Die Träumer (Originaltitel The Dreamers) ist ein Spielfilm aus dem Jahr 2003. Das Werk des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci basiert auf mehreren Werken von Gilbert Adair, der auch das Drehbuch schrieb. Vor dem Hintergrund der Unruhen von 1968 in Paris schildert er die erotischen Erfahrungen dreier junger Menschen.

Handlung Der US-amerikanische Austauschstudent Matthew, der im Paris des Jahres 1968 noch niemanden kennt, begegnet vor der Cinémathèque française den Zwillingen Isabelle und Théo. Als deren Eltern in den Urlaub fahren, verfügen sie über die Wohnung und laden Matthew ein, zu ihnen zu ziehen. Die kinoverrückte Gruppe besucht Vorführungen in der Cinémathèque, bis diese wegen studentischer Unruhen eingestellt werden. Während die Proteste sich steigern, verlassen die drei kaum noch ihre Wohnung. Das Trio genießt stattdessen das Zusammensein, spielt Filmszenen nach, und allmählich entwickelt sich zwischen ihnen auch eine erotische Spannung.

Matthew wird anfangs spielerisch, dann zunehmend in das einbezogen, was eine seit langem bestehende, heimliche erotische Beziehung der Zwillinge zu sein scheint. Das Kräftemessen in ihren Spielen nimmt seinen Lauf. Als Théo eine Filmszene nicht erraten kann, muss er zur Strafe vor ihnen masturbieren. Eine andere „Strafe“ trifft Matthew, der mit Isabelle schlafen muss und hinterher feststellt, dass sie noch Jungfrau war. Isabelle und Matthew werden ein Paar, doch tut dies vorerst der engen Beziehung zwischen Isabelle und Théo keinen Abbruch. Ein Konflikt zwischen den dreien zeichnet sich aber ab, als Matthew Isabelle dazu bringen will, unabhängiger von ihrem Bruder zu agieren. Isabelle ist zu einer Loslösung von ihrem Bruder jedoch nicht bereit. Das insulare Leben stößt an seine Grenzen, als ihnen die Lebensmittel ausgehen. Isabelle baut in der Wohnung ein Zelt aus Decken, Tüchern und Bettzeug auf, in dem sie schlafen.

Bei ihrer vorzeitigen Heimkehr entdecken die Eltern eine Wohnung voller Unordnung und geleerte Flaschen aus ihrem teuren Weinvorrat. Sie verzichten jedoch darauf, die nackt im halboffenen Zelt schlafenden Jugendlichen zu wecken, hinterlassen ihnen einen Scheck und entfernen sich. Isabelle wacht nach einer Weile als Erste auf und bemerkt den Scheck. Erschrocken sucht sie die Wohnung nach ihren Eltern ab. Als ihr klar wird, dass sie wieder gegangen sind, will sie ihren gegenüber Matthew angekündigten Selbstmord für den Fall, dass ihre Eltern die Geschwisterliebe bemerken, verwirklichen. Sie schließt einen Schlauch an die Gasleitung in der Küche an und legt sich damit zurück zwischen die schlafenden Jungen im Zelt. Als plötzlich ein Stein eines auf der Straße vorbeiziehenden Demonstrationszugs die Fensterscheibe zerschlägt und die Jungen aufwachen, eilt sie mit dem Schlauch in die Küche zurück und unterbricht die Gaseinleitung. Auf die Frage der Jungen, weshalb es so merkwürdig rieche, antwortet sie, das sei Tränengas.

Die drei jungen Leute schließen sich dem Demonstrationszug auf der Straße an. Dieser kommt vor einer Polizeiblockade zum Stehen, und einige Gewaltbereite beginnen Pflastersteine zu werfen. Théo will sich ihnen anschließen und einen Molotow-Cocktail gegen die Polizeiblockade werfen. Matthew versucht erfolglos, ihn davon abzubringen, indem er ihn an seine Matthew gegenüber häufig geäußerte pazifistische Grundeinstellung erinnert. Théo und Isabelle lassen Matthew jedoch allein zurück. Als Théo den Molotow-Cocktail wirft, stürmt die Polizei mit Schlagstöcken und Schusswaffen auf die Demonstranten zu.

Politik, Kino und Sex Die Handlung orientiert sich lose an Gilbert Adairs Roman The Holy Innocents (1988); der Autor lebte Ende der 1960er Jahre in Paris. Drehbuchautor Adair hat im Film einen Cameo-Auftritt als Louvre-Besucher. Für sein Drehbuch verwendete er zudem Motive aus seinen Werken Träumer (Originaltitel: The Dreamers) und Buenas Noches, Buenos Aires (beide 2003). Den Hintergrund der Erzählung bilden die Ereignisse um die Absetzung von Henri Langlois, dem Direktor der Cinémathèque française, durch den gaullistischen Kulturminister André Malraux im Februar 1968. Viele Filmemacher, darunter Vertreter der Nouvelle Vague wie Truffaut und Godard, hatten in den Jahrzehnten nach dem Krieg durch die Aufführungen der Cinémathèque die Filmgeschichte kennengelernt. Auch Bertolucci hatte bei seinen Paris-Reisen die Vorführungen in der Cinémathèque besucht. Den Mai 1968 verbrachte er jedoch in Rom mit dem Dreh seines Spielfilms Partner.Bertolucci im Gespräch mit Focus, 12. Januar 2004, S. 54–56 Langlois’ Absetzung durch die gaullistische Regierung löste gravierende Proteste von Filmstudenten und bekannten Filmregisseuren aus. Es kam zu gewalttätigen Krawallen. Die Proteste führten zur Wiedereinstellung von Langlois, und den Studenten wurde bewusst, dass sie auf der Straße eine gesellschaftliche Macht sein konnten. Der Kampf um die Cinémathèque war der Beginn weiterer Unruhen, die im Generalstreik im Mai mündeten.

In den Szenen über die Proteste vor der Cinémathèque tritt Jean-Pierre Léaud kurz in einem Cameo auf, gegengeschnitten mit schwarzweißen Originalaufnahmen von damals, die ihn mit anderer Filmprominenz zeigen. Auch der Schauspieler Jean-Pierre Kalfon spielt in derselben Szene in einem Kurzauftritt sich selbst. Nebst diesem dokumentarischen Material hat Bertolucci zahlreiche Zitate aus Filmklassikern eingebaut. Darunter sind Werke wie Der Kameramann von Buster Keaton, Lichter der Großstadt von Charles Chaplin, Scarface, Freaks, Blonde Venus mit Marlene Dietrich, Königin Christine mit Greta Garbo, Top Hat mit Fred Astaire und Ginger Rogers, Schock-Korridor, Mouchette sowie die Filme Außer Atem und Die Außenseiterbande von Jean-Luc Godard. Das Rennen durch den Louvre aus der Außenseiterbande ahmen die drei Jugendlichen selber nach und unterbieten die Zeit. Die Einwilligungen der Rechteinhaber, die gewünschten Ausschnitte aus Godards Filmen zu verwenden, lagen vor, doch Bertolucci wollte auch Godards persönliche Erlaubnis und rühmte danach Godards Großzügigkeit.Bertolucci im Gespräch mit film-dienst Nr. 2/2004, S. 10–11 Bezüge zur Filmgeschichte bestehen auch auf der Ebene der Rollenbesetzung: Louis Garrels Vater ist Philippe Garrel, dem 1968 als Filmregisseur der Durchbruch gelang, und Eva Green ist die Tochter von Marlène Jobert, die in Godards Masculin Feminin mitwirkte.

Die drei Jugendlichen verehren das Kino, als sei schon das bloße Filmeschauen ein revolutionärer Akt; es ist für sie die beste aller Welten. Erzählt wird aus der Perspektive des Amerikaners. Amerikanische Unschuld steht neben europäischem Intellektualismus.Michael Adams: The dreamers. In: Magill’s Cinema Annual 2005. Thomson Gale, Detroit 2005, ISBN 1-55862-550-X, S. 121–123 „Während beim Amerikaner stets die Vernunft die Oberhand behält, ist der Franzose ein Romantiker bis aufs Blut.“ Der film-dienst bemängelte, dass die Figur Matthew unhistorisch sei, aufgrund ihres Realitätssinns und ihrer Ablehnung jeder Gewalt eher der Gegenwart entstamme.film-dienst Nr. 2/2004, von Rüdiger Suchsland Die sich damals in Paris aufhaltenden jungen US-Amerikaner wollten jedoch nicht in den Vietnamkrieg ziehen und gehörten zu den Menschen, die Gewalt ablehnten. Der Handlungsraum verengt sich; die Besuche der drei außer Haus konzentrieren sich zunächst auf die Cinémathèque, dann folgt ein Rückzug in die Wohnung, zuletzt in ein Zelt innerhalb der Wohnung. Das erinnerte viele an Bertoluccis Der letzte Tango in Paris, der sich zu einem großen Teil im geschlossenen Raum einer Pariser Stadtwohnung abspielte. Bertolucci bestätigte die Ähnlichkeit: Die Träumer konzentriere sich auf das Individuum, das sich vor dem drohenden Erwachsenwerden in die Wohnung wie in einen Mutterschoß verkrieche, ähnlich wie in seinem anderen Film. Einen Unterschied sieht er aber in der dargestellten Sexualität: Sie sei im Letzten Tango schwermütig und düster, bei den Träumern angenehm und sinnlich.Bertolucci im Gespräch mit Welt am Sonntag, 18. Januar 2004 Erst ein Pflasterstein durchbricht die Isolation der Jugendlichen und macht ihnen klar, dass es da draußen ein Leben gibt, in dem etwas los ist. Letztlich stellt Bertolucci in den drei Jugendlichen sich selber dar: Wie Isabelle war er kinoverrückt und versuchte jede Einzelheit in seinem Leben zu inszenieren, wie Théo diskutierte er über Politik und Poesie und suchte künstlerische Distanz zum Vater, der ebenfalls Dichter war. Man kann Isabelle, den pragmatischen Matthew und Théo gar als Es, Ich und Über-Ich auffassen.

Bertoluccis Bemerkungen zum Film Ein Grund, diesen Film zu machen, war für Bertolucci das gegenwärtige Unwissen darüber, was die damalige Generation wirklich bewegt hat. Heute wüssten nur noch wenige, dass es Filmbegeisterte gewesen seien, welche die Pariser Mai-Unruhen ausgelöst hätten. Die Beteiligten hofften, die Welt zu verändern, und wussten, dass sie an dieser Veränderung irgendwie beteiligt sein würden. „Ich habe keinen historischen Moment erlebt, der einen solchen Glanz hatte, eine solche Magie, einen solchen Enthusiasmus!“Der Spiegel, Nr. 4 / 2004, S. 148–149, von Urs Jenny Und: „Die 1960er Jahre waren für mich die beste Zeit meines Lebens.“ Er wolle nichts überhöhen, aber das Publikum dazu anregen, wie die Bewegung die Gesellschaft verändert hat. Die Zurückdrängung autoritärer Erziehungsformen, die Stärkung der Demokratie und der Frauen sowie freiere Sexualität seien Errungenschaften, die der Bewegung anzurechnen sind. In den Globalisierungsgegnern sieht er so etwas wie Erben der 1968er-Bewegung.

Musik und Soundtrack „Third Stone from the Sun“ – Jimi Hendrix „Hey Joe“ (Cover Version) – Michael Pitt & The Twins of Evil „Quatre Cents Coups“ – Jean Constantin „New York Herald Tribune“ – Martial Solal „Love Me Please Love Me“ – Michel Polnareff „La Mer“ – Charles Trenet „Song For Our Ancestors“ – Steve Miller Band „The Spy“ – The Doors „Tous les garçons et les filles“ – Françoise Hardy „Ferdinand“ (aus Antoine Duhamels Partitur von „Pierrot Le Fou“) „Dark Star“ – The Grateful Dead „Non, je ne regrette rien“ – Édith Piaf

Synchronisation In der deutschen Synchronfassung wurde mit Manja und Alexander Doering ein echtes Geschwisterpaar für die Stimmen von Isabelle und Théo eingesetzt.

Rolle Darsteller SynchronsprecherMatthewMichael PittNorman MattIsabelleEva GreenManja DoeringThéoLouis GarrelAlexander DoeringMutter von Isabelle und ThéoAnna ChancellorEvelyn MaronVater von Isabelle und ThéoRobin RenucciStephan SchwartzJean-Pierre LéaudJean-Pierre Léaud (als er selbst)Friedhelm PtokJean-Pierre KalfonJean-Pierre Kalfon (als er selbst)Wolfgang Condrus

Rezeption Kinoauswertung Die Träumer spielte an den Kinokassen weltweit über 23 Millionen US-Dollar ein. Nach Bertoluccis oft eher erfolglosen Filmen in den 1990er-Jahren bedeutete Die Träumer damit ein kommerzielles Comeback.

Schwerpunkte der Filmkritik