Surbtaler Jiddisch war ein westjiddischer Dialekt, der vom 17. bis ins 20. Jahrhundert von den jüdischen Einwohnern der beiden Dörfer Endingen und Lengnau im aargauischen Surbtal (Schweiz) gesprochen wurde. Dokumentiert wurde er kurz vor seinem Erlöschen in erster Linie von Florence Guggenheim-Grünberg.

Die Sprecher und Sprecherinnen nannten ihre Mundart selbst nicht «Jiddisch», sondern Jidischdajtsch, also «Jüdischdeutsch». Florence Guggenheim-Grünberg: Die Sprache der Schweizer Juden von Endingen und Lengnau (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 1). Jüdische Buchgemeinde, Zürich 1950, S. 4.

Die Sprache mini|Die Lage von Endingen und Lengnau im Kanton Aargau mini|Synagoge von Endingen mini|Synagoge von Lengnau

Geographische und linguistische Einordnung Endingen und Lengnau, die heute im Bezirk Zurzach liegen, gehörten in der Frühneuzeit zur Grafschaft Baden, einer gemeinen Herrschaft der Alten Eidgenossenschaft. In der Nähe befindet sich Zurzach, das einst ein wichtiger Marktort war (Zurzacher Messe).

Das Jiddisch der Surbtaler ähnelt den deutschen Dialekten, die zwischen Frankfurt und Karlsruhe gesprochen werden,Christoph Landolt: Jiddisch. In: Elvira Glaser, Johannes Kabatek, Barbara Sonnenhauser (Hrsg.): Sprachenräume der Schweiz. Band 1: Sprachen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2024, S. 267–295, hier S. 268. und hat damit eine südfränkisch-rheinfränkische Basis. Es zeigt weitgehende Übereinstimmung mit dem Jiddischen Südbadens und des Elsasses,Ein Unterschied zum elsässischen Jiddisch war, dass dieses wie die koterritoriale alemannische Mundart die Palatalisierung von /u/ zu /ü/ kannte, etwa büüch ‹Buch› gegenüber surbtalerjiddisch buuch; siehe Florence Guggenheim-Grünberg: Surbtaler Jiddisch: Endingen und Lengnau. Anhang: Jiddische Sprachproben aus Elsass und Baden (= Schweizer Dialekte in Ton und Text. Teil 1: Deutsche Schweiz. Heft 4). Huber, Frauenfeld 1966, S. 8 f.; siehe auch Florence Guggenheim-Grünberg: Jiddisch auf alemannischem Sprachgebiet (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 10). Juris, Zürich 1973. das ebenfalls noch bis ins 20. Jahrhundert existierte, hebt sich aber deutlich vom Hochalemannisch der koterritorial lebenden christlichen Bevölkerung ab (siehe die untenstehende Gegenüberstellung).

Varianten: «Jidischdajtsch» und «looschen ekoudesch» Das Surbtaler Jiddisch gab es in zwei Varianten, als Jiddischdajtsch, die Alltagssprache, und als looschen ekoudesch, die Geheimsprache der Pferdehändler. Looschen ekoudesch, wörtlich ‹Sprache des Heiligen›, ist aber zugleich auch die Bezeichnung des sakralen aschkenasischen Hebräisch. Der Unterschied zwischen der Alltagssprache und der Pferdehändlersprache lag im Anteil des Wortschatzes, der aus dem Hebräischen und Aramäischen stammte: In der Alltagssprache betrug dieser Anteil etwa 2 Prozent bei Frauen bis 8 Prozent bei Männern, und er betraf zu rund 70 Prozent Substantive. In der Pferdehändlersprache waren hingegen über 30 Prozent der Wörter hebräisch-aramäischer Abstammung, und es betraf zu 55 Prozent Substantive und zu 45 Prozent Verben, Adjektive, Zahlwörter und weitere Wortarten.Jürg Fleischer: Westjiddisch in der Schweiz und Südwestdeutschland. Tonaufnahmen und Texte zum Surbtaler und Hegauer Jiddisch (= Beihefte zum Language and Culture Atlas of Ashkenazic Jewry. Band 4). Niemeyer, Tübingen 2005, S. 17–20. Siehe auch Florence Guggenheim-Grünberg: Die Surbtaler Pferdehändlersprache. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 100, 1981, S. 43–55; Florence Guggenheim-Grünberg: Wörterbuch zum Surbtaler Jiddisch. Die Ausdrücke hebräisch-aramäischer und romanischen Ursprungs. Einige bemerkenswerte Ausdrücke deutschen Ursprungs. Anhang: Häufigkeit und Arten der Wörter hebräisch-aramäischen Ursprungs (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 11). Juris, Zürich 1976, 2. Auflage 1983, S. 45–49.

Vollmundart, Erlöschen und Nachleben Um 1900 war das Surbtaler Jiddisch noch eine Vollmundart, das heisst nicht wie verschiedenenorts in Deutschland eine deutsche Mundart mit jiddischen Resten. Florence Guggenheim-Grünberg: Jiddisch auf alemannischem Sprachgebiet (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 10). Juris, Zürich 1973, S. 9. Westjiddische Vollmundarten gab es zu dieser Zeit ausser im Surbtal fast nur noch im Elsass und im westlichen Ungarn, ansonsten hatten sie sich weitgehend oder vollständig an die koterritorialen Dialekte und an das Standarddeutsche assimiliert. Guggenheim-Grünberg sah den Grund für die gute Erhaltung im deutlich verschiedenen Lautsystem des südwestmitteldeutsch basierten Surbtaler Jiddisch und des hochalemannischen Schweizerdeutsch des Kantons Aargau.Florence Guggenheim-Grünberg: Surbtaler Jiddisch: Endingen und Lengnau. Anhang: Jiddische Sprachproben aus Elsass und Baden (= Schweizer Dialekte in Ton und Text. Teil 1: Deutsche Schweiz. Heft 4). Huber, Frauenfeld 1966, S. 4; Florence Guggenheim-Grünberg: Jiddisch auf alemannischem Sprachgebiet (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 10). Juris, Zürich 1973, S. 9 f.

Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde das Surbtaler Jiddisch nicht mehr an die Kinder weitergegeben. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen erhielten die Juden 1866 die Niederlassungsfreiheit, worauf die Surbtaler Juden innert weniger Generationen das ländliche Surbtal mit seinen wenigen Verdienstmöglichkeiten verliessen und insbesondere in die Stadt Zürich zogen, wo sie ihre Sprache zugunsten derjenigen der nichtjüdischen Umgebung aufgaben. Zum andern gab es innerhalb der jüdischen Gemeinden zunehmend Stimmen, die dem Jiddischen gegenüber eine negative Einstellung hatten. So drängte um 1850 der Endinger Rabbiner Leopold Wyler darauf, zur Landessprache überzugehen – damals freilich noch erfolglos.Jürg Fleischer: Westjiddisch in der Schweiz und Südwestdeutschland. Tonaufnahmen und Texte zum Surbtaler und Hegauer Jiddisch (= Beihefte zum Language and Culture Atlas of Ashkenazic Jewry. Band 4). Niemeyer, Tübingen 2005, S. 32. Allerdings stellte Guggenheim-Grünberg fest, dass auf schriftlicher Ebene im Lengnauer Pinkas Guggenheim das Westjiddische schon in den 1830er- und 1840er-Jahren aufgegeben wurde, auch wenn die zunehmend deutschen Texten immer noch in hebräischer Schrift verfasst wurden.Florence Guggenheim-Grünberg: Der Pinkas Guggenheim von Lengnau. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde. Band 49, 1953, S. 201–206. Vonseiten der staatlichen Behörden gab es keine eigentlichen Druckversuche.Patrick Süess: Schweizerische Sprachpolitik als Leerstelle. In: Sprachkulturen (= Handbuch Deutschsprachig-jüdische Literatur seit der Aufklärung. Band 3). Hrsg. von Stephan Braese und Christine Waldschmidt. Metzler, Berlin/Heidelberg 2024, S. 61–70. 1824 forderte der Aargauer Regierungsrat zwar die jüdischen Gemeinden im Surbtal auf, die Gemeindeprotokolle in deutscher Sprache und Schrift zu führen, was allerdings in der für Nichtjuden unlesbaren hebräischen Schrift begründet lag, und 1862 meinte Augustin Keller, ein Befürworter der Judenemanzipation, es wäre an der Zeit, dass die Juden «ihr absonderliches Idiom» aufgäben, da er es als überholt empfand.Jürg Fleischer: Westjiddisch in der Schweiz und Südwestdeutschland. Tonaufnahmen und Texte zum Surbtaler und Hegauer Jiddisch (= Beihefte zum Language and Culture Atlas of Ashkenazic Jewry. Band 4). Niemeyer, Tübingen 2005, S. 22 und 32 f.

Für die Dokumentation des Surbtaler Jiddisch, die zwischen 1934 und den frühen 1980er-Jahren erstellt wurde (siehe unten), zog man also schon Gewährsleute bei, welche die Sprache nicht mehr im Alltag sprachen. Es dürften auch nicht mehr alle Jiddisch als Muttersprache gekannt haben (Primärsprecher), sondern einige werden sie nur noch über ihre Grosseltern und andere alte Leute gelernt haben (Sekundärsprecher).Jürg Fleischer: Westjiddisch in der Schweiz und Südwestdeutschland. Tonaufnahmen und Texte zum Surbtaler und Hegauer Jiddisch (= Beihefte zum Language and Culture Atlas of Ashkenazic Jewry. Band 4). Niemeyer, Tübingen 2005, S. 16 f. Bis in die Gegenwart hat sich die Sprache nur noch resthaft in Formeln erhalten. So sagen sich Juden in Zürich noch heute etwa gut schabes ‘schönen Sabbat’ und gut jontef ‘schönen Feiertag’; die Antwort auf den Sabbatgruss, gut woch un gut jaar, ist deutsch beeinflusst (woch statt wuch und jaar statt jòòr).Christoph Landolt: Jiddisch. In: Elvira Glaser, Johannes Kabatek, Barbara Sonnenhauser (Hrsg.): Sprachenräume der Schweiz. Band 1: Sprachen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2024, S. 267–295, hier S. 274; vgl. Werner Weinberg: Die Reste des Jüdischdeutschen. Stuttgart 1969 und Lexikon zum religiösen Wortschatz und Brauchtum der deutschen Juden. Stuttgart 1994.

Kenntnisse des Surbtaler Jiddisch hatten auch die Christen, die in Endingen und Lengnau, aber auch in der weiteren Umgebung lebten. Das Schweizerische Idiotikon führt mehrere aus dem Jiddischen stammende Wörter und Wendungen auf, die im 19. Jahrhundert von der christlichen Bevölkerungen der Gegend verwendet wurden: Sind er am Schabis mache? ‘Grussfrage beim Eintritt in ein (christliches) Haus, in dem die Samstagsscheuerung vorgenommen wird’; Dää het käi Sèèchel ‘der hat keinen Verstand’; Reifech ‘Übergewinn, Wucherzins’.Schweizerisches Idiotikon, Band VI, Spalte 659 (Reifech), Band VII, Spalte 138 (Sēchel), Band VIII, Spalte 25/26 (Schabis); siehe auch Niklaus Bigler: Der Aargau im Schweizerdeutschen Wörterbuch. Beispiele zur Organisation des Materialsammelns in einem mundartreichen Kanton. In: Schweizerdeutsches Wörterbuch. Schweizerisches Idiotikon. Bericht über das Jahr 1984. [Zürich 1985], S. 9–22, hier S. 17 f. (Digitalisat). Noch um 1980 publizierte eine Aargauer Zeitung eine Liste jiddischer Wörter, die im Munde von Surbtaler Christen weiterlebten.Nicht näher zuordenbarer Zeitungsausschnitt in der Bibliothek des Schweizerischen Idiotikons, Zürich. Nichtjüdische Aargauer sprachen im 20. Jahrhundert auch im Militärdienst manchmal «Jiddisch» – genauer gesagt ein Gemisch aus Jiddisch und Schweizerdeutsch –, wenn sie von ihren Kameraden nicht verstanden werden wollten.Florence Guggenheim-Grünberg: Die Surbtaler Pferdehändlersprache. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 100, 1981, S. 43–55, hier auf S. 46.

Aussersprachlicher geschichtlicher Abriss Nachdem die jüdische Bevölkerung das Gebiet der Eidgenossenschaft im Spätmittelalter hatte verlassen müssen, kehrte sie ab dem späten 16. Jahrhundert nach und nach wieder zurück. Im heute aargauischen Lengnau, das damals in einer gemeinen Herrschaft der eidgenössischen Orte lag, ist erstmals 1622 von einem Juden die Rede. Im Surbtal wurden auch die ersten neuzeitlichen Synagogen errichtet: 1750 diejenige von Lengnau und 1764 diejenige von Endingen; die heutigen stattlichen Gotteshäuser stammen von 1848 beziehungsweise 1852. 1776 beschloss die eidgenössische Tagsatzung, dass Juden auf ihrem Territorium ausschliesslich in diesen beiden Dörfern leben durften. 1702 wurden 36 jüdische Haushaltungen gezählt, und 1774 war von 108 Familien in Endingen und Lengnau die Rede.Florence Guggenheim-Grünberg: Die Sprache der Schweizer Juden von Endingen und Lengnau (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 1). Jüdische Buchgemeinde, Zürich 1950, S. 8.Florence Guggenheim-Grünberg: Die Juden in der Schweiz (= Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Juden in der Schweiz. Band 7). Juris, Zürich 1961, 2. Auflage 1976; Gaby Knoch-Mund, Robert Uri Kaufmann, Ralph Weingarten, Jacques Picard, Philipp von Cranach: Judentum. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Band 6. Schwabe, Basel 2007, S. 828–836.