Die Xinhai-Revolution () war eine gesellschaftliche Umwälzung im China des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Revolution begann im Herbst 1911 und endete mit dem Thronverzicht des sechsjährigen Kaisers Puyi am 12. Februar 1912. Durch sie konnte am 1. Januar 1912 die erste chinesische Republik gegründet werden. Die Beendigung der Regentschaft des letzten Mandschu-Kaisers Puyi aus der Qing-Dynastie bedeutete das Ende des über 2100 Jahre alten chinesischen Kaiserreichs, das seit 221 v. Chr. über viele Dynastien hinweg Bestand hatte.Xioabing Li: A History of the Modern Chinese Army. University Press of Kentucky, Kentucky 2007, ISBN 978-0-8131-2438-4, S. 13, S. 26 f.
Die Qing-Dynastie hatte sich lange Zeit bemüht, die Regierung zu reformieren und sich gegen ausländische Aggressionen zu wehren, aber das Reformprogramm nach 1900 wurde von den Konservativen am Qing-Hof als zu radikal und von den Reformern als zu langsam abgelehnt. Verschiedene Gruppierungen, darunter Anti-Qing-Gruppen im Untergrund, Revolutionäre im Exil, Reformer, die die Monarchie durch Modernisierung retten wollten, und Aktivisten im ganzen Land debattierten darüber, wie oder ob die Mandschus gestürzt werden sollten. Den Höhepunkt bildete der Wuchang-Aufstand am 10. Oktober 1911, eine bewaffnete Rebellion von Mitgliedern der „Neuen Armee“. Ähnliche Aufstände brachen daraufhin spontan im ganzen Land aus und Revolutionäre in allen Provinzen des Landes sagten sich von der Qing-Dynastie los. Am 1. November 1911 ernannte der Qing-Hof Yuan Shikai (Führer der mächtigen Beiyang-Armee) zum Premierminister; dieser nahm Verhandlungen mit den Revolutionären auf.
In Nanjing bildeten die revolutionären Kräfte eine provisorische Koalitionsregierung unter der Flagge der „Fünf Rassen unter einer Union“. Am 1. Januar 1912 verkündete die Nationalversammlung die Gründung der Republik China mit Sun Yat-sen, dem Führer der Tongmenghui, als provisorischem Präsidenten. Ein kurzer Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südchina endete mit einem Kompromiss: Sun würde zugunsten von Yuan Shikai zurücktreten, der Präsident der neuen nationalen Regierung (Beiyang-Regierung) werden würde, wenn Yuan die Abdankung des Qing-Kaisers erreichen könnte. Das Abdankungsedikt des letzten chinesischen Kaisers, des sechsjährigen Puyi, wurde am 12. Februar 1912 verkündet. Yuan wurde am 10. März 1912 als Präsident vereidigt. Da es Yuan nicht gelang, vor seinem Tod im Jahr 1916 eine legitime Zentralregierung zu bilden, kam es zu jahrzehntelanger politischer Spaltung und Kriegstreiberei (die sogenannte Kriegsherrenzeit), einschließlich eines Versuchs der kaiserlichen Restauration.
Die Xinhai-Revolution ist benannt nach dem Jahr „Xīnhài“ des chinesischen Lunisolarkalenders (30. Januar 1911 bis 17. Februar 1912, Jahr des Metall-Schweins = 48. Mondjahr). Sowohl die Republik China auf der Insel Taiwan als auch die Volksrepublik China auf dem Festland betrachten sich als die rechtmäßigen Nachfolger der Xinhai-Revolution und ehren deren Ideale, darunter Nationalismus, Republikanismus, die Modernisierung Chinas und nationale Einheit (Zhonghua minzu).
Hintergrund
Nach der ersten Niederlage gegen den Westen im Ersten Opiumkrieg 1842 schränkte eine konservative Hofkultur die Reformbemühungen ein und wollte die Autorität nicht an lokale Beamte abtreten. Nach der Niederlage im Zweiten Opiumkrieg 1860 begann die Qing-Regierung mit der Selbststärkungsbewegung, ein Vorhaben sich mittels Modernisierung gegen ausländische Aggressionen wehren zu können. Im Taiping-Aufstand (1851–1864), Nian-Aufstand (1851–1868), der Panthay-Rebellion (1856–1868) und den Dunganenaufständen (1862–1877) vertraute die Regierung auf Armeen, die von lokalen Beamten aufgestellt wurden.Ke-wen Wang: Modern China: An Encyclopedia of History, Culture and Nationalism. Taylor & Francis Publishing, New York 1998, ISBN 0-8153-0720-9, S. 106, 344. Nach einer Zeit kurzzeitiger Erfolge beim Import westlicher Marine- und Waffentechnologie war die Niederlage im Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg 1895 umso demütigender und überzeugte einen Großteil der Bevölkerung von der Notwendigkeit eines institutionellen Wandels.Mark Bevir: Encyclopedia of Political Theory. Sage Publishing, Los Angeles (u. a.) 2010, ISBN 978-1-4129-5865-3, S. 168. Der Hof richtete unter Yuan Shikai die „Neue Armee“ ein; viele kamen nunmehr zu dem Schluss, dass auch die chinesische Gesellschaft modernisiert werden musste, wenn der technologische und wirtschaftliche Fortschritt erfolgreich sein sollte.
1898 wandte sich Kaiser Guangxu an Reformer wie Kang Youwei und Liang Qichao, die ein durch die japanische Meiji-Restauration inspiriertes Programm vorschlugen. In der so genannten Hundert-Tage-Reform schlugen sie grundlegende Reformen in den Bereichen Bildung, Militär und Wirtschaft vor. Die Reform wurde durch einen konservativen Staatsstreich unter der Führung der Kaiserinwitwe Cixi abrupt abgebrochen.Kang-i Sun Chang, Stephen Owen: The Cambridge History of Chinese Literature, Vol. 2. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-11677-0, S. 441. Der Kaiser wurde im Juni 1898 unter Hausarrest gestellt, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1908 blieb. Die Reformer Kang und Liang gingen ins Exil, um nicht hingerichtet zu werden. Die Kaiserinwitwe kontrollierte die Politik bis zu ihrem Tod im Jahr 1908, wobei sie von Beamten wie Yuan unterstützt wurde. Angriffe auf Ausländer und chinesische Christen im Boxeraufstand, die von der Kaiserinwitwe unterstützt wurden, führten im Jahr 1900 zu einer weiteren ausländischen Invasion in Peking.
Nachdem die Alliierten eine Strafe verhängt hatten, führte der Qing-Hof grundlegende Steuer- und Verwaltungsreformen durch, zu denen auch Kommunal- und Provinzwahlen gehörten. Diese Maßnahmen fanden jedoch kein Vertrauen und keine breite Unterstützung bei den politischen Aktivisten. Viele Revolutionäre, wie Zou Rong, hegten starke Vorurteile gegen die Mandschu und gaben ihnen die Schuld an Chinas Problemen. Kang Youwei und Liang Qichao gründeten die „Kaiserschutzgesellschaft“, um den Kaiser wiederherzustellen, wohingegen andere, wie Sun Yat-sen revolutionäre Gruppen organisierten, um die Dynastie zu stürzen. Sie konnten nur in Geheimgesellschaften und Untergrundorganisationen, in ausländischen Konzessionen oder im Exil in Übersee agieren, fanden aber unter den Auslandschinesen sowie innerhalb Chinas, sogar in den „neuen Armeen“, Anhänger. Nach dem Tod der Kaiserinwitwe und des Kaisers im Jahr 1908 widersetzten sich konservative Mandschu-Elemente am Hof den Reformen und provozierten die Unterstützung der Revolutionäre.
Organisation der Revolution Erste Gruppen
Viele Revolutionäre und Gruppen wollten die Qing-Regierung stürzen, um die Han-geführte Regierung wiederherzustellen. Die ersten revolutionären Organisationen wurden außerhalb Chinas gegründet, so z. B. die 1890 in Hongkong gegründete Furen Literary Society von Yang Quyun. Sie bestand aus 15 Mitgliedern, darunter Tse Tsan-tai (), ein Literat, der politische Satiren wie The Situation in the Far East (dt. Die Lage im Fernen Osten) verfasste – eines der ersten chinesischen Manhua. Tse gründete später die South China Morning Post.
Die von Sun Yat-sen geführte Xingzhonghui (dt. Gesellschaft zur Wiedererweckung Chinas) wurde 1894 in Honolulu, Hawaii aus dem Zweck gegründet, Gelder für Revolutionen zu sammeln.Yansheng Ma Lum, Raymond Mun Kong: Sun Yat-sen in Hawaii: Activities and Supporters. University of Hawaii Press, Honolulu 1999, ISBN 0-8248-2254-4, S. 6 f. Die beiden Organisationen fusionierten 1894.Ann Curthoys, Marilyn Lake: Connected Worlds: History in Transnational Perspective. The Australian National University Publishing, Canberra 2005, ISBN 1-920942-44-0, S. 101.
Kleinere Gruppen Die Huaxinghui (dt. Gesellschaft zur Wiederbelebung der chinesischen Nation) wurde am 15. Februar 1904 durch Huang Xing, Zhang Shizhao gegründet und später durch Chen Tianhua und Song Jiaoren bereichert. Ihr Motto war: „Nimm eine Provinz mit Gewalt ein, um die anderen Provinzen zum Aufstand zu bewegen.“Stephen R. Platt: Provincial Patriots: The Hunanese and Modern China. Harvard University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-674-02665-0, S. 128.
Die Guangfuhui (dt. Gesellschaft des Wiedererstarkens) wurde ebenfalls 1904 gegründet, aber dieses Mal in Shanghai durch Cai Yuanpei. Nennenswerte Mitglieder sind Zhang Binglin und Tao Chengzhang.Vincent Goossaert, David A. Palmer: The Religious Question in Modern China. University of Chicago Press, Chicago 2001, ISBN 978-0-226-30416-8. Obwohl sie seine Anti-Qing-Ansichten teilten, äußerten sich die Guangfuhui kritisch gegenüber Sun Yat-sen.Ke-wen Wang: Modern China: An Encyclopedia of History, Culture and Nationalism. Taylor & Francis Publishing, New York 1998, ISBN 0-8153-0720-9, S. 287. Einer der führenden feministischen Revolutionäre, die „chinesische Jeanne d’Arc“, Qiu Jin, war auch Teil von Guangfuhui.
Andere kleinere Revolutionsgruppen waren Lizhi Xuehui (勵志學會, Lai Chi Gesellschaft) in Jiangsu, Gongqianghui (公強會, Kung Keung Verein) in Sichuan, Yiwenhui (益聞會) und Hanzudulihui (漢族獨立會, Gesellschaft für die Unabhängigkeit der Han-Chinesen) in Fujian, Yizhishe (易知社) in Jiangxi, Yuewanghui (岳王會, König-Yue-Klub) in Anhui und Qunzhihui (群智會/群智社, Kwan Chi Klub/Gesellschaft) in Guangzhou.中国人民大学: 书报资料中心. 中国近代史. 1982. 中国人民大学书报资料社. University of California Press.
Es gab auch kriminelle Organisationen, die sich gegen die Mandschu richteten, darunter die Grüne Bande (青帮, Qīng Bāng) und die Hongmen Zhigongtang (致公堂, Himmel und Erde).Lifu Chen, Hsu-hsin Chang, Ramon Hawley Myers: The Storm Clouds Clear Over China: The Memoir of Ch'en Li-fu, 1900–1903. Hoover Press, Stanford 1994, ISBN 0-8179-9271-5. Sun Yat-sen selbst kam in Kontakt mit den Hongmen, auch bekannt als Tiandihui.João de Pina-Cabral: Between China and Europe: Person, Culture and Emotion in Macao. Continuum, London 2002, ISBN 0-8264-5748-7, S. 209.
Die Geheimgesellschaft Gelaohui (dt. Gesellschaft der älteren Brüder) war eine weitere, einflussreiche Gruppierung, mit namentlichen Mitgliedern wie Zhu De, Wu Yuzhang, Liu Zhidan und He Long. Diese revolutionäre Gruppe sollte später eine enge Verbindung zur späteren Kommunistischen Partei Chinas aufbauen.
Die Tongmenghui mini|Tongmenghui Führungsspitze. Im Sommer 1905 gelang es Sun Yat-sen erfolgreich, die Xingzhonghui, die Huaxinghui und die Guangfuhui zu vereinen und damit die Tongmenghui (dt. Bund der revolutionären Allianz) in Tokio zu begründen.朱慶葆 計秋楓: 中國近代史. Chinese University Press. 2001, ISBN 978-962-201-987-4, S. 468.
Obgleich die Gruppe ihren Ursprung in Tokio hatte, verfügte sie über lose Organisationen über das ganze Land und darüber hinaus. Sun Yat-sen war der Führer der vereinigten Gruppe. Weitere Revolutionäre, die mit der Tongmenghui zusammenarbeiteten, waren Wang Jingwei und Hu Hanmin. Zum Gründungszeitpunkt waren mehr als 90 % der Mitglieder der Tongmenhui zwischen 17 und 26 Jahren alt.Shinkichi Etō, Harold Z. Schiffrin: China's Republican Revolution. University of Tokyo Press, Tokio 2008, ISBN 978-4-13-027030-4.
Die Tongmenghui ist der Vorgänger der Kuomintang.
Spätere Gruppen Im Februar 1906 kamen durch die Rizhihui (日知會) wiederum Revolutionäre zusammen, darunter Sun Wu, Zhang Nanxian, He Jiwei und Feng Mumin.張運宗 为君丘: 走入近代中國. 五南圖書出版股份有限公司. 2003. ISBN 978-957-11-3175-7.蔣緯國: 建立民國. University of California. 1981. Die Teilnehmer dieser Konferenz bildeten den Kern, aus dem sich die Tongmenhui in Hubei entwickelte.