mini|250px|Der Auswanderdampfer Rugia 1914 in Emden (Postkarte). Die Auswanderung von Ostfriesland nach Amerika, insbesondere in die Vereinigten Staaten, hatte ihren Höhepunkt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie war Teil der größeren deutschen Auswanderungswelle, die durch wirtschaftliche Not, soziale Umstände und politische Entwicklungen begünstigt wurde. Bis zum Ersten Weltkrieg haben etwa sechs bis sieben Prozent der ostfriesischen Bevölkerung ihre Heimat verlassen. Etwa 90 Prozent derer, die nach Übersee gingen, hatten Nordamerika als Ziel, vor allem die heutigen US-Bundesstaaten Illinois, Iowa, South Dakota, Nebraska und Kansas, in denen ein Großteil der Nachkommen lebt.

Die ostfriesischen Auswanderer bildeten in den Vereinigten Staaten eigene Gemeinschaften, in denen Plattdeutsch und ostfriesische Sprache und ostfriesische Kultur über einige Generationen erhalten blieben. Die Bildung von Kirchengemeinden und eigene Zeitungen spielten dabei eine wichtige Rolle.

Wenige Ostfriesen zogen nach Mittel- und Südamerika, Australien oder Afrika oder Indien.

Geschichte mini|Zeichnung von Nieuw-Amsterdam aus dem Jahre 1650, die 1991 in der Sammlung der Wiener Albertina entdeckt wurde. Es handelt sich vermutlich um die älteste, naturgetreue Darstellung der Kolonie. Rechts der East River, auf dem Egbert van Borssum seine Fährlinie betrieb. Die Auswanderung von Ostfriesen nach Nordamerika begann im frühen 17. Jahrhundert. Viele Ostfriesen hatten enge familiäre oder wirtschaftliche Beziehungen zu den Niederlanden. Einige standen im Dienst des niederländischen Staates. So kamen sie früh mit den niederländischen Auswanderungsbewegungen in Berührung und wanderten gemeinsam mit anderen in die Kolonie Nieuw Nederland an der amerikanischen Ostküste aus. Da die Niederlande im 17. Jahrhundert wirtschaftlich florierten und vergleichsweise wenige Menschen aus religiösen Gründen auswanderten, fiel es dem Land schwer, ausreichend Siedler für die Kolonie Nieuw Nederland zu gewinnen – woraufhin die Westindiencompagnie mit gezielten Werbeschriften verstärkt um deutsche, flämische und wallonische Emigranten warb.

Die ostfriesischen Auswanderer kamen aus unterschiedlichsten Regionen – aus Städten wie Emden, Esens oder Norden ebenso wie aus kleineren Orten wie Nesse oder Wittmund – und ließen sich im Hauptort Nieuw Amsterdam (heute New York), aber auch in weiteren neu entstehenden Siedlungen nieder.

Einige von ihnen wurden wohlhabend und erreichten eine gewisse Bekanntheit. So zählte der 1603 in Emden geborene Egbert van Borssum um die Mitte des 17. Jahrhunderts zu den ersten Geschäftsleuten in Nieuw Amsterdam. Er betrieb eine Fährverbindung über den East River nach Long Island und führte zudem eine Gaststätte. Seine Hochzeit mit Annetje Hendricks war 1603 die erste verzeichnete kirchliche Trauung in Nieuw Amsterdam. Tjark Klaasen de Witt war ein weiterer prominenter Bewohner von Niew Amsterdam. Er ist Urahn zahlreicher New Yorker mit diesem Namen, darunter der Theologe Thomas de Witt.

Auch in der Rensselaerswyck, einer 1630 gegründeten Ortschaft auf dem Gebiet der heutigen Stadt Albany, der Hauptstadt des US-Bundesstaates New York, ließen sich Ostfriesen aus Esens und Norden nieder. „Eine ganze Reihe“ Ostfriesen kam darüber hinaus als Soldaten in Diensten der Niederlande nach Nordamerika. Eine weitere große Gruppe bilden Ostfriesinnen, die mit ihren (zumeist) niederländischen Ehepartnern in die Kolonie zogen. Die Berufe der zugezogenen Ostfriesen werden in den Quellen selten mit angegeben. Genannt werden bei zwei Einwanderern Farmknecht sowie Schneider.

Mit der Übernahme der niederländischen Siedlungen durch die Engländer im Jahr 1664 kam der Zuzug aus Ostfriesland vorerst zum Erliegen. In den folgenden 150 Jahren wanderten nur einige Ostfriesen nach Nordamerika aus.Jürgen Hoogstraat: Von Ostfriesland nach Amerika. Aus dem Leben ostfriesischer Auswanderer im 19. Jahrhundert. Norden 1990. S. 23

Dennoch erließ König Friedrich der Große am 15. Juni 1753, kurz nach der Übernahme Ostfrieslands durch Preußen 1744, eine Verordnung zur Einschränkung der Auswanderung. Darin verbot er ausdrücklich die Anwerbung von Personen für die englischen Kolonien in Nordamerika. Werber, die „Leute zu denen Englischen Colonien in America anzunehmen und zu debauchiren“ suchten, sollten nicht geduldet werden. Im selben Jahr (1753) verließen acht Schiffe Hamburg mit Ziel Amerika. Ob die Verordnung vorbeugenden Charakter hatte oder auf konkrete Fälle reagierte, bleibt unklar. Sicher ist: 1753 wanderten aus Norddeutschland mehr Menschen nach Amerika aus als je zuvor. Daher ist auch für Ostfriesland eine Beteiligung an dieser Migrationsbewegung anzunehmen.mini|hochkant|Wilhelm zu Innhausen und Knyphausen

Im nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte der in Ostfriesland geborene Wilhelm Reichsfreiherr zu Innhausen und Knyphausen als hoch angesehener Generalleutnant der Subsidientruppen Hessen-Kassels unter britischem Oberbefehl gegen George Washington und errang mehrere wichtige militärische Erfolge. Nach der Kapitulation kehrte Knyphausen 1782 nach England zurück, wo er in London von König George III. ehrenvoll empfangen und mit einer lebenslangen Pension von 300 Pfund im Jahr bedacht wurde. Nach Hessen zurückgekehrt, wurde er dort im Triumph zum Gouverneur der Stadt Kassel ernannt. 1788 nahm er seinen Abschied und kehrte nach Lütetsburg zurück.

In der britischen Kolonialzeit und auch nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten bremste das Redemptioner-System die Einwanderung. Der Begriff Redemptioner leitet sich vom englischen to redeem (loskaufen, ablösen) ab und bezeichnete ein System der zeitlich begrenzten Vertragsarbeit. Mittellose Auswanderer, und das waren bis zu 75 Prozent der Einreisewilligen, konnten auf diese Weise nach Amerika gelangen, mussten jedoch nach ihrer Ankunft so lange an Bord des Schiffes bleiben, bis ein Dienstherr sie freikaufte. Anschließend waren sie gezwungen, die Auslösesumme in einer mehrjährigen Schuldknechtschaft bei ihrem neuen Herren abzuarbeiten, was zwischen fünf und sieben Jahre dauern konnte. Während der Dienstzeit konnten die Redemptioner weiterverkauft werden. Dieses System brach im frühen 19. Jahrhundert zusammen, was zu einer massiven Zuwanderungswelle führte.

Während die jährliche Einwanderung in die USA vor 1820 bei durchschnittlich etwa 14.000 Personen lag, stieg die Zahl der Einwanderer in der Mitte des 19. Jahrhunderts stark an. In einzelnen Jahren erreichte sie Spitzenwerte von bis zu einer Million Menschen.

Ab den 1830er Jahren gibt es vereinzelt Berichte über Ostfriesen, die sich Oldenburger Auswanderergruppen anschlossen.Jürgen Hoogstraat: Von Ostfriesland nach Amerika. Aus dem Leben ostfriesischer Auswanderer im 19. Jahrhundert. Norden 1990. S. 10

Die große Auswanderungswelle begann erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Die meisten Auswanderer reisten über Bremen, Brake, Bremerhaven und Hamburg ab, während von Emden aus nur wenige Schiffe mit Ziel New York ausliefen.

Der Exodus hatte viele Ursachen. Die Auswanderung nahm aus mehreren Gründen zu: Kettenmigration, sinkende Überfahrtkosten und technische Fortschritte in der Schifffahrt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängten Dampfschiffe die Segelschiffe. Durch eine steigende Verbreitung der Medien verbesserten sich die Kommunikationsmöglichkeiten der Reeder. Sie konnten Auswanderungswillige mit Werbung in ostfriesischen Zeitungen gezielt und lokal ansprechen. Wichtige Pull-Faktoren waren das wirtschaftliche Wachstum in den USA und die Aussicht auf kostenloses oder sehr günstiges Land.

Die Herrschaft über Ostfriesland wechselte nach dem Aussterben des einheimischen Fürstenhauses und dem damit einhergehenden Verlust der Unabhängigkeit mehrfach: War während der Zugehörigkeit Ostfrieslands zu Preußen von 1744 bis 1815 (mit Unterbrechung durch die Zugehörigkeit zum französischen Machtbereich von 1806 bis 1813) nur wenig reglementiert, änderte sich dies nach dem Übergang Ostfrieslands an das Königreich Hannover im Jahr 1815. Von den neuen Herren wurden zahlreiche neue Regelungen eingeführt, die bei der freiheitsliebenden Bevölkerung auf Widerstand stießen.

Ein weiterer Grund war das hohe Bevölkerungswachstum und der damit verbundene Bevölkerungsdruck. So lebten 1823 in der Landdrostei Aurich (die Ostfriesland umfasste) 142.114 Personen. Bis 1865 wuchs die Bevölkerung um 37 % auf 194.033 an.Landdrostei Aurich (1823–1865) (PDF; 23 kB) HGIS Germany

In den 1840er Jahren verschärften sich wirtschaftliche Notlagen, Hunger und Armut. In Ostfriesland kam es nach Missernten in den Jahren 1845 und 1847 zu Hungersnöten. In dieser Zeit waren wirtschaftlich abgehängte Regionen wie etwa Holtrop besonders von der Emigration betroffen, während in Gebieten mit florierender Schifffahrt, insbesondere entlang der Kanäle in den Fehnen, die Abwanderung geringer ausfiel.

Zu einer verstärkten Auswanderung von Ostfriesen kam es nach der gescheiterten Revolution von 1848/49, was aber vor allem ökonomische Gründe hatte, da die wirtschaftliche Entwicklung in Ostfriesland, Deutschland und Europa zwischen 1815 und 1850 von Krisen geprägt war. Demgegenüber war die Entwicklung in den USA deutlich besser.

Zudem ließ sich das Königreich Hannover 1866 in einen Krieg mit Preußen hineinziehen. Ein wesentlicher Grund war daher die Angst vor dem drohenden Militärdienst, von dem die Ostfriesen bis dato unter verschiedenen Herrschaften befreit waren. Bis heute wird der Deutsche Krieg in zahlreichen Auswandererbiografien als Grund für die eigene Emigration angeführt.

Die Auswanderung aus Ostfriesland war Teil eines größeren Trends im Königreich Hannover. Offizielle Statistiken erfassen jedoch nur einen Teil, da viele ohne Registrierung ausreisten. Zwischen 1864 und 1873 zählte man im gesamten Königreich rund 64.000 offiziell erfasste Auswanderer, während Schätzungen weitere 20.000 nicht registrierte Emigranten vermuten.

Die Ausreise war grundsätzlich erlaubt, setzte jedoch die Zustimmung der zuständigen Behörde voraus. Ziel war es, zu verhindern, dass Gläubiger durch die Emigration eines Schuldners benachteiligt oder unterhaltspflichtige Familienmitglieder unversorgt zurückgelassen wurden. Zudem mussten militärpflichtige Personen vor ihrer Auswanderung eine offizielle Entbindung von ihrer Dienstpflicht erwirken. Genaue Zahlen für Ostfriesland gibt es nicht, jedoch wird geschätzt, dass von 1847 bis 1899 etwa 50.000 Ostfriesen auswanderten.

Nach einer Analyse der Historikerin Ann-Kathrin Henkel entfiel in diesem Zeitraum in Ostfriesland auf 18 Einwohner ein Auswanderer. In einigen Dörfern verließ bis zu ein Drittel der Bevölkerung aufgrund wirtschaftlicher Notlagen die Heimat, um in Übersee ein besseres Leben zu suchen. Wilhelm Weitz dokumentierte für die Landdrostei Aurich einen kontinuierlichen Anstieg der registrierten Auswandererzahlen: 1.366 im Jahr 1866, 1.493 im Jahr 1867 und 2.346 im Jahr 1868.Wilhelm Weitz: Beiträge zur Auswanderung aus Ostfriesland im 19. Jahrhundert. In: Möhlmann, Günther, Y. Poortinga und E. O. George (Hrsg.): Friesisches Jahrbuch. (Zugleich: Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden. Emder Jahrbuch 38. Band 1958). Diese Zahlen verdeutlichen die wachsende Bedeutung der Auswanderung als soziales und wirtschaftliches Phänomen in der Region.

mini|Moordorf um 1904. Bis weit in das 19. Jahrhundert lebten viele Familien in ärmlichen Lehmhütten.