mini|hochkant|alt=Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren, über die ein langer schwarzer Schleier gelegt ist, den sie in Brusthöhe mit einer Hand umfasst|Kaete Jaenicke, Mitte der 1910er Jahre Kaete „Katja“ Nick-Jaenicke (* 24. August 1889 in Breslau; † 1967), zunächst bekannt geworden unter ihrem Geburtsnamen Kaete Jaenicke, später bisweilen auch nur mit ihrem Ehenamen Kaete Nick genannt, war eine deutsche Konzertsängerin, Gesangslehrerin und Diseuse. Die Musikerin trat in der Weimarer Republik regelmäßig im Hörfunk auf und war verschiedentlich auch auf Opern- und Theaterbühnen zu sehen.
Leben Kaete Jaenicke kam 1889 in Breslau als Tochter des Juristen und Schriftstellers Karl Jaenicke und seiner aus einer angesehenen jüdischen Familie Breslaus stammenden Ehefrau Julia Bettina (Betty) Jaenicke, geborene Asch, zur Welt. Ihr älterer Bruder war der Politiker und Diplomat Wolfgang JaenickeLeben in Schlesien. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, 1964, S. 307., ein Cousin mütterlicherseits der gleichfalls in Breslau geborene Historiker Fritz Stern. Ihre künstlerische Laufbahn begann Jaenicke als „Kammersängerin mit blühender Stimme, die ihr Eingang verschaffte ins anspruchsvolle Konzertleben“ ihrer Geburtsstadt und darüber hinaus. So zählte sie beispielsweise zu den wichtigsten Protagonistinnen der Beethoven-Abende des Pianisten Frederic Lamond. Als Chérubin in Jules Massenets gleichnamiger Oper hatte sie auch einen frühen Erfolg auf der Opernbühne.
1913 sang Jaenicke als Sopran am Elberfelder Stadttheater am Brausenwerth eine „treffliche“Die Musik, Band 13, Teile 1 – 2. Deutschland, M. Hesse, 1914. S. 236 Rose Friquet in Aimé Maillarts Das Glöckchen des Eremiten unter dem aufstrebenden Dirigenten Hans Knappertsbusch, unter welchem sie auch als Margret in der Spieloper Der Schützenkönig von Heinrich Zöllner von sich reden machteH. Oehlerking: Elberfeld. Der Schützenkönig. Spieloper in drei Aufzügen von Julius Kulenkampf. Musik von Heinrich Zöllner [Zusammenfassung der Handlung; Knappertsbusch (Dirigent), Willy Zulken, Käte Jaenike (Sänger)], S. 397–98; in: Der Merker Heft 112, 2. Mai-Heft 1914 und in Alfred Kaisers zum hundertjährigen Gedenken der Völkerschlacht bei Leipzig aufgeführten Freiheitsoper Theodor Körner die Rolle der Antonie Adamberger übernahm. Es kam zu einer Verlobung mit Knappertsbusch, die Jaenicke jedoch 1914 wieder auflöste, weil ihr Verlobter von ihr verlangt hatte, nach der Eheschließung ihren Beruf aufzugeben.
Ihr Debüt im Berliner Bechsteinsaal erregte im Jahr darauf „starke Hoffnungen“ in der Fachwelt. Jaenickes „sehr helle, aber doch ungemein weich und angenehm klingende Stimme von großer Beweglichkeit“, die „mit schlackenloser Technik“ gesungenen Figurationen in Mahlers Wer hat dies Liedlein erdacht wiesen der Allgemeinen Musikzeitung zufolge auf „ein ausgesprochenes Talent zum Ziergesang“ hin. Mit ihrer damaligen „Hauptstärke […] im Vortrag heiterer, volksliedartiger und möglichst leicht bewegter Stücke“Allgemeine Musik-Zeitung, Band 42 (1915), S. 485. war Jaenicke auch prädestiniert für die Truppenbetreuung deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg. Von einem Fronttheatereinsatz in Belgien kehrte sie 1917 allerdings schwer an Diphtherie erkrankt zurück. Fortan war die Künstlerin weniger auf der Opernbühne zu sehen und widmete sich stattdessen vermehrt volkstümlicheren Rollen beispielsweise im Kontext von Erich Fischers Initiative zur Wiederbelebung des deutschen Singspiels.
Im Jahr 1920 heiratete sie den Juristen und späteren Komponisten und Kapellmeister Edmund Nick, der damals als Konzertbegleiter und Musikkritiker tätig war. Oft gemeinsam auftretend, galten die beiden bald als ideal zusammenwirkendes Künstlerehepaar, wobei der „farbenreiche, durch innerste seelische Anteilnahme modifizierte Mezzosopran von Kaete Nick-Jaenicke (…) an Dr. Edmund Nicks pianistischer Untermalung das sorgfältig ausbalanzierte künstlerische Gegengewicht“ fand.https://sbc.org.pl/Content/323338/PDF/iv781955-1925-16-0001.pdf Beide gewännen darüber hinaus „sofort durch ihre menschlich liebenswürdige Art, die sich bei ihren Darbietungen unbewußt“ übertrage.https://sbc.org.pl/Content/106017/PDF/iv4424-1932-282-0001.pdf In ihren ständig wechselnden, „hübschen, von der Schablone abweichenden“Der Auftakt Bände 1–5. Tschechien, Hoffmann., 1921. S. 14. Liedprogrammen berücksichtigten sie klassische Komponisten wie Händel, Mozart, Mussorgski, Schumann und Schubert genauso wie zeitgenössische von Wolf, Reger, Busoni, Hindemith und Grosz bis hin zu Nick selbst und waren beim Publikum ebenso wie bei der Kritik erfolgreich. Das Ehepaar hatte zwei Kinder; der 1922 geborene Sohn Anselm Amadeus blieb im Zweiten Weltkrieg verschollen, die 1926 in Breslau geborene Tochter Dagmar wurde später als Schriftstellerin bekannt.
Ab Mitte der 1920er Jahre hatte die Mezzosopranistin und Altistin https://www.bibliotekacyfrowa.pl/Content/88924/PDF/GSL_P_31348_IV_1930_29150_140.pdf?handler=pdf regelmäßig auch Auftritte im Schlesischen Rundfunk,https://sbc.org.pl/Content/323310/PDF/iv781955-1924-05-0001.pdfhttp://bibliotekacyfrowa.pl/Content/83534/PDF/GSL_P_31348_IV_1925_29148_078.pdf wo sie unter anderem von der Breslauer Funkkapelle unter Franz Marszalek begleitet wurde; ihr gesendetes Repertoire reichte von Opernpartien bis zum kabarettistischen Lied.https://sbc.org.pl/Content/700248/PDF/iii605818-1929-08-0001.pdf Auch die von Jazz und Blues beeinflussten Afrika Songs (1929) von Wilhelm Grosz sang sie bei ihrer im Radio stattfindenden Uraufführung.https://www.bibliotekacyfrowa.pl/Content/100782/PDF/GSL_P_31031_IV_1930_42031_010.pdf?handler=pdf Die Neue Zeitschrift für Musik nannte Nick-Jaenicke 1929 eine „ausgezeichnete Solistin“,https://archive.org/stream/NeueZeitschriftFuerMusik1929Jg96/NeueZeitschriftFuerMusik1929Jg96_djvu.txt die überregionale Programmzeitschrift Der Deutsche Rundfunk ihre Gestaltung des Hänsel in einer Sendung von Engelbert Humperdincks Oper Hänsel und Gretel (1929) „eine in eitel Wohllaut schwelgende Gesangsleistung“.Der Deutsche Rundfunk. Rundschau und Programm für alle Funkteilnehmer, Band 7 (1929), S. 304. Darüber hinaus war die Künstlerin in Unterhaltungssendungen wie Kitsch und Kunst und einer Reihe musikalischer Hörspiele zu hören, so als Maria in Christa Niesel-Lessenthins Weihnachtsspiel Es ist das Heil uns kommen her (1927) oder in Max Herrmann-Neißes Hörfolge Melancholisches Kabarett (1930), in der der Dichter selbst durch Vertonungen einer Auswahl seiner Gedichte führte. Herrmann-Neisse, Max. Panoptikum: Stücke und Schriften zum Theater. Deutschland, Zweitausendeins, 1988, S. 678. Großen Erfolg hatte sie neben Ernst Busch in der weiblichen Hauptrolle der Chansonette in der von Rundfunkanstalten im In- und Ausland übernommenen Uraufführung von Erich Kästners lyrischer Suite in drei Sätzen Leben in dieser Zeit (1929) unter der Regie von Friedrich Bischoff.Sven Hanuschek: Keiner blickt dir hinter das Gesicht: Das Leben Erich Kästners. Deutschland, Carl Hanser Verlag GmbH & Company KG, 1999. S. 123. Sie sang diese Rolle auch im März 1930, als die Breslauer Produktion aufgrund der großen Nachfrage mit teils anderen Künstlern (Robert Koppel ersetzte Busch als Schmidt) erneut gesendet wurde,https://hoerspiele.dra.de/detailansicht/5034340 sowie – jetzt wieder an der Seite Ernst Buschs – 1932 in der von Werner Jacob inszenierten Aufführung der Bühnenbearbeitung am Breslauer Stadttheater. Ihre Partie aus Leben in dieser Zeit griff Nick-Jaenicke außerdem in dem Liederabend Song, Bänkel, Groteske auf, in dem sie, begleitet von ihrem Mann, neben den Kästner-Chansons auch Werke anderer Kabarettdichter wie Klabund oder Hans Reimann darbot. Die Kattowitzer Zeitung schrieb am 7. Dezember 1932 über ein begeistert aufgenommenes Gastspiel im Kaiserhof in Beuthen: „Käte Nick-Jaenicke ist keine freche, sondern eine wohlerzogene und kultivierte Chansonette von Musikalität und sicherer gesanglicher Begabung. Sie ist Dame und bleibt es durchweg in der Art ihres Vortrags, selbst wenn der Text keß wird. Die Diktion des Vortrages ist gut, ganz kabarettistisch festgelegt, wird aber lebendig durch die liebenswürdige Art, mit der er vorgetragen wird.“https://sbc.org.pl/Content/106017/PDF/iv4424-1932-282-0001.pdf
In der Zeit des Nationalsozialismus galt Nick-Jaenicke als „Halbjüdin“ und war zusammen mit ihrer Familie Repressalien ausgesetzt. Sie wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und durfte nach 1933 weder auftreten noch Gesangsschülerinnen betreuen, zu denen in den 1920er Jahren zum Beispiel Katharina Mann gehört hatte. Dennoch engagierte Werner Finck die Künstlerin, nachdem sie wegen der politisch motivierten Entlassung ihres Mannes als künstlerischer Leiter der Schlesischen Funkstunde mit ihrer Familie nach Berlin übersiedelt war, ab 1934 für einige Monate in der Katakombe als Diseuse. Der Kritiker Bernhard Diebold nannte sie die „vox humana“ der Katakombe.Heinz Greul: Bretter, die die Zeit bedeuten: die Kulturgeschichte des Kabaretts. Deutschland, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1971, S. 292 Unter falschem Namen betrieb Nick-Jaenicke das Kabarett bis zu seiner Schließung durch die Gestapo 1935 sogar mit. Mit der Aufnahme in die von der NSDAP herausgegebenen antisemitischen Publikationen Judentum und Musik – mit einem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener (1935 f.)Judentum und Musik – mit einem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener, Hans Brückner, Christa Maria Rock (Hg.), 3. Aufl., München: Brückner, 1938 (1. Aufl. 1935, 2. Aufl. 1936, antisemitische Publikation) und Lexikon der Juden in der Musik (1940)Lexikon der Juden in der Musik. Mit einem Titelverzeichnis jüdischer Werke. Zusammengestellt im Auftrag der Reichsleitung der NSDAP auf Grund behördlicher, parteiamtlich geprüfter Unterlagen, Theo Stengel, Herbert Gerigk (Bearb.) (= Veröffentlichungen des Instituts der NSDAP zur Erforschung der Judenfrage, Bd. 2), Berlin: Bernhard Hahnefeld, 1941 (1. Aufl. 1940, antisemitische Publikation) sah sich die Künstlerin schließlich endgültig aus dem kulturellen Leben verbannt.Eva und Lilli Weissweiler: Ausgemerzt! das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen. Deutschland, Dittrich-Verlag, 1999. S. 288 Ihre Tochter schilderte später, wie das Leben der Mutter nur noch von Angst bestimmt schien:
Nach einem Bombenangriff auf ihre Wohnung im Dezember 1943 wurde die Familie aus Berlin zu Verwandten ihres Ehemannes ins Sudetenland evakuiert. Im Februar 1945 floh man von dort aus weiter nach Lenggries in die Nähe von München.
In der Nachkriegszeit trat Nick-Jaenicke offenbar kaum mehr öffentlich als Sängerin in Erscheinung. Das DRA nannte sie zwischenzeitlich noch als Mitwirkende einer angeblichen BR-Fassung des Hörspiels Mittsommernacht (1950) von Anton Schnack (Musikalische Leitung: Edmund Nick), in dem sie bereits 1931 in der Schlesischen Funkstunde aufgetreten war – möglicherweise ein auf der Verwendung einer alten Tonaufnahme beruhendes Missverständnis. Ein Auftritt als Kornett von Richthofen in einer 1952 unter Kurt Schröder entstandenen Gesamtaufnahme des Bettelstudenten für den Hessischen Rundfunk, deren spätere Doppel-CD-Veröffentlichung im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek der Musikerin und Sängerin „Käthe Jänicke“ zugeordnet ist, Der Bettelstudent, , abgerufen am 24. März 2025. erscheint ebenso fraglich und eine Verwechslung mit der gleichnamigen Schauspielerin wahrscheinlicher.
Kaete Nick-Jaenicke starb 1967 an den Folgen eines Herzinfarkts. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Münchner Westfriedhof.
Heute ist die einstmals zu den bedeutendsten Künstlerinnen ihrer schlesischen Heimat zählende Sängerin wohl noch am ehesten durch biografische Spuren im literarischen Werk ihrer Tochter Dagmar Nick bekannt. In Nicks Vorlass in der Monacensia der Münchner Stadtbibliothek befindet sich überdies ein 27-seitiges Manuskript von ihr, das sich ausschließlich mit Kaete Nick-Jaenicke beschäftigt.