Étienne Jean Bignou (geboren am 3. Juni 1891 in Paris; gestorben am 12. Dezember 1950 in Paris) war ein französischer Kunsthändler. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gehörte er zu den führenden Pariser Galeristen für Kunst des 19. Jahrhunderts und Werke zeitgenössischer Künstler. Mit engen Verbindungen zum Kunstmarkt im Vereinigten Königreich und einer Geschäftsfiliale in New York verfügte er über ein internationales Netzwerk zu anderen Kunsthändlern und Sammlern in Europa und den Vereinigten Staaten. Umstritten sind seine Kunstverkäufe während der Deutschen Besetzung Frankreichs, darunter an eine Reihe von deutschen Museen.

Leben Familie und Ausbildung Étienne Bignou kam 1891 als Sohn des Bankangestellten Gaston Edmond Bignou und seiner Frau Jeanne, geborene Bernard Blanc, in Paris zur Welt. Die Familie lebte in der Rue de Chabrol Nr. 26 im 10. Arrondissement. Die Mutter heiratete 1899 in zweiter Ehe Théodore Bonjean (1861–1913), der eine Kunstgalerie in der Rue Laffitte Nr. 10 führte.Christel H. Force: Etienne Bignou, the gallery as antechamber of the museum, S. 201–230. Seine Schulzeit verbrachte Bignou teilweise in London.Jason Mientkiewicz: Etienne Bignou. The Modern Art Index Project, Leonard A. Lauder Research Center for Modern Art, The Metropolitan Museum of Art, New York 2021. Anschließend erhielt er dort eine Ausbildung im Pelzhandel. Mit entsprechend guten Englischkenntnissen kehrte er 1909 als Achtzehnjähriger nach Paris zurück. Hier arbeitete er in der Kunsthandlung seines Stiefvaters Théodore Bonjean.

Bignou war kurzzeitig mit Juliette Diot (1900–1996) verheiratet. Die zweite Ehe ging er 1917 mit Germaine Henriette Françoise Vrancken (1893–1965) ein. Aus dieser Verbindung stammen der 1919 geborene Sohn Michel und der 1922 geborene Sohn Bernard.

Bignous erste Galerie Als Théodore Bonjean 1913 starb, übernahm der 22-jährige Bignou dessen Galerie. Der Stiefvater hatte zunächst mit zeitgenössischer französischer Kunst gehandelt und sich dann auf Werke italienischer und flämischer Künstler des 14. und 15. Jahrhunderts konzentriert.Sabine Scherzinger: „Interesse daran weiteres Bildermaterial bei ihm zu sehen“., S. 184. Zu seinem Galeriebestand gehörten beispielsweise Werke von Jean-Baptiste-Camille Corot und Honoré Daumier.

Nach der Ersten Weltkrieg firmierte die Kunsthandlung als Galerie Bignou. 1919 verlegte Bignou seine Galerie in die Rue la Boétie Nr. 8. Die Straße war mit mehreren Galerien das damalige Zentrum des Kunsthandels für moderner Kunst. Hier verkaufte er neben Kunst des 19. Jahrhunderts vor allem Werke zeitgenössischer Künstler. Beispielsweise stellte Bignou zu Beginn der 1920er Jahre in seiner Galerie Arbeiten der Künstler Jean Lurçat und Raoul Dufy aus. Lurçat malte 1926 ein Porträt von Bignou, Dufy schuf in den 1930er Jahren mehrere Bildnisse von Bignous Sohn Michel. Es folgten weitere Künstler wie Georges Braque, Fernand Léger, André Derain, Pablo Picasso, Henri Matisse und Maurice Utrillo, die Bignou zeigte, als sie kaum oder gar nicht in den Sammlungen der Museen vertreten waren. Darüber hinaus erwarb Bignou auch Manuskripte, beispielsweise die erste handgeschriebene Fassung des Romans Reise ans Ende der Nacht von Louis-Ferdinand Céline.

Verkäufe auf dem britischen Kunstmarkt Seit 1921 expandierte Bignou auf den britischen Kunstmarkt und pendelte regelmäßig zwischen Paris und dem Vereinigten Königreich. Hier arbeitete er eng mit den Kunsthändlern A. J. McNeill Reid (1893–1972), Sohn des Kunsthändler Alexander Reid (1854–1928) aus Glasgow, und Ernest Albert Lefèvre (1869–1932) von der Lefevre Gallery in London zusammen. Er belieferte den britischen Markt mit französischen Kunstwerken genau zu der Zeit, als die Londoner National Gallery und Privatkunden wie Samuel Courtauld ihre Sammlungen mit Werken des Impressionismus und Post-Impressionismus ausbauten. In den Galerien der befreundeten Kunsthändler organisierte er eine Reihe von Ausstellungen. Beispielsweise zeigte er 1923 in der Londoner Lefevre Gallery Werke von Edgar Degas, Claude Monet und Pierre-Auguste Renoir. Hinzu kamen Einzelausstellungen zu den Künstlern Eugène Boudin, Honoré Daumier, Henri Matisse, Odilon Redon, Henri Rousseau, Georges Seurat und Maurice Utrillo.

1926 leitete Bignou die Fusion der beiden bisher konkurrierenden Kunsthandlungen Reid und Lefèvre ein, die fortan als Alex Reid & Lefèvre firmierten. Bignou war einer der vier Gründungsdirektoren der Galerie und blieb bis 1927 in dieser Funktion. Er organisierte in London in den Folgejahren weitere Ausstellungen zu namhaften Künstlern, so 1929 zu Amedeo Modigliani, 1931 zu Pablo Picasso, 1932 zur École de Paris, 1934 zu Georges Braque, 1935 zu Pierre-Auguste Renoir und Paul Cézanne, 1936 zu Salvador Dalí und zu Abstrakter und Konkreter Kunst. Seine Zusammenarbeit mit der Londoner Galerie Alex Reid & Lefèvre nutzte Bignou auch für seine Geschäfte in die Vereinigten Staaten. Bei seinen wiederholten Reisen nach New York kooperierte er mit der Galerie M Knoedler & Co, die enge Verbindungen zu Alex Reid & Lefèvre pflegte.

Expansion in Paris und New York Zusammen mit den Pariser Brüdern Gaston und Josse Bernheim erwarb Bignou 1929 die etablierte Galerie des verstorbenen Kunsthändlers Georges Petit in der Rue de Sèze Nr. 8.Biografische Angaben zu Étienne Bignou im Archiv des Wildenstein Plattner Institute Direktor der Galerie wurde der in Paris lebende Schweizer Georges Keller. Er organisierte in den Folgejahren mehrere bedeutende Ausstellungen. Hierzu gehörte die von der Bignou Galerie mitorganisierte Retrospektive des Werks von Pablo Picasso. Die 1932 im Kunsthaus Zürich gezeigte Schau war die erste Museumsausstellung des Künstlers. In diese Zeit fallen auch Verkäufe an die bedeutenden amerikanischen Sammler Albert C. Barnes und Chester Dale, deren Sammlungen heute museal gezeigt werden (Barnes Foundation und National Gallery of Art). Dale war darüber hinaus Teilhaber der Galerie Georges Petit. Die Galerie musste 1933 aus wirtschaftlichen Gründen schließen.

1935 eröffnete Bignou eine eigene Filiale in New York. Die neue Bignou Gallery im Rolls-Royce Building in der East 57th Street Nr. 32 leitete Georges Keller, der nach seiner Tätigkeit für die Galerie Petit in Bignous Pariser Filiale gearbeitet hatte und schließlich deren Teilhaber wurde.Archives Directory for the History of Collecting in America der Frick Collection New York In New York zeigte die Bignou Gallery vor allem zeitgenössische Künstler, so 1939 und 1941 Pablo Picasso, 1945 und 1947 Salvador Dalí und 1948 Henri Matisse.

Bignous Rolle während des Zweiten Weltkrieges Bignous Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges sind teilweise umstritten, wobei ihm vor allem die Kollaboration mit den deutschen Besatzern vorgeworfen wurde. Zu Beginn des Krieges bestand der Verdacht, Bignou habe illegal Kunstwerke aus Frankreich exportiert. Hierbei ging es um Werke aus dem Bestand des Kunsthändlers Ambroise Vollard, der kurz vor Beginn des Krieges im Juli 1939 gestorben war und zu dem Bignou zuvor eine intensive Geschäftsbeziehung hatte. Im Rahmen der Zusammenarbeit zeigte Bignou in seiner New Yorker Galerie Werke aus Vollards Bestand. Darüber hinaus war Bignou 1936 mit Vollard zusammen zu dessen erstem Besuch in die Vereinigten Staaten gereist, wo sie gemeinsam eine Cézanne-Ausstellung eröffneten.

Der Nachlass Vollards wurde aufgeteilt zwischen einerseits seinen Geschwistern (darunter sein Bruder Lucien Vollard) und andererseits Vollards langjähriger Freundin Madeleine de Galéa (1875–1956), wobei Bignou die Interessen Letzterer vertrat und der Kunsthändler Martin Fabiani für die Geschwister agierte. Lucien Vollard beauftragte Fabiani den Anteil der Familie zu verkaufen. Sie vereinbarten, hierzu die Bignou Gallery in New York und Reid & Lefevre in London zu nutzen, die dafür eine Gewinnbeteiligung erhalten sollten. Fabiani versuchte daraufhin, 702 Kunstwerke von Künstlern wie Pierre-Auguste Renoir, Paul Cézanne, Paul Gauguin und Pierre Bonnard über Lissabon in die Vereinigten Staaten zu verbringen. Das hierzu genutzte Schiff, die US-amerikanische SS Excalibur, wurde durch die britische Royal Navy in Hamilton auf Bermuda abgefangen. Die an Bord befindlichen Kunstwerke aus der Sammlung Vollard wurden als Feindvermögen beschlagnahmt, da Frankreich inzwischen von deutschen Truppen besetzt war. Die Sammlung wurde anschließend in der National Gallery of Canada in Ottawa deponiert. In diesem Zusammenhang erhobene Vorwürfe gegen Bignou erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet, da er hier nicht direkt beteiligt war. Nach dem Krieg erhielten die Geschwister Vollard 1949 diese Kunstwerke zurück.Christel H. Force: Bignou, Étienne. Biografische Angaben auf der Website des Institut national d’histoire de l’art Fabiani übernahm im Laufe des Krieges später die jüdische Galerie André Weil und handelte mit weiteren Kunstwerken aus jüdischem Besitz. Durch die Zusammenarbeit beim Vollard-Nachlass fiel zunächst auch ein entsprechender Verdacht auf Étienne Bignou, der sich jedoch nicht bestätigte.

Die Bignou Gallery in New York wurde per 14. Mai 1941 in ein amerikanisches Unternehmen umgewandelt, geleitet vom Schweizer Georges Keller, dem Briten Duncan M. MacDonald und dem Anwalt Max Shoop. Die Geschäftsbeziehungen zwischen Paris einerseits und New York und London andererseits waren während der Besatzung Frankreichs unterbrochen. Bignou konnte weder über seine Auslandskonten noch über die Kunstwerke seiner Galerie im Ausland verfügen.