Die Islam-Landkarte ist ein seit 2012 bestehendes kontroverses Forschungsprojekt der Universität Wien. Ziel ist laut Eigenangaben die „Datenerfassung und wissenschaftliche Analyse islamischer Kultusgemeinden, Moscheeinrichtungen, Moscheegemeinden, Fachvereine und weitere Einrichtungen“ in Österreich. Es befindet sich im Verantwortungsbereich des Instituts für Islamisch-theologische Studien und wird vom islamischen Religionspädagogen Ednan Aslan geleitet.

Das Forschungsprojekt löste unter der Bundesregierung Kurz II eine größere Kontroverse aus und geriet 2021 auch in den Fokus internationaler Medien. Nach scharfer Kritik kam es auch zu Klagen, die in weiterer Folge in einen Rechtsstreit zwischen der verantwortlichen Universität Wien und der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ) mündete. 2024 entschied das österreichische Bundesverwaltungsgericht (BVwG) aus Datenschutzgründen im Sinne der Kläger, wobei damit aus der Sicht der Universität das Recht auf Freiheit der Wissenschaft und Meinungsäußerung verletzt werde, weshalb das Verfahren in die nächste Instanz geht.

Hintergrund und Ziele Laut der Projektbeschreibung liegt ein Ziel in der „systematische(n) Erfassung und Darstellung der islamischen Organisationen in Österreich“. Die Ausarbeitung und Zuständigkeit liegt beim Institut für Islamisch-theologische Studien der Universität Wien. Die Karte solle einen Überblick über „die gegenwärtige islamische Vereinslandschaft“ geben, wobei die „die jeweilige inhaltliche Ausrichtung der großen Dachverbände, die geografische Lage sowie Kurzbeschreibungen der mitgliederstärksten Vereine sowie deren Vernetzung mit den Dachverbänden abgerufen werden könne“. Die Daten werden laut Eigenangaben laufend aktualisiert. Projektleiter Aslan erklärte nach dem Start 2012, dass man mit dem Forschungsprojekt die Islam-Debatte versachlichen und die Bevölkerung über eine offene Diskussion informieren wolle. Er kritisierte bei mehreren Organisationen auch die Rolle ausländischer Akteure und ihrer Einflussnahme, wie durch die Millî-Görüş-Bewegung, was mit dem Projekt ebenso aufgezeigt werden sollte. Die Islam-Landkarte wurde im Rahmen des von der Europäischen Union und vom Innenministerium kofinanzierten Projektes „Imame in Österreich“ erarbeitet und erfasste zu Beginn 400 Vereine. 2025 wurde das Projekt mit der Video-Reihe „Hey Imam!“ erweitert, wo man über Dokumentationen, Interviews und Beiträge „Einblicke in das muslimische Leben und die vielfältigen Perspektiven der islamischen Gemeinschaft in Österreich“ geben will. Es handelt sich um eine visuelle Ergänzung zur Landkarte.

Kontroverse 2021 Die österreichische Integrationsministerin Susanne Raab von der ÖVP präsentierte am 27. Mai 2021 eine Neuauflage der Islam-Landkarte der Universität Wien. Bei der Pressekonferenz wurde bekanntgegeben, dass die Dokumentationsstelle Politischer Islam die Überarbeitung unterstützt habe, wobei 623 islamische Einrichtungen erfasst worden seien. Weiters habe die Dokumentationsstelle ab 2021 zwei Stellen für Universitätsassistenten bei Aslan an der Universität finanziert. Die abgebildeten Informationen seien laut Raab auch für Behörden relevant, etwa für Entscheidungen darüber, wer ein Partner für die Integration sein könne oder wer Fördergeld beziehen könne. Projektleiter Aslan erklärte, dass es darum gehe, die muslimischen Organisationen aus „einer Isolation“ zu befreien, sie in die Mitte der Gesellschaft zu bringen und damit Selbstreflexion zu ermöglichen. Kritik gab es bereits beim Projektstart 2012, nach der Präsentation kam jedoch massive Kritik von mehreren Seiten, unter anderem von der betroffenen Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich.

In der 2021 präsentierten Version wurde das Afro-Asiatische Institut als „Hort des Islamismus“ dargestellt. Später wurde diese Information ohne einen Verweis auf die Richtigstellung entfernt. Bei einer bosnischen Moschee in Salzburg wurde ein Foto von Erdogan bei einer Eröffnung einer Moschee in Bosnien gezeigt und im Begleittext vor dem türkischen Einfluss in Bosnien gewarnt, wobei es keine Verbindung zu dieser Moschee in Salzburg gab. Zudem befinden sich auf der Karte Vereine, die seit Jahren nicht mehr existieren oder ein arabischer Kulturverein, in dem arabische Christen Mitglieder sind. Im Jugendkultursender FM4 des ORF wurde die „vermeintlich neutrale Darstellung als Landkarte“ als „perfide“ und „schlampiges Forschungsprojekt“ charakterisiert, da diese ein Bild von Österreich schaffe, das von Moscheen, islamischen Vereinen und ausländischem Einfluss durchdrungen sei. Dabei umfasse sie teils Vereine, welche „seit Jahren nicht mehr existieren“, was auch Hans Rauscher vermerkte.Hans Rauscher: Islam-Karten-Flop, Der Standard, 3. Juni 2021

Kritik von Wissenschaftlern Nachdem das Projekt bis dahin medial kaum rezipiert worden war, kam es in Folge der Präsentation der Neuauflage zu einer kontrovers geführten Debatte. Der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker (Universität Wien) kritisierte unter anderem, diese Landkarte habe keinen Erkenntniswert und sei deshalb wissenschaftlich nicht beachtet worden. Sie sei handwerklich schlecht gemacht und enthalte selbst bei einem flüchtigen Durchgang mehrere Lücken und Fehler. Auch der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze (Universität Bern) kritisierte, die Karte könne nicht ansatzweise den deklarierten Zweck erfüllen, Auskunft über die innerösterreichische Diversität der islamischen Religionsgemeinschaft zu geben. Man erfahre nichts über die soziale Reichweite der Institutionen, über ihre Beziehung zur lokalen Kultgemeinde und über die Funktionen der erfassten Institution in der Kultgemeinde… Allein die Vorstellung, man würde die jüdischen Gemeinden durch ein Verzeichnis der jüdischen Gemeindeorganisationen und Synagogen in einer Landkarte abzubilden suchen, lasse einen erschauern. Der Soziologe Marc Helbling von der Universität Münster bezeichnete die Landkarte aufgrund der geringen Information als „wenig nützlich“, Adressen alleine hätte keinen wissenschaftlichen Wert. Er kritisiert, dass alle Strömungen des Islam vermengt und vermischt werden und so schnell ein Generalverdacht entstehen könne.

Für den Politikwissenschaftler Cengiz Günay, Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik stellte sich die Frage, nach welchen Kriterien vorgegangen wurde und, ob die vorgenommenen Kategorisierungen überhaupt stimmten. Zudem trage die Karte zur Stigmatisierung bei: „Wenn man das schon von politischer Seite bei der Präsentation extra noch betonen muss, dass es kein Generalverdacht ist, dann ist meiner Meinung nach schon von Anfang an etwas schiefgelaufen“

Die Politikwissenschaftlerin und stellvertretende Sprecherin des Forschungszentrums Religion und Transformation, Sieglinde Rosenberger (Universität Wien), kritisiert die Islamlandkarte als empirisch unzureichend und konzeptionell unscharf. Es fehle eine klare Differenzierung zwischen Organisationen mit und ohne Nähe zum politischen Islam sowie geeignete analytische Werkzeuge, um ideologische und praktische Positionierungen einzuordnen. Dadurch entstehe kein nachvollziehbarer Erkenntnisgewinn zur Auseinandersetzung mit extremistischen Ideologien, sondern eine pauschale Generalisierung, die sachliche Diskussionen erschwere und den Vorwurf des Generalverdachts nähre. Zudem thematisiert Rosenberger die wissenschaftliche Verantwortung: Die Islamlandkarte genüge weder methodischen Standards noch sei ersichtlich, ob sie einem wissenschaftlichen Prüfverfahren unterzogen wurde. Ihre Präsentation erfolgte ausschließlich im parteipolitischen Rahmen einer Pressekonferenz der ÖVP-Integrationsministerin, was angesichts der restriktiven Integrationspolitik gegenüber muslimischen Gemeinschaften von Rosenberger kritisch bewertet wird.

Der Rechtswissenschaftler Stefan Schima (Universität Wien) merkte an, dass auf der Karte Hinweise zu einer Person zu finden seien, der eine Spionagetätigkeit vorgeworfen worden sei: „Landkarten sollten ein Hort der Tatsachen sein, bloße Vermutungen sollten auf ihnen – wenn überhaupt – nur selten Platz haben.“ Zudem sei fraglich, ob eine solche Karte dem Ziel, den Politischen Islam zu bekämpfen, tatsächlich dienen könne. Auch merkte er an, dass Einrichtungen der Islamischen Gemeinschaft in Österreich wie alle anderen gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaften vom Beobachtungsbereich der Bundessektenstelle ausgeschlossen ist, diese stattdessen aber auf der Islam-Landkarte vermerkt seien. Das führe zu gleichheitsrechtlichen Bedenken.

Der Praktische Theologe Bernhard Lauxmann (Universität Wien) bezeichnete die Landkarte als Teil einer „perfiden Policy“, die einer offen islamfeindlichen Wählerschaft diene. Zugleich sei sie eine Warnung und Drohung an die Muslime in Österreich: „Lange galt es als europäischer Zivilisationserfolg, dass der Staat nicht mehr über religiöse Wahrheiten befindet [...] – nun vergibt die Regierung vermittelt über eine Dokumentationsstelle erneut religiöse Haltungsnoten: Man entscheidet staatlicherseits wieder über gute, weniger gute und schlechte Religion (Veröffentlichung der Privatadressen der Beurteilten inklusive).“

Politische Reaktionen Die Integrationssprecherin der Grünen Faika El-Nagashi kritisierte die Karte: „Muslimische Einrichtungen werden vorweg mit islamistischen vermischt, medial wird von hunderten Organisationen auf einer staatlichen Watchlist gesprochen. Die Stigmatisierung der muslimischen Communities durch diese Liste ist massiv und aus unserer Sicht nicht dazu geeignet, zu einem besseren Zusammenleben beizutragen.“ Die ÖVP lobte das Projekt ihrer Ministerin. Sebastian Kurz erklärte, dass das Projekt Transparenz bringe, und diese solle und werde einen Beitrag zum positiven Miteinander leisten. Die NEOS sahen in der Präsentation ein Ablenkungsmanöver zu Ermittlungen gegen Kurz. Die FPÖ sah sich in ihren Warnungen vor den Gefahren der „überschießenden und zum überwiegenden Teil illegal stattfindenden Migration aus dem islamischen Kulturkreis“ bestätigt. Scharfe Kritik kam aus der SPÖ von Aslihan Bozatemur, Safak Akcay und Omar Al-Rawi, diese erklärten, dass damit Muslime zur Zielscheibe feindlicher Attacken und alle in Österreich lebenden Muslime unter Generalverdacht werden würden.

Kritik von Religionsvertretern, NGOs und Medienvertretern Der IGGÖ-Präsident Ümit Vural bezeichnete das Projekt der Universität Wien als „massives Sicherheitsrisiko“ für Muslime. Die MJÖ erklärte: „Die Veröffentlichung sämtlicher Namen, Funktionen und Adressen von muslimischen und als muslimisch gelesenen Einrichtungen stellt eine nie dagewesene Grenzüberschreitung dar“, und kündigte juristische Schritte an. Die JöH kritisierten die Karte scharf: Muslime müssten sich „beobachtet und unter Generalverdacht gestellt fühlen und sich gleichzeitig fürchten, weil Standorte muslimischer Einrichtungen für die Öffentlichkeit exposed werden … Das ist Diskriminierung per Handbuch.“

Kardinal Christoph Schönborn von der Katholischen Kirche in Österreich sorgte sich um den Religionsfrieden, weil eine Religion „herausgepickt“ werde und schlug stattdessen einen allgemeinen Religionsatlas vor. Bischof Michael Chalupka von der Evangelischen Kirche forderte, die Karte „schnell wieder vom Netz“ zu nehmen.