mini|hochkant=1.7|Route der Vendée Globe. Gesegelt wird zunächst in südliche, dann in östliche Richtung.
Die Vendée Globe 2020/21 vom 8. November 2020 bis zum 5. März 2021 war die 9. Ausgabe der Vendée Globe, der einzigen regelmäßig veranstalteten Einhand-Non-Stop-Regatta um die Erde. Als eines der wenigen Sportereignisse, die während des COVID-19-bedingten Lockdowns stattfanden, erlangte sie eine größere Aufmerksamkeit als vorige Editionen. Zudem startete mit Boris Herrmann erstmals ein Deutscher, so dass auch in Deutschland viele Menschen, die sich zuvor nicht für den Segelsport interessiert hatten, das Rennen verfolgten.
Teilnehmer Die Vendée Globe 2020/21 begann am 8. November 2020 an der französischen Atlantikküste vor Les Sables-d’Olonne mit dem Start von 33 Seglern aus acht Nationen. Etwa zwei Drittel der Skipper stammten aus Frankreich; erstmals waren mit Boris Herrmann und Ari Huusela auch ein Deutscher und ein Finne dabei. Herrmanns Rennen auf seiner Seaexplorer – Yacht Club de Monaco wurde nicht nur in Deutschland mit Spannung erwartet. Mit dem Boot, der damaligen Malizia II, hatte er in den Jahren zuvor bei einer Reihe wichtiger Regatten, unter anderem beim Barcelona World Race und den Transatlantikrennen Transat Jacques Vabre und Route du Rhum, einen der vorderen Plätze erreicht.
mini|Alan Roura (2018), jüngster Skipper der Vendée Globe 2020/21 Während die vorige Ausgabe 2016/17 ohne eine einzige Skipperin stattgefunden hatte, starteten nun sechs Frauen: die Deutsch-Französin Isabelle Joschke sowie Alexia Barrier und Clarisse Crémer aus Frankreich und die Britinnen Samantha Davies, Pip Hare und Miranda Merron. Für die Routiniers Jean Le Cam (Frankreich) und Alex Thomson (Großbritannien) war es bereits die fünfte Teilnahme an einer Vendée Globe, je weitere zwei Skipper waren zum vierten bzw. dritten Mal dabei und neun zum zweiten. Achtzehn Segler starteten als Neulinge bei der renommierten Einhand-Regatta.
Mit Damien Seguin ging zum ersten Mal ein erfolgreicher Paralympionike an den Start: Dem Gold- und Silbermedaillengewinner und mehrfachen Weltmeister fehlt die linke Hand. Ältester Teilnehmer der Edition 2020/21 war der damals 61-jährige Jean Le Cam, jüngster der Schweizer Alan Roura mit 27 Jahren.
Im Vorfeld zählten Jérémie Beyou, Nicolas Troussel, Thomas Ruyant, Alex Thomson und Charlie Dalin, die allesamt mit IMOCA-Yachten der neuesten Generation ins Rennen gingen, zu den meistgenannten Favoriten. Die britische Segelexpertin Dee Caffari, die als erste Frau allein und nonstop in beide Richtungen um die Welt gesegelt ist, räumte daneben auch Kevin Escoffier mit seiner umfangreich modifizierten PRB und Sam Davies mit ihrer zehn Jahre alten Initiatives-Cœur gute Chancen auf einen der vorderen Plätze ein. Ganz anders der finnische Linienpilot und Hobbysegler Ari Huusela, der sich mit seiner Teilnahme einen Traum verwirklichte: Er betonte vor dem Start, sich keinen Stress machen zu wollen und definierte „Starten“ als sein erstes Ziel und als sein zweites „Ankommen“.
Rolle der COVID-19-Pandemie mini|Interview mit Alexia Barrier unter Corona-Schutzmaßnahmen Die weltweiten Einschränkungen durch die COVID-19-Pandemie schufen besondere Bedingungen für die 9. Ausgabe der Vendée Globe. Da die Einhandregatta im Unterschied zu anderen Sportveranstaltungen stattfinden durfte und die technischen Möglichkeiten zur Berichterstattung direkt von Bord eine direkte Beteiligung des Publikums ermöglichten, erreichte die internationale Medienpräsenz einen neuen Höchststand. In Zeiten eingeschränkter sozialer Mobilität füllte das Rennen eine Lücke, in der sich isolierte Menschen mit den Seglern allein auf ihren Booten verbunden fühlten.
Die Berichterstattung wurde durch tägliche Videos und Bilder auf YouTube, Dailymotion und Facebook bestimmt. Der schottische Segeljournalist Andi Robertson moderierte 116 Tage lang live aus Les Sables-d’Olonne die internationale Vendée-Globe-Show. Viele der Skipper nutzten die sozialen Medien, um während des Rennens von ihren Erfahrungen zu berichten und direkt mit den Zuschauern in Kontakt zu treten. Während andere sich – teils auch aus taktischen Gründen – mit Berichten zurückhielten, konnten die Videoblogger ein internationales Publikum für sich und die Regatta begeistern. Besonders Jean Le Cam, der seinem Boot den Kosenamen Hubert verpasst hatte, Pip Hare, die ihre Fans gleich über mehrere virtuelle Plattformen auf dem Laufenden hielt, und Boris Herrmann wurden durch ihre offenen, authentischen und teils humorvollen Berichte zu Publikumslieblingen.
Große Einbußen hatten hingegen die Veranstalter und Sponsoren auf nationaler Ebene zu verzeichnen, da das Regattadorf nicht die üblichen Hunderttausende von Besuchern anzog. Für die nicht aus Frankreich stammenden Skipper war es fraglich, ob ihre Familienangehörigen sie im Ziel empfangen werden könnten. Je nach aktuellem Stand der Pandemie-Verordnungen waren keine bis wenige Zuschauer zugelassen. Die Organisatoren der Regatta sorgten dafür, dass alle französischen Teilnehmer bei Tageslicht in den Zielhafen einliefen, um die Ausgangssperre zu umgehen.
Verlauf Schon vor dem Start des Rennens entstand Spannung, als es Alexia Barrier, Ari Huusela und Pip Hare erst in letzter Minute gelang, Sponsoren zu finden und teils letzte Reparaturen an ihren Booten durchführen zu lassen.
Bereits nach einigen Stunden auf See musste der erste Skipper umkehren. Eine Beschädigung des Masttopfs seiner Newrest – Art & Fenêtres zwang Fabrice Amedeo, nach Les Sables-d’Olonne zurückzusegeln. Nach zweitägiger Reparatur startete er erneut und war wieder im Rennen. Derweil passierte eine Sturmfront mit Windgeschwindigkeiten um 40 Knoten (rund 75 km/h) das vorausfahrende Feld im Atlantik vor der Iberischen Halbinsel. Mehrere Skipper hatten deswegen gleich zu Beginn mit mehr oder weniger schwerwiegenden Schäden zu kämpfen.
Im weiteren Verlauf des Rennens nahmen naturgemäß die Probleme zu; es kam zu einigen Kollisionen mit unbekannten Treibobjekten (UFOs; unidentified floating objects). Mehrere Teilnehmer wurden durch irreparable Schäden an ihren Booten zur Aufgabe gezwungen.
Havarien Kollision der Charal mini|Blick ins Cockpit von Jérémie Beyous IMOCA Charal (2021) Am dritten Tag des Rennens kollidierte Jérémie Beyous Charal mit einem UFO, das nicht nur ein Ruder stark beschädigte, sondern auch die Aufhängung des Rudersystems sowie den Ankerpunkt eines Backstags. Auch Beyou kehrte nach Les Sables-d’Olonne zurück, um sein Schiff reparieren zu lassen und begann sein Rennen regelkonform 9 Tage, 2 Stunden und 50 Minuten nach dem ersten Start der Flotte erneut.
Mastbruch der Corum L’Épargne Am 16. November brach 260 Seemeilen nordwestlich der Kapverden bei frischem Nordostpassat der Mast der Corum L’Épargne. Der zu den Favoriten gezählte Nicolas Troussel musste infolgedessen als erster Teilnehmer nach nur acht Tagen das Rennen aufgeben.
Ruderschaden der Hugo Boss 7 Am 19. Wettkampftag erlitt die Yacht eines weiteren Top-Favoriten, die Hugo Boss 7, einen irreparablen Schaden am Steuerbordruder. Nachdem Skipper Alex Thomson es abgetrennt hatte und die folgende Nacht mit nur einem Ruder gesegelt war, entschied sich das Team, die Regatta abzubrechen und das Boot etwa 1800 Seemeilen nach Kapstadt zu segeln, um es dort instand zu setzen.
Havarie der PRB Besonders hart traf es Kevin Escoffier, dessen Yacht am 22. Tag der Regatta bei einer Geschwindigkeit von 27 Knoten im Indischen Ozean auf eine Welle schlug und vor dem Mastschott auseinanderbrach. Ihm gelang es gerade noch, einen Notruf abzusetzen, seinen Überlebensanzug überzuziehen und nach der Rettungsinsel zu greifen, bevor das Boot sank. Nach stundenlanger Suche entdeckte ihn sein zur Hilfe herbeigeeilter Mitstreiter Jean Le Cam, konnte ihn aber wegen des starken Windes und der fünf Meter hohen Wellen nicht direkt aufnehmen und verlor ihn wieder aus den Augen. Doch Le Cam sichtete Escoffiers Blinklicht erneut und konnte ihn um 3.10 Uhr deutscher Zeit nach insgesamt elf Stunden aus seiner Rettungsinsel bergen. Später beschrieb Escoffier, wie sich das Boot buchstäblich in zwei Hälften gefaltet hatte und er sich in letzter Sekunde hatte retten können.
Außer Le Cam wurden auch Boris Herrmann, Yannick Bestaven und Sébastien Simon zur Unglücksstelle umgeleitet. Die beiden Erstgenannten kamen gegen 23 Uhr dort an und begannen ebenfalls mit der Suche nach dem Schiffbrüchigen. Alle an der Aktion beteiligten Segler erhielten von der Rennleitung eine Zeitgutschrift als Entschädigung für ihre Hilfeleistung.
Kollision der Arkea – Paprec Nur zwei Tage später, am 2. Dezember, kollidierten Sébastien Simon und seine Arkea – Paprec mit einem UFO, das ihr Steuerbordfoil und dessen Aufnahme schwer beschädigte, so dass Wasser in das Boot eindrang. Simon bekam das Leck weitgehend in den Griff und steuerte Kapstadt an, um die notwendigen Reparaturen vorzunehmen. Diese hätten erfordert, mit an Bord vorhandenen Mitteln das massive, 300 Kilogramm schwere Foil in Stücke zu schneiden und den Rumpf an der Bordwand und auf dem Deck zu laminieren, um den Foilkasten abzudichten. Angesichts des schlechten Wetters in Kapstadt, das eine weitere Verzögerung bedeutet hätte, zusätzlicher Schäden am Schott und am Rudersystem und der Ungewissheit, ob die Reparaturen für den Rest des Rennens halten würden, entschieden Simon und sein Team am 4. Dezember, das Rennen aufzugeben.
Kollision der Initiatives-Cœur mini|hochkant|Samantha Davies’ IMOCA Initiatives-Cœur (2020) Am Tag nach Simons Aufgabe kam es im Südpolarmeer zu einer erneuten Kollision mit einem UFO, diesmal waren Samantha Davies und ihre Initiatives-Cœur die Leidtragenden. Durch den Zusammenstoß wurde das Boot aus 20 Knoten abrupt gebremst, Davies verletzte sich dabei an den Rippen. Isabelle Joschke, die in unmittelbarer Nähe segelte, kam direkt auf sie zu. Davies gestand später in einem Interview: „[...] das war ein zweiter Schreck, ich hatte Angst, sie würde mich nicht sehen. Ich hatte ein kleines gestresstes Gespräch mit ihr, dass sie mir ausweichen sollte!“ Davies’ IMOCA trug erhebliche Schäden am Kielgerüst und an den Schotten davon, die sie zu einem Zwischenstopp in Kapstadt zwangen. Am 5. Dezember bestätigte sie per Video ihr offizielles Ausscheiden aus dem Rennen.
Zugleich gab Davies bekannt, nach den notwendigen Reparaturen das Rennen außerhalb der Wertung zu Ende segeln zu wollen, um ihre Kampagne „1 click = 1 heart“ zugunsten herzkranker Kinder fortzuführen. Seit dem Start der Vendée Globe hatte sie damit bisher Spenden zur Rettung von 28 Kindern sammeln können. Am 14. Dezember setzte sie die Fahrt von Kapstadt nach Les Sables-d’Olonne fort und kam nach ca. 109 Tagen und 23 Stunden außerhalb der Wertung im Ziel an.
Kielschaden der MACSF Isabelle Joschke, die seit mehreren Tagen mit diversen Schäden ihrer Yacht MACSF (defektes Windinstrument, beschädigte Kielhydraulik, gerissenes Segel) zu kämpfen hatte, entschied sich am 10. Januar ebenfalls, das Rennen aufzugeben. Nachdem etwa 1100 Seemeilen östlich der argentinischen Küste auch ihre Ersatzkonstruktion der Neigekiel-Hydraulik versagt hatte, steuerte sie zwecks Reparaturstopp Salvador da Bahia in Brasilien an. Zu diesem Zeitpunkt lag sie auf Platz 11 und hatte bereits nahezu 80 % der Rennstrecke absolviert.
Ebenso wie zuvor Sam Davies beschloss Joschke, ihre Fahrt außer Konkurrenz fortzusetzen, um „die Geschichte zu beenden, damit alles eine Bedeutung hat“ und sie „wieder auf die Füße“ komme. Am 5. Februar brach sie Richtung Les Sables-d’Olonne auf und kam – noch vor den letzten regulär segelnden Skippern und vor Pip Hare – nach ca. 107 Tagen und 21 Stunden außerhalb der Wertung dort an.
Kollision der Seaexplorer mini|Die Seaexplorer nach ihrer Kollision