mini|Charlotte Corday neben Marats Leiche (Gemälde von Paul Baudry) Das Drama Charlotte Corday von Engel Christine Westphalen aus dem Jahr 1804 gilt als bekanntester Text der Schriftstellerin. Es basiert auf dem realen Mord an dem französischen Revolutionär Jean Paul Marat durch die Adlige Marie Anne Charlotte Corday D’Armont 1793 während der Französischen Revolution. Trotz seiner klassischen und empfindsamen Elemente wird es primär der Epoche der Romantik zugeordnet.

Inhalt Zu Beginn des Textes macht der Genius der Wahrheit Andeutungen zu den Geschehnissen, die sich in dem bevorstehenden Stück ereignen. Die junge Adlige Marie Charlotte Corday, die gerade mit ihrem Bruder aus Paris zurückkehrt, um ihre Eltern zu besuchen, ist emotional sehr mitgenommen von der autoritären Herrschaft der Jakobiner und deren grausamem Umgang mit der Bevölkerung. Angestachelt durch ihren Bruder entwickelt sie einen tiefen Hass gegen den führenden Revolutionär Marat. Ihre Familie ahnt davon nichts und versucht nach erfolglosen Bemühungen, die Tochter zu trösten, sie zu einer Reise ins sichere England zu überreden, bis sich die politische Lage entspannt. Erst scheint Charlotte sich zu fügen, doch inzwischen ist in ihr bereits, inspiriert durch die Gewalttaten in der Hauptstadt, ein Plan herangereift, den Jakobiner in Paris zu ermorden. Währenddessen begegnen sich in Paris die zwei Jugendfreunde Adam Luchs und Cheveau Lagarde zufällig wieder. Beide sehen das Vorgehen der aktuellen Regierung gegen die Adligen sehr kritisch und führen lange Gespräche über das Tagesgeschehen, während Luchs insgeheim bereits ebenfalls plant, Marat umzubringen. Auf dem Landsitz der Familie Corday macht sich die Protagonistin derweil Vorwürfe, weil sie ihre Familie mit der vermeintlichen England-Reise täuschen will. Gleichzeitig nimmt Jean-Paul Marat an einer Beratung der Revolutionsführer zu politischen Fragen teil und enthüllt, als er danach allein ist, er wolle gewaltsam die Führung über die Revolutionäre an sich reißen.

Kurz darauf reisen Charlotte und ihr Bruder nach England, doch sie schafft es, ihn zu einem Umweg über Paris zu überreden und allein zum Haus ihres Feindes zu gelangen. Sie dringt zu ihm vor und ersticht Marat, woraufhin sie sich umgehend der Polizei stellt. Luchs erzählt Lagarde in dessen Haus gerade von seinem Plan, den verhassten Jakobiner zur Strecke zu bringen, als ein Bedienter hereinstürzt und beide über den Mord unterrichtet, den überraschenderweise eine Frau begangen hat. Wenig später erfahren sie, dass Charlotte es getan hat, die Luchs aus der Vergangenheit kennt. Nach anfänglichem Zweifel schafft Luchs es, Lagarde, der als Anwalt arbeitet, dazu zu überreden, die junge Adlige vor Gericht zu verteidigen, da er wohl ihre letzte Hoffnung ist, der Hinrichtung zu entgehen. Vor Gericht gesteht Charlotte nach Verlesen der Anklage sofort, dass sie die Tat in der Absicht begangen hat, ihr Vaterland vor einer schlimmen Zukunft zu bewahren. Trotz Lagardes Bemühungen bekommt seine Bekannte ein Todesurteil. Als Luchs dies erfährt, dringt er heimlich in Charlottes Gefängnis ein und tut alles, um sie zur Flucht zu überreden. Doch sie besteht darauf, ihre Ehre zu bewahren und die Konsequenzen zu tragen, woraufhin sie Luchs ihren letzten Willen mitteilt, ehe dieser allein das Gefängnis verlässt. Als letzte Tat schreibt die junge Frau drei Abschiedsbriefe, ehe sie zur Hinrichtung geführt wird.

Wenig später sucht Charlottes Bruder, der während der Ereignisse von den Jakobinern eingesperrt worden ist, Lagarde in dessen Haus auf, weil er Angst um seine verschwundene Schwester hat. Nachdem Lagarde ihm erzählt, dass ihr Leben in ebendiesem Moment durch die Hinrichtung beendet worden ist, erleidet der junge Mann einen Nervenzusammenbruch. Luchs kommt nach dem Besuch der Hinrichtung kurz darauf hinein und überbringt den Abschiedsbrief der jungen Adligen. Darin erklärt sie ihr Verhalten gegenüber ihren Eltern und entschuldigt sich. Zuletzt tritt die Polizei ein und verhaftet sowohl Luchs als auch Charlottes Bruder ohne konkrete Begründung. Das Stück endet mit einem Schlusswort des Genius der Wahrheit, in dem Marat verteufelt und die Tat von Charlotte Corday in den höchsten Tönen gelobt wird.

Handlung Erster Akt

Im Prolog der 235-seitigen Tragödie erscheint aus einem Wolkengebilde der Genius der Wahrheit und hält einen Monolog über den Inhalt der darauffolgenden Geschichte, der mehrere kryptische Vorausdeutungen beinhaltet. Der erste Akt beginnt mit einem Auftritt von Jean Francois Corday und Charlotte Godier, Charlottes Eltern, im Haus der Familie in Caen, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer beiden Kinder warten. Beide tauschen sich intensiv über ihre Sorge um die momentan verreiste Tochter und deren Bruder Antoine aus. Anlass für deren Besorgnis ist die immer blutiger ausgefochtene Revolution. Kurz darauf kehrt die Protagonistin Charlotte allein zurück nach Hause und führt ein Selbstgespräch, während sie sich auf dem Grundstück umsieht. In der dritten Szene begrüßen die Eltern die Heimkehrende. Charlotte gibt zu, dass die Sorge der beiden berechtigt war, da sie den grausamen Terror und die Zerstörung in Paris mit angesehen hat. Sie beklagt sich darüber und beschimpft einen der Anführer der Revolution, den sie hier nur „Scheusal“ nennt. Ihr Vater und ihre Mutter schaffen es, sie vorerst etwas zu besänftigen. Doch ein langer Monolog der Protagonistin verrät ihre Unfähigkeit, das Gesehene zu vergessen, und im Ansatz auch ein Verbrechen, das sie zu begehen plant: „Ich nenn es nicht, was mir im Busen glühet. / Es reife dort allein und still zur Tat“.

Währenddessen philosophieren ihre Eltern über das Thema Hoffnung und versuchen, die Erzählung ihrer Tochter zu verarbeiten. Die siebte Szene enthält einen Dialog zwischen Charlotte und dem inzwischen eingetroffenen Antoine. Sie reden primär über Charlottes aufgewühlte Gefühle. Sie fragt Antoine zudem, wer von den beiden Revolutionären Marat und Robespierre schlimmer sei. Als der seiner Schwester darlegt, warum er Marat für die wahre Ursache der Radikalisierung und der Hinrichtungen hält, redet er sich in Rage und verstärkt den Hass seiner Gesprächspartnerin auf den Jakobiner noch einmal. Anschließend trennen sie sich und Charlotte liest allein in einem Buch über verschiedene namhafte Ereignisse der griechischen und römischen Mythologie. Vor allem wegen der Sorge ihrer Eltern um sie ringt sie sehr mit sich selbst, wobei angedeutet wird, dass sie den Revolutionärsführer beseitigen will. Am Ende dieses Monologs kommt sie zu dem Schluss, dass dieses Vorhaben zur Rettung ihres Vaterlandes wichtiger ist als ihr eigenes Leben.

In der neunten Szene lassen sich Monsieur Corday und seine Frau von Antoine weitere Details über die autoritären Verhältnisse im Nationalkonvent erzählen. Charlottes Vater bedauert aufgrund der Gräueltaten, von denen sie in Paris gehört hat, dass er sie hat gehen lassen. Aus diesem Grund empfiehlt der Sohn seinen Eltern dringend, die Tochter nach England zu Verwandten in Sicherheit zu bringen. Als sie daraufhin versuchen, ein ruhiges Gespräch mit Charlotte zu führen, kann diese immer noch nur über die Revolution sprechen. Danach macht ihr Vater ihr den Vorschlag, endlich wieder ihren Onkel in England zu besuchen. Zunächst ist sie unwillig, doch als alle drei sie dazu drängen, fortzugehen, fügt die junge Frau sich vermeintlich, obwohl sie sich über die Aktion ihrer Familie wundert. Am Ende des ersten Akts folgt ein Unterkapitel mit der Überschrift „Der Chor“, in dem eine einzelne Stimme mehrfach pathetische Gesänge anstimmt, die meistens vom Überlebenskampf des Menschen sowie dessen Gefühlswelt handeln und deren letzte zwei Verse jedes Mal von einer Sprechinstanz namens „Alle“ wiederholt werden.

Zweiter Akt

Der zweite Akt des Dramas beginnt mit einem Dialog zwischen den beiden Figuren Luchs und Lagarde auf einer Straße in Paris. Die beiden Jugendfreunde tauschen sich bei ihrem Wiedersehen nach vielen Jahren über die gefährliche gesellschaftliche Lage in der Stadt aus. Der deutsche Doktor der Philosophie Luchs erwähnt, er sei eigentlich zur Zerstreuung vor Ort, und Lagarde bringt ihn auf den neuesten Stand der Ereignisse. Luchs ist daraufhin bestürzt, und das Gespräch fokussiert sich bald auf die Familie Corday, mit der beide bekannt sind. So wird offenbart, dass Jean Francois Corday den Großteil seines Besitzes und sein gesellschaftliches Ansehen durch die Revolution verloren hat. Lagarde verabschiedet sich von seinem Freund und wundert sich über dessen Verweilen im aktuell gefährlichen Paris. In der dritten Szene folgt ein Szenenwechsel zurück zu Charlotte und ihrer Familie, die in deren Garten die Abreise der Tochter ins Ausland planen. Sie sprechen über ihre Hoffnung auf die Rückkehr des Friedens in Frankreich, gleichzeitig bittet die Protagonistin ihre Eltern, sich keine zu großen Sorgen um sie zu machen. Sie äußert auch den Wunsch, den Verantwortlichen all des Leids eigenhändig zu töten, was ihr Vater jedoch nicht ernst nimmt. Später in ihrem Zimmer blickt Charlotte melancholisch auf ihr kurzes Leben und dessen Freuden zurück und kämpft mit Schuldgefühlen, weil sie ihre Familie täuschen will.

In der sechsten Szene wird wieder ein langer Dialog zwischen Luchs und Lagarde erzählt, bei dem Luchs auf kryptische Weise andeutet, er plane ein großes Vorhaben. Als er enthüllt, dass er – unwissend, was Charlotte plant – Marat ermorden will, um die Revolutionäre durch eine Revolte zu stoppen, hört der Jurist Lagarde ihm zwar weiter zu, zweifelt jedoch die Zweckmäßigkeit des Plans an. Er sieht den Jakobiner nur als Helfer der wahren Drahtzieher. Außerdem befürchtet er ein zusätzliches Anheizen der Gewalttaten und Festnahmen. Luchs beharrt auf sein Vorhaben, während sein Freund vergeblich versucht, ihn davon abzubringen. Als der Philosoph Lagarde sogar überreden will, ihm indirekt Beihilfe beim Mord zu leisten, bringt dieser ihn zum Schweigen. Die beiden gehen im Streit auseinander, doch wegen seines schlechten Gewissens folgt Lagarde Luchs heimlich. Die achte Szene spielt sich in Marats Haus ab, wo dieser sich mit den anderen hochrangigen Revolutionären Robespierre, Saint Just und Danton trifft. Gemeinsam diskutieren sie über einen Vorwand, die aktuell Inhaftierten hinrichten zu lassen. Robespierre will die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass gegen Marat ein Mordkomplott im Gange ist. Marat ist dagegen, und da zudem zwischen Robespierre und Danton ein gewisses Misstrauen besteht, überzeugt der Hausherr die anderen, diese Entscheidung zu vertagen. Nachdem er wieder allein ist, enthüllt Marat in einem Monolog seinen Plan, die Führung unter den Revolutionären zu übernehmen und Robespierre auszuschalten. Er prahlt damit, nach der Machtübernahme sogar noch gnadenloser als sein Vorgänger regieren zu wollen. Der Chor-Abschnitt am Ende dieses Akts ist genauso aufgebaut wie der Letzte, nur dass dieser spezifisch von der menschlichen Grausamkeit und dessen eigenem Entsetzen, sobald er die Folgen dieser erkennt, handelt.

Dritter Akt mini|A Second Jean D'Arc von Isaac Cruikshank