Die Ordensflagge 200px|Die Ordensflagge Basisdaten Gegründet 1538 Rechtsform Verein alten Rechts Sitz Potsdam Verwaltungssitz Berlin (-Lichterfelde) Leitung HerrenmeisterOskar Prinz von Preußen Ritter ca. 4000 Konfession evangelisch Ordenswerke Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH)Johanniter-Hilfsgemeinschaften (JHG)Johanniter-Schwesternschaft (JoSch)Johanniter GmbH mit 14 Krankenhäusernund 56 Altenpflegeeinrichtungen.Johanniter-Unfall-Hilfe in Österreich (JUHÖ) Stiftung Stiftung Johanniterorden,auch Johanniterstiftung genannt ordensnah Jugendarbeit im Orden (JiO) Webseite www.johanniterorden.dewww.johanniterorden.at
Unter Johanniterorden (mit vollem Namen Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens Sankt Johannis vom Spital zu Jerusalem) versteht man heute die evangelische Ordensgemeinschaft, die 1538 aus der Ballei Brandenburg des Ritterordens der Johanniter oder Hospitaliter hervorging. Dieser geht auf ein bereits einige Jahrzehnte vor dem Ersten Kreuzzug von italienischen Kaufleuten in Jerusalem gestiftetes Hospital zum Heiligen Johannes zurück.
In Deutschland hatte die Balley Brandenburg zu Preußen (mit Sitz ursprünglich in Sonnenburg) schon seit dem Vertrag von Heimbach (1382) einen weitgehend autonomen Status. Nach dem Übertritt des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg zur lutherischen Lehre im Jahre 1538 wurde dieser Zweig des Ordens protestantisch, während der restliche Orden als Malteserorden katholisch blieb. 1811 wurde der Johanniterorden als Ritterorden aufgelöst und als preußischer Verdienstorden weitergeführt. Im Jahr 1852 wurde er in Kontinuität zur Balley durch die noch lebenden Ritter als evangelischer Zweig des Ritterordens fortgesetzt. Seit diesem Zeitpunkt hat er die Rechtsform eines altrechtlichen Vereins.
Der Malteserorden und die in einer Allianz von 1961 unter gegenseitiger Anerkennung zusammengeschlossenen evangelischen Johanniterorden in Deutschland, den Niederlanden (Johanniter Orde in Nederland), Schweden (Johanniterorden i Sverige) und in Großbritannien (Venerable Order of Saint John) erkennen einander als Ritterorden des heiligen Johannes mit „gemeinsamer Geschichte und gemeinsamem Auftrag“ an, obwohl sie kirchenrechtlich getrennt sind.
Allgemeines mini|Brustbild eines Johanniters von Girolamo da Carpi (1526/27) Balley bezeichnet heute sowohl die ehemalige Ballei Brandenburg des mittelalterlichen Ordens als auch die Untereinheit (Genossenschaft oder Kommende) des protestantischen Ordens, welche die im Ausland lebenden Ritter vereinigt. Vor allem in Australien, Belgien, Dänemark, Italien, Kanada, Kolumbien, Namibia, Südafrika, in den USA und Venezuela, unterhält der Orden Subkommenden. In Deutschland umfasst der Johanniterorden (Sitz in Potsdam) 17 Genossenschaften bzw. Kommenden; in Finnland, Frankreich, Österreich, in der Schweiz und Ungarn je eine.
Die weltweit etwa 4000 Ritter sind entweder Ehrenritter, Rechtsritter oder (als höchste Stufe und normalerweise mit Leitungsbefugnissen ausgestattet) Kommendatoren. Als Herrenmeister führt Oskar Prinz von Preußen den Johanniterorden seit 1999.
Der Johanniterorden ist Träger der international arbeitenden Johanniter-Unfall-Hilfe (1,4 Millionen Mitglieder in Deutschland), der Johanniter-Hilfsgemeinschaften, der Johanniter-Schwesternschaft sowie von Krankenhäusern und weiterer Pflegeeinrichtungen. Die Johanniter-Stiftung unterstützt die ehrenamtliche Arbeit der Johanniter.
Der Johanniterorden und seine deutschen Genossenschaften sind auf der Grundlage des Schutzbriefes des damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wurm, vom 2. Mai 1947 Bestandteil der Evangelischen Kirchen in Deutschland.
Vom deutschen Johanniterorden wurden 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg die Genossenschaften der Niederlande und Schwedens unabhängig. Unter der niederländischen bzw. schwedischen Krone entwickelten sich die dortigen Genossenschaften zu eigenen nationalen Orden. 1961 jedoch schloss sich der deutsche Johanniterorden mit den evangelischen Johanniterorden in den Niederlanden (Johanniter Orde in Nederland), in Schweden (Johanniterorden i Sverige) und in Großbritannien (Venerable Order of Saint John) unter wechselseitiger Anerkennung zu einer Allianz der Orden vom Hl. Johannes zusammen. Zusammen mit dem Malteserorden stellen sie das anerkannte Erbe des mittelalterlichen Ritterordens der Johanniter dar. Eine gemeinsame Kommission dieser fünf Schwesterorden (das Committee on the Orders of Saint John [False Orders Committee]) geht rechtlich gegen falsche Orden vor.
Träger karitativer Einrichtungen mini|Abzeichen der JUH Der Johanniterorden ist alleiniger Träger der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) Johanniter-Hilfsgemeinschaften (JHG) Johanniter-Schwesternschaft Johanniter-Arbeitsgemeinschaften für Gegenwartsfragen (JAG).
Um heutigen Anforderungen an die Versorgung von Patienten und Bewohnern in stationären Einrichtungen bestmöglich nachkommen zu können, hat der Johanniterorden gemeinsam mit der Johanniter-Unfall-Hilfe die Johanniter GmbH als Trägergesellschaft für die Johanniter-Krankenhäuser und Johanniter-Altenpflegeeinrichtungen gegründet.
Ebenfalls wurde eine Dachstiftung unter dem Namen Stiftung Johanniterorden eingerichtet, die sich als eine Gemeinschaft von Menschen versteht, in Not Geratenen dauerhaft und langfristig hilft und der unmittelbaren Förderung des Gesundheits- und Wohlfahrtswesens dient.
Diese Einrichtungen, 15 Krankenhäuser und 56 Altenpflegeeinrichtungen, Tageskliniken und betreute Wohnungen befinden sich zumeist in anteiliger Trägerschaft der Johanniter GmbH und jeweiliger Genossenschaften.
Auch in der Jugendarbeit werden die Johanniter zunehmend aktiv. 2010 unterhielten sie bundesweit mehr als 200 Kindergärten und über 30 Jugend- und Schülertreffs. 2007 waren sie maßgeblich an der Gründung des Ev. Johanniter-Gymnasiums Wriezen, 2015 an der Gründung der Ev. Johanniter-Grundschule in Wriezen beteiligt. vgl. Evangelische Johanniter-Schulen Wriezen. Das Evangelische Johanniter-Gymnasium Wriezen ist eine gemeinsame Gründung der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und des Johanniterordens. Trägerin der Schule ist die Schulstiftung der EKBO.Ev. Johanniter-Gymnasium Wriezen, in: Brandenburgische Provinzial-Genossenschaft des Johanniterordens. Berlin 2023.
Geschichte
mini|300px|Die Niederlassungen des Johanniterordens in Europa um 1300 mini|300px|Die Niederlassungen des Johanniterordens in Mitteleuropa vor dem Vertrag von Kremmen Der Johanniterorden ist der protestantische Zweig der im 11. Jahrhundert in Jerusalem gegründeten und nach dem Ersten Kreuzzug in einen Ritterorden umgewandelte Gemeinschaft der „Johanniter“ oder „Hospitaliter“.
Eine Ballei (von mittellateinisch ballivus „Aufseher“), auch Balley, war der seit etwa dem 13. Jahrhundert verwendete Begriff für die Bezeichnung einer Provinz eines Ritterordens, die meist mehrere Ordensniederlassungen (Kommenden) umfasste. Der Ballei übergeordnet war ein Priorat bzw. Großpriorat (in Deutschland das Großpriorat Deutschland mit Sitz in Heitersheim). Die Priorate waren ihrerseits den sogenannten „Zungen“ zugeordnet.
Anfänge Der Johanniterorden erwarb seinen Besitz generell durch Schenkungen, die ihm von reichen Pilgern, Ordensrittern oder Landesherren zugewendet wurden, um seinen Ordensauftrag im Heiligen Land ausführen zu können. Die ersten Besitzungen des Ordens im östlichen Teil Deutschlands waren als Einzelspenden eher spärlich und regional verstreut.
Die älteste Gründung auf dem Boden der späteren Ballei Brandenburg lag in der Stadt Werben. Nach einer Pilgerfahrt in den Jahren 1158 und 1159 nach Jerusalem übertrug Markgraf Albrecht der Bär dem Orden die Kirche St. Johannis samt allem Zubehör einschließlich sechs Hufen Land. Er bedingte sich aus, dass der aus der Schenkung resultierende Ertrag „den im Spitale zu Jerusalem weilenden Armen alljährlich überschickt würde“. Neben der Kirche entstand in der Folge eine Komturei. Ältestes Zeugnis der Bautätigkeit des Ordens ist die Lamberti-Kapelle (siehe Romanisches Haus (Werben)). Die Komturei war anfänglich für Sachsen, die Mark Brandenburg, Pommern und das Wendland zuständig. Später war sie die Verwaltungszentrale für die Ballei Brandenburg.
Eine solche Kommende wurde von einem Komtur geführt, der einen Teil der Einkünfte aus der Kommende an die Ordenszentrale als „Responsorien“ abzugeben hatte. Die Responsorien wurden zur Erfüllung der Ordensaufgaben verwendet.
Vertrag von Kremmen Durch päpstliche Verfügung wurden dem Johanniterorden Teile des Landbesitzes des 1312 aufgelösten Templerordens übertragen. Dabei handelte es sich nicht nur um Besitz in Frankreich, sondern auch im gesamten übrigen Europa, darunter auch nicht unerheblicher Besitz in Deutschland. Es gelang den Johannitern allerdings nicht überall, ohne große Auseinandersetzungen mit weltlichen Fürsten das ehemalige Templereigentum in Besitz zu nehmen. Die Johanniter in Brandenburg bekamen 1318 im Vertrag von Kremmen nur ein Drittel des Templereigentums. Die übrigen beiden Drittel vereinnahmten die Kirche und der Markgraf, der sich gleichzeitig eine Stellung als „Schirmherr“ der späteren Ballei einräumte. Dennoch reichte es für die Johanniter, um mit dem Besitzzuwachs die Gründung einer Ballei vorzunehmen. Erst seitdem gibt es die Ballei Brandenburg. 1323 wurden die Gebiete Sachsen, Brandenburg, Wendland und Pommern unter das Amt eines „Praeceptor Generalis“ gestellt, der vermutlich insbesondere die Aneignung und Integration des ehemaligen Templerbesitzes vorantreiben sollte. 1360 wurde „Herrmann von Wereberge“ als erster „Meister und Gebieter im Sachsenland, der Mark zu Brandenburg, im Wendland und Pommern“ erwähnt. Die wirtschaftliche und personelle Macht des Johanniterordens in diesen Regionen war jedoch stets zu gering, um eine Unabhängigkeit von den Landesherren zu erreichen.
Ballei Brandenburg mini|Adam Graf von Schwarzenberg, Stich von Peter Rollos nach einem Gemälde von Matthias Czwiczek (um 1635) Im Jahr 1426 erwarb der Herrenmeister Balthazar von Schlieben vom Markgrafen Friedrich I. von Brandenburg die Adelsherrschaft Sonnenburg „umb Neunhundert schock guter behmischer Groschen“.Georg Galland: Der Grosse Kurfürst und Moritz von Nassau der Brasilianer. In: Studien zur Brandenburgischen und Holländischen Kunstgeschichte. Keller, Frankfurt am Main 1893, S. 93. Sonnenburg entwickelte sich zum Sitz des Herrenmeisters der Ballei und wurde in der Folge stets weiter ausgebaut.
1460 sicherte sich Kurfürst Friedrich II. vertraglich das Nominationsrecht für die Wahl des Herrenmeisters und erlangte dadurch faktisch die Kontrolle über die Ballei.
1538 trat Joachim II., Kurfürst von Brandenburg, zur lutherischen Lehre über, wobei ihm die Ballei unter dem Herrenmeister Veit von Thümen (1527–1543) folgte. Die Mitglieder des Ordens fühlten sich dadurch von ihrem Gelübde der Armut und Ehelosigkeit entbunden. 1545 beschloss ein Provinzialkapitel in Speyer, dass auch lutherische und verheiratete Kommendatoren ihre Ämter behalten durften. Die Ballei Brandenburg wurde die „Kernzelle“ der heutigen evangelischen Ordenszweige (neben Deutschland in Schweden, Finnland, Ungarn, Frankreich und der Schweiz).