Srimandal, auch śrimaṇḍal, śrī maṇḍal und shreemandal, ist ein seltenes Schlagplattenspiel im nordwestindischen Bundesstaat Rajasthan aus 12 unterschiedlich großen runden Metallplatten in einem Gestell, die bei zeremoniellen Prozessionen zur Melodiebildung mit Holzschlägeln angeschlagen werden. Das srimandal gehört neben den Porzellanschüsseln jaltarang und dem jüngeren Xylophon kashta tarang zu den wenigen Aufschlagidiophonen, die in der indischen Musik als Melodieinstrument verwendet werden.
Die moderne und über Rajasthan hinaus in Nordindien in der Unterhaltungsmusik bei Veranstaltungen eingesetzte Variante mit 24 Klangplatten in einem größeren Stahlrohrgestell heißt loh tarang.
Herkunft und Verbreitung mini|Bronzeplatte jagate, die in der Volkstanzmusik von Karnataka verwendet wird Im musiktheoretischen Werk Natyashastra, das um die Zeitenwende entstand, bilden in der Klassifizierung der Musikinstrumente die Idiophone, Sanskrit ghana („fest“), eine eigene Gruppe, die damals aus hölzernen Gegenschlagstäben (heute danda), Zimbeln, Glocken und Rasseln bestand. Auf Reliefs an buddhistischen Stupas aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. sind Elefanten mit umgehängten Klöppelglocken zu sehen, die zusammen mit Schneckentrompeten als Signalinstrumente dienten. Zimbeln (in den Händen gehaltene kleine Paarbecken, Sanskrit tāla) und Fußrasseln (ghungru) wurden in der religiösen Musik und bei Kulttänzen eingesetzt.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 31, 48
Klappern zur rhythmischen Betonung von Tänzen wurden wahrscheinlich bereits in der Induskultur verwendet. Ob es im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. bereits metallene Schlagplatten gab, ist strittig. Der einzige infrage kommende Fund umfasst einige runde Bronzeplatten aus Mohenjo-Daro mit einem Knopf in der Mitte, der zwei Bohrungen besitzt. Durch diese wurde vielleicht eine Schnur geschlauft, um die Platte anzuschlagen.Paul Yule, Martin Bemman: Klangsteine aus Orissa Die frühesten Musikinstrumente Indiens? (In: Archaeologia musicalis, Band 1, 1988, S. 46–50) FID4SA-Repository, Universitätsbibliothek Heidelberg, S. 7 Curt Sachs (1940) hält diese Platten eher für Deckel von Gefäßen.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton, New York 1940, S. 151 Reliefs ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen kleine Paarbecken (tāla) und Trompeten (shringa), die in einer entwickelten Technik aus Bronze hergestellt wurden.Walter Kaufmann, 1981, S. 64, 132
In der Musiktheorie Sangitaratnakara des Sarngadeva aus dem 13. Jahrhundert wird eine Klangplatte jayaghanta (Sanskrit „Siegesglocke“) erwähnt: eine ein Zentimeter dicke Metallplatte mit einem Durchmesser von etwa 46 Zentimetern.Gretel Schwörer-Kohl: Schlagplatten und Schlagplattenspiele. I. Schlagplatten. 2. Geschichte, Verbreitung und Funktion. In: MGG Online, November 2016 In den Händen gehaltene Schlagplatten und Paarbecken sind bis heute in der religiösen indischen Musik und Volksmusik die hauptsächlichen Rhythmusinstrumente, um den Takt zu markieren. In Nordindien heißen Paarbecken allgemein tāla, namentlich abgeleitet bartal in Assam und kartal in Bengalen sowie in Südindien tālam, abgeleitet elathalam in Kerala. Andere Namen sind jhanjh und manjira. Die kleinen Zimbeln (5 bis 10 Zentimeter im Durchmesser) sind becherförmig ohne Rand, die größeren Becken (15 bis über 35 Zentimeter im Durchmesser) besitzen einen halbkugeligen Buckel in der Mitte und einen breiten flachen Rand.Alastair Dick, Pribislav Pitoëff: Tāl. In: Grove Music Online, 2001
mini|hochkant|Der aus Kerala stammende Kathakali-Tänzer und Sänger Pathiyur Sankarankutty (* 1964) schlägt eine chengila als Taktgeber mini|Altes gangsa jongok cenik mit sechs Bronzeklangstäben, das im balinesischen Gamelan semar pegulingan gespielt wurde. Wereldmuseum Amsterdam, vor 1939 mini|Jaltarang-Spielerin Shashikala Dani (* 1959), rhythmisch begleitet vom Kesseltrommelpaar tabla bei einem Konzert in Hubballi, 2019 Das aus dem Sanskrit in heutige nordindische Sprachen übergegangene gantha bezeichnet außer „Glocke“ (maskuline Form ghanta: große hängende Tempelglocke, feminine Form ghanti: in der Hand gehaltene kleine Priesterglocke) auch runde metallene Schlagplatten. Die dicken Platten von unterschiedlicher Größe bestehen aus Glockenmetall (einer Bronzelegierung), werden mit der linken Hand an einer Schnur gehalten und mit einem Holzklöppel in der rechten Hand geschlagen.Alastair Dick: Ghaṇṭā. In: Grove Music Online, 2001
Ein anderer in nordindischen Sprachen verbreiteter Name für diese runden Schlagplatten ist ghari. In Nordindien beträgt ihr Durchmesser etwa 20 Zentimeter bei einer Dicke von 5 bis 10 Millimetern. Ghari werden in der religiösen Musik in Hindutempeln und als Taktgeber in Trommelensembles der Volksmusik zur Tanzbegleitung verwendet. Zur religiösen Verehrung (puja) von Hindus angeschlagen entspricht die runde ghari der ungefähr dreieckigen kyizi der buddhistischen Gläubigen in Myanmar.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (2. Auflage 1923) Georg Olms, Hildesheim 1983, S. 29f Bronzeschlagscheiben sind in der buddhistischen Ritualpraxis zwischen Tibet und Japan von Bedeutung. Regionale Bezeichnungen für flache runde Schlagplatten sind ghant in Odisha, jhalar in Rajasthan sowie in Südindien chengila, cennala, jaganta, jagate und semakkalam.Alastair Dick: Ghaṙī. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016
Eine dünnere kreisrunde Platte mit einem umgebogenen Rand ist ein Flachgong, der von einer flachen Schlagplatte zu unterscheiden ist. Als Flachgong wird in Indien auch ein metallener Essensteller thali mit Holzschlägeln geschlagen. Andere Flachgongs heißen regional ebenfalls ghanta. Der ghanto in Odisha ist in der Mitte etwas dicker und kann für unterschiedliche Tonhöhen gefertigt werden.Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 57
Das srimandal steht mit in Ost- und Südostasien entwickelten Idiophonen in Beziehung.K. S. Kothari, 1968, S. 27 Ein Melodieinstrument aus 16 in einem senkrechten Gestell hängenden Eisenplatten gelangte mutmaßlich mit Turkvölkern im 7. Jahrhundert nach China. Dieses fangxiang war während der Tang-Dynastie (618–907) beliebt und Vorbild für das seit dem 11. Jahrhundert in Korea verwendete panghyang.Gretel Schwörer-Kohl: Schlagplatten und Schlagplattenspiele. II. Schlagplattenspiele. 2. Geschichte, Verbreitung und Funktion. In: MGG Online, November 2016 Als tragbarer leichterer Nachfolger des fangxiang und damit dem srimandal noch näher verwandt ist das chinesische yunlou, ein Gestell mit in Reihen hängenden flachen Gongs mit einem tellerförmigen Rand. Von einem ähnlichen Gongspiel namens yun’ao mit 13 Gongs berichten Quellen aus der Yuan-Dynastie (1279–1368). Das bis heute in der religiösen Ritualmusik verwendete yunluo besteht aus typischerweise 10 bis 20 Tellergongs von gleichem Durchmesser, aber unterschiedlicher Blechdicke in einer heptatonischen Stimmung. Ein ähnliches Gongspiel ist das koreanische ulla.Stephen Jones: Yunluo. In: Grove Music Online, 2001 Ein seltenes Gongspiel mit 9 senkrecht an einem Holzgestell hängenden Buckelgongs ist das meko auf der kleinen ostindonesischen Insel Roti.
Heute sind Melodieinstrumente aus Metallklangplatten (Metallophone) und Buckelgongs (Gongkreise und Gongreihen) mit klaren Tonhöhen in Südostasien hauptsächlich in Indonesien (bonang), Malaysia, Thailand (khong wong yai) und in Myanmar (im Ensemble hsaing waing) verbreitet. In Java sind Metallophone mit liegenden Platten (wie gendèr und saron) seit dem 9. Jahrhundert bekannt.James Blades: Metallophone. In: Grove Music Online, 2001 Auf Bali heißen sie gangsa. Die zum philippinischen Gongspiel gangsa gehörenden Flachgongs mit einem breiten Rand produzieren nur ungefähre Tonhöhen, dienen aber in der Ritualmusik als Melodieinstrumente.
In der griechisch-römischen Antike kannte man crotala genannte kleine Becken. Die heutigen Crotales (auch Krotales oder antike Zimbeln) sind ein aus mehreren Bronzezimbeln mit Durchmessern zwischen 6 und 12 Zentimetern bestehendes, hoch klingendes Melodieinstrument, das vereinzelt in der klassischen Musik eingesetzt wird.Birgit Heise: Schlaginstrumente. C. Das Schlagzeug in der Musik nach 1600. In: MGG Online, 24. August 2021 Eine weitere europäische Parallele zum srimandal ist das tragbare Metallophon Lyra mit Klangplatten in einem senkrecht gehaltenen Rahmen, das von Marschkapellen gespielt wird. Die Lyra gelangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, beeinflusst vom Schellenbaum der türkischen Militärkapellen Mehterhâne nach Deutschland.James Blades: Bell-lyra. In: Grove Music Online, 2001
In Indien werden die verbreiteten Schlagplatten, Flachgongs, Zimbeln und Becken nicht als Melodie- oder Borduninstrument eingesetzt. Idiophone Melodieinstrumente haben in Indien aus musiktheoretischen Erwägungen keine Tradition, weil sich mit ihnen keine für die klassische Musik benötigte Mikrointervalle (shrutis) und keine melodischen Verzierungen (gamaka) erzeugen lassen. Außerdem gehören die meisten indischen Idiophone zu den Klangerzeugern mit unbestimmter Tonhöhe.
Das bekannteste Idiophon in Indien mit einer bestimmten Tonhöhe ist das jaltarang, ein im Halbkreis aufgestelltes Set von Porzellanschüsseln, die durch eingefülltes Wasser auf ihre Tönhöhen gestimmt und mit Holzstäben geschlagen werden. Die früheste gesicherte Erwähnung enthält Ahobalas Musiktraktat Sangita Parijata aus dem 17. Jahrhundert. Es ist fraglich, ob ein udaka vadya („Wasser-Musikinstrument“), das im Kamasutra (möglicherweise 3. Jahrhundert) des Autors Vatsyayana erwähnt wird, als Vorläufer des jaltarang gedeutet werden kann.Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 50f Eine Spur führt in den östlichen Mittelmeerraum, wo byzantinische Manuskripte ab dem 4. Jahrhundert Musiker abbilden, die auf einem Tisch in Reihe stehende Schalen mit Stöckchen schlagen. Ab dem 11. Jahrhundert wird von solchen Musikinstrumenten in arabischen Schriften berichtet. Mit den muslimischen Eroberern könnten nachfolgend die mit Wasser gefüllten Schüsseln nach Indien gekommen sein.Sumita Dutta, Dipankar Chakraborty: The Untold History of Jal Tarang: A Critical Exploration of its Origin, Evolution and Preservation Initiatives. In: Sangeet Galaxy e-Journal, Band 13, Nr. 2, Juli 2024, S. 4–16, hier S. 8f
Charles Russel Day (1891) beschreibt die Porzellanschüsseln im Zusammenhang mit dem sapta ghantika (Sanskrit „sieben Glocken“, auch sabdaghantika, septaghantika oder septasvarab), das er „Indian Glockenspiel“ nennt. Dieses „ähnliche, aber musikalischere“ Instrument bestand aus mehreren gestimmten Metallplatten oder aus Glöckchen, die mit kleinen fellbezogenen Hämmern angeschlagen wurden.Charles Russel Day: The music and musical instruments of southern India and the Deccan. Novello, Ewer & Co., London/New York 1891, S. 105f Das sapta ghantika war ein kleines Tasteninstrument in der Form einer bulbultarang, bei dem die Hämmerchen für die Glocken oder Platten über Tasten bedient werden. Dieses Glockenspiel besaß um 1900 sieben Tasten, heute werden Instrumente mit 14 Tasten und 14 Klangkörpern im Innern eines hölzernen Gehäuses hergestellt.Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. Doubleday, New York 1964, S. 456, s. v. „Saptaghantikā“