mini|300px|Die Landsgemeinde als Quelle der direktdemokratischen Tradition der Schweiz. Gemälde von Albert Welti und Wilhelm Balmer. (1907–12), Ständeratssaal des Bundeshauses in Bern (Ausschnitt). Als nationaler Mythos (im Sinne einer «Erzählung mit einem kollektiven, sinn- und identitätsstiftenden Wirkungspotential») der Schweiz wird oft die «immerwährende Neutralität» (auch «immerwährende bewaffnete Neutralität») bezeichnet; daneben auch die «direkte Demokratie»,z. B. Eszter Pabis: Die Schweiz als Erzählung: nationale und narrative Identitätskonstruktionen in Max Frischs Stiller, Wilhelm Tell für die Schule und Dienstbüchlein, Peter Lang (2010), S. 171. die «humanitäre Tradition»,«Doch der Begriff [‹humanitäre Tradition›] ist eher ein Mythos als eine historische Realität.» Die Renaissance der humanitären Tradition, Swissinfo, 26. August 2006. Balz Spörri: Grosszügig zu sich selbst. Mythos humanitäre Tradition: Von den Flüchtlingen wollte die Schweiz vor allem profitieren. In: Sonntagszeitung, 7. August 2006. das Schweizer Réduit und die Verteidigungsbereitschaft im Zweiten Weltkrieg, teilweise auch mundänere Institutionen wie der Schweizer Franken, das (ehemalige) Bankgeheimnis, die Bundesbahnen und die (ehemaligen Institutionen) Post und Swissair, die als Ausdruck «nationaler» Charakteristika wie Pünktlichkeit oder Stabilität verstanden werden.Schweizer Franken: Jakob Tanner: Goldparität im Gotthardstaat: Nationale Mythen und die Stabilität des Schweizer Frankens in den 1930er und 40er Jahren. In: Studien und Quellen 26 (2000), 45–81. Bankgeheimnis: Daniel Woker: Terminologie und Wirklichkeit. Mythen und ihre Berechtigung, Journal21, 10. Februar 2015.
Als nationale Gründungsmythen gelten die historiographischen Legenden zu Entstehung und Wachstum der Alten Eidgenossenschaft im 14. Jh., ganz besonders die Legende von Rütlischwur und Wilhelm Tell. In den Bereich des «nationalen Mythos» gehört auch die Rolle der Alpen («Alpenmythos»)R. Bernhard: Der Alpenmythos der Schweiz gestern, heute und morgen. Neue Helvetische Gesellschaft (2011) und die Selbstwahrnehmung als «Bauernnation» bzw. als alpin geprägtes «Hirtenvolk».«Der Mythos vom alteidg. Freiheitskampf nahm einen wichtigen Platz ein und wurde zum Sockel eines hist. Nationalverständnisses, d. h. einer durch den Gang der Geschichte geprägten Idee der Schweiz. Aus dieser Zeit stammt die vom habsburg. Adel negativ gemeinte und vom eidg. Bund positiv umgedeutete und auch vom Stadtbürgertum beanspruchte Bezeichnung der Bauernnation (Hirtenvolk).» J. Jetzer: In: NZZ, 11. März 2006.
Im politischen Diskurs war der Begriff des «nationalen Mythos» im frühen 20. Jh. positiv besetzt, als zu pflegende Grundlage der staatlichen Identität;Kann ein Volk auf den nationalen Mythos verzichten?, Wir Schweizer, unsere Neutralität und der Krieg, Sammelschrift, Zürich 1915 (Richard Fritz Walter Behrendt: Die Schweiz und der Imperialismus: die Volkswirtschaft des hochkapitalistischen Kleinstaates im Zeitalter des politischen und ökonomischen Nationalismus, 1932, S. 145). Wilhelm Tell (bzw. die Bearbeitung des Tell-Stoffes für die Bühne) als «nationaler Mythos»: Das Schweizer Drama, 1914–1944, Jahrbuch der Gesellschaft für Schweizerische Theaterkultur (1944), S. 88. Oft wurde betont, als «Willensnation» (im Gegensatz zu einem ethnisch homogenen Nationalstaat) sei die Schweiz noch mehr als andere Staaten auf die einigende Wirkung nationaler Mythen angewiesen.Der Staats- und Völkerrechtler Carl Hilty formulierte das neue Credo in einer Schrift von 1875 so: «Wir haben einen starken Willen, eine Nation zu sein.» Der Rechtswissenschaftler Johann Caspar Bluntschli, der in Heidelberg lehrte, forderte gleichzeitig, die Schweiz müsse sich eine Erklärung ihrer selbst geben, sonst sei sie gefährdet. Damit entstand ein Paradox: Um eine Nation zu sein, gelangte man zu einer Definition, die nicht dem damaligen Nationalitätenprinzip entsprach. Bundesrat Jakob Stämpfli hielt schon in den 1860er-Jahren fest: «Würde das Prinzip der Nationalität anerkannt, so wäre damit die Existenz der Schweiz vernichtet.» Hier äussern sich auch Bedrohungsgefühle. Die Schweiz konterte mit einer Doppelstrategie: zum einen mit der selbstbewussten Aufwertung von Geschichtsbildern, zum andern mit einer raschen Entwicklung der Wirtschaft. Jakob Tanner: Die Schweiz ist eine gespaltene Nation. In: Magazin 3/11 (2011), S. 38. Seit den 1960er Jahren wurde der Begriff dagegen meist kritisch oder abwertend verwendet, für Irrtümer aus dem Reich der «Mythen und Legenden», die es zu dekonstruieren gelte.Lob des Willens zu Distanz zu «heuchlerischen Alpenkranzromantik und heroischem Patriotismus und unechtem bundesfeierlichem Pathos» der Gestalter des Wegs der Schweiz. – Heinz Ochsenbein, Peter Stähli: Weg der Schweiz. Expo 1964. Haupt, Bern 1969, S. 18 (= Schweizer Heimatbücher, 127–129). Die Schweizer Neutralität als «nationaler Mythos»: François Da Pozzo: Elemente des politischen Systems der Schweiz im Spiegel der internationalen Politologie. Francke, Bern 1977, S. 134. Ein «Mythos» um die Schlacht bei Sempach: Heinrich Thommen: Die Schlacht von Sempach im Bild der Nachwelt. Lehrmittelverlag, Luzern 1986, ISBN 3-271-00009-3. Damit ist der Begriff des «Mythos» heute politisch aufgeladen; wer etwas als «Mythos» bezeichnet, will es damit als unrealisierbar oder als Fiktion entlarven.«Wer das Réduit oder gar die direkte Demokratie als Mythos bezeichnet, will diese Grössen als Fiktionen entlarven und deutlich machen, dass sie gar nicht realisierbar waren oder sind.» P. Rusterholz und E. Facon in: Schweizer Eigenart, eigenartige Schweiz: der Kleinstaat im Kräftefeld der europäischen Integration. 1996, S. 293. «Die Kluft, der Spagat, zwischen den institutionellen Regelungen und den faktischen Beziehungen wird von nationalen Mythen wie Neutralität, Unabhängigkeit, Souveränität, usw. überdeckt.» E. Schmid in: Eine Verfassung für die Europäische Union: Beiträge zu einer grundsätzlichen und aktuellen Diskussion, Springer-Verlag (2013), S. 368.
Befreiungstradition Siehe auch: Rütlischwur, Entstehung und Wachstum der Alten Eidgenossenschaft Die Befreiungstradition hatte eine lange Wirkungsgeschichte in der Alten Eidgenossenschaft, seit dem 16. Jh. in ihrer traditionellen Form des Rütlischwurs der drei Eidgenossen, dem Apfelschuss und Tyrannenmord durch Wilhelm Tell und der darauf folgenden Rebellion (Burgenbruch) gegen die Herren von Habsburg und der Konfrontation bei Morgarten (1315). In all diesen Erzählungen vermischen sich historische Ereignisse mit Legendenbildung.
Nicht eigentlich Teil der Befreiungstradition bzw. des «Gründungsmythos», aber dennoch oft als «nationale Mythen» wahrgenommen, sind Erzählungen zur Entwicklung der achtörtigen Eidgenossenschaft (1353–1481), begonnen bei Winkelrieds Selbstaufopferung in der Schlacht bei Sempach (1386), daneben die Schlacht bei St. Jakob an der Birs (1444) und Episoden aus den Burgunderkriegen (1474–1477).
Frühmoderne Rezeption Die schriftliche Überlieferung von der Gründung der Eidgenossenschaft setzte im 15. Jahrhundert ein. Die Befreiungstradition wurde im Weissen Buch von Sarnen von 1470 erstmals vollständig schriftlich festgehalten und hatte bereits zu diesem Zeitpunkt einen wichtigen Stellenwert als identitätsstiftende Herkunftserzählung der Alten Eidgenossenschaft, die sich im frühen 16. Jh. weiter entfaltete in Erinnerungskultur wie die Tellspiele oder die Tellskapelle.
Die dreizehnörtige Eidgenossenschaft blickte nach der Reformation auf die Acht Alten Orte zurück als eine verlorene Epoche der Einigkeit. Im 17. Jh. wurde oft die Uneinigkeit zwischen katholischen und reformierten Orten als Zeichen der Dekadenz und des Niedergangs beklagt und zur Rückkehr zur Einigkeit der Alten Eidgenossen aufgerufen. So in Johann Caspar Weissenbachs Eydtgnossisch Contrafeth Auff- und Abnemmender Jungfrawen Helvetiae von 1672 (gleichzeitig die erstmalige Verwendung der allegorischen Frauengestalt Helvetia), das den tugendhaften Aufstieg der «Jungfrau Helvetia» kontrastiert mit ihrer Dekadenz als Folge der Reformation. So begegnet die Abnemmende Helvetiae des Vierten Aktes den Figuren Atheysmus und Politicus und wird von ihren alten Tugenden verlassen. In der letzten Szene erscheint Christus, um die törichte Jungfrau zu bestrafen, aber auf Bitten von Gottesmutter und Bruder Klaus wird der reuigen Sünderin vergeben.
Rezeption im 19. Jh. Johannes von Müller verarbeitete die traditionelle Historiographie in seinen Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft (1786–1806). Von Müllers Werk hatte seinen Einfluss in der Zeit der Restauration und Regeneration (1814–1848), als die Schweiz auf der Suche nach einer neuen, modernen Identität war, namentlich unter Einschluss der neuen französischsprachigen Kantone. Von Müllers Geschichten beschränkten sich auf die Alte Eidgenossenschaft bis zum Schwabenkrieg von 1499. Spätere Historiker wie Robert Glutz von Blotzheim und Johann Jakob Hottinger in der Deutschschweiz und Louis Vuillemin und Charles Monnard in der Romandie übersetzten oder erweiterten von Müllers Werk, mit dem Ziel einer kohärenten nationalen Geschichte für das Territorium und die Bevölkerung der Schweiz nach 1848.Ulrich Im Hof: Von den Chroniken der alten Eidgenossenschaft bis zur neuen «Geschichte der Schweiz – und der Schweizer» (2006) S. 16–22. Von Müller wurde abgelöst durch die Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft von Johannes Dierauer (1887–1917, mit Erweiterungen bis 1974). Dierauer bleibt v. a. wegen seines umfangreichen kritischen Apparats noch heute ein Standardwerk.
Neben der Konstruktion einer nationalen Geschichte durch akademische Historiker stehen einflussreiche Werke der «Populärhistorie», namentlich von Heinrich Zschokke und André Daguet. Das Augenmerk sowohl akademischer wie auch populärer Geschichtswerke im 19. Jh. lag auf der früheren Geschichte der Eidgenossenschaft, von der Gründungszeit und der Phase des Wachstums im Spätmittelalter bis zur Reformation im 16. Jh. Dagegen wurde die Frühmoderne (17. und 18. Jh.) als eher uninteressante Zeit der Stagnation angesehen.Im Hof (2005), S. 18.
Eine zwiespältige Rolle kommt in dieser Zeit der Figur des Wilhelm Tell zu: Wilhelm Tell wurde bereits als Verkörperung des Tyrannemörders von der Französischen Revolution und der Elite der verhassten Helvetischen Republik gefeiert. Die Rolle Tells in der Französischen Revolution geht zurück auf ein Stück von Antoine-Marin Lemierre (1766). Die Helvetische Republik verwendete Tell als ihr Wahrzeichen, unter anderem auf dem staatlichen Siegel.
Schillers Wilhelm Tell (1804) wurde von Zeitgenossen kritisiert, weil es sich einer politischen Stellungnahme zugunsten der Französischen Revolution verweigerte, fand aber gerade deshalb in der Schweiz nach 1815 dankbare Aufnahme und trug dazu bei, Tell als schweizerischen Nationalhelden zu «rehabilitieren» (1859 Einweihung des Schillersteins, dem Sänger Tells gewidmet).
Eine wichtige Rolle in der Herausbildung einer «alpinen» Identität der modernen Schweiz spielte das Unspunnenfest, ein Alphirtenfest, das erstmals 1805 (nach dem Ende der Helvetischen Republik) nahe der Burg Unspunnen bei Interlaken durchgeführt wurde. Angeregt wurde das Unspunnenfest von vier aristokratischen Bernburgern, also Angehörigen des Berner Patriziates: vorab dem Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833), der 1798 im Kampf gegen die anrückenden napoleonischen Truppen Berner Oberländer Soldaten befehligt hatte.