Meeting (Aufmarsch der Nullen) ist eine Zeichnung des deutschen Künstlers Werner Heldt. Sie zeigt eine Menschenmenge mit Fahnen und Transparenten auf einem städtischen Platz. Die einzelnen Menschen sind lediglich durch ihre Köpfe in Form der Ziffer Null dargestellt. Die Kohlezeichnung entstand zwischen 1933 und 1935 im Exil des Künstlers auf Mallorca und gilt als Auseinandersetzung mit den Aufmärschen der Nationalsozialisten und allgemein dem Phänomen der Masse, dem Heldt auch andere Bilder und einen Essay widmete. Die Zeichnung gehört zu den am häufigsten publizierten Werken des Künstlers.
Bildbeschreibung
Das Bild wird beherrscht von einer Reihung der Ziffer Null in nahezu unendlichen Schleifen. Für den Betrachter entsteht aus den Nullen das Meer von Köpfen einer großen Menschenansammlung. Sie wird im Hintergrund von Häuserfassaden begrenzt, die in der senkrechten Mittelachse des Bildes eine Straße freigeben, durch die der Menschenstrom zum perspektivischen Fluchtpunkt einer schwarzen Kirche fließt. Am rechten Bildrand befindet sich die schräge Fassade eines Hauses, links ist eine in der Höhe versetzte Hausecke zu erkennen.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 166. Die erhöhte Beobachterposition ist möglicherweise auf einen Fensterblick zurückzuführen.Diether Schmidt: Werner Heldt zeichnet. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 79.
Die eng gereihten Nullen wirken für Verena Hein „wie ein undurchdringbares Geflecht“. Sie werden zum Bildvordergrund hin dichter und damit auch schwärzer. Weiße Tafeln ohne erkennbare Beschriftung sind in der Linienführung ausgespart. Sie strukturieren durch ihre Ordnung (drei Tafeln auf der horizontalen Mittelachse, dahinter fünf Tafeln auf einer Höhe, in der Fluchtstraße eine weitere Tafel) das Bild. Im Kontrast dazu stechen schwarze Fahnen und Banner ungeordnet aus der Menge hervor. Sie wurden nachträglich in die Zeichnung eingefügt, und auch ihnen fehlt jede differenzierte Gestaltung. Weder aus Fahnen noch aus Tafeln ist ein spezifischer Zweck der Menschenansammlung abzulesen.
Titel, Datierung und Provenienz
Die Zeichnung ist unbeschriftet.Anonymität der Masse: „Aufmarsch der Nullen“ in der Berlinischen Galerie. Titel und Datierung sind in verschiedenen Publikationen unterschiedlich. Eberhard Seel verwendete in seinem Werkverzeichnis die Bezeichnung Meeting und datierte „um 1935“.Wieland Schmied: Werner Heldt. Mit einem Werkkatalog von Eberhard Seel. DuMont, Köln 1976. In der von Heldt selbst durchgesehenen Monografie von 1948 war die Zeichnung als Meeting 1935 aufgeführt. Die Berlinische Galerie betitelte das Werk lange Zeit als Aufmarsch der Nullen und datierte 1933/34. Dem folgte der Ausstellungskatalog Ich und die Stadt aus dem Jahr 1987,Eberhard Roters: Ich und die Stadt. Mensch und Großstadt in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1987, ISBN 3-87584-213-8. der als Entstehungsort Puerto de Andraitx angab.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 167. Im Jahr 2025 verwendete die Berlinische Galerie den Titel Meeting (Aufmarsch der Nullen) und erweiterte das Datum auf 1933–35.
Das Wasserzeichen des Guarro-Büttenpapiers verweist auf eine spanische Papiermühle, deren Produkte Heldt vermutlich in seinem Exil in Mallorca bezogen hatte, bevor er 1936 wegen des Spanischen Bürgerkriegs nach Berlin zurückkehrte. Auch die inhaltliche Nähe zum 1935 fertiggestellten Essay Einige Beobachtungen über die Masse sowie anderen Massendarstellungen aus demselben Jahr stützen für Verena Hein das Entstehungsdatum 1935.
Es ist unbekannt, ob Heldt 1936 bei seiner Rückkehr nach Deutschland kontrolliert wurde und wie er die verfängliche Zeichnung einführte. Er könnte das Blatt zwischen anderen Arbeiten versteckt oder vorab per Post geschickt haben. Die Zeichnung wurde 1946 in Heldts erster EinzelausstellungVerena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 60. in der Galerie Gerd Rosen ausgestelltWerner Heldt, Gemälde und Zeichnungen, Paul Dierkes, Plastiken. Galerie Gerd Rosen, März 1946, DOI:10.11588/diglit.63093. und 1948 in der ersten Monografie über Heldt von Gert H. Theunissen abgebildet.Gert H. Theunissen: Zeichnungen. Werner Heldt. Minerva, Berlin 1948. Das Bild befand sich 1975 in der Sammlung von Siegfried Enkelmann,Thomas Grochowiak (Herausgeber): Der Einzelne und die Masse. Kunstwerke des 19. und 20. Jahrhunderts. Städtische Kunsthalle Recklinghausen, Recklinghausen 1975. der Heldts Werke während des Krieges fotografiert hatte.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 47. Im selben Jahr erwarb es die Berlinische Galerie aus Mitteln der Stiftung DKLB und aus Mitteln des Senators für Wissenschaft und Kunst.
Interpretation
Martin Schieder nennt den Aufmarsch der Nullen „eine unverhohlene Paraphrase auf die Massenaufmärsche der NSDAP“. Die „monotone Aneinanderreihung der leeren Köpfe“ stehe für die Gleichschaltung und Annullierung des Individuums. Sowohl die „schwarzen Fensterlöcher“ der Häuser als auch die Tafeln und Fahnen ohne Inhalt verstärken dieses Bild, letztere werden „zur Metapher für die Entindividualisierung und Entmündigung des Menschen“.Martin Schieder: Berlin im Bilde seines Wesens. Werner Heldts Stadtlandschaften. In: Hermann Haarmann (Hrsg.): Berlin im Kopf – Arbeit am Berlin-Mythos. Exil und Innere Emigration 1933 bis 1945. B & S Siebenhaar, Berlin 2008, ISBN 978-3-936962-69-7, S. 48. Karin Sagner schließt an, dass der „Gleichschritt der Masse“ den Einzelnen zur „manipulierbaren und kalkulierbaren Null“ mache.Karin Sagner (Hrsg.): Die Eroberung der Straße. Von Monet bis Grosz. Schirner, München 2006, ISBN 978-3-7774-3175-8, S. 209. Laut Kristine Haarmann ist das Motiv eine „stringente Versinnbildlichung von Leere und Hohlheit“ bei der Massenbasis des nationalsozialistischen Regimes.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt. Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 35. Diether Schmidt beschreibt einen Aufmarsch von SA-Kolonnen, die die Straßen wie eine „steigende stumme Flut“ überschwemmen.
Für Eberhard Roters ist Meeting Heldts einzige im engen Sinne politische Arbeit. Er sieht die Zeichnung aber vor allem als Illustration seines zur gleichen Zeit entstandenen Essays Einige Beobachtungen über die Masse.Eberhard Roters: Das Helle im Dunklen – das Dunkle im Hellen. In: Angela Lammert (Hrsg.): Ateliergemeinschaft Klosterstrasse Berlin 1933–1945. Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus. Hentrich, Berlin 1994, ISBN 3-89468-134-9. Verena Hein führt aus, dass die „Null als Ziffer ohne eigenen Wert“ Heldts Sichtweise auf die Masse wiedergebe, die den einzelnen Menschen in seinem Wesen verändere. In seinem Essay prägte Heldt den Ausdruck „Massenstück“ für ein vernunftloses Wesen, das sich zur Masse verbindet. Darauf bezieht Susanne Drexler die Verbindung der Nullen in Meeting, die wie in Schreibschrift fließend ineinander übergehen.Susanne Drexler: Künstler sehen die Masse. Deutsche Malerei und Graphik im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Auseinandersetzung mit dem Kollektiv Mensch. Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München 2016, DOI:10.5282/edoc.23451, S. 181. Hein zieht die Verbindung zur Écriture automatique, der „automatischen Schrift“ der Surrealisten.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 168.
Drexler verweist auch auf eine Analogie zu Werner Sombarts soziologischer Definition des Begriffs der Masse, die ebenfalls mit der Gleichsetzung von Menschen mit einer Zahl operiert: „[M]an nennt Masse die zusammenhanglosen, amorphen Bevölkerungshaufen namentlich in den modernen Großstädten, die, aller inneren Gliederung bar, vom Geist, das heißt von Gott verlassen, eine tote Menge von lauter Einsen bilden“. Dabei sei die Masse der Nullen bei Heldt allerdings keine von ideologischer oder proletarischer Gemeinsamkeit, keine „latente Masse“ im Sinne Wilhelm Vleugels’, sondern „völlig ideenlos“, nur „von außen miteinander verbunden.“Susanne Drexler: Künstler sehen die Masse. Deutsche Malerei und Graphik im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Auseinandersetzung mit dem Kollektiv Mensch. Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München 2016, DOI:10.5282/edoc.23451, S. 181–182.
Werkkontext
Einige Beobachtungen über die Masse
mini|hochkant|alt=Werner Heldt auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie im Viertelprofil. Er trägt ein weißes Hemd, einen marmorierten Pollunder und eine Krawatte. Die Haare sind in der Mitte gescheitelt, die Augen hell, das Kinn hat ein Grübchen.|Werner Heldt auf einem Passfoto (um 1925)
Neben seinen Arbeiten in der bildenden Kunst war Heldt auch schriftstellerisch tätig. Er schrieb Gedichte, Essays sowie Prosatexte.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 6. Der Essay Einige Beobachtungen über die Masse ist Heldts umfangreichster Text.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 17. Eine erste Fassung schrieb Heldt bereits 1927 im Alter von 23 Jahren. Er beendete den Essay aber erst – auch unter dem Eindruck des Zeitgeschehens in Deutschland – 1935 im Exil in Mallorca.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 150, 155–156. Danach schrieb Heldt seiner Mutter: „Mit meiner Schrift habe ich mich gesundgeschrieben. Jetzt bin ich nicht mehr verrückt, sondern weiß, daß meine ‚Krankheit‘ darin besteht, daß ich am Kollektivwahnsinn nicht teilhaben kann.“ Heldt plante eine Veröffentlichung, seine Psychoanalytikerin regte an, den Text an die Ehefrau von C. G. Jung zu schicken.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 23. Letztlich wurde der Essay aber erst postum 1976 von Wieland Schmied veröffentlicht.
Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich diverse Soziologen und Philosophen mit der um sich greifenden Idee einer „Masse“. Im Gegensatz zur unverbundenen Menschenmenge definierte Ernesto Grassi den Begriff als gerichtete Ansammlung von Menschen, die zu einer gemeinsamen Handlung verführt werden können. Grundlegende Untersuchungen des Phänomens, auf denen Heldts Essay aufbaute, stammten von Gustave Le Bon (Psychologie der Massen, 1912), Sigmund Freud (Massenpsychologie und Ich-Analyse, Das Unbehagen in der Kultur, 1921/1930) sowie José Ortega y Gasset (Der Aufstand der Massen, 1931). Zudem griff Heldt die These des kollektiven Unbewussten von C. G. Jung auf. Aus seiner persönlichen Erfahrung der Bedrohung durch die Massenorganisationen des Nationalsozialismus erforschte er mehrere Merkmale des Faschismus und beschäftigte sich mit Schlagworten wie „Freiheit“, „Hygiene“, „Dekadenz“, „Kraft“, „Despotismus“, „Bourgeoisie“, „Opfer“ und „Individualismus“.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 156, 158–160.