Delivery After Raid, auch The London Milkman (dt.: „Lieferung nach dem Bombenangriff“, „Milchmann von London“) ist eine Schwarzweiß-Fotografie von Fred Morley vom 9. Oktober 1940.David Hayes: The smoke this time. Inside Story. insidestory.org.au 1. November 2011. Das Bild zeigt einen angeblichen Milchmann, der seine Lieferung in Holborn, Central London austrägt, nachdem deutsche Bomber im The Blitz das Gebiet zerstört hatten. Feuerwehrmänner sind im Hintergrund zu sehen, die rauchende Trümmer löschen.Fred Morley: Delivery After Raid. Photo by Fred Morley/Fox Photos/Hulton Archive/Getty Images. 9. Oktober 1940. 5400 × 3991 px (18.00 x 13.30 in), Getty Images. Die Historikerin Lucy Worsley erklärt, dass das berühmte Foto von Morley inszeniert wurde. Er benutzte seinen Assistenten, um einen Milchmann darzustellen, der scheinbar unbeirrt in den Ruinen von London seine Milch ausliefert.Emma Frank: Blitz Spirit with Lucy Worsley. Blakeway. BBC One. 12. November 2021. Event occurs at 1:10:47-1:12:08.Christopher Howse: Never Mind the Milkman, the Ruins are Real. In: Daily Telegraph. September 2010: S. 7 .Bernd Debusmann, Jr.: Nothing can break London’s spirit. In: Khaleej Times. 5. Juni 2017. Das gestellte Foto illustriert den so genannten „Blitz Spirit“,Suzanne Bosman: The National Gallery in Wartime. National Gallery Company; Yale University Press 2008, ISBN 978-1-85709-424-4, S. 59. den Mut und die Tapferkeit der britischen Bevölkerung trotz der Bombenangriffe.Rachel Sigee: Blitz Spirit with Lucy Worsley was a long overdue reimagining of ‘Britain’s finest hour’. In: The i Paper. 23. Februar 2021 (inews.co.uk) abgerufen am 20. Dezember 2024. Dadurch konnte Morley die Kriegszensur umgehen und der Weltöffentlichkeit die tatsächliche Verwüstung der Stadt im Hintergrund zeigen und gleichzeitig positive Propaganda betreiben. Das Bild ist nur eines von mehreren Fotos, die während des Krieges zur Stärkung der Moral eingesetzt wurden. Dazu gehörten auch ein Foto eines Postboten bei der Arbeit in den Ruinen, ein Foto von Männern, die in den Trümmern der Holland House Library in Büchern stöberten, und ein Foto der St.-Pauls-Kathedrale nach einem Bombenangriff.Jane McArthur: Addressing the ‘Myth of the Blitz’. Imperial War Museum. 15. August 2017 (iwm.org.uk) abgerufen am 20. Dezember 2024

Komposition Das Foto zeigt die Folgen eines deutschen Bombenangriffs auf eine Londoner Straße im Oktober 1940 während des „Blitz“ im Zweiten Weltkrieg. Im Hintergrund sind die Umrisse von Gebäuden zu erkennen, die links und rechts noch stehen, während der helle Himmel von der oberen rechten Ecke auf die nun zerstörten Gebäude herabscheint. Die Straße ist aufgrund der Trümmer und des Schutts kaum zu sehen. In der oberen linken Ecke glimmen noch Feuer, während Dampf und Rauch bei den Feuerwehrleuten aufsteigen. Diese sind im Hintergrund leicht verschwommen zu sehen, mit dem Rücken zur Kamera, und halten einen Feuerwehrschlauch, um die Überreste der nun dem Erdboden gleichgemachten Gebäude zu besprühen und die letzten Glutnester zu löschen. Direkt rechts neben den Feuerwehrleuten ist im Vordergrund der Milchmann zu sehen. Er trägt eine glänzende, weiße Jacke und hält in seiner rechten Hand einen Kasten mit Milchflaschen,Guy Woodward: Culture, Northern Ireland, and the Second World War. Oxford University Press, 2015, ISBN 978-0-19-871685-3, S. 149. und in der rechten Jackentasche eine einzelne Milchflasche. Der Mann schreitet mit entschlossenem, kühnem Gesichtsausdruck selbstbewusst durch die Trümmer – ein ungewöhnliches Bild inmitten der weitverbreiteten Zerstörung.Roger Hargreaves: Daily Encounters: Photographs from Fleet Street. National Portrait Gallery 2007, ISBN 978-1-85514-377-7, S. 75, 80.Joanna Pitman: Daily Encounters, National Portrait Gallery, WC2. In: The Sunday Times. 3. Juli 2007 (thetimes.com).Sue Steward: History preserved in a flash. Evening Standard. 10. Juli 2007: S. A38 (newspapers.com). Der Milchmann ist scharf abgebildet, nur eines seiner Beine ist durch die Bewegung verschwommen, was auf eine lange Belichtungszeit des Fotografen hindeutet. Sein Arm ist leicht erhoben und kompositorisch auf den Feuerwehrschlauch im Hintergrund ausgerichtet. Zerbrochene Bauteile, möglicherweise ein Türrahmen, ragen diagonal in die Ferne hinter ihm und erinnern uns visuell daran, dass dies einst eine Straße war.James M. McArdle: October 9: Fake. In: On This Date in Photography. 9. Oktober 2017 (onthisdateinphotography.com).

Hintergrund Fox Photos Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die britische Presse ihren Sitz in der Fleet Street im Zentrum Londons. 1926 erwarben der Investor Richard Fox, der Fotograf Reginald Salmon und der Journalist Ernest Beaver die Firma „Special Press“ und benannten sie in „Fox Photos“ um. Laut Kuratorin Sarah McDonald wurde Fox Photos bekannt für seine Fotodienstleistungen für die neuen Medien der damaligen Zeit, die zunehmend auf visuelles Storytelling setzten, was zu einer stark steigenden Nachfrage nach Pressefotografen führte. Fox war auch eine der ersten Agenturen, die Farbfilm einsetzte, insbesondere während ihrer Berichterstattung über den Zweiten Weltkrieg.Eduardo Cadava: „Lapsus Imaginis“: The Image in Ruins. In: October. 21/2001, Band 96, S. 35. doi:10.2307/779116 Fox Photos berichtete über aktuelle Nachrichten, Transportwesen, Industrie und Reportagen über Menschen. Höhepunkte ihrer Archivfotosammlung zeigen einen Schwerpunkt auf Bildern von Arbeitern, Soldaten und der Energieerzeugung.Rebecca Streiman: The British Press Agencies Collection At The AGO. (MA thesis). Toronto Metropolitan University. 2009, doi:10.32920/ryerson.14645274.v1 Im Januar 1926 begann Fred Morley seine Tätigkeit bei Fox Photos. Er war ein professioneller Fotojournalist, der nach dem Krieg weiterhin für Fox arbeitete. Er starb im Januar 1969 im Alter von 67 Jahren. Fox Photos stellte den Betrieb in den 1980er Jahren ein, als ihre Sammlungen von der Hulton Press Library, später Getty Images, übernommen wurden.

The Blitz mini|Damaged Library.Eine vermutlich gestellte Szene Die Luftschlacht um England begann im Juli 1940, gefolgt vom „Blitz“, einer achtmonatigen Bombardierungskampagne gegen Großbritannien. Während dieser Zeit wurde London von September 1940 bis Mai 1941 57 Nächte lang von der deutschen Luftwaffe angegriffen, was zu über 40.000 zivilen Todesopfern und der Beschädigung oder Zerstörung von Millionen von Häusern und Gebäuden führte. Zuvor, am 26. Juli 1940, wies Premierminister Winston Churchill den Informationsminister (MOI) an, die Berichterstattung der britischen Medien über die Luftangriffe zu kontrollieren. Er legte fest:

Wenn die Fotos fragwürdig waren, reichten Presseagenturen ihre Bilder oft zur Überprüfung beim Presse- und Zensurbüro des Informationsministers ein, bevor sie veröffentlicht wurden. Der Medienforscher James McArdle merkt an, dass die britische Regierung jegliche Panik in der Bevölkerung vermeiden wollte und die Anzahl der Fotos, welche die Zerstörung durch die Bomben zeigten, durch Zensur der von Pressefotografen aufgenommenen Bilder zu begrenzen versuchte. Bis heute ist der Großteil der rund 11.500 von der britischen Presse aufgenommenen Fotos der Londoner Bombardierungen nie öffentlich gezeigt worden und verbleibt in den jeweiligen Archiven.

Die Fotografie Am 9. Oktober sah der Fotograf Fred Morley von Fox Photos die Feuerwehrleute und wusste, dass er dieses Bild festhalten musste. Aufgrund der Zensurbestimmungen während des Krieges war es unwahrscheinlich, dass die britische Regierung die Veröffentlichung eines solchen Fotos erlauben würde, da es die Moral der Bevölkerung untergraben könnte. Die Zensoren wollten verhindern, dass die Deutschen erfuhren, wo die Bomben ihre Ziele getroffen hatten. Sie befürchteten außerdem, dass solche Fotos Panik und Bestürzung in der Bevölkerung auslösen könnten. Morleys einzige Möglichkeit, die Zensur zu umgehen und die Bombardierung zu dokumentieren, bestand darin, eine „verträglichere Fiktion“ () zu erfinden. Er lieh sich die Uniform und die Accessoires eines Milchmanns, kleidete seinen Assistenten damit ein und ließ ihn durch die Szene gehen, während er das Foto aufnahm. Die Zensoren sahen in dem Milchmann den „Blitzgeist“ (“Blitz Spirit”), die Stärke und Entschlossenheit des britischen Volkes angesichts großen Leids und Zerstörung, und erlaubten den Zeitungen, das Foto am 10. Oktober zu veröffentlichen. Das Foto wird oft als Teil einer Serie von drei oder mehr ähnlich inszenierten und bearbeiteten Fotos aus der Blitz-Ära der 1940er Jahre diskutiert. Dazu gehören mehrere Bilder von Postboten bei der Zustellung oder Abholung von Post (Mail as Usual, 11. September), ein gestelltes Bild von Versicherungsgutachtern, die den Schaden an der Bibliothek des Holland House begutachten (Damaged Library 23. Oktober),Petra Rau: English Modernism, National Identity and the Germans, 1890–1950. Ashgate 2009, ISBN 978-0-7546-5672-2, S. 184. und in retuschiertes Bild von St. Paul und der Cathedral Street. (St Paul’s Survives, 29. Dezember).

Ausstellungen Die Hulton Press Library wurde 1948 gegründet und katalogisierte und archivierte schließlich den Großteil der bedeutenden Fotografien britischer Presseagenturen, darunter auch die von Fox Photos und das Foto „Lieferung nach dem Bombenanschlag“ (Delivery After Raid).Roger Hudson: An Independent Eye: A Century of Photographs. Sutton Publishing 1998, ISBN 978-0-7509-2127-5, S. 88, 208 ().Nick Yapp: 1940s: The Hulton Getty Picture Collection. Barnes & Noble Books. Könemann Verlagsgesellschaft mbh. 2000. , ISBN 978-3-8290-0521-0 (). Getty Images Getty Images erwarb die Hulton Press Library Ende der 1990er Jahre. Der Kauf der Hulton Press Library durch Getty Images wurde in dem BBC-Fernsehspiel „Shooting the Past“ (1999) dargestellt. Die Serie zeigt das auch Foto. Das Foto wurde 1999 in der London General Exhibition in der Hulton Getty Picture Gallery gezeigt.Jane de Burgh: Focusing on London. In: The Lancet. 24. Juli 1999, S. 354, 348. Von Juli bis Oktober 2007 präsentierte die National Portrait Gallery in London die Ausstellung „Daily Encounters“ mit Pressefotografien aus der Fleet Street, die zwischen den frühen 1900er und den 1980er Jahren entstanden waren. Diese Ausstellung machte die ungewöhnliche Geschichte des Fotos einem breiteren Publikum bekannt. Frühere populäre Darstellungen des Bildes, wie beispielsweise in An Independent Eye: A Century of Photographs (1998), ignorierten die komplexe Hintergrundgeschichte des bewusst inszenierten Motivs und stellten das Foto des Milchmanns als historisch korrekt dar.

Vermächtnis Der US-amerikanische Historiker David F. Crew schreib, das Bild „Lieferung nach dem Angriff“ sei Teil einer größeren Serie britischer Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg, welche symbolisch die unerschütterliche Entschlossenheit der britischen Bevölkerung angesichts der unaufhörlichen und verheerenden Bombenangriffe Nazideutschlands darstellt. Crew glaubt, dass diese Bilder den Mythos des stoischen Blitzgeistes prägten und der britischen Bevölkerung halfen, den Kampf gegen Deutschland zu überleben und schließlich als Sieger hervorzugehen.David F. Crew: Bodies and Ruins: Imagining the Bombing of Germany, 1945 to the Present. University of Michigan Press 2017, ISBN 978-0-472-03846-6, S. 111.

Siehe auch Keep Calm and Carry On

Einzelnachweise

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