Ulrike Bock (* 1941 in Rößlingen, Landkreis Breslau, Provinz Niederschlesien; † 3. Mai 2024 in Berlin) war eine deutsche Künstlerin, die in den Bereichen Zeichnung, Fotografie, Collage, Objekt- und Videokunst, Textgestaltung, Skulptur und Installation arbeitete. Vor allem in Zusammenarbeit mit ihrer Lebensgefährtin, der Schweizer Künstlerin Brigitta Sgier (1956–2016), entstanden ab den späten 1980er-Jahren experimentelle und multimediale Installationen und Performances mit düsterem, feministischem Charakter.

Leben Ihr Vater, der Mediziner Rudolf Bock, war nach Aussage Bocks „ein richtiger Nazi“ und in Schlesien zur NS-Zeit als Ortsgruppenführer tätig. Infolge des Zweiten Weltkriegs floh die Familie; Bock verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Worpswede (ab 1960 im Ortsteil Hüttenbusch), wo sie eine Fotografenlehre absolvierte. Im Jahr 1968 zog sie nach BerlinBock, Ulrike. In: Verein der Berliner Künstlerinnen (Hrsg.): Käthe, Paula und der ganze Rest. Kupfergraben, Berlin 1992, S. 25. und wurde dort Teil der avantgardistischen Kunstszene. Über ihren damaligen Lebensgefährten Arno Waldschmidt kam sie in Kontakt mit der Künstlergruppe Werkstatt Rixdorfer Drucke, auch wenn sie nie Teil der Gruppe war. Beide veröffentlichten 1969 den erotischen Fotoband Das Mädchen und der Knopf.

Bock lebte in Berlin zunächst in einer Wohngemeinschaft u. a. mit Arno Waldschmidt in der Waldemarstraße (bis 1970) und anschließend bis 1973 in der Witzlebenstraße. Ab 1973 verbrachte sie die Sommermonate in Gifkendorf, lebte die restliche Zeit jedoch in Berlin, ab 1980 in der Jenaer Straße in Charlottenburg und ab 1986 auf der Pestalozzistraße 11. Ab 1986 lebte und arbeitete sie mit der Schweizer Künstlerin Brigitta Sgier, die sie während einer Lesung kennengelernt hatte und mit der sie auch privat ein Paar war, zusammen. Als Künstlerduo wurden sie von der Galeristin Karoline Müller entdeckt,Ronald Berg: Auftritt. „Unsere Kunst reicht in die Tiefe“. In: tagesspiegel, 6. Mai 1999, S. 30. die sie förderte und mehrfach in der Ladengalerie ausstellte.

Nach der politischen Wende zogen Bock und Sgier nach Ostberlin und lebten eine Zeitlang in einer Hausruine. Ab 1994 hatten sie zeitweise ein Atelier in der Tiergartenstraße 7 in Königs WusterhausenBock Ulrike. In: Kunstraum o.T. 1995. Land Brandenburg (Ausstellungskatalog). Druckhaus Berlin-Mitte, Berlin 1995, S. 183. und wurden 1996 mit einem Atelierstipendium der Stiftung Starke ausgezeichnet, wodurch sie als Artist in Residence in Berlin-Grunewald wohnten. Sie zogen 1999 nach Pinnow in der Uckermark, da beide die gesellschaftliche Realität in der Großstadt als „feindlich und verbraucht“ empfanden, kehrten jedoch nach einigen Jahren wieder nach Berlin zurück und bezogen eine Atelierwohnung im Wedding, wo sie bis zu ihrem Tod lebten. Brigitta Sgier verstarb 2016. Bock zog sich daraufhin aus der öffentlichen Kunstszene und später komplett aus der Öffentlichkeit zurück und verstarb im Mai 2024 in ihrer Aterlierwohnung im Wedding.

Ihr umfangreicher dokumentarischer Nachlass, der auch Arbeiten und Materialien von Brigitta Sgier umfasst, befindet sich im Besitz der Berlinischen Galerie. Schon zu Lebzeiten hatte die Akademie der Künste einen Teil der Werke Bocks übernommen.

Wirken Rezeption Obwohl Bock über die Fotografie hinaus keine formale weitere künstlerische Ausbildung absolvierte, entwickelte sie einen eigenständigen Stil und arbeitete autodidaktisch in zahlreichen Kunstformen, darunter Malerei, Zeichnung, Collage, Skulptur, Video und Installation, die sich in unterschiedlicher Weise den Themen Geburt, Tod, Sexualität, Verletzung, Verlust, Missbrauch und Beziehung widmeten. In ihrer Kunst gestaltete Bock „ästhet[ische] Grenzbereiche des Häßlichen und Ekelerregenden“.Ch. H.: Bock, Ulrike. In: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Mitherausgegeben und begründet von Günter Meißner. Band 12: Bobrov–Bordačev. K.G. Saur, München/Leipzig 1996, S. 47. Gemeinschaftsarbeiten mit Brigitta Sgier galten als „düster, todesschwanger, narzißtisch, autistisch, ekelhaft“, fasste der Tagesspiegel 1999 zusammen; die „Reaktionen reichen von der krassen Ablehnung mit Gewaltandrohung bis hin zur devoten Bewunderung, wie beispielsweise bei jenem Mann, der einmal eine Kellerinstallation der beiden Künstlerinnen wie ein Moslem seine Moschee nur ohne Schuhe betreten wollte“. Ihre Werke hätten Tiefe, jedoch „Tiefe, die den Betrachter erschauern läßt, in die er sich unter Umständen gar nicht einzutauchen traut.“ Auch Claudia Gehrke, die sich vor allem mit Bock und Sgiers Filmen befasste, befand, dass der Zuschauer gewillt sein muss, sich auf die Kunst des Duos einzulassen: „Manche denken auch nichts als ‚Mami, ich will hier raus‘, wenn sie Ulrike Bocks und Brigitta Sgiers Bild & Text-Kunstwerke sehen.“Claudia Gehrke: Filme von Frauen über Sex, Körper & Weiblichkeit (Abschnitt: Ulrike Bock/Brigitta Sgier). In: Rote Küsse: Frauen-Film-Schaubuch aus dem Jahr 1990. konkursbuch Verlag, Tübingen 1990, S. 156.

Solo Besondere Aufmerksamkeit erhielt Bock für ihre Arbeiten, die sich mit gesellschaftlichen Themen, radikal-feministischen Fragestellungen und der Rolle der Frau in der Kunst auseinandersetzten. Mehrfach publizierte Soloarbeiten waren unter anderem die in den frühen 1980er-Jahren entstandenen Fotoserien :ein Gesicht: und :ein Körper:.Ingrid Wagner-Kantuser: „… (Wir): Sind: Der Unterschied zwischen den Begriffen (Wir): Sind:…“. Über Künstlerinnen in Berlin. In: interferenzen: kunst aus westberlin 1960–1990 (Ausstellungskatalog). Verlag Dirk Nishen, Berlin 1991, S. 119–128, Abb. S. 121. In den mit Selbstauslöser fotografierten Werken wird der nackte Frauenkörper eingeschnürt gezeigt, oftmals erscheint er dabei unästhetisch-entstellt, mit aufgezeichneten Wundmalen und einer kompletten Verhüllung des Kopfes. Fotos der Serie :ein Gesicht: (Name der Einzelbilder: Gesichter) zeigen Nahaufnahmen von bandagierten oder anders verhüllten Gesichtern mit im Schrei geöffneten Mündern oder hervorquellender Zunge.Vgl. Landkarte u. Abbildungen. In: Ulrike Bock/Brigitta Sgier. 1+1≠2. Merlin Verlag, Gifkendorf 1987.

Eine besonders umstrittene Kunstserie Bocks war Die ewige Wiederkehr des Körpers, die zwischen 1980 und 1983 entstand. Sie zeigte menschengroße, bemalte Gipsskulturen, wobei die primitiven Frauengestalten nackt und mit entblößten Geschlechtsteilen zu sehen waren.Die ewige Wiederkehr des Körpers, 125 × 50 cm, 1980; Die ewige Wiederkehr des Körpers I, 105 × 80 × 90 cm, 1983; Die ewige Wiederkehr des Körpers II, 125 × 73 × 65 cm, 1983. Vgl. Landkarte u. Abbildungen. In: Ulrike Bock/Brigitta Sgier. 1+1≠2. Merlin Verlag, Gifkendorf 1987. Ausstellungen der Figuren sorgten für Skandale:

Bock verfasste zudem Gedichte und prosaische Texte, die größtenteils fragmentarisch oder unveröffentlicht blieben. Im Jahr 1986 erschien im Konkursbuch Verlag der Verlegerin Claudia Gehrke der Band Die denkende Schrift, in der Texte und Fotos Bocks versammelt sind. Fragmente von Texten erschienen zudem 1987 im Ausstellungskatalog 1+1≠2 (u. a. Ausschnitte aus dem Roman Das Auge des Augenblicks , und der Schriftdarstellungen :Von der Freude und 1>68=9∞ [Schriftdarstellung zu Brigitta Sgier, 1987]). Der Katalog Zur Physiologie der bildenden Kunst (1987) enthält zudem ihren Text :nach dem Schrecken: eine Rede des Weiblichen.Ulrike Bock: :nach dem Schrecken: eine Rede des Weiblichen. In: Inge Huber, Karoline Müller (Hrsg.): Zur Physiologie der bildenden Kunst. Künstlerinnen Multiplikatorinnen Kunsthistorikerinnen Berlin 1985–1987. Portraits Materialien Register. Ladengalerie, Berlin. Ruksaldruck, Berlin 1987, S. 72–73.

Mit Arno Waldschmidt In Zusammenarbeit mit Bocks damaligem Lebensgefährten Arno Waldschmidt erschien 1969 der Fotoband Das Mädchen und der Knopf. Auf 18 Bildtafeln finden sich vor allem experimentell-abstrakte, schwarz-weiße Aktphotographien des weiblichen Körpers, auf den ein Knopf gelegt ist. In einem Beitrag zur Aktfotografie der 1960er-Jahre beschrieb Jörg Bohn die Arbeit der beiden Künstler als „einen durchaus originellen Vertreter der gescholtenen experimentellen [Fotografie-]Richtung“, wobei das Bilderbuch ein „Zusammenspiel aus gewollter Unschärfe, grobkörnigem Filmmaterial und ungewohnten Perspektiven [sei], bei dem besagter Knopf über einen Frauenkörper wandert.“Jörg Bohn: Aktfotografie der 60er Jahre. In: Trödler, Heft 09/2007. Bock porträtierte Waldschmidt mehrfach und verarbeitete ihre Beziehung in Texten, darunter 1985 in :der Mann ohne Schatten: (ein Versuch zu Arno Waldschmidt zu sprechen), und Objektkunst (Tagebuch für Arno Waldschmidt, 1975–1985).Landkarte. In: Ulrike Bock/Brigitta Sgier. 1+1≠2. Merlin Verlag, Gifkendorf 1987.

Mit Brigitta Sgier mini|Bock & Sgier: :Sei: mutig wie die Liebe, CD (1995) Ein bedeutender Abschnitt in Bocks künstlerischen Laufbahn war ab 1986 die Zusammenarbeit mit der Künstlerin Brigitta Sgier. Die künstlerischen Felder von Bock und Sgier ergänzten sich dabei: „Brigitta hat komponiert und ich geschrieben, das war ein gutes Zusammenspiel. Sie hat Installationen gemacht und ich gemalt, insofern hat sich das gut überschnitten“, so Ulrike Bock rückblickend. Auch die Kritik würdige die sich ergänzenden Künstlerinnen: „Brigitta Sgier, die Schweizer ‚Komponistin für Ton und Bild‘, und Ulrike Bock, die eigentlich Fotografin ist, sich heute aber entsprechend ‚Dichterin für Bild und Wort‘ nennt. Ein Paar, das sich gegenseitig ergänzt und ausgleicht in Installation, Malerei, Plastik, Gedicht und Text, begleitet und vertont von gesanglichen, minimalen Repetitionen.“

Ihre Zusammenarbeit erstreckte sich auf verschiedene Medien, wobei die Resultate zwiespältig aufgenommen wurden. Das Hörspiel Nacht: Eine Frau an eine Frau, basierend auf tagebuchartigen Notizen auf zwei Wochen im Juli 1986, wurde im August 1989 auf Radio100 ausgestrahlt. Die Kritik nannte es ein „Sprech-Musik-Stück der beiden Berliner Wort-Bild-Ton-Künstlerinnen“, das kaum zugänglich sei.cd: Subdominante Klageschrift. In: taz Berlin, Nr. 2877, 7. August 1989, S. 21. Als Teil der Installation sieh (mich) an >< (ich) sehe (dich), die 1992 im Rahmen der Ausstellung An anderem Ort im Kunstforum der GrundkreditBank zu erleben war, veröffentlichten Bock und Sgier 1992 auch die Kassette Am Anfang war die Stimme. Im Jahr 1995 erschien als Bock & Sgier die CD :Sei: mutig wie die Liebe, die acht Stücke enthielt. Die Musik stammte von Brigitta Sgier und die Texte von Ulrike Bock.:Sei: Mutig Wie Die Liebe auf discogs.de

Im Pelze Multimedia konzipierten Bock und Sgier 1989 die Ausstellung Subjekt-Räume als „Gesamtkunstwerk“Waltraud Schade: Schönebergerinnen auf dem Weg zur Selbstbestimmung! Ein Streifzug durch die Geschichte der neuen Frauenbewegung der letzten 20 Jahre. In: Ich bin meine eignene Frauenbewegung. Frauen-Ansichten aus der Geschichte einer Großstadt. Edition Hentrich, Berlin 1991, S. 135. in Verbindung von Installations- und Videokunst, mit Sprech- und Musikeinlagen, verbunden mit Performance der zwei in Schwarz gekleideten Künstlerinnen. Die Auftritte des Duos waren dabei nur schwer zugänglich, so versuchte Die Tageszeitung 1989 eine Analyse über die Gegenüberstellung der Wahrnehmung des Gezeigten durch eine „reale“ und eine „ideale“ Zuschauerin.Das Weib – Ein natürlicher Kult. Die Künstlerinnen Bock und Sgier im Pelze. In: taz Berlin, Nr. 2910, 14. September 1989, S. 21. Im Jahr 1991 zeigten Ulrike Bock, Mona Setter und Brigitta Sgier das Kunstprojekt Freiheit aus meiner Kehle im Berliner Querhaus. In der Perfomance standen Bock (in Federn) und Sgier (in Mehl) in verschiedenen Räumen:

Die Performance, die durch weitere gestaltete Räume mit Videocollagen und Installationen ergänzt war, wurde unter anderem als „Kunst-Autismus“ und „diffuse… narzistische… Selbstbespiegelung“ kritisiert, deren Aussage zwar auf Basis des Gezeigten schwer nachvollziehbar sei, die jedoch in Erinnerung bleibe.