mini|Pforte des Sabasklosters in der Judäischen Wüste (1934/1939) Die Geschichte des christlichen Mönchtums in Palästina reicht von der Spätantike bis in die Gegenwart. Palästina war für die Anfänge des christlichen Mönchtums eine prägende Region. Kennzeichnende Klosterformen sind das Koinobion und die Lawra. Das Koinobion ist ein von einer Mauer umschlossener Gebäudekomplex mit Kirche, in dem Mönche gemeinsam leben, essen, schlafen; die Lawra ist eine Einsiedlerkolonie ohne Ummauerung, in deren Zentrum sich die Kirche und andere gemeinsam genutzte Gebäude befinden. Daneben gibt es städtische Klöster.

Über die Jahrhunderte hinweg steht das Mönchtum Palästinas in einer Wechselbeziehung zum Pilgertourismus, dessen Ziel die christlichen Hauptheiligtümer sind: in Jerusalem die Grabeskirche und in Bethlehem die Geburtskirche. Je nach den politischen Rahmenbedingungen kann das „Heilige Land“ der Palästinapilger aber weit größer sein und beispielsweise die Sinai-Halbinsel und Unterägypten einschließen (Itinerarium Egeriae, Mosaikkarte von Madaba). Die Klöster in Palästina boten den Pilgern Dienstleistungen, finanzierten sich aber auch durch deren Spenden und rekrutierten ihren Nachwuchs teilweise aus Pilgern, die blieben. Das Klosterwesen fächert sich besonders in Jerusalem konfessionell und national auf.

Im Mittelpunkt dieses Artikels steht das Territorium der spätantiken römischen Provinz Palaestina prima. Frühe monastische Zentren in dieser Provinz waren die Stadt Jerusalem mit dem benachbarten Bethlehem, die Judäische Wüste und die Region von Gaza. Etwas jünger, aber auch byzantinisch, sind Klöster in Galiläa in Palaestina secunda. Das Zentrum des Mönchtums auf der Sinai-Halbinsel (Provinz Palaestina tertia) war das Katharinenkloster.

Die Quellen für die Geschichte des Mönchtums entstammen patriarchalen Gesellschaften. Pilgerinnen, Asketinnen und Nonnen sind oft „mitgemeint“, wo nur über Pilger, Asketen und Mönche berichtet wird. Fallweise ergänzt die Archäologie dieses Bild.

Spätantike Stadtklöster in Jerusalem und Bethlehem Konstantin der Große begünstigte als erster römischer Kaiser die katholische Kirche. Ein Aspekt davon war der Neubau repräsentativer Kirchen an den christlichen heiligen Stätten in Jerusalem und Bethlehem. Sie dienten einer „topographischen Inszenierung“ der biblischen Geschichte.Peter Gemeinhardt: Geschichte des Christentums in der Spätantike. Mohr Siebeck, Tübingen 2022, S. 404. Der Vita Charitons lassen sich einige Informationen zu den Anfängen des palästinischen Mönchtums im 4. Jahrhundert entnehmen: Erste Mönche kamen demnach als Pilger aus dem Norden (Mesopotamien, Armenien, Georgien) und Westen (Konstantinopel, Rom) zu den heiligen Städten im Raum Jerusalem und siedelten sich in deren Nähe an.Samuel Rubenson: Mönchtum I D: Historische Entwicklung des Mönchtums. In: RAC, Band 24 (2012), Sp. 1035 f.

mini|Refektorium des Martyriosklosters Reiche Pilger aus dem Westen wie Melania die Ältere und Paula von Rom stifteten seit den 370er Jahren die ersten klösterlichen Einrichtungen in Jerusalem und Bethlehem. Diese Bauten waren Anlaufstellen für Pilger, Impulsgeber für liturgische Entwicklungen und Zentren gelehrter Arbeit.Samuel Rubenson: Mönchtum I D: Historische Entwicklung des Mönchtums. In: RAC, Band 24 (2012), Sp. 1038 f. So übersetzte Hieronymus in Bethlehem die Vulgata. Mönche dienten den Pilgern als Gastgeber und Führer zu den heiligen Stätten und trugen so ihren Teil dazu bei, die Lokaltraditionen dieser Heiligtümer bekanntzumachen und weiterzuentwickeln.Brouria Bitton-Ashkelony, Arieh Kofsky: Monasticism in the Holy Land. In: Ora Limor, Guy Stroumsa (Hrsg.): Christians and Christianity in the Holy Land: From the Origins to the Latin Kingdoms. Turnhout 2006, S. 257–291, hier S. 267.

Die Stadtklöster der spätantik-frühbyzantinischen Zeit waren den Quellen zufolge stattliche Anlagen. Beispielsweise finanzierte Paula in Bethlehem ein Pilgerhospiz an der Durchgangsstraße, ein Männerkloster mit Bibliothek und angeschlossenem Skriptorium am Ortsrand und einen Komplex von drei Frauenklöstern (gegliedert nach dem sozialen Stand der Nonnen) direkt bei der Geburtskirche. Der Klosterbetrieb und die Pilgerversorgung speisten sich aus Paulas beträchtlichem Vermögen, bis dieses aufgezehrt war.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie. WBG, Darmstadt 2018, S. 202–210. Das Männerkloster wurde 416 von Plünderern zerstört. Die Bücher verbrannten, die Mönche flüchteten in einen Wehrturm.Alfons Fürst: Hieronymus. Askese und Wissenschaft in der Spätantike. Herder, Freiburg / Basel / Wien 2016, S. 154 f. Von den Stiftungen der Paula in Bethlehem wurde bisher nichts lokalisiert. Generell gibt es wenig archäologische Befunde von Stadtklöstern. Einen Eindruck vermittelt das Martyrioskloster (Khirbet el-Murassas, heute auf dem Territorium der Westbank-Siedlung Maʿale Adummim). Es lag 6 km östlich von Jerusalem, war aber in seiner Geschichte eng mit der Stadt verbunden. Yizhar Hirschfeld charakterisiert Khirbet el-Murassas als „Vorstadtkloster“.Yizhar Hirschfeld: The Monasteries of Palestine in the Byzantine Period. In: Ora Limor, Guy Stroumsa (Hrsg.): Christians and Christianity in the Holy Land: From the Origins to the Latin Kingdoms. Turnhout 2006, S. 401–419, hier S. 405 f.; vgl. A Digital Corpus of Early Christian Churches and Monasteries in the Holy Land: Ma'ale Adumim; Kh. Murassas - MARTYRIUS

Etwa 3 km nordwestlich der Jerusalemer Altstadt befindet sich die archäologische Stätte Khirbat el-Masaniʾ. Hier, an der Straße von Jaffa und Lydda nach Jerusalem und somit an einer Route der Jerusalempilger, war etwa von 350–650 eine Klosteranlage in Betrieb. Israelische Archäologen legten 2025 mehrere Beisetzungen des 5. Jahrhunderts frei (Männer, Frauen und Kinder). Besondere Aufmerksamkeit erregte ein Frauenskelett, das mit einer Eisenkette mehrfach umwickelt war. Die asketische Praxis des Kettentragens war bei Frauen bisher nur durch literarische Quellen bekannt. Als Zeichen besonderer Ehrerbietung war die Asketin bzw. Nonne mitsamt der Kette, die sie um Hals, Arme und Schienbeine trug, unter dem Altar der Klosterkirche beigesetzt worden.Paula Kotli, David Morgenstern, Yossi Nagar, Corine Katina, Zubair ’Adawi, Kfir Arbiv, Elisabetta Boaretto: Sexing remains of a Byzantine ascetic burial using enamel proteomics. In: Journal of Archaeological Science: Reports, Band 62, April 2025 (PDF) Bereits 1998 war die Beisetzung eines kettentragenden christlichen Einsiedlers in Khirbet Tabaliya, zwischen Jerusalem und Bethlehem, publiziert worden.Vgl. Elena Kogan-Zehavi, Yael Gorin-Rosen: The Tomb and Memorial of a Chain-Wearing Anchorite at Kh. Tabaliya, near Jerusalem . In: ʿAtiqot, Band 35 (1998), S. 135–149.

Im Jahr 494 gründete der Jerusalemer Patriarch Elias das neben der Grabeskirche gelegene Theotokos-Kloster der Spoudaioi. Als Spoudaioi () wurden gebildete Kleriker bezeichnet, die sich gemeinschaftlich der Liturgie der Grabeskirche gewidmet hatten. Auf diese Spoudaioi-Mönche führt sich die spätere Bruderschaft des Heiligen Grabes zurück.Daniel Galadza: Liturgy and Byzantinization in Jerusalem, Oxford 2018, S. 90; Angelos Dalachanis, Agamemnon Tselikas: The Brotherhood, the City and the Land, Leiden / Boston 2018, S. 121.

Koinobien und Lawren in der Judäischen Wüste

mini|Längs- und Querschnitt einer Mönchszelle () mit Kapelle () und Zisterne (), Lawra von Faran

Die Mönchssiedlungen in der Judäischen Wüste, zeitgenössisch bezeichnet als Wüste von Jerusalem, wurden in den 1980er Jahren vor allem von Joseph Patrich und Yizhar Hirschfeld untersucht. Sie identifizierten rund 60 Anlagen; Khirbet el-Kiliya, Khan el-Aḥmar und Khirbet ed-Deir wurden vollständig ergraben. Grundsätzlich werden zwar ummauerte Koinobien und Einsiedlerkolonien (Lawren) ohne Umfassungsmauer unterschieden, doch gibt es auch Mischformen. Die Zellen, oft ausgebaute Höhlen in den Steilwänden der Wadis, variieren in der Größe. Sie können mehrere Räume umfassen. Häufig gehörte eine Kapelle dazu und stets eine Zisterne, in der das Regenwasser gesammelt wurde. Durch ein dichtes Netz von Pfaden waren die Zellen mit den Gemeinschaftsräumen im Zentrum der Lawra verbunden. Hier befanden sich nicht nur Kirchen, sondern auch Gästehaus, Hospital, Bäckerei, Küche, Ställe und Werkstätten.Joseph Patrich: Monastic Landscapes. In: William Bowden, Luke Lavan, Carlos Machado (Hrsg.): Recent Research on the Late Antique Countryside (= Late Antique Archaeology, Band 2). Brill, Leiden / Boston 2004, S. 413–445, hier S. 426–428. Unter der Woche lebten die Mönche allein in ihren Zellen und widmeten sich Handarbeiten wie dem Körbeflechten. Am Samstag und Sonntag kamen sie zusammen, feierten Gottesdienst und aßen gemeinsam.John Binns: Ascetics and Ambassadors of Christ: The Monasteries of Palestine, 314–631, Oxford 1994, S. 110 f.

mini|Euthymiuskloster (Khan el-Aḥmar, heute auf dem Territorium der Westbank-Siedlung Maʿale Adummim) Euthymius von Melitene († 473) gründete ein Koinobium und sammelte Generationen von Schülern um sich, wohnte aber persönlich in einer Einsiedelei außerhalb des Klosters, um mehr Ruhe zu haben. Er und seine direkten Nachfolger waren „ausgesprochen erfolgreich in ihren Bemühungen, vor allem die Mittel- und Oberschicht als Geldgeber für die Anlagen zu gewinnen, sodass die Klöster über beträchtliche Geldmittel verfügten und zu einem eigenständigen ökonomischen Faktor der Region wurden.“Konstantin M. Klein: Von Hesychie zu Ökonomie: Zur Finanzierung der Wüstenklöster Palästinas, 2018, S. 41 f. Die Gruppe der Euthymiusklöster, ob Koinobien oder Lawren, zeichnete sich dadurch aus, dass sie an Straßen lagen und dadurch ein steter Besucher- und Pilgerstrom eintraf. Gastfreundschaft war nicht nur christliche Tugend, sondern Einnahmequelle. Außerdem gelang es Euthymios, mit dem Patriarchen von Jerusalem und seinem Klerus ein gutes Einvernehmen herzustellen. Der vierte Kanon des Konzils von Chalcedon (451) unterstellte Klöster stärker der bischöflichen Aufsicht; andernorts traf diese Regelung auf den Widerstand der Mönche, in den Klöstern des Euthymius wurde sie begrüßt. In der Amtszeit des Patriarchen Anastasios I. (458–478) hatte sich in der Wüste östlich von Jerusalem ein sternförmiges Netz von Koinobien und Einsiedeleien an den Routen zu den wichtigsten christlichen Pilgerzielen etabliert. Die dort lebenden Mönche waren in Jerusalem sehr präsent, so dass ihr hochgehaltenes Ideal eines Asketenlebens in unwirtlicher Einsamkeit von Konstantin Klein eher als „Wüstennostalgie“ eingeschätzt wird.Konstantin M. Klein: Von Hesychie zu Ökonomie: Zur Finanzierung der Wüstenklöster Palästinas, 2018, S. 47. Auch Bernard Hamilton und Andrew Jotischky urteilen mit Blick auf die Wüstenklöster, die nur eine Tageswanderung entfernt von Jerusalem gebaut wurden: „Mönche wählten eine fordernde Umwelt nicht so sehr, um eine physische Trennung von der Gesellschaft herzustellen, sondern um die Unterschiede zwischen ihrer Lebensweise und jener der übrigen Menschheit hervorzuheben.“Bernard Hamilton, Andrew Jotischky: Latin and Greek Monasticism in the Crusader States. Cambridge u. a. 2024, S. 1507.