours: Warsaw, ISBN 978-1-83529-117-7, APA Publications, London 2024 (in Englisch)
Dreizehn der auf dem Gelände befindlichen historischen Gebäude (Einfahrtstor, mehrere Verwaltungs- und Produktionsgebäude sowie ein Wohnhaus) stehen unter Denkmalschutz.Zespół pofabryczny Towarzystwa Akcyjnego Lnianej i Jutowej Manufaktury, później Zakładów Amunicyjnych „Pocisk“ (deutsch: Der Fabrikkomplex der Aktiengesellschaft zur Leinen- und Juteherstellung, später Munitionsfabrik „Pocisk“), Aktualny wykaz zabytków ujętych w gminnej ewidencji zabytków m.st. Warszawy, Biuro Stołecznego Konserwatora Zabytków, 25. August 2016, (LP 3967–3980) Seite 93f (Denkmalverzeichnis der Stadt Warschau, in Polnisch, abgerufen am 13. Februar 2025) Soho Factory gilt als ein gelungenes Beispiel für die Revitalisierung postindustrieller Gebiete.Soho Factory otworzy się na miasto, 28. Juli 2017, nowawarszawa.pl (in Polnisch, abgerufen am 12. Februar 2025)
Lage Die Gebäudegruppe mit der Adresse Mińska-Straße 25 liegt im Warschauer Stadtteil Kamionek, einem früheren Industriegebiet, welches 1889 nach Warschau eingemeindet wurde. Sie grenzt im Süden an die Mińska-, im Osten an die Chodakowska-, im Norden an die Żupnicza- und im Westen fast bis an die Bliska-Straße; es bestehen Zufahrten zum Komplex von der Mińska- und der Żupnicza-Straße.
Geschichte Die Geschichte des Industrieareals reicht bis an das Ende des 19. Jahrhunderts zurück und wurde von der politischen Entwicklung Polens und Europas beeinflusst.
Jutefabrik „Juta“ Im Jahr 1898 wurde das Areal von der Towarzystwo Akcyjne Lnianej i Jutowej Manufaktury (Aktiengesellschaft für Leinen- und Juteherstellung) – genannt „Juta“ – erworben.Fabryki Kamionka, kamionek.warszawa.pl (in Polnisch, abgerufen am 19. Februar 2025) Der Vorstand des Unternehmens bestand aus Maks Meyler (Hamburg), Andrzej Larsson, Ludwik Ehrtman (Riga) sowie Maurycy Łaski aus Warschau. Zunächst importierte das Unternehmen Fertigprodukte aus Riga; später wurden in Warschau Jutesäcke und Planen für Verpackungszwecke produziert.Warszawa – Zakłady Amunicyjne „Pocisk”, 14. März 2018, industrialna.com (in Polnisch, abgerufen am 13. Februar 2025) Dazu wurde eine Weberei sowie eine Nähanlage eingerichtet, in der die Säcke aus importierter Jute gefertigt wurden, die hauptsächlich für den Verkauf im Russischen Kaiserreich bestimmt waren. Im Jahr 1900 arbeiteten dort 615 Personen.Witold Pruss, Rozwój przemysłu warszawskiego w latach 1864-1914, Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warschau 1977, S. 198 Einige Gebäude wurden zeitweise von der Firma der Gebrüder Orszagh genutzt, die hier ein Lager unterhielt.Michał Krasucki, Towarzystwo Akcyjne Lnianej i Jutowej Manufaktury, Zakłady Amunicyjne „Pocisk” S.A., in: Warszawskie dziedzictwo postindustrialne, Fundacja Hereditas, Warschau 2011, ISBN 978-83-931723-5-1, S. 88ff (in Polnisch) Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Produktion aufgrund des Rohstoffmangels und des Verlustes von Absatzmärkten eingestellt.
mini|Die Munitionsfabrik in den 1930er Jahren Munitionsfabrik „Pocisk“ Nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens wurden die verlassenen Fabrikgebäude auf Druck der Regierung vom polnischen Militärministerium übernommen. Am 29. Oktober 1919 wurde ein Konsortium unter dem Namen Zakłady Amunicyjne POCISK Spółka Akcyjna (Munitionsfabrik Pocisk AG) gegründet, dessen Vorstand aus 18 Privatpersonen bestand – Industriellen, Landbesitzern und Wissenschaftlern, darunter die Grafen Maciej Radziwiłł und Adam Tarnowski sowie ab 1920 die Grafen Andrzej Lubomirski (er fungierte als Vorsitzender des Vorstandes) und Zdzisław Grocholski. Das Ministerium wurde von General Eugeniusz Rodziewicz vertreten.
Die alten Fabrikationsgebäude der Juteverarbeitung wurden übernommen, weitere neue Produktionshallen wurden errichtet. Für den Maschinenpark wurden von den österreichischen Unternehmen Enzesfelder Munitions-Werke und Hirtenberger Munitions-Werke Fertigungsanlagen übernommen. Am 20. November 1920 wurde im Beisein des Staatsoberhauptes Józef Piłsudski und zahlreicher Offizieller die erste große Munitionsfabrik Polens feierlich von Feldbischof Stanisław Gall eingeweiht. Nach Grundstückszukäufen in den Folgejahren bestand das Werksgelände in seiner größten Ausdehnung aus dem gesamten durch die Straßen Mińska, Terespolska und Bliska gebildeten Areal.
Die volle Betriebsbereitschaft der Fabrik war im Jahr 1923 erreicht. Zunächst wurden Metallteile für Kleinkaliber- und Artilleriemunition hergestellt – für das polnische Militär die Kaliber 8 × 50 mm R Mannlicher, 8 × 50 mm R Lebel, 7,92 × 57 mm Mauser und zur zivilen Verwendung Kaliber der Dimensionen 6,35 mm Browning sowie 7,65 mm Browning. 1924 wurde dann auch ein Projekt für eine 47-mm-Kanone entwickelt und beim Ministerium eingereicht. Das Werk produzierte in Folge zwei Geschütze, die sich in Bezug auf Rohrlänge und Gewicht unterschieden. Es handelte es sich um die ersten modernen, in Polen errichteten Geschütze.
Darüber hinaus produzierte das Unternehmen Präzisionswerkzeugmaschinen zur Herstellung von Munition verschiedener Kaliber, automatische Inspektionsmaschinen, Zahnriemen, hydraulische und andere Pressen sowie Drehrohröfen zur Wärmebehandlung. Im Werk wurden auch Reparaturen von Flugzeugtriebwerken durchgeführt.
Im Jahr 1927 stellte das Werk rund ein Drittel der gesamten Munitionsproduktion Polens her; es waren bis zu 4.200 Arbeiter in dem Unternehmen tätig, das in einer Außenstelle in Rembertów weitere Produktionshallen unterhielt. Während im Stammwerk in Kamionek Hülsen und sonstige Metallteile hergestellt wurden, erfolgte in Rembertów die Befüllung dieser Hülsen mit Pulver und die Endmontage.Tomasz Szczerbicki, 100 lat temu nastąpił pełen rozruch Zakładów Amunicyjnych „Pocisk”, 22. Juli 2023, dzieje.pl (in Polnisch, abgerufen am 12. Februar 2025)
Im Zuge einer Umstrukturierung wurde die Fabrik 1932 dem Militärministerium direkt unterstellt und in Wojskowe Zakłady Pirotechniczne (Militärische Pyrotechnische Werke) umbenannt; bis 1939 wurde jedoch auch in offiziellen Dokumenten die alte Firmierung verwendet: Zakłady Amunicyjne "Pocisk" S.A. Die Fabrik war bis zum 28. September 1939 in Betrieb. Nach der Kapitulation der polnischen Einheiten im Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion eingestellt; zu diesem Zeitpunkt war das Werk bereits durch Bombentreffer beschädigt worden.
Nutzung im Zweiten Weltkrieg Nach der Kapitulation wurden Teile des Maschinenparks und die Lagerbestände nach Deutschland verbracht. In den Jahren 1942 bis 1943 wurde auf dem Firmengelände ein Getreidelager betrieben. Im August und September 1944 wurden dort in drei Baracken Zwangsarbeiter untergebracht, die bei der Demontage von Maschinen der Industriebetriebe in Warschau-Praga eingesetzt wurden. Noch im September wurde während der Kämpfe ostwärts der Weichsel ein weiterer Teil der Gebäude beschädigt. Die noch auf dem Fabrikgelände vorhandenen Maschinen wurden von deutschen Truppen auf Lastwagen verladen und zu Bahnhöfen gebracht, um von dort in die tschechische Stadt Teplice-Šanov transportiert zu werden.
mini|Warszawska Fabryka Motocykli Motorradfabriken PZS und WFM
Da ein Teil der Gebäude der Munitionsfabrik den Krieg in relativ gutem Zustand überstanden hatten, wurde die Anlage 1946 von der Państwowe Zakłady Samochodowe Nr. 2 (Staatliches Automobilwerk Nr. 2) übernommen, das später in Zakłady Sprzętu Transportowego Nr. 2 (Transportgerätewerk Nr. 2) umbenannt wurde. Hier wurden Kraftfahrzeuge instand gesetzt. Im Jahr 1951 wurde das Werk in Warszawska Fabryka Motocykli (Warschauer Motorradfabrik) umbenannt; es wurden unter der Marke WFM die ersten polnischen Motorräder nach dem Krieg produziert – die Typen M06, M06R, M06-S34, M06-S01-Z1 und M16 Tarpan.
Um die Wende der 1950er und 1960er Jahre begann hier auch die Produktion von Osa-Motorrollern (M08, M50, M52, M55, M57). Diese Motorroller bildeten zusammen mit importierten italienischen Fahrzeugen die Grundlage der aufkommenden Mod-Subkultur in Polen.
Produktion optischer Geräte PZO Nach der Liquidation von WFM übernahmen die ebenfalls in Kamionek gelegenen Polskie Zakłady Optyczne (Polnische optische Werke) das Grundstück und die Gebäude. Zunächst wurde von PZO die Produktion von Motoren und Ersatzteilen weitergeführt, daneben begann man mit der Produktion optischer Militärausrüstung (vor allem Fahrzeugausrüstung) und ziviler Produkte wie Mikroskope, Projektoren, Lupen und Ferngläser.
mini|Anlage von Gehweg- und Parkstrukturen im Sommer 2023 mini|Der Fußwegbereich zwischen den neu errichteten Apartmentblöcken im Jahr 2025 Redevelopment Nachdem das Gebiet jahrelang vernachlässigt worden war, wurde es in den 2000er Jahren an einen Bauträger verkauft. Der Textilunternehmer Rafał Bauer hatte bereits früh das Potenzial der verwahrlosten Fabrikgeländes erkannt:
Gemeinsam mit dem von ihm geleiteten Investmentfonds Black Lion NFI begann Bauer, das Areal zu entwickeln. Der Fonds bewertete im Jahr 2010 das Grundstück in seinen Büchern mit rund 115 Millionen Złoty (etwa 27 Millionen EUR).Katarzyna Sadowska, Projekt Soho Factory nabiera kształtów, 9. Juli 2010, pb.pl (in Polnisch, abgerufen am 26. Februar 2025; Bezahlschranke) Das Projekt folgte einem in Europa zunehmenden Trend „urbaner Suburbanisierung“ – die Schaffung eines städtischen Lebensraumes, der „in Harmonie und historischer Kontinuität mit der Umgebung steht“.Jan Spiewak, SoHo na Pradze, 8. Juni 2011, Kultura Liberalna, Nr. 126 (23/2011) vom 7. Juni 2011 (in Polnisch, abgerufen am 26. Februar 2025) In Warschau tätige Bauträger waren zunehmend bereit, in Kultur zu investieren, weniger aus altruistischen Motiven, sondern zur Stärkung des Images und damit der Wertsteigerung ihrer Investition.Agnieszka Kowalska, Deweloperzy mecenasami sztuki Muzea w fabrykach, 8. Februar 2012, wyborcza.pl (in Polnisch, abgerufen am 26. Februar 2025) Die gegründete Entwicklungsgesellschaft SOHO Development S.A. benannte das weitgehend brachliegende Fabrikgelände als Soho Factory. Die Architekturbüros WWAA und Konkret entwickelten gemeinsam ab dem Jahr 2008 einen Masterplan zur Entwicklung des Standortes, der bis 2019 realisiert wurde.Masterplan Soho Factory, WWAA Architekci (in Polnisch, abgerufen am 24. Februar 2025) Seit 2010 war auch das Architekturstudio Projekt Praga an der Revitalisierung von historischer Bausubstanz und die Schaffung eines zentralen öffentlichen Platzes beteiligt. Der Leitgedanke bestand darin, das vormals industrielle Areal durch architektonische Maßnahmen und die Einführung neuer Funktionen für das städtische Leben nutzen. Zeitgleich mit der Renovierung einiger historischer Gebäude wurde mit dem Bau von Wohnblöcken begonnen, darunter die Wohnanlagen „Rebel One“ (2013), „Kamion Cross“ (2014), „Feniks“ (2018) und „Vebel“ (2018).