Militärkolonien waren Ansiedlungen ganzer Truppenteile, wobei die Soldaten im Frieden auf den ihnen zugewiesenen Wohnsitzen das Land bebauen, im Kriegsfall aber ins Feld ziehen.
Kennzeichen der Militärkolonie war – im Gegensatz zu den rein militärisch genutzten Garnisonen – die Verschmelzung von Militär- und Bauernstand, die Vereinigung einer Truppenmacht auf kleinem Raum sowie die Versorgung durch eigene landwirtschaftliche Tätigkeit (Selbstversorgung). Die Einrichtung solcher Kolonien beruhte meist auf der Erwägung, durch Mischformen die Staatskasse von den laufenden Kosten des stehenden Militärs zu entlasten. Den Einsparungen standen aber Investitionen in Form von Wohngebäuden, Infrastruktur und landwirtschaftlichem Gerät gegenüber, die die finanzielle Gesamtbilanz ungünstig beeinflussten.
Darüber hinaus war bei einem Mangel an Menschen oder verfügbarem Ackerland die Gründung der Kolonien nicht selten mit Zwangsmaßnahmen verbunden. Die unfreiwillig Verpflichteten stellten bei Unruhen jedoch ein Risiko dar, da sie mit Waffen ausgerüstet, geschult und mit Vorräten aller Art versehen waren. Daher blieb auch der militärische Nutzen der gemischten Militärkolonien – die österreichische Militärgrenze ausgenommen – zweifelhaft.
Der Gründung von Militärkolonien lagen darüber hinaus im Einzelfall gesellschaftspolitische Vorstellungen zugrunde, die sie zu Experimentierfeldern einer idealen Gesellschaft machten und die nur unter Zwang aufrechterhalten werden konnten. Seit der Antike wurden von Griechen, Römern, Parthern (um 250 v. Chr. – 224 n. Chr.) und der Han-Dynastie in China (um 220 v. Chr. – um 230 n. Chr.) Militärkolonien angelegt, in der Frühen Neuzeit von Spaniern und Portugiesen in Mexiko und Südamerika, von der Ming-Dynastie (1368–1644) in ChinaWolfram Eberhard: Geschichte Chinas. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3., erw. Aufl. Stuttgart : Kröner 1971, S. 302–304 Kolonisierung, landwirtschaftliche Entwicklung., im 18. Jahrhundert von Österreich an der Grenze zur Türkei, zu Ende des 17. Jahrhunderts von den Schweden (u. a. im Baltikum), im 19. Jh. von Großbritannien (Kapkolonie), von den Franzosen in Algerien und von Zar Alexander I. in Russland.Brockhaus EL 1906; Meyers GKL 13 (1908), S. 822
Antike Griechenland Im Altgriechischen bezeichnet der Begriff αποικία (apoikia, das „Verlassen des Hauses“) eine Neuansiedlung, die sich selbst regiert, also keine vom Mutterland abhängige Kolonie im heutigen Sinn ist. Die griechischen Siedlungskolonien unterscheiden sich daher von den Militärkolonien im eigentlichen Sinn. Der griechische Tyrann Hieron von Syrakus gründete 475 v. Chr. beim heutigen Catania auf Sizilien, am südlichen Abhang des Ätna, nach spartanischem Vorbild und als befestigte Idealstadt die Militärkolonie Stadt Aitna oder Aitne, die der Dichter Aischylos in seinen "Aitnaioi" verherrlichte und die er mit 10.000 zwangsweise umgesiedelten Syrakusanern und Peloponnesiern bevölkerte. Nach Hierons Tod im Jahr 467 v. Chr., der sich in der Militärkolonie, die seiner Familie als sichere Zuflucht dienen sollte, auch bestatten ließ, wurde sie bereits 461 v. Chr. nach einer verlorenen Schlacht wieder aufgegeben, sein Grab von den heimkehrenden Altbürgern zerstört.RE VIII, 2, Sp. 1499 s. v. Hieron 14, RE I, 1, Sp. 1112 f.; RE Supp. 1, Sp. 42, s. v. Aitne, online
Hellenismus Alexander der Große siedelte seine Veteranen in den eroberten Gebieten in Militärkolonien (Kolonisation) an, die sich bis zum Hindukusch erstreckten und im Seleukidenreich im Gebiet des heutigen Pakistan vom Seleukidenreich bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte überdauerten.
Römer Auch unter den Römern spielten Militäransiedlungen (Coloniae, „Ansiedlungen“) bzw. Limitanei („Grenzbewohner“), wie in der Provinz Illyrien, bei der Festigung ihrer Herrschaft eine große Rolle. Die militärische Bedeutung der römischen Kolonisten trat freilich hinter der Schlagkraft der Legionen zurück, die im Wesentlichen an den Grenzen stationiert waren. Bei Gründung einer Militäransiedlung stand daher die Versorgung der Soldatenfamilien nach vollendetem Dienst mit (erobertem oder beschlagnahmtem) Land an erster Stelle.
Parther, Juden, Chinesen Auch die Parther und der jüdische König Herodes bedienten sich der Militärkolonien, ebenso die chinesische Han- sowie die Ming-Dynastie.
Neuzeit Das indelta-System der Schweden Machiavelli war im Schweden des 16. und 17. Jahrhunderts ein geschätzter Macht- und Militärtheoretiker. Ihm zufolge waren Kolonien der beste und kostengünstigste Weg, um erobertes Land zu regieren. Der schwedische König Erik XIV. (1533–1577), der sich intensiv mit Machiavelli beschäftigte, setzte dessen Theorien in die Praxis um.Mikko Huhtamies: Die schwedischen Militärkolonien im Baltikum während der sogenannten schwedischen Großmachtperiode (1620–1720) – unter besonderer Berücksichtigung von Axel Oxenstiernas Grafschaft Wolmar-Wenden in Livland. In: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit. 2005/9,1, S. 29–47, hier S. 34–35. online
Unter Karl XI. (1655–1697) wurden Soldaten und Offiziere verstreut auf Krondomänen angesiedelt, die zu Übungen und im Kriegsfall zusammengezogen wurden (Nationalregimenter, Indeltaarmee).Rekrutierung in Schweden Es entstand das sog. Indelningsverk oder Indelta (schwedisch „eingeteilte Truppen“) mit drei Stufen:
Das System des rotering war eine Abmachung zwischen den Bauern eines Kreises oder Bezirks und der Krone, in der sie sich bereit erklärten, ein Infanterie-Regiment von 1200 Mann als Gegenleistung für die Befreiung von der Einberufung zu unterstützen. In der Regel bildeten zwei Farmen eine rote (eine Verwaltungseinheit), die jeweils einen Soldaten mit einem kleinen Wohnhaus, einem Stück Land, einem kleinen jährlichen Gehalt und einem Entgelt in Form von Getreide, Brennholz, Heu usw. versorgten. Die rote kam auch für die Uniform und die Waffen ihres Soldaten auf. Die Kavallerie, in Regimentsstärke von jeweils 1000 Mann pro Kreis oder Bezirk, wurde in Form der rüsthall von den größeren Höfen unterstützt, die als Entgelt für die Befreiung von der Landpacht und rotering einen Kavalleristen oder Dragoner mit einem Haus und allen anderen Vorteilen eines Infanterie-Soldaten versorgen mussten, darüber hinaus auch sein Pferd und dessen Ausstattungen. Diese Einrichtungen betrafen nur Mannschaften und Unteroffiziere; die Offiziere wurden durch das „eigentliche“ indelningsverk auf andere Weise unterstützt: statt des Soldes wurde jedem Offizier ein Stück Land, in der Größe nach Dienstgrad gestaffelt, zum Bebauen gegeben. Die Pacht und andere Zahlungen dafür wurden auf die nahegelegenen Gehöfte verteilt.
Auf diese Weise hatte man ein stehendes Heer mit niedrigen Kosten und minimaler Verwaltung. Auch unter den Bauern war das System beliebt: reichere Bauern konnten rusthållare werden und waren damit von der Pacht befreit; ärmere Bauern waren automatisch ein Teil des rotehåll, das ihre Söhne und Landarbeiter vor der Wehrpflicht schützte. Da ein indelta-Soldat Haus und Land gestellt bekam, war dies angesichts der ländlichen Armut eine Verbesserung für die meisten jungen Männer, das ihnen die Möglichkeit zur Familiengründung gab. Die indelta-Armee litt nie unter Mangel an Rekruten, auch als sie im Russisch-Schwedischen Krieg 1808–09 hohe Verluste erlitt, wurden die Reihen durch junge Männer bald wieder geschlossen.
Obwohl preiswert und populär, hatte das indelningsverk doch auch Nachteile. Erstens war die Armee nicht groß genug, das heißt, dass bei Ausbruch eines Krieges die Indelta-Kräfte mit Reserven ergänzt werden mussten. Das belastete die Bauern finanziell. Jede rote und rusthållare musste darüber hinaus sowohl den Verlust ihres Soldaten als auch den seiner Ausrüstung ersetzen. Das konnte bei hohen Verlusten den Ruin für viele Bauern bedeuten.
Zweitens war die indelta-Armee, obwohl eine reguläre Armee, eher eine Bauernmiliz. Die Ausbildung war ein Problem, und sie galt daher zur Zeit der Napoleonischen Kriege als eine der schlechtest ausgebildeten Armeen Europas. Außerdem konnten die Einheiten nicht für Garnisonsaufgaben herangezogen werden. Die Lösung für dieses Problem fand man im värvade, angeworbenen Einheiten oder Söldner, die in Friedenszeiten während des größten Teils ihrer Dienstzeit einem Zivilberuf nachgingen.
Das indelta-System bewährte sich in Schweden bis 1901.Darstellung nach Rekrutierung in Schweden sowie nach Mikko Huhtamies: Die schwedischen Militärkolonien im Baltikum während der sogenannten schwedischen Großmachtperiode (1620–1720) – unter besonderer Berücksichtigung von Axel Oxenstiernas Grafschaft Wolmar-Wenden in Livland. In: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit. 2005/9,1 online
Österreich Die österreichische Militärgrenze war ein schmaler Landstrich an der türkischen Grenze der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, mit Ansiedlungen übergelaufener Serben, Kroaten und Bosniaken, die, seit 1535 militärisch organisiert, die Grenzen gegen die Türken zu verteidigen hatten. 1770–87 wurde der Militärgrenzgürtel abgeschlossen und das Kantonsystem eingeführt, und 1807 erhielt die Militärgrenze ein Grundgesetz, das die Kriegspflicht der Bauern und deren Abgabenfreiheit neuerdings festsetzte.
Der französische Marschall Marmont, der nach der Niederlage Österreichs in der Schlacht bei Wagram 1809–1811 Generalgouverneur der sog. Illyrischen Provinzen wurde und die Einrichtung der Militärgrenze gut kannte, brachte Napoleon dazu, gegen das Anraten des Senats, der auf der Einführung der französischen Verfassung in der neuerworbenen Gebiet bestand, die vorgefundene Militärverfassung beizubehalten. Die Österreicher konnten daher nach dem Sieg über Napoleon im Jahr 1813 die Militärkolonie wieder in dem Zustand übernehmen, in dem sie sie verlassen hatten; eine Neuerrichtung wäre zu dieser Zeit nicht mehr möglich gewesen.Pidoll, Einige Worte S. 24 ff.
Sie wurde 1849 ein eigenes Kronland und zerfiel in die siebenbürgische (1851 aufgehoben), die serbisch-banatische (1872 Ungarn einverleibt) und die kroatisch-slawonische, die 1873 neu organisiert und 1881 mit Kroatien und Slawonien vereinigt wurde.Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon, 5. Aufl. 1906 s. v. Militärgrenze, Meyers GKL, 6. Aufl. 1905–1909, Bd. 13, S. 818. Einen Vergleich der österreichischen mit den russischen Militärsiedlungen zieht Pidoll, Einige Worte (1847), S. 24–45, begleitet von „Allgemeinen Betrachtungen über die russischen Militär-Kolonien“ S. 45–80. Zar Alexander I. von Russland war von einem Besuch der Militärkolonien so beeindruckt, dass sie ihm als Anregung und Vorbild für die eigenen Pläne dienten.Bernhardi, Geschichte Russlands S. 162; Jenkins S. 142 mit weiteren Vorbildern und weiterführender Literatur
Siehe auch den Artikel Militärgrenze.
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